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Auftritt von Danger Dan und Igor Levit Verschweigen funktioniert nicht mehr

Konstantin Nowotny

Kommentar von

Konstantin Nowotny

Das ZDF wollte einen Song streichen, daraufhin wurde der zum medialen Mittelpunkt. Die Rundfunkanstalt muss ihr Verhältnis zum Antifaschismus dringend überdenken.

U nd dann spielten sie ihn doch: Nach knapp 90 Minuten Show im ausverkauften Berliner Columbiatheater stimmt Pianist Igor Levit die ersten Töne von „Keine Angst“ an, dem Song, dessen Aufführung in der Satiresendung „Die Anstalt“ die Geschäftsleitung des ZDF wenige Tage zuvor unterbunden hatte.

Eine Ersatzveranstaltung richteten die Künst­le­r*in­nen kurzerhand selbst aus. Nachdem das Publikum unter anderem einen Brecht zitierenden Blixa Bargeld sowie eine Beethoven-Interpretation auf Weltniveau seitens Levit gesehen hatte, setzt nun Danger Dan zur Strophe an: „Es gibt jetzt zwei Optionen, beide machen Stress.“ Natürlich fehlen in den fortlaufenden fünf Minuten auch die umstrittenen Verse nicht, die übers „Langlegen“ von politischen Gegnern und die solidarischen Grüße an die Beteiligten im „Antifa-Ost“-Verfahren, Lina, Gucci, Maja und Nanuk.

Gehört haben diese Zeilen in den vergangenen Tagen viele Menschen. Ironischerweise dürften es wesentlich mehr sein, als der Song ohne Cancelling seitens des ZDF erreicht hätte. Seit Tagen berichten die bundesdeutschen Medien über die Frage, ob und wie viel Antifaschismus von der Kunstfreiheit gedeckt ist, inwiefern ein linker Song im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfinden kann und ob in diesem konkreten Song ein expliziter Aufruf zur Gewalt enthalten ist oder nicht.

Den Kampf um die Aufmerksamkeit hat der ÖRR dabei verloren. Hunderte Menschen waren bei der innerhalb knapp einer Stunde ausverkauften Veranstaltung live vor Ort, 15.000 weitere sahen die Veranstaltung im Stream, Hunderttausende dürften von dem Skandal aus den sozialen Netzwerken erfahren haben.

Die Einnahmen aus der Veranstaltung wurden an den Verein Opferperspektive, eine Beratungsstelle gegen rechte Gewalt, gespendet. Die beiden Künstler nutzten den Moment aber nicht nur, um sich zu erklären und diverse Lieder zu spielen. Sie luden auch Ak­teu­r*in­nen der Zivilgesellschaft ein, unter anderem die Journalistin Heike Kleffner und die Rechtsanwältin Kristin Pietrzyk.

„Wegbereiter und Stichwortgeber“

Die Perspektive der Opfer rechter Gewalt habe in den vergangenen Tagen gefehlt, sagt Danger Dan. Kleffner schilderte sie eindrücklich, nennt etwa die Namen der Opfer des OEZ-Anschlags vor recht genau zehn Jahren oder rekapituliert mehrere rechte Übergriffe innerhalb von zwei Tagen im April. Und sie benennt die „Wegbereiter und die Stichwortgeber“ der rechten Gewalt: „die rechtsextreme und verfassungswidrige AfD“.

Anwältin Pietrzyk ordnet die rechte Gewalt in Deutschland in den größeren historischen Rahmen ein und verweist auf das Recht auf antifaschistischen Selbstschutz: „Wenn wir also darüber sprechen, warum Menschen Nazis nicht allein lassen, warum sie sich ihnen in den Weg stellen, warum sie aus ihrer Sicht nicht mehr nur auf staatliches Handeln warten wollten, dann reden wir nicht darüber, ob das Strafrecht abgeschafft werden soll.“ Natürlich sei Körperverletzung eine Straftat, so Pietrzyk. Aber ein Staat, dessen Gesetze Individuen nur auf dem Papier vor Faschismus schützt, versage auch.

Am Ende bleibt von dem Abend vor allem ein Eindruck: Die mediale Aufmerksamkeitsökonomie hat sich verändert, auch und insbesondere bei Themen, die in juristische Grauzonen hineinragen. Innerhalb weniger Tage nach der kurzfristigen Ausladung haben Danger Dan, Igor Levit und ihr Team eine Veranstaltung auf die Beine gestellt, die nun sogar noch vor der Ausstrahlung von „Die Anstalt“ stattfand. Was danach im linearen Fernsehen lief, wurde von den beiden diskursiv längst eingeholt.

Dabei hätte es der Sender besser wissen können: Schon 2021 wollte ein ZDF-Redakteur – so schilderte es kürzlich TV-Moderator Jan Böhmermann im Podcast „Fest und Flauschig“ – eine Stelle aus Danger Dans Lied „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ streichen lassen. Böhmermann intervenierte scharf, der Song wurde schließlich in voller Länge gespielt. Ein vergleichbarer Skandal blieb aus.

Sein Verhältnis zu Faschismus und Antifaschismus muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk künftig also überdenken, die von rechter und konservativer Seite her geschürte Angst überwinden – wenn er relevant bleiben will. Denn, so viel hat der Fall gezeigt: Verschweigen lässt sich rechte Gewalt – und antifaschistische Gegenwehr – so leicht nicht mehr.

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Konstantin Nowotny

Konstantin Nowotny Autor

Seit 2013 freier Journalist, seit 2022 bei der taz. IJP-Fellow (Tel Aviv, 2021). DAAD-Stipendiat (New York City, 2016/17). Themen u.a.: Pop & Punk, Kapitalismus & Kultur, Rechte & Linke. Berlin/Leipzig
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13 Kommentare

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  • "Den Kampf um die Aufmerksamkeit hat der ÖRR dabei verloren. Hunderte Menschen waren bei der innerhalb knapp einer Stunde ausverkauften Veranstaltung live vor Ort, 15.000 weitere sahen die Veranstaltung im Stream, Hunderttausende dürften von dem Skandal aus den sozialen Netzwerken erfahren haben."



    Das ist eine Milchmädchenrechnung.



    Die mediale Berichterstattung rund um das Thema fand durch die Ausladung ein gewisses Echo, ja, aber die wenigsten Medien stellten so wie die taz dem Link zum Song mit ein.



    Da wurden oft und gern nur die mutmaßlich ausschlaggebenden Passagen aus dem Lied zitiert und dann je nach Ausrichtung der Zeitung milde oder brüsk ablehnend eingeordnet.



    Wie viele Menschen also tatsächlich den Song gehört haben ist schwer zu sagen - die Anstalt jedenfalls erreicht im Schnitt 1,75 Millionen Zuschauer...



    Das wäre wohl bedeutend mehr gewesen. Und da wären vllt auch ein paar Zuschauer außerhalb der Bubble dabei gewesen - die paar hundert live vor Ort und die 15.000 die zeitgleich im Stream dabei waren, sind ja kein Zufallspublikum.



    Der Reichweite außerhalb der Bubble hat die Ausladung jedenfalls massiv geschadet, da bin ich mir sicher.

  • Es geht doch gar nicht ums Verschweigen, sondern darüber, was im ÖR gesendet wird und was nicht.

    Wenn man also beim ZDF etwas daraus lernen möchte, dann sollte man sich VOR einer Einladung mit den Texten auseinander setzen. Das vermeidet dann die ganze Aufmerksamkeit.

    • @DiMa:

      Das hätte aber hier das Problem nicht gelöst, die Redaktion stand ja hinter der Ausstrahlung und somit im Konflikt mit ihrer eigenen Intendanz. Wenn nun die Redaktion jeden Text vorher der Intendanz vorlegen müsste, hätten wir wirklich Staatsfunk-Verhältnisse.

      • @Meister Petz:

        Na dann muss man halt mal den Redaktionen einbläuen, was geht und was nicht geht. So schwer kann das nicht sein. Und nur weil "Satire" drüber steht bedeutet das noch lange nicht, dass alles geht.

    • @DiMa:

      "Wenn man also beim ZDF etwas daraus lernen möchte, dann sollte man sich VOR einer Einladung mit den Texten auseinander setzen."



      Das ist das, was dem ZDF in der Tat als Hauptvorwurf zu machen wäre. Die kurzfristige Ausladung war superpeinlich.



      Alles andere sind unterschiedliche Meinungen und Einschätzungen, die in einer Demokratie eben existieren.

  • Nicht alles muss im ÖRR gesendet werden. Nicht Alles ist auch gut zu senden. Nur weil es gegen Rechts gehen soll!



    Kein Künstler hat ein Anrecht darauf im ÖRR gesendet zu werden und auch nicht jedes Lied ist auch gut, nur weil einige Zeilen im Text passen, die anderen aber nicht.



    Wenn im Text Linksradikale Gewaltverbrecher gegrüßt werden, dann werden dort auch Grenzen verschoben. Dann werden die schweren Gewalttaten welche die Gewalttäter begangen haben, legitimiert.



    Anderen Menschen den Kopf einzuschlagen und oder es zu versuchen, sollte von keiner Seite jemals legitimiert werden, egal gegen was die Personen sich da wenden.



    Und Nein, das ÖRR muss sich in der Richtung nicht neu aufstellen, er muss sich gegen die Extremen auf beiden Seiten stellen. Auch gegen die Forderungen das extreme Positionen gesendet werden sollten, wenn sie nur vermeintlich für die richtige Sache stehen.

  • Die Strategie des ZDF würde ich als clever bezeichnen; quasi eine win-win Situation. Der Song wird berühmt, der ÖRR gewinnt an Glaubwürdigkeit und muss sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, er verharmlose Aufrufe zur Gewalt und das wichtigste: die Afd kann kein Kapital aus dem gecancelten Auftritt schlagen. Das nenne ich mal klugen Antifaschismus.

    • @Jutta57:

      "...das wichtigste: die Afd kann kein Kapital aus dem gecancelten Auftritt schlagen."



      Natürlich kann sie das. Sie kann - nicht ganz zu Unrecht - auf die Linken zeigen, die Gewalt offenbar nicht nur akzeptiert, sondern sogar verharmlost.



      Dass die Vorgehensweise des ZDF nun ein Widerspruch zu ihrem Anliegen, den angeblich linksorientierten ÖRR abzuschaffen, darstellt - hey, wen kümmert's?



      Es wird genug Schmutz an allen Beteiligten hängenbleiben.

  • Sch*** auf die "Grauzone".



    In D sagt man: "Nie wieder!" und das hat seine Gründe.



    Also wenn man aufkeimenden Faschismus irgendwo mit allen Mitteln bekämpfen darf, dann ist das ja wohl heute und hier auf voller Breite der Fall.



    Die Wahl der Mittel sollte allerdings immer das Mildeste sein und Ziel sollte immer eine diskursive Auflösung sein.



    AfD verbieten! Jetzt!

  • Für mich persönlich geht es zu weit, quasi zu Denunzierung oder (subtil) zu Gewalt aufzurufen

    Die Grüße an die "Hammerbande" finde ich ganz daneben. Denn wer Menschen mit Hämmern auf den Kopf schlägt will nicht warnen, nicht drohen... der will (schwer) verletzen und nimmt den Tod in Kauf. So ein Kopf hält ja nicht so viel aus und wir hatten in den 90ern genug Probleme mit Nazis, die mit Stiefeln und Baseballschlägern (Baseballschlägerjahre waren in unserer Gegend kein bloßer Begriff, sondern Realität) liebend gern auf Köpfe droschen. Ich habe die Stahlkappe überlebt und "nur" eine "ewige Beule" als "Souvenir" behalten, weiß also wie Sch.... "politische Gewalt" ist.

    Mit diesem Lied wird für mich also eine Grenze überschritten, denn ich denke dass es sowieso schon zu viel Gewalt gegen politische Gegner gibt. Das mag ich nicht akzeptieren oder tolerieren. Egal aus welcher Richtung.

    Gewalt als Notwehr, okay. Aber nicht proaktiv oder als Selbstjustiz.

    Der Stil und Text von "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" ist um Längen besser.

    Ich werde Danger Dan deswegen aber nicht canceln oder so und freue mich auf das "Goldene Antilopen Air".

    • @Drehrummbumm:

      Die “Hammerbande” ist ein Framing von rechts bzw der Springerpresse (wenn ich mich recht erinnere) und die Aktionen waren antworten auf den rechten Terror derselbigen. Wurde im Livestream lange thematisiert, ob man den rechten Terror beliebig lange ertragen muss, v.a. wenn staatlicher Schutz und/oder Verfolgungswille fehlt.

  • Unter dem Titel "Fragwürdige Antifa Romantik"



    hat Daniel Bax den bisher zutreffendsten Artikel zum Thema geschrieben.



    Dass neben der Tatsache, dass Menschen Nachwuchs bekommen eine gewisse Sommerloch Atmosphäre herrscht, ist offensichtlich.



    Daher auch der X te Artikel über ein Lied, das von der Kunstfreiheit gedeckt sein mag aber künstlerisch eher zu vernachlässigen ist.



    Das Lied bietet keine tragfähigen Lösungen an.



    Im Gegenteil wird die Vorstellung von "Linksterrorismus" für Leute wie Dobrindt ausgeweitet.



    Veröffentlichungen von Nazis? Tja, die sitzen gut sichtbar im Parlament.



    Es gilt die Brandmauer zu stärken.



    Das heißt, in der Öffentlichkeit für Demokratie einzustehen.



    Es heißt auch, Kompromisse mit Menschen zu finden, die nicht 100% auf der gleichen Linie sind, aber auch Demokratie wollen.



    Wahlkampf in den Bundesländern machen.



    Das ist Arbeit.



    Das ist nicht immer angenehm. Aber Überzeugungstäter nehmen diese Last auf sich und versuchen Menschen für die gute Sache zu überzeugen.



    Wen überzeugt eine Nachricht auf der Wand?



    Welche Zeitung soll, angesichts von Persönlichkeitsschutz Informationen über rechte Privatmenschen bringen?



    Gewalt erzeugt Gewalt und ist keine Lösung.

    • @Philippo1000:

      "Das ist Arbeit.



      Das ist nicht immer angenehm. Aber Überzeugungstäter nehmen diese Last auf sich und versuchen Menschen für die gute Sache zu überzeugen."



      Bravo. Genau so ist es.



      "Wen überzeugt eine Nachricht auf der Wand?"



      Die Revolutionsromantiker, die glauben, mit Symbolen ließe sich wirklich entscheidend etwas erreichen. Dieselben Revolutionsromantiker, die glauben, Gewalt würde überzeugen.



      Die halt, die die intellektuelle Auseinandersetzung und entsprechende Anstrengungen scheuen.

      Auf allen Seiten, wohlgemerkt.