Extreme Temperaturen in Deutschland: Nicht gewappnet für den Hitzedom
Für Sonntag sind über 40 Grad Celsius angesagt. Doch die Politik erkenne die Gefahr für viele Menschen nicht ausreichend an, klagen Forscher.
Die Temperaturen steigen und steigen. Und ein Ende ist auch am Wochenende nicht in Sicht. Mehr als 38 Grad Celsius wurden am Donnerstag in Mannheim und Trier gemessen. Am Freitag rechnet der Deutsche Wetterdienst vor allem im Süden und Südwesten mit Temperaturen von über 40 Grad. Und für Sonntag prognostizieren Meteorologen inzwischen noch höhere Werte.
42 bis 43 Grad flächendeckend im Osten sieht etwa Jörg Kachelmann voraus unter Berufungen auf Berechnungen des Wetterdienstes. Der Meteorologe Karsten Brandt hält laut Bild sogar 44 Grad rund um die Hauptstadt für möglich.
Grund für diese nie dagewesene Hitze ist ein sogenannter „Hitzedom“. Das ist eine starke Hochdruckzone in der Atmosphäre, die wie eine „Kuppel“ die Hitze über einem bestimmten Gebiet einschließt. Das Hochdruckgebiet mit extrem hohen Temperaturen setzt sich in der Atmosphäre fest und bewegt sich nur langsam oder gar nicht. In seinem Zentrum sinkt die Luft ab, was eine weitere Erwärmung zur Folge hat. Absteigende Luft hemmt die Bildung von Wolken.
Sie nutzen Google? Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz als „bevorzugte Quelle“ einzustellen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen. Fertig.
Sie wollen Google meiden? Kein Problem, es gibt zahlreiche Alternativen. Stellvertretend erwähnt seien Ecosia, DuckDuckGo oder Startpage.
Mehr Details zur Funktion „bevorzugte Quelle“ bei Google finden Sie hier.
Aus diesem Grund heizt die Sonne die Erdoberfläche ungehindert weiter auf. Wie in einem Treibhaus entstehen so über Tage oder Wochen hinweg anhaltende hohe Temperaturen, oft weit über den Durchschnittswerten.
Auch Frankreich ist stark vom Hitzedom betroffen
Genau so ein durch den Klimawandel häufiger vorkommender Hitzedom hat sich vor Tagen über Frankreich gebildet und dort alle Temperaturrekorde gebrochen. Nun bewegt er sich sehr langsam Richtung Osten über Deutschland hinweg.
Vor genau so einer Lage hatten am 10. Juni mehr als 150 Institutionen und Verbände aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft gewarnt. In einem Appell forderten sie, Hitzeschutz systematisch in Krisenvorsorge, Gesundheitsversorgung und Katastrophenschutz zu integrieren. Denn ein lang anhaltender Hitzedom könne binnen weniger Tage Zehntausende Todesfälle in Deutschland verursachen.
„Wie schlecht wir vorbereitet sind“
Die Wissenschaftler beriefen dabei auf eine Studie, die eindringlicher gar nicht sein könnte. „Hitzedom in Deutschland und wie gut wir darauf vorbereitet sind“, heißt das im Frühjahr 2025 publizierte Papier. Der ehrlichere Titel wäre: „Hitzedom in Deutschland und wie schlecht wir darauf vorbereitet sind“.
Verfasst wurde die Studie von Clemens Becker, dem leitenden Professor der „Unit Digitale Geriatrie“ am Geriatrischen Zentrum des Universitätsklinikums Heidelberg, Thomas Griebe, dem Leiter Abteilung Umweltschutz beim Umweltamt der Stadt Duisburg, und Christian Weingart, leitender Oberarzt eines Krankenhauses.
Thema spielt in Deutschland praktisch keine Rolle
Die drei kamen zu dem Ergebnis, dass das Thema in Deutschland bisher praktisch keine Rolle spiele. Nicht in der Politik. Nicht im Klimadiskurs. Und nicht einmal bei engagierten Gerontologen und Geriatern – die sich um die Gesundheit alter Menschen kümmern, die zu den durch Hitze am stärksten gefährdeten gehören.
Dabei habe es in den vergangenen Jahren eindrückliche Berichte über die extremen Auswirkungen von Hitzedomen in anderen Ländern gegeben. So habe es seit 2020 in den USA, in Indien, Saudi-Arabien, Australien und Kanada lang anhaltende Hitzeperioden gegeben. Mal „nur“ über 14 Tage, mal länger als 3 Monate.
Mal seien sie in der deutschen Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen geworden – mal als exotisches Problem in Ländern mit sowieso schon extremem Klima abgetan worden. So etwa bei der Hadsch in Mekka im Jahr 2024. Dort starben wegen einer Hitzewelle binnen weniger Tage rund 1.000 Pilger.
Am deutlichsten aber, so die Forscher, wurde die Gefahr sichtbar durch einen Hitzedom über Vancouver im Westen Kanadas im Sommer 2021. Jedem Europäer, der Vancouver im Sommer besucht, sei bekannt, dass es dort zu dieser Zeit eher skandinavisch kühl ist. Temperaturen von mehr als 30 Grad seinen die absolute Ausnahme – was auch deshalb nicht überrascht, weil Vancouver auf demselben Breitengrad wie Frankfurt am Main liegt.
Fast zwei Wochen lang mehr als 45 Grad
Dennoch wurden dort im Juni 2021 fast zwei Wochen lang Temperaturen von 45 Grad und mehr gemessen – weil ein Hitzedom sich festgesetzt hatte. Die Spitzenwerte betrugen 49 Grad – mithin fast 20 Grad mehr als üblich.
Am Ende kam es auch zu heftigen Waldbränden, die dann auch zu Berichten in deutschen Medien führten. Die Rekord-Hitzewelle, hieß es damals in der taz, dürfte nach Schätzungen der Regierung zu Hunderten Todesfällen beigetragen haben. In den letzten fünf Tagen sind allein in British Columbia laut Gerichtsmedizinern 486 plötzliche Todesfälle gemeldet worden.
Doch auch bei diesem Ereignis erkannten die meisten medizinisch und politisch Verantwortlichen in Deutschland nicht, dass so etwas auch hierzulande für Probleme sorgen könnte, beklagen die drei Forscher in ihrer Studie. Dabei könne und müsse Deutschland von den Erfahrungen aus Kanada lernen.
„Die Region Westkanada und die Stadt Vancouver haben ihre Notfallpläne für extreme Wetterereignisse nach der Hitzewelle im Sommer 2021 deutlich überarbeitet“, heißt es in dem Forschungsbereich. Und weiter: „Insbesondere wurde die Wichtigkeit einer schnelleren und gezielteren Reaktion auf Hitzewellen hervorgehoben. Folgende Personengruppen wurden als besonders vulnerabel erkannt und oft nicht sicher erreicht: ältere Menschen, Personen mit chronischen somatischen und psychiatrischen bzw. psychischen Erkrankungen, Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere, Personen, die im Freien arbeiten oder körperlich trainieren sowie vor allem Obdachlose und generell einkommensschwache Haushalte.“
Hitzeaktionspläne nicht flächendeckend vorhanden
Von solchen Notfallplänen ist Deutschland noch weit entfernt. Beim aktuellen Hitzedom könnten sie sowieso nicht mehr umgesetzt werden. Zwar gebe es mittlerweile in 25 Städten und Regionen Hitzeaktionspläne. Doch die Planung von Maßnahmen bei extremen Hitzeereignissen kommen in denen schlichtweg nicht vor.
Die drei Autoren der Studie bleiben nicht bei ihrer Kritik stehen. Sie schlagen einen konkreten Maßnahmenkatalog vor. So brauche es unter anderem einen Krisenstab und Kriterien des Ausrufens des Krisenfalls bzw. der besonderen Gefahrenlage, eine Kommunikationsstrategie mit Massenmedien und Social Media, Pläne für Evakuierungen in Hitzeinseln, Beschäftigungsverbote für planbare Außentätigkeiten und auch Urlaubssperren und Urlaubsabbruch im Gesundheitswesen. Kurz gesagt: „Extreme Hitzeereignisse sind als Naturkatastrophen zu definieren, um diese Maßnahmen veranlassen zu können.“
So wird der Hitzedom mit aller Macht auf die unvorbereiteten Menschen vor allem in den Städten treffen. Denn die aktuelle Hitzewelle trifft das Land nicht gleichmäßig, sondern sie „verstärkt städtischen Wärmeinseleffekt“, warnt der Deutsche Wetterdienst. Tagsüber würden Städte oft höhere Maximumtemperaturen und zeitweise extreme Wärmebelastung verbuchen. Und nachts kühlen sie weniger aus.
Am Montag könnte die Abkühlung kommen
Gut möglich also, dass am Sonntag tatsächlich 44 Grad in Berlin gemessen werden. Das wären 10 Grad mehr als die 34, die am Donnerstag gemessen wurden und bei denen schon viele Menschen stöhnten. Und es wäre immer noch nur ein kleiner Vorgeschmack auf einen lang anhaltenden Hitzedom wie in Vancouver.
Am Montag soll es zum Glück im Osten Deutschlands erst mal deutlich kühler werden, so wie zuvor schon im Westen des Landes. Die Abkühlung dürfte mit heftigen Gewittern einhergehen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert