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Hitzewelle in Frankreich„Hundstage“ wie noch nie

In Bordeaux werden erstmals 44 Grad gemessen. Eigentlich sollte Frankreich vorbereitet sein auf die extreme Hitze. Doch überall wird improvisiert.

Rudolf Balmer

Aus Paris

Rudolf Balmer

Es steigt und steigt, das Thermometer, auf der Wetterkarte der Fernsehmeteorologen ist fast ganz Frankreich tiefrot eingefärbt. Das bedeutet: Achtung, Hitzealarm! Der Alltag wird eine Überlebensfrage. Sehr heiße Sommer hatte das Land ja schon mehrfach erlebt, doch derzeit werden neue Rekorde registriert: bis 42 Grad in der Hauptstadt, bis 44 Grad in Bordeaux im Westen.

Geradezu kühl machen sich die Messungen an der Côte d’Azur aus, wo die Temperatur mit knapp über 30 Grad angenehm bleibt. Eine verkehrte Welt, wie dies eigentlich mit der Klimaerwärmung zu erwarten war.

Dennoch gibt sich Frankreich total überrascht. Denn überall wird improvisiert, um das Schlimmste zu verhüten: eine Tragödie wie 2003, sowie für alle, die irgendwie für andere Verantwortung tragen, spätere Vorwürfe und Anschuldigungen. Wer übrigens dachte, dass aus dem Desaster vom Hitzesommer 2003 alle möglichen und notwendigen Lehren gezogen wurden, hat sich getäuscht.

Damals wurde von der (zu Recht heftig kritisierten) Regierung angeordnet, dass der Pfingstmontag künftig kein Feiertag mehr sei. Dank der „Fronarbeit“ an diesem bisherigen Feiertag sollten Milliarden eingenommen werden, die dem Hitzeschutz der Schwächsten dienen sollte. Klimaanlagen und die Einstellung und Ausbildung von mehr Personal in den Altenheimen, Kinderkrippen und Schulen sollten so finanziert werden. Seit mehr als 20 Jahren fragt man sich in Frankreich, wohin das Geld geflossen ist. Sehr populär war die Idee mit dem abgeschafften Pfingstmontag ohnehin nicht, die meisten wollen ihren arbeitsfreien Tag.

Heute liegt der Anteil der mit effizienten Klimaanlagen ausgestatteten Wohnungen und Geschäfte im Ländervergleich mit 25 Prozent weiter hinter Italien. Dort sind es rund 50 Prozent, in Japan angeblich sogar 90.

Was sich bislang aus ökologischer Sicht durchaus positiv ausgemacht hat, wird nun als Rückstand bedauert. Im Fernsehen erklärte sogar ein Experte des Weltklimarats IPCC, François Gemenne, die umweltbewussten Franzosen müssten kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie eine Klimaanlage installieren lassen. Jeder ist sich selbst der Nächste, um bei dieser Hitze zu überleben.

800 Schulen kurzerhand geschlossen

Behörden und Unternehmen improvisieren. Für viele ist es möglich, im Homeoffice zu arbeiten. 800 Schulen wurden in dieser Woche kurzerhand geschlossen, weil die Räume ofenheiß sind. Mittelschulexamen werden in der Hoffnung auf kühlere Tage verschoben.

Wie viele hat auch der Bürgermeister des Pariser Vororts Issy-les-Moullineaux die Eltern per Mail informiert, sie sollten ihre Kinder vorzugsweise mittags nach Hause holen, weil in den öffentlichen Schulen der Unterricht nur am Vormittag stattfindet. Am Nachmittag gibt es nur einen minimalen Hütedienst ohne LehrerInnen.

Der Großteil der Eltern ist überrumpelt und nicht immer können Großeltern oder Nachbarn einspringen. Und abgesehen davon: Zu Hause ist die Hitze für die Kleinen nicht weniger unerträglich als in der Schule.

Alkoholverbot bei der Fête de la Musique

Die Behörden haben wenig Fantasie: Bei der Fête de la Musique am 21. Juni wurde kurzerhand der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit untersagt, manche Kommunen haben die Party einfach abgesagt. So kann ihnen niemand sagen, sie hätten nichts unternommen und seien unvorbereitet gewesen.

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Nur für die Medien ist diese Hitze ein tolles Thema. Sie zeigen beim Pariser Kanal Saint-Martin Tausende, die baden, und Jugendliche, die (trotz amtlichem Verbot) von einer Metallbrücke ins Wasser springen. Und vor Kameras erklären alle wie einstudiert, jetzt müsse man viel trinken und Tags über die Fenster und Rollläden schließen.

Und dann lässt sich endlos auch über die Herkunft des Worts „Canicule“ debattieren. Aufgrund der Etymologie und der lateinischen Wurzel Canis für Hund liegt nahe, dass damit schlicht die Hundstage gemeint sind. Nur können da speziell erhitze Gemüter einwenden, Canicula (auch Sirius genannt) sei ein besonders hell leuchtender und darum wohl heißer Fixstern, der seit der Antike an den heißesten Tagen seit der Antike beobachtet werde, belehrt uns Le Figaro.

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