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KI und die neuen Grenzen im JournalismusDer nötige Spritzer Selbstkritik

Kommentar von

Martin Niewendick

Wenn Texte heimlich von der KI geschrieben werden, gerät das Vertrauen in den Journalismus in Gefahr. Der Fall „Tagesspiegel“ öffnet eine Debatte.

D er Skandal um heimlich von einer KI geschriebene Kommentare beim Tagesspiegel wirft Fragen auf. Darüber, wo die Grenzen der Nutzung von künstlicher Intelligenz im Journalismus liegen. Denn die Verlockung ist groß, im Stress der Tagesaktualität schnell die KI anzuwerfen und den eigenen Faktencheck wegzulassen. Sobald eine Nachricht über die Ticker kommt, zählt jede Sekunde.

Und wer will sich schon durch ein 500-Seiten-Dokument quälen, wenn es per Upload und Prompt nur 30 Sekunden dauert, bis man vermeintlich das Wichtigste zusammengefasst bekommt? Ein branchenübergreifendes Ethos nach dem Vorbild des Pressekodex gibt es noch nicht. Im aktuellen Jahresbericht des Deutschen Presserats wird KI gar nicht erst erwähnt.

Die aktuellste Einlassung ist eine Erklärung von 2024. Darin geht es vor allem um die Bewertung von Beschwerden, nicht um den Einsatz selbst: „Wer sich zur Einhaltung des Pressekodex verpflichtet, trägt die presseethische Verantwortung für alle redaktionellen Beiträge, unabhängig von der Art und Weise der Erstellung. Diese Verantwortung gilt auch für künstlich generierte Inhalte.“

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Änderungen im Pressekodex wie eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Texte seien derzeit nicht erforderlich. Die presseethische Verantwortung, etwa bei der Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht, liege weiter „uneingeschränkt bei den Redaktionen“. Und die stoßen bei der Qualitätssicherung bei eigenen Texten an offenbare Grenzen. Zwar kann in redaktionell gemeinsam genutzten KI-Profilen nachvollzogen werden, wer welche Anfrage gestellt hat oder nach einer Formulierungshilfe fragt. Aber was die einzelnen Re­dak­teu­r:in­nen abseits davon in ihren privaten Accounts tun, bleibt zunächst privat.

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Professionelle Vertrauensbasis

Dazu kommt eine professionelle Vertrauensbasis, die hauseigenen Regeln einzuhalten, sich an journalistische Grundsätze zu halten und die Hoheit über den eigenen Text nicht aus der Hand zu geben. Die künstlich erzeugten Kommentare beim Tagesspiegel dürften ein extremer Fall unethischer Nutzung sein.

Aber da es keinen branchenübergreifenden Konsens über die Grenzen des guten Geschmacks gibt, sind die Übergänge fließend. Was wiegt schwerer: ein eigener Gedanke, dafür komplett vom Bot formuliert, oder eine KI-Analyse, dafür in eigene Worte gefasst? Der Editor-at-Large des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff, hat sich offenbar gleich für beides entschieden und ganze Texte verfassen lassen, was Urteil und Konsequenz recht einfach macht.

Doch gerade weil es nicht nur die eine, sondern mindestens Fifty Shades of KI gibt, muss sich der Journalismus nun dringend in Klausur begeben. Ein Update steht an: Wie schaffen wir es, original und glaubwürdig zu bleiben und uns nicht schleichend selbst abzuschaffen? Die Antworten darauf müssen ehrlich sein, kollegial und mit dem nötigen Spritzer Selbstkritik.

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11 Kommentare

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  • Die meisten Journalisten schaffen es ja nicht mal das 500 Seiten Dokument aus dem Internet zu laden, reicht doch völlig das aufzunehmen was andere Journalisten darüber sagen und es mit viel Meinung in einen Artikel zu verwursten, der möglichst gut die Vorurteile der eigenen Leserschaft bestätigt.

  • "Ein branchenübergreifendes Ethos nach dem Vorbild des Pressekodex gibt es noch nicht."



    Nun ist dieses Ethos aber reine Selbstverpflichtung und somit letztlich irrelevant. Sonst könnte das Geschäftsmodell der Regenbogen- und Skandalpresse gar nicht funktionieren.

  • Danke für ihren Kommentar. Welch eine wundersame Zeit, in der wir Menschen uns als Kollektiv die Frage vor die Füße werfen, ob das Leben lebenswert, Geld vor Leidenschaft oder andersherum uns steht, ob uns die knappe Zeit, die wir als Menschen tragen, wertvoller erscheint im Geben oder im Nehmen der selben (wenn ich ihren Kommentar richtig verstehe, ist das Hauptkriterium Zeit, welches die KI für Journalisten appetitlich macht) und ob wir den rationalen Gedanken höher gestellt lassen wollen, als das Herz. Zuversicht ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Techniken, an der es sich, für jeden einzelnen von uns, zu arbeiten lohnt.

  • "Wenn Texte heimlich von der KI geschrieben werden, gerät das Vertrauen in den Journalismus in Gefahr."



    Zunächst ist 'heimlich' in der ursprünglichen Verwendung gar nicht so negativ konnotiert, es beinhaltet die Nähe zu heimisch.



    Wenn aber KI etwas schreibt, findet das eben nicht nur daheim hinter verschlossenen Türen statt, die Wertschöpfungskette ist eine andere.



    Die Wissenschaft hat das auf dem Schirm:



    dt.wiwi.tu-dortmun...it-generativer-ki/

  • "...muss sich der Journalismus nun dringend in Klausur begeben. Ein Update steht an: Wie schaffen wir es, original und glaubwürdig zu bleiben und uns nicht schleichend selbst abzuschaffen?"



    Schön, dass hier nicht sofort der Marktgedanke greift, der mir am Anfang kam, weil es Assoziationen zum Hochgeschwindigkeitshandel im Bankgeschäft weckte:



    "Denn die Verlockung ist groß, im Stress der Tagesaktualität schnell die KI anzuwerfen und den eigenen Faktencheck wegzulassen. Sobald eine Nachricht über die Ticker kommt, zählt jede Sekunde."



    Aber das "einfache Handwerk" sollte schon noch goldenen Boden haben, damit die Legitimation nicht qua Disruption mit Eugentoren Schaden nimmt.



    "Fast 150.000 erfundene Quellenangaben in wissenschaftlichen Arbeiten: Eine Studie deckt auf, wie KI-Tools die Forschung kontaminieren – und warum bisherige Kontrollmechanismen versagen.



    Kalifornien – Große Sprachmodelle liefern plausible Antworten – die oft schlicht falsch sind. Was in Chatverläufen nervt, richtet in der Wissenschaft echten Schaden an."



    Quelle wa.de



    Der Journalismus muss hier extrem alert bleiben, sonst fehlt er bald als 'Vierte Macht', 'Vierte Gewalt' mag ich persönlich als Bezeichnung weniger.

  • Sach mal so.

    Wenn es im Journalismus schon bisher nicht gelungen war/ist - die grassierende Verwendung des Worthülsensalats - wie der einschließlich und insbesondere in den Journalismus-Schulen Platz greift - hab ich mehrfach hier dargelegt - einzudämmen - wa!



    Sehe ich nicht - wie das bei KI plötzlich abweichend gelingen soll •

    kurz - Styropor-Schreibe 2.0 as usual 🤔🧐🧐

    • @Lowandorder:

      Zum metaphorischen Gebrauch der Scheibe:



      An deren Inhalt ich mich reibe,



      Dazu ich diesen Hinweis schreibe,



      Manch einer sieht's an eig'ner Bleibe:



      /



      "Der sorglose Umgang mit den Styroporplatten deutet nicht darauf hin, doch sie enthalten einen weltweit geächteten Stoff: In jedem Kilo stecken circa sieben Gramm des Flammschutzmittels Hexabromcyclododecan (HBCD). Es soll im Brandfall verhindern, dass sich ein Feuer an der Fassade schnell ausbreitet."



      Bei ndr.de



      /



      So kann ich diesen Hinweis wagen:



      In diesen turbulenten Tagen



      Bleibt, was wir als Kritik beitragen,



      Das, was wir uns ernsthaft auch fragen.



      /



      Ob Flammschutz oder die Brandmauer:



      KI-Gebrauch macht manche sauer!

  • Ich erwarte unter Texten, die mit KI erstellt wurden, eine entsprechenden Vermerk und unter frei verfasste Texte Quellenangaben.



    So wird es von Wikipedia gehandhabt, und man kann anschließend die Quellen studieren.

  • Da schwingt natürlich die Angst mit, dass KI besseren Journalismus kann, als so mancher Federschwinger. Einfach fest daran zu glauben, dass nur menschliche Journalisten und Redakteure glaubhafte Ergebnisse liefern können reicht nicht. Auch im Journalismus sind wir mit KI erst am Anfang. Es gibt jetzt schon Nachrichtenportale, die fast komplett auf diese Technik setzen. Warum? Weil sie es können...

    • @FraMa:

      …es… Genau Genau

      “Es denkt nicht!“



      Rudolf Seising



      Es denkt nicht!

      Die vergessenen Geschichten der KI



      Unterhaltsam und außerordentlich kenntnisreich entführt uns Rudolf Seising in die Geschichte von Informationsflüssen, Daten- und Gehirnströmen und künstlicher sowie nicht-künstlicher Intelligenz.“



      Immer gern - always at your servíce

  • Nehmen wir mal das Beispiel, das genannt wird. 500 Seiten eines Dokumentes selbst lesen? Das ist zu aufwendig. Also besser einen Prompt nehmen. Aha. Und dann wird dessen Zusammenfassung gefolgt. Ohne zu wissen - was kein Mensch kann - wie der zu seinen Ergebnissen kommt und welchem Bewertungsschema er folgt. Was hat das noch mit Journalismus zu tun? Niente. Zudem sind die Ergebnisse der Promps noch je nach Sprache verschieden. Wenn sich der Journalismus Software ausliefert ist er verloren und verliert seine Grundlage. Die Diskussion ist eröffnet.