KI im Journalismus: Text ohne Autor
Ein KI-Skandal erschüttert den Journalismus. Aber ist es überhaupt einer? Die Medienbranche ist geteilter Meinung. Sicher ist: Sie wandelt sich.
Manchmal verdichten sich große Fragen in ganz kurzer Zeit. Der Freitag vor einer Woche war so ein Tag, an dem sich in wenigen Stunden eine Debatte beschleunigte, die den Journalismus noch lange beschäftigen wird.
Mathias Döpfner, der Chef des Springer-Verlags, veröffentlichte einen Kommentar, von dem er behauptet, er sei zu 100 Prozent von einer künstlichen Intelligenz geschrieben. Die KI kommt von Google, von jenem Unternehmen also, das Döpfner früher bekämpft hat.
Döpfner spottet in seinem Text über die FAZ, die einen Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt gelöscht hatte, weil dieser Text teilweise KI-generiert war. Ein „postmoralischer Feldzug“ sei das, schrieb Döpfner. Medien, die sich gegen KI wehren, verglich er mit der Postkutschen-Lobby, die verzweifelt versuche, das Automobil zu verbieten. Qualitätsjournalismus sei das nicht, schlussfolgerte Döpfner, besser gesagt: die KI für ihn.
Was Qualitätsjournalismus ganz sicher nicht ist, stellte wenige Stunden später der Tagesspiegel klar, nämlich: ganze Texte von einer KI schreiben lassen. Dort hatte man den ehemaligen Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff überführt, der genau das getan hatte.
Anders als Döpfner hatte Casdorff es nicht kenntlich gemacht. KI sei kein Mittel, das „den Kern unserer Arbeit übernehmen darf“, schrieb die Chefredaktion. Casdorff räumte ein, einen „Riesenfehler“ gemacht zu haben. Der Tagesspiegel pausiert die Zusammenarbeit.
Zwischen KI-Euphorie und Verweigerung
Da lassen also zwei Alpha-Männer des Journalismus ihre Texte von der KI schreiben. Der eine feiert seinen Text als intellektuelle Provokation. Der andere hat die KI heimlich genutzt und darf vorerst nicht mehr schreiben. Beide stehen für zwei Pole, zwischen denen alle Redaktionen hin- und herirren. Sie alle treibt die Frage um: Darf, soll, kann die KI den Journalismus ergänzen – oder wird sie ihn abschaffen?
Alle Redaktionen nutzen längst KI, auch die taz. Die meisten Journalist:innen lassen Interviews transkribieren, andere entwerfen Artikelüberschriften oder optimieren ihre Texte so, dass Suchmaschinen sie schneller finden. Aber ganze Texte schreiben zu lassen, das war in den meisten Redaktionen bisher kein Thema.
Im Tagesspiegel hat die Nachricht von Stephan-Andreas Casdorff das Haus aufgewühlt. Casdorff entschuldigte sich persönlich in der Redaktionsversammlung. Viele Kolleg:innen seien sehr betroffen gewesen, heißt es. Das wöchentliche „All hands meeting“ wurde auf Montag vorgezogen. Es wurde so voll, dass der Konferenzraum kaum ausreichte. Über das Wochenende hatte sich Frust aufgestaut, Unverständnis, aber auch Verunsicherung.
Seit Februar dieses Jahres soll Casdorff, intern nur cas genannt, Texte von einer KI schreiben lassen haben, rund 50 sollen es gewesen sein. Aufgeflogen ist das nach dem Tweet eines Informatik-Professors.
„KI wird unseren Beruf grundlegend verändern“
Casdorff, der zuletzt als „Editor-at-large“ nur noch geschrieben hat, soll einerseits eine große Faszination für die KI geschildert haben, andererseits einen hohen Druck. Er gilt als Vielschreiber, Vorgaben, wie viele Texte er zu schreiben habe, soll es aber nicht gegeben haben. Auf eine taz-Anfrage hat Casdorff nicht reagiert.
Christian Tretbar ist Chefredakteur des Tagesspiegels, er kam als Volontär zu der Zeitung, als Casdorff noch Chefredakteur war. Man hört ihm den Schock am Telefon noch an. „Die Entscheidung, die Zusammenarbeit zu pausieren, war hart, aber ich musste sie treffen, um den Tagesspiegel zu schützen.“ Tretbar sagt, er hätte nicht geglaubt, dass so ein Fall in seiner Zeitung möglich sei. Er sei in seiner Dimension „wohl eher einmalig“.
Hört man sich um in der Redaktion, sagen einige, Casdorff mag besonders viel mit KI gearbeitet haben, allein sei er damit aber nicht. KI werde von einigen umfassend eingesetzt. Die Chefredaktion hat die Redaktion immer wieder ermutigt, KI zu nutzen. Auf einem „KI-Spielplatz“ konnte sie sich ausprobieren, mittwochs wird der „Prompt der Woche“ präsentiert, der Befehl also, der die KI Titelvorschläge machen lässt oder die wichtigsten Aussagen aus Texten herauszieht.
Tretbar findet all das weiter richtig. „KI wird unseren Beruf grundlegend verändern. Wir werden natürlich weiter mit ihr arbeiten.“ Er glaubt, dass die KI den Redaktionen vieles erleichtert. „Wir werden uns wieder auf das konzentrieren können, wofür wir Journalistinnen und Journalisten geworden sind: rausgehen, recherchieren, mit Menschen sprechen.“ Nur müsse eben jedes Medium entscheiden und stets neu evaluieren, wo die Grenze verläuft.
Uneindeutige KI-Richtlinie als Teil des Problems
Was viele in der Redaktion ärgert, ist, dass eben jene Grenze aus ihrer Sicht bislang nicht eindeutig klar war. Zwar gibt es eine KI-Richtlinie, die ist allerdings äußerst knapp. Darin heißt es, KI könne bei der Recherche und beim Erstellen von Texten unterstützen. Wenn sie wesentlich beteiligt sei, müsse das kenntlich gemacht werden.
Christian Tretbar sagt, dass ohnehin schon in Arbeit war, die Richtlinien mit konkreten Beispielen zu untermauern. Er verstehe den Wunsch danach. Zur Wahrheit gehöre für ihn aber auch, dass Journalismus immer Aushandlung sei. „Journalisten haben normalerweise ein Gespür dafür, wie weit sie gehen könnten und im Zweifelsfall können sie auch mit Kolleginnen und Kollegen darüber reden.“ Die Chefredaktion wird die Leitlinien aktualisieren.
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Für einige beim Tagesspiegel ist die KI vor allem Entlastung. Viele beklagen großen Druck: Immer weniger Leute müssten immer mehr schreiben, um immer mehr Abos zu generieren. „Content-Schrubberei“, nennt das jemand. Umfragen unter Mitarbeitenden hatten gezeigt, dass die Stimmung im Haus schlecht ist. Im vergangenen Jahr hatte der Verlag ein Abfindungsprogramm gestartet, angenommen haben es wenige.
Die neue Technologie trifft auf eine Branche in der Krise. Mit ihrem klassischen Geschäftsmodell verdienen Verlage immer weniger Geld. Stellen wurden gestrichen, Tarifgehälter werden längst nicht mehr flächendeckend bezahlt. Die Frage, welche Rolle KI in den Medien spielt, ist also nicht nur eine technologische, sondern auch eine wirtschaftliche. Leistet die Maschine bald schneller und billiger das, was heute teure Redakteur:innen leisten?
Wenn Inhalte zweitrangig sind
Der Fall von Stephan-Andreas Casdorff zeigt auch, dass Inhalte zum Teil zweitrangig geworden sind. Im Nachhinein lesen sich seine KI-generierten Texte, die der Tagesspiegel offline genommen hat, wie eine Aneinanderreihung von Plattitüden.
Warum das nicht früher aufgefallen ist, kann auch Chefredakteur Tretbar nicht eindeutig beantworten. Natürlich werde man sich die internen Prozesse anschauen. Nur sei für ihn auch klar: Der Fehler ist nicht zuerst bei denen zu suchen, die mit den Texten gearbeitet haben.
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Markus Knall findet die Debatte überzogen. Er glaubt, Journalismus brauche nicht weniger, sondern mehr KI. Knall ist Chefredakteur von Ippen.Media. Er verantwortet ein Netzwerk aus 70 Websites, darunter 20 Lokalzeitungen vom Münchner Merkur bis zur Frankfurter Rundschau. Gesamtauflage: 750.000, monatliche Online-Nutzer: 27 Millionen.
Seit Jahren wirbt Knall auf Branchenkonferenzen für den Einsatz von KI im Journalismus. Seine Präsentationen lässt er von einer KI bauen, seinen Alltag organisieren KI-Agenten. Sie protokollieren für ihn Sitzungen, fassen die Nachrichten zusammen, sortieren sein Mail-Postfach.
Markus Knall, Chefredakteur von Ippen.Media
Am Dienstagnachmittag nimmt er in seinem Verlagshaus in München vor einem Bildschirm Platz, um mit der taz zu sprechen. „Mit der KI werden wir die Qualität von Journalismus steigern“, sagt er. „Wenn eine KI für einen Artikel Hunderttausende Texte aus unserem Archiv auswertet, bringt das mehr analytische Tiefe, als ein einzelner Redakteur je könnte.“
Ippen.Media lässt komplette Texte von KI erstellen, nach Wahlen zum Beispiel. „Deutschland hat 11.000 Gemeinden. Kein Mensch kann für jede einzelne in der Wahlnacht einen Text schreiben. Die KI schon.“ Die KI zieht sich die Ergebnisse und macht daraus einen Text – kein „human in the loop“ mehr, wie Knall es nennt. Kein Mensch im Arbeitsablauf.
Der Journalist der Zukunft, sagt Knall, werde ein „KI-Komponist“ sein. Einer, der weiß, womit er die KI füttern muss, damit sie das richtige Ergebnis ausspuckt. Das sei doch die eigentliche Leistung von Journalismus. „Niemand ist Journalist geworden, um Texte zu tippen.“ Komplett auf Menschen verzichten will er allerdings nicht, auch moderne Reporter werde es brauchen. Knall nennt sie „Creator“.
Negative Rückmeldungen habe er bisher zu KI-Texten nicht bekommen, sagt Knall. Er glaubt, das Publikum werde es bald schätzen, wenn die Maschine schreibt. „Das werden Texte sein, ohne Rechtschreibfehler, ohne inhaltliche Fehler, gut strukturiert und ohne den weltanschaulichen Bias, den Journalisten haben.“
Wie KI den Journalismus verändern kann
Wie die KI neue Formen von Journalismus hervorbringt, haben zuletzt die Veröffentlichungen der NSDAP-Mitglieder-Dateien bei Zeit und Spiegel gezeigt. Kaum eine Recherche vorher hat den beiden Medienhäusern so viele neue Abonnent:innen gebracht wie diese Datenbank. Möglich war dies nur, weil eine KI Millionen von Karteikarten geordnet und durchsuchbar gemacht hat.
Die KI schafft damit Service. Was aber ist mit dem, was Journalist:innen seit jeher tun: recherchieren, einordnen, schreiben, produzieren, senden?
Der Tagesspiegel hat seinem Editor-at-Large, Stephan-Andreas Casdorff, Publikationsverbot erteilt, weil er Texte von einer KI schreiben ließ. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, ließ daraufhin eine KI einen Text unter seinem Namen schreiben, der für die Nutzung von KI im Journalismus plädierte. Das Ressort taz2/Medien startet eine Sommertalkshow mit Diskussionsbeiträgen zur Rolle von KI im Journalismus und zur Zukunft unserer Branche. Bisher erschienen sind folgende Texte:
Martin Niewendick: „Der nötige Spritzer Selbstkritik“ über die Notwendigkeit der Debatte
Ambros Waibel: „Selbst schuld“ über die missliche Ausgangslage des Journalismus
Raoul Spada: „Die Grenzen der KI-Detektoren“ über die Vertrauenswürdigkeit der Erkennungssoftware
Das, so steht es in vielen Leitfäden verschiedener Redaktionen, sollte im Großen und Ganzen weiter beim Mensch bleiben. Selbst Springer definiert das so. Die Frage ist nur, was das konkret heißt.
Ganz deutlich wird die Ostdeutsche Medienholding, der Verlag des Softwareunternehmers Holger Friedrich, der die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung und die Berliner Zeitung herausgibt. Die hat gerade ihre KI-Richtlinien veröffentlicht, nachdem ein Nutzer der Social-Media-Plattform Bluesky herausgefunden hatte, dass auch in diesen Medien ein Großteil der Texte mit KI geschrieben worden sein dürfte.
In den Leitlinien heißt es: KI werde „über kurz oder lang an allen Texten beteiligt sein“. Eine Kennzeichnung, welche Texte mit oder allein durch eine KI verfasst worden sind, sei daher nicht mehr zeitgemäß.
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