Wahl von Wolfgang Kubicki zum FDP-Chef: Chance und Risiko
Klar, Wolfgang Kubicki ist ein peinlicher Macho der uralten Schule. Aber er könnte manche potenzielle AfD-Wähler zur FDP hinüberziehen.
E in alter weißer Mann gewinnt gegen eine kaum jüngere weiße Frau: Wie sich die FDP gerade präsentiert, wirkt nicht gerade modern, divers und zukunftsträchtig. Ganz im Gegenteil: Der neue Parteichef Wolfgang Kubicki erinnert an den peinlichen Onkel, der bei Familienfeiern immer durch ordinäre Sprüche und sexistische Herrenwitze auffällt. Hat die FDP noch alle Tassen im Schrank, wenn sie so einem Typen die Führung der einst ehrwürdigen Liberalen anvertraut? Also einem Macho der uralten Schule, der den Kanzler „Eierarsch“ nennt und der seiner unterlegenen Gegenkandidatin via Bild zuruft: „Jetzt weißt du, wo der Hammer hängt.“
Wer sich nach den guten sozialliberalen Geistern der FDP wie Gerhart Baum und Hildegard Hamm-Brücher zurücksehnt, kann von einem Populisten nur entsetzt sein, der Corona verharmlost hat und jetzt die Bedeutung der Brandmauer zur AfD herunterspielt. Das geht auch vielen in der Partei selbst so. Deshalb hat Kubickis Intimfeindin Marie-Agnes Strack-Zimmermann bei der Kampfabstimmung über den Parteivorsitz fast 40 Prozent bekommen, obwohl sie erst kurz vor der Wahl überraschend angetreten war. Trotzdem ist es nicht komplett irrational, dass sich die Mehrheit für Kubicki entschieden hat.
Aufmerksamkeit ist kein Selbstzweck, aber die zwingende erste Voraussetzung, um als winzige Oppositionspartei, die im Bundestag keine Bühne mehr hat, überhaupt gehört zu werden. Den dafür nötigen Bekanntheitsgrad kann nur Kubicki garantieren – gerade weil er so oft poltert und provoziert. Strack-Zimmermann ist zwar auch rhetorisch versiert, spricht aber vor allem ein eher akademisches, bürgerliches, sozialliberales Publikum an, das auf Anstand Wert legt, aber nicht allzu groß ist. Dass sie sich für Bürgerrechte einsetzt und mehr Waffen für die Ukraine fordert, mag auch Grünen-WählerInnen gefallen. Ob diese deshalb FDP wählen würden, lässt sich bezweifeln.
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Anderer Geschmack
Die Erfolgsaussichten der FDP sollte man nicht mit den Kriterien und dem Geschmack der progressiven, urbanen Bubble messen. Die Zielgruppe der Neoliberalen und Konservativen, die von der Merz-CDU enttäuscht sind, ist deutlich größer. Kubicki könnte dort durchaus genug Stimmen holen, um die FDP wieder über 5 Prozent zu hieven, und vielleicht auch manche vom AfD-Wählen abhalten – wenn es gut läuft.
Wenn es schlecht läuft, befeuert Kubicki nur den allgemeinen Rechtsruck und verhilft der AfD irgendwann zur Macht. Deshalb war es wichtig, dass Strack-Zimmermann antrat und einen lockeren Kubicki-Durchmarsch verhindert hat. Damit müsste deutlich geworden sein, wo für einen beträchtlichen Teil der FDP die Grenzen liegen. Hoffentlich.
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