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Wahl von Wolfgang Kubicki zum FDP-ChefChance und Risiko

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Klar, Wolfgang Kubicki ist ein peinlicher Macho der uralten Schule. Aber er könnte manche potenzielle AfD-Wähler zur FDP hinüberziehen.

Frisches Nachwuchstalent auf dem FDP-Parteitag in Berlin Foto: Annegret Hilse/reuters

E in alter weißer Mann gewinnt gegen eine kaum jüngere weiße Frau: Wie sich die FDP gerade präsentiert, wirkt nicht gerade modern, divers und zukunftsträchtig. Ganz im Gegenteil: Der neue Parteichef Wolfgang Kubicki erinnert an den peinlichen Onkel, der bei Familienfeiern immer durch ordinäre Sprüche und sexistische Herrenwitze auffällt. Hat die FDP noch alle Tassen im Schrank, wenn sie so einem Typen die Führung der einst ehrwürdigen Liberalen anvertraut? Also einem Macho der uralten Schule, der den Kanzler „Eierarsch“ nennt und der seiner unterlegenen Gegenkandidatin via Bild zuruft: „Jetzt weißt du, wo der Hammer hängt.“

Wer sich nach den guten sozialliberalen Geistern der FDP wie Gerhart Baum und Hildegard Hamm-Brücher zurücksehnt, kann von einem Populisten nur entsetzt sein, der Corona verharmlost hat und jetzt die Bedeutung der Brandmauer zur AfD herunterspielt. Das geht auch vielen in der Partei selbst so. Deshalb hat Kubickis Intimfeindin Marie-Agnes Strack-Zimmermann bei der Kampfabstimmung über den Parteivorsitz fast 40 Prozent bekommen, obwohl sie erst kurz vor der Wahl überraschend angetreten war. Trotzdem ist es nicht komplett irrational, dass sich die Mehrheit für Kubicki entschieden hat.

Aufmerksamkeit ist kein Selbstzweck, aber die zwingende erste Voraussetzung, um als winzige Oppositionspartei, die im Bundestag keine Bühne mehr hat, überhaupt gehört zu werden. Den dafür nötigen Bekanntheitsgrad kann nur Kubicki garantieren – gerade weil er so oft poltert und provoziert. Strack-Zimmermann ist zwar auch rhetorisch versiert, spricht aber vor allem ein eher akademisches, bürgerliches, sozialliberales Publikum an, das auf Anstand Wert legt, aber nicht allzu groß ist. Dass sie sich für Bürgerrechte einsetzt und mehr Waffen für die Ukraine fordert, mag auch Grünen-WählerInnen gefallen. Ob diese deshalb FDP wählen würden, lässt sich bezweifeln.

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Anderer Geschmack

Die Erfolgsaussichten der FDP sollte man nicht mit den Kriterien und dem Geschmack der progressiven, urbanen Bubble messen. Die Zielgruppe der Neoliberalen und Konservativen, die von der Merz-CDU enttäuscht sind, ist deutlich größer. Kubicki könnte dort durchaus genug Stimmen holen, um die FDP wieder über 5 Prozent zu hieven, und vielleicht auch manche vom AfD-Wählen abhalten – wenn es gut läuft.

Wenn es schlecht läuft, befeuert Kubicki nur den allgemeinen Rechtsruck und verhilft der AfD irgendwann zur Macht. Deshalb war es wichtig, dass Strack-Zimmermann antrat und einen lockeren Kubicki-Durchmarsch verhindert hat. Damit müsste deutlich geworden sein, wo für einen beträchtlichen Teil der FDP die Grenzen liegen. Hoffentlich.

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Lukas Wallraff
taz.eins- und Seite-1-Redakteur
seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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19 Kommentare

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  • Ich mag ihn - wirklich!

  • "ehrwürdige" Liberale? Das ist wirklich schon sehr "einst".

  • "Kubicki ist ein peinlicher Macho der uralten Schule. Aber er könnte manche potentielle AfD-Wähler zur FDP hinüberziehen."



    Man hofft also im linken Lager, dass die ansonsten verhasste FDP die AfD schmälern möge...



    Das hat man von Merz auch schon gehofft - Ausgang siehe Entwicklung der Umfragewerte seit der Bundestagswahl...



    Kubicki wird die AfD so wenig schmälern wie Merz. Ein Übernehmen rechter Positionen hat noch nie 'das Original' geschmälert, im Gegenteil, es trägt zur Normalisierung der Position bei🤷



    DASS sollten doch nun ausgiebig die letzten Jahre bewiesen haben, oder?

    • @Astrid Sehnefeld:

      "DAS sollten doch nun ausgiebig die letzten Jahre bewiesen haben, oder?"



      Das dürfen Sie gerne auf die letzten Jahrzehnte ausweiten.

      'Wahnsinn ist es, bei gleichen Maßnahmen unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten.'



      Einstein zugeschrieben.

  • Kubicki ist für die FDP eine gewisse Chance. Er ist vorlaut, laut sowieso und seine Ideen sind liberal, aber eigentlich nicht für eine Regierung geeignet. Somit kann er vielleicht die FDP eine Weile zusammen halten. Die FDP ist stark neoliberal und wenig basis-demokratisch-liberal gewesen, seit 1982 hat die Partei den Hauch einer opportunistischen Lobby-Partei, eine Partei der Verbände und Wohlhabenden Kreise. In Zeite, wo es um Solidarität und Zusammenhalt gehen muss, Und es gibt bei stagnativem Wachstum des BIP eigentlich nichts mehr zu verschenken, was die FDP ja ihrem Klientel immer wieder anbietet und wofür Wolfgang Kubicki auch steht: Einer der nach Oben verteilt. Insofern sehe ich insgesamt ein sehr durchwachsenes Bild für diese Partei, die viele nicht ist und nicht sein kann, aber es ist ja eine demokratische und liberale Partei. Das sollte man nicht vergessen.

  • Dass Wolfgang Kubicki in einer taz-Kommentarspalte punktet, dürfte wohl auf immer im Reich der Fantasie bleiben.

    Wenn man aber der Meinung ist, dass es eine Kraft in Deutschland braucht, die für Bürgerrechte, Rechtsstaat und Politik für die Mitte (und das sind entgegen der linken Überzeugung nicht nur reiche und Unternehmer) stehen will, dann ist Kubicki nicht der schlechteste Kandidat, den die FDP hätte wählen können.

    Wer immer noch nicht verstanden hat, dass in der Nachschau die Skeptiker der Corona-Maßnahmen weitgehend recht behalten haben, da die getroffenen Einschränkungen bei erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten nicht annähernd die erforderliche Effektivität bei der Eindämmung der Pandemie aufweisen konnten, der muss sich schon fragen, welche Haltung er zu einem freiheitlichen Menschenbild hat.

    Das Problem, was Leute wie Kubicki bei Linken oft haben ist die Tatsache, dass sie Umerziehung und autoritäre Gängelung grundsätzlich schlecht finden. Besonders, wenn jene, die sie fordern, ihre Sache für gut und gerecht halten...

    • @Metallkopf:

      "dass in der Nachschau die Skeptiker der Corona-Maßnahmen weitgehend recht behalten haben"

      Das klingt nach Legendenbildung...

    • @Metallkopf:

      ""Wer immer noch nicht verstanden hat, dass in der Nachschau die Skeptiker der Corona-Maßnahmen weitgehend recht behalten haben,....""



      =



      Immer noch nicht verstanden? Es ging nicht um Kosten -sondern um Leben oder Tod durch Ansteckung - und um Verhinderung der Überbelegung von Krankenhäusern die ab einem bestimmten Punkt der Verbreitung von Corona keine weiteren Patienten mehr hätten aufnehmen können.



      =



      Ein freiheitliches Menschenbild angesichts der Rücksichtslosigkeit, andere anzustecken, gibt es nicht - Freiheit ist nur in einer solidarischen Gemeinschaft möglich.

      • @zartbitter:

        Na ja scheinbar reichen 7 (Sieben ) Millionen Tote nicht .

  • Zutreffend.



    Kubicki scheint allerdings keinerlei Eingeständnisse machen zu wollen.



    Betrachtet man*frau die Entwicklung der Union, so sorgt ein Bundesinnenminister trotz "afd" naher Flüchtlingspolitik mit für die schlechtesten Umfragewerte der Partei. Zusammen mit einem Möchtegernkanzler sorgen sie für die erstmalige Mehrheit der "afd" auf Bundesebene.



    Rechter Populismus ist erkennbar kein Mittel um gegen die "afd" zu gewinnen.



    Die FDP hat rechts gewählt. Ob sie damit ihre Seele verkauft, ist Ihr Problem, aber vielleicht auch gute Vorbereitung, schließlich verkauft Lindner jetzt Autos...

  • Mit Genscher und Lambsdorf begann der inhaltliche Niedergang der FDP. Und endet nun mit der Führung durch einen, im besten und schlimmsten Sinne des Wortes, alten weißen Mann. Lasst es gut sein und richtet euren Blick auf die wichtigen Dinge.

  • Das dachte man auch über Merz.

  • Ich sehe das völlig anders. Die FDP war und ist die Partei der Reichen und der Unternehmer, rechtsliberal aber auch ganz der Ökonomie verschrieben. Wer da glaubt, als AfD-light Stimmen gewinnen zu können, verliert mehr auf der anderen Seite, denn die Reichen und Unternehmer wissen, wie schädlich die AfD für die Geschäfte und dass Zuwanderung nötig ist. Außerdem kann die FDP keine völlige Gradwendung bei den Zielgruppen hinkriegen. Als die FDP zuletzt stark war, hat sie bei den jungen Wählern enorm zugelegt. Mit dem Geronten Kubicki ist da nichts zu gewinnen und bei den Rentnern wohl auch nicht, deren Rente die FDP ja kürzen möchte. Die Union verliert, weil Merz alt, peinlich und führungsschwach ist, die CDU programmatisch leer und die überzogenen Wahlversprechen nicht eingehalten werden. Die Kubicki-FDP ist da keinen Deut besser und somit keine bürgerliche Alternative.

  • Das beste wäre, wenn Strack-Zimmermann mit ihre 40 Prozent verschwinden würde.



    Die Entwicklung bei der Linken hat ja gezeigt, daß die Trennung von zwei nicht zueinander passenden Parteiflügel für beide Seiten von Vorteil sein kann.

  • Tja, wieder so eine politische “Wunderkerze”; dieses Mal Kubicki und die FDP. Die kuriosen Versuche der Altparteien haben Hochkonjunktur in Sachen Angst vor der AfD. Da macht auch ein gewisser Gauweiler (den Opas u. Omas sicherlich noch bekannt) den Vorschlag eines gnädigerweise zugestandenen Labels an die Freien Wähler, die AfD kleinmachen zu wollen; die Freien Wähler sollten als “Bündnis Freie Wähler/CSU” in Bayern voranmarschieren.



    Ganz süß dieser Kubicki und Gauweiler 😘! Rührend!

  • "Strack-Zimmermann ist zwar auch rhetorisch versiert, spricht aber vor allem ein eher akademisches, bürgerliches, sozialliberales Publikum an, das auf Anstand Wert legt, aber nicht allzu groß ist. Dass sie sich für Bürgerrechte einsetzt und mehr Waffen für die Ukraine fordert, mag auch Grünen-WählerInnen gefallen. Ob diese deshalb FDP wählen würden, lässt sich bezweifeln."

    Touché.

    Aber mit einer in dieser Ausrichtung etwas gesünder ausbalancierten FDP ließe sich vielleicht auch vernünftig in einer Koalition regieren, anders als mit der destruktiven, einzig und allein von Partikular- und Lobbyinteressen geleiteten Zockertruppe um Lindner und Co.

  • Die FDP geht ihren Weg inhaltlicher Verarmung weiter.

    Nun, aus Ratlosigkeit scheint's, eben gewürzt mit einer ordentlichen Prise Populismus. Selbst dabei ist Kubicki nicht der erste FDPler.

    Ganz ehrlich: Ich finde Wolfgang Kubicki einen sympathischen, - somewhat - intelligenten und unterhaltsamen Typen.

    Würde ich ihm allein deshalb und bei allen Qualitäten, die er sonst noch hat, eine Partei anvertrauen? Eher nicht.

    Das Problem des politischen Liberalismus geht jedoch viel tiefer als Personen:

    Es ist der FDP seit den 80ern nicht mehr gelungen, einen stimmigen, gesamtgesellschaftlich relevanten liberalen Politikentwurf zu entwerfen.

    Deshalb befindet sie sich jetzt in diesem Zustand und irgendwie ist das schade. Denn dieses Land hat, was liberale bürgerliche Freiheiten, was Toleranz anbelangt, noch sehr viel Luft nach oben.

    • @Stavros:

      Das Grundproblem sind die nicht mehr in mehr als homöopathischen Dosen vorhandenen Liberalen in der Bevölkerung.

      Es gibt kaum noch Menschen, die ihren eigenen Beitrag zur Gesellschaft als Verpflichtung wahrnehmen und auch für ihre eigenen Rechte eintreten wollen.

      Den meisten geht es um Kontrolle. Der Staat muss, der Staat soll, mein Nachbar ist zu laut, fährt viel zu schnell einen viel zu großen Wagen und für's Klima müsste der eigentlich stillgelegt werden...

      Und allen diesen Leuten ist gemein, dass es für die völlig okay ist, wenn andere kontrolliert und gezwungen werden, solange einem die Sache gefällt. Aber wehe, man wird selbst geblitzt, oder kriegt aufs Brot geschmiert, wenn man selbst mal nach Bali in den Urlaub zu fliegen müssen meint. Da regiert in den Köpfen die kognitive Dissonanz.

      Der mündige Bürger informiert seinen Anwalt. Der Untertan ruft nach der Staatsgewalt!

      Ob von rechts oder von links. Die Mechanismen sind dieselben. Wie das Resultat der Unfreiheit.

      • @Metallkopf:

        Sie haben vollkommen Recht.

        Gerade deshalb gäbe es für eine echte, freisinnige liberale Partei ja soviel mehr zu tun als Apothekerprivilegien zu schützen und Steuersenkungen für Wohlbetuchte zu fordern.