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Verkehrsdelikte und PolizeistatistikAuf dem Auto-Auge blind

Gereon Asmuth

Kommentar von

Gereon Asmuth

Jahr für Jahr werden mehr mörderische Rennen registriert. Doch wie viele Opfer es gibt, weiß nicht einmal die Polizei. Das ist politisch so gewollt.

Wie viele Menschen durch illegale Autorennen jährlich getötet werden wissen wir nicht Foto: Marius Becker/dpa

J edes Jahr im Frühling serviert der Bundesinnenminister die neueste Polizeiliche Kriminalstatistik. Bald ist es wieder so weit. Dann wird er über Mord und Totschlag reden, über organisierte Kriminalität, Drogen, Messer und was sonst so die Themen sind, die die Politik dann durch Gesetzesverschärfungen bekämpfen will. Sicher raunt der Minister auch das Wort „Dunkelfeld“. Und da hat er sogar recht. Denn eine Tätergruppe wird erst gar nicht beleuchtet: die kriminellen Autofahrer:innen.

Dabei sind das nicht wenige: Jede vierte Verurteilung an deutschen Gerichten ergeht wegen einer Straftat im Straßenverkehr. Dabei geht es nicht um Falschparken, sondern um handfeste Taten bis hin zum Mord – etwa nach einem der genauso tödlichen wie illegalen Autorennen. Von denen werden Jahr für Jahr mehr registriert. Doch ihre Zahl und die der Opfer exakt zu benennen, ist unmöglich. Warum das so ist? Weil es schon immer so war, mindestens seit 1994. Da einigte sich eine Kommission der Innenminister darauf, dass Verkehrsdelikte nicht in die Kriminalstatistik gehören.

Deshalb tauchen zwar im Vollrausch begangene Taten in der Polizeistatistik auf. Aber Trunkenheit am Steuer nicht. Autofahrer müsste man sein. Dann reagiert die Regierung nicht nur umgehend, wenn die Benzinpreise steigen. Sie schaut auch gern mal weg, wenn Fah­re­r:in­nen Mist bauen.

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Nun ist es nicht so, dass die Polizei Ra­se­r:in­nen nicht verfolgt. Im Gegenteil, einige Landesbehörden geben ihr Bestes. Und man könnte meinen, es sei nachrangig, dass sie nicht in der Statistik auftaucht. Doch wenn nicht einmal die Polizei ohne Weiteres in der Lage ist, genau zu beziffern, wie drängend so ein Phänomen ist, dann muss auch kein Minister daraus Konsequenzen ziehen.

Die Politik ist auf dem Auto-Auge blind. Sie fährt stur nach dem Motto „Kein Autofahrer ist illegal“. Schließlich ist die Autoindustrie ja der Motor für unseren Wohlstand. Da kann jemand, der deren Produkte nutzt, doch nichts Böses im Schilde führen. Nicht einmal, wenn es Tote gibt.

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Gereon Asmuth
Ressortleiter taz-Regie
Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
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15 Kommentare

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  • Das Kraftfahrt-Bundesamt veröffentlicht regelmäßig die Zahlen zu den Eintragungen im Fahreignungsregister. Im Jahr 2024 wurden dort insgesamt 238.223 Verkehrsstraftaten registriert, davon waren 1.912 verbotene Kraftfahrzeugrennen.



    www.kba.de/DE/Stat...igkeiten_node.html



    Die Daten sind eigentlich sogar aussagekräftiger als die der Polizeilichen Kriminalstatistik, weil sie keine bloßen Verdachtsfälle erfasst und nicht so sehr vom Anzeigeverhalten und polizeilichen Erfassungspraktiken beeinflusst ist.

    • @Yes:

      Der Zweck dieses Beitrages liegt doch nur darin erneut einen Artikel gegen das Auto zu bringen und dies mit Pseudonym journalistischen Argumenten zu begründen.



      Da in den letzten Wochen gefühlt jeden Tag ein Bericht hier über das Tempolimit kam musste nun ein anderer Anti Auto Artikelthema gefunden werden.

      • @AuchNeMeinung:

        In Deutschland gibt es jeden Tag teils mehrere Einseiter-Anzeigen für Auto X oder Y in den Zeitungen (und das Advertorial weiter hinten noch dazu): keine Sorge, das Automobil kommt viel zu gut weg hierzulande.

      • @AuchNeMeinung:

        Ich sehe eher einen Artikel gegen die missbräuchliche Nutzung.



        Und dabei hat das Auto kein Alleinstellungsmerkmal, bei ihm wird durch die Masse ein für alle spürbares Unheil angerichtet. Spürbar für alle, die sehen, hören und riechen können.

  • Das stimmt so nicht.

    Nur weil etwas nicht in der deutschlandübergreigenden Polizeistatistik auftaucht, heißt das nicht, dass die Polizei keine Zahlen hätte.

    Herr Asmuth müsste sich halt die Mühe machen, in jedem Bundesland einzeln nachzufragen.

    Aber exakte Zahlen gibt es.

  • Benennen wir besoffenes Wettrennen als vorsätzlich in Kauf genommene Tötung anderer. Benennen wir den CO2-Ausstoß von feisten Karren als vorsätzlich in Kauf genommene Klimaschädigung auf Kosten anderer. Sprechen wir von Feinstaub, Lärm, dem Platzverbrauch auf Kosten der Kinder, den Verletzten, Toten.



    Auch in Deutschland. Die teure 50-Mio.-Auto-Sackgasse darf gerne auch wieder weitgehend verlassen werden.

    • @Janix:

      Ich fahre keine Wettrennen, schon gar nicht nehme ich vorsätzlich die Tötung anderer in Kauf.



      Ich fahre keine "feiste Karre", sondern einen betagten Citroen C1, meine Frau einen Dacia Sandero.



      Wir überkompensieren den CO2-Ausstoß des Autos durch Beteiligungen an Windparkprojekten.



      Ich fühle mich durch Ihren Rundumschlag gegen Autos und deren Fahrer persönlich angegriffen.

    • @Janix:

      Jeder kennt die Fakten, die meisten scheinen sie vorsätzlich zu ignorieren, die KFZ-Industrie und ihre Profiteure können sich noch entspannt zurücklehnen...



      Übrigens: Lärm und Klimaschädigung werden gerne auch zweirädrig (verbrennermotorisiert) sowie zu Wasser und in der Luft praktiziert.

    • @Janix:

      Ja, sie darf gerne wieder verlassen werden, nur: diese Regierung will das partout nicht. Die Auto- und Fossillobby verhindert das erfolgreich. Unser westlicher "Wert" ist Profit, nichts, gar nichts anderes ist von Belang...

    • @Janix:

      Wir müssen, wenn wir unserer Umwelt helfen wollen, nicht nur das Ergebnis ( das saubere E-Auto) sondern auch den Weg, wie es entsteht bewerten.



      Man könnte es in denglisch als Life-Time-Umweltbelastung bezeichnen.



      Also der Wege von der Gewinnung der Rohstoffe bis hin zur Stilllegung und Entsorgung und dem Recycling.♻️

      • @Sole Mio:

        Das gibt es schon. Und da kommen Elektroautos deutlich weniger schlecht weg als Verbrenner. Sie verursachen etwa ein Drittel der Umweltbelastung von Verbrennern über ihre Lebenszeit.

        • @Kahlschlagbauer:

          Habe mich ziemlich lange mit der Förderung der seltenen Erden und Kupfer auseinandergesetzt.



          Es ist erschreckend was dabei mit der Umwelt getrieben wird. In China gibt es mittlerweile Sammelbecken und ganze Seen mit jeweils bis zu 10km2 Fläche, die voll mit Säuren und radioaktiven Nebenprodukten aus der Gewinnung dieser sind.

          Da man munter alles versickern lässt kann in weitem Abstand drumherum niemand mehr leben und in noch größerem Radius ist keine Landwirtschaft mehr möglich.

          Dazu muss man wissen, dass China bezogen auf die Bevölkerung pro Kopf sehr wenig Zugriff auf Wasser hat.

          Wenn man die Mengen, die wir zukünftig benötigen werden dann einmal hochrechnet, wird einem bewusst, dass wir noch sehr viel Weg zu gehen haben

      • @Sole Mio:

        Alles elektrisch, aber sonst weitermachen wie bisher kann's doch auch nicht sein.



        Auch mit einem chicen Tesla kann man Fussgänger über den Haufen fahren.

        • @Carsten S.:

          Letzteres stimmt zwar, aber das weniger Schlechte ist besser, als das sehr Schlechte. E-Autos sind in vielerlei Hinsicht erheblich besser, als Verbrenner (CO2-Ausstoß, Lärm, Bremsabrieb, Schadstoffausstoß ...) aber wo immer möglich sind Zufußgehen, Rad fahren, ÖPNV und Bahn noch besser.