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Trotz MorddrohungenCollien Fernandes spricht in Hamburg vor rund 20.000

Mit schusssicherer Weste und Polizeischutz kommt Fernandes zur Demo gegen sexualisierte Gewalt. Tausende hören ihr zu – und rufen „Merz, leck Eier!“

Foto: Georg Wendt/dpa

Aus Hamburg

Linn Bertelsmeier

Eine Woche nachdem sie ihre Geschichte öffentlich gemacht hat, ringt Collien Fernandes um Worte. Sie steht auf einer Bühne vor dem Rathaus ihrer Heimatstadt Hamburg. Kurz schweift ihr Blick über die tausenden Demonstrierenden. Sie rufen ihr zu, applaudieren, pfeifen. Fernandes hebt das Mikrofon, holt Luft und sagt dann doch nichts. Der Jubel wird lauter. Sie atmet aus und versucht ein Lächeln. „Ich wollte hier raufkommen und stark sein“, sagt sie schließlich. Dann bricht ihre Stimme. „Aber ich schaff’s gerade nicht.“ In Fernandes’ Augen glänzen Tränen.

Dass Fernandes auf der Demonstration spricht, überrascht. Noch vor wenigen Tagen hatte sie wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Nach ihren Vorwürfen gegen Ex-Mann Christian Ulmen erhielt sie Morddrohungen. Jetzt sagt sie: „Ich stehe hier mit einer schusssicheren Weste und mit Polizeischutz und mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme. Weil Männer – zu 100 Prozent Männer – mich killen wollen.“

Ihre Stimme zittert, bleibt aber laut. „Und da muss man sich nicht mehr wundern, dass so viele Frauen einfach auch den Mut nicht haben, rauszugehen und zu sagen: Dieses und jenes wurde mir angetan.“ Fernandes spricht in den Jubel hinein: „Es heißt ja immer, er habe die Eier, dies und jenes zu machen. Das steht synonym für Mut. Und ich frage mich, wenn man die Eier hat, seine Frau digital zu missbrauchen, seine Frau gegen die Wand zu hauen oder was auch immer – warum hat man dann nicht die Eier zu sagen: Ja, ich war das? Warum sollen denn eigentlich die Frauen Licht in das Dunkelfeld bringen? Warum machen das nicht die Täter?“

Fernandes will die Mauer des Schweigens einreißen, auch diese Rede trägt dazu bei. Als sie die Bühne verlässt, wischt sie sich mit dem Ärmel ihrer Lederjacke über die Augen.

Über dem Rathausplatz ziehen Möwen Kreise. Der Wind zischt durch die Reihen. Die Veranstalterinnen schätzen 22.000 Menschen, erwartet haben sie 7.500. Die Polizei spricht von 17.000. Unter dem Motto „Es reicht!“ reiht sich Hamburg in eine Liste an Demos gegen sexualisierte Gewalt ein: vergangene Woche in Berlin, am Wochenende sollen Proteste in Köln und München folgen.

Collien Fernandes auf der Bühne auf dem Rathausmarkt Foto: Marcus Brandt/dpa

Fernandes ist kein Einzelfall

Hilfsangebote für von sexualisierter Gewalt Betroffene

Sie sind von digitaler sexualisierter Gewalt betroffen? Unterstützung bekommen Sie von Beratungsstellen wie HateAid, Weisser Ring e.V. oder dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016. Technische Hilfe gegen Cyberstalking bieten die Antistalking-Haecksen unter antistalking.haecksen.org.

Nicht nur Fernandes spricht an diesem Abend als Betroffene. Auch andere Rednerinnen teilen ihre Erfahrungen mit Gewalt in der Familie, in der Partnerschaft. Immer wieder wischen sich Frauen beim Zuhören Tränen aus dem Gesicht. Der Schmerz und die Wut sind so präsent, dass man fast nach ihnen greifen kann. Es wird klar: Fernandes ist kein Einzelfall. Das Problem liegt im System.

Ein paar Demonstrantinnen wippen von einem Bein auf das andere, ihre Nasen sind rot angelaufen. Sie rücken näher zusammen, nehmen sich in den Arm und rubbeln sich warm. Eine Mutter klebt ihrem Kind ein Wärmepflaster auf den Rücken. Hinter ihnen erstrahlt das Rathaus. Im Licht glitzert ein Uterus aus Pappe, daneben blinkt ein Schild mit Lichterkette: „Stoppt Täter!“

Dann kommt Luisa Neubauer auf die Bühne, die auch bei der Demo in Berlin sprach. „Was zur Hölle muss denn noch passieren, damit unser eigener Kanzler ein einziges Mal sagt: Ich sehe euch, ich höre euch, ich stelle mich vor euch, hinter euch …“ Die Rufe der Demo verschlucken den Rest. „Merz, leck Eier!“, hallt es über den Platz.

Schützt Spanien seine Frauen besser?

In der aktuellen Folge der Fernverbindung spricht Redakteurin Tanja Tricarico mit Spanien-Korrespondent Reiner Wandler über den Schutz vor digitaler Gewalt in Spanien.

Neubauer beantwortet ihre Frage selbst. Nichts müsse noch passieren, denn der Horror sei schon da: „Und wir können annehmen, dass die schlimmste Gewalt, der Hass, der unsere Vorstellungskraft übersteigt, noch weiter im Verborgenen ist.“

„Macker in die Elbe“

Nach Neubauers Rede endet die Demo, die Menge löst sich auf. Vor der Bühne bleibt eine Gruppe junger Frauen stehen, ihre Plakate unter den Armen. Zu fünft bilden sie einen Kreis und rufen: „Alle wollen dasselbe, Macker in die Elbe!“ Die umstehenden Frauen stimmen ein. Eine streckt ihren Arm in die Luft, die Hand geballt zu einer Faust.

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20 Kommentare

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  • Hui - vulgäre Wort künden Wut.



    schnell kurzfristig so viele Protestbewegte.



    Danke!



    Das ist die Fortsetzung der Demos gegen Rechts. eine neue Welle Sehr gut!

  • Schade, dass es immer erst einen konkreten Täter geben muss, ist ja nicht so, dass Fr. Fernandes nicht bereits seit Jahren das Problem ihrer geklauten und missbrauchten Identität allen desinteressierten Polizisten und gelangweilten Strafbehörden unterbreitet hat. Nun, da Sie den Täter namentlich outcalled bekommt sie Morddrohungen. Ein Idiot der da noch das Thema Frauenhass und Männergewalt in Abrede stellen möchte. Ich danke Fr. Fernandes führ ihren immensen Mut, schade dass es immer erst Promis braucht damit strukturelle Probleme auch bei den Eierleckern ankommen.

  • Wie peinlich, dieser Bundeskanzler. Jenseits von jeglichem Niveau, wähnt er sich vielleicht auf einem Schützenfest im Sauerland. Chapau hingegen für Frau Fernandes. Den Hornochsen die Stirn geboten. Zum Glück schweigt Oliver Kahn, der Fachmann für Eier.

  • Aram Ockert , Autor*in ,

    Respekt. Das muss man auch erst einmal hinbekommen. Ein Jubelartikel, in dem sich nicht ein einziges kritisches Wort verirrt hätte, in dem es keinen Zweifel gibt, ob denn wirklich alles so war, wie Frau Fernandes behauptet, dass es gewesen sei.

    Keine Fragen zur Orchestrierung, zum fragwürdigen Geraune des Spiegel-Artikels, der der Start des Spektakels war, auf dessen vorläufigem Höhepunkt sich Fernandes angeblich so positioniert haben soll: „Ich stehe hier mit einer schusssicheren Weste und mit Polizeischutz und mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme. Weil Männer – zu 100 Prozent Männer – mich killen wollen“.

    Waren es keine anonymen Morddrohungen?

    Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, hätten – auch wenn man persönlich nicht den geringsten Zweifel an der Fernandes-Erzählung hat – zumindest ein paar Fragen aufgeworfen oder doch zumindest mitgeteilt, dass der ausgemachte Täter das ihm Unterstellte bestreitet.

    • @Aram Ockert:

      Man möchte meinen, ein selbsternannter (?) Autor weiß besser zu recherchieren, zumal er schlechte Recherche der taz, präziser der aktuellen (echten) Autorin vorwirft. Ein kritisches Wort ist nun wirklich das letzte was es da braucht, wenn Fr. Fernandes bereits seit Jahren den Missstand ihrer beklauten Identität öffentlich bespricht, bereits eine ZDF Doku dazu abgedreht wurde und Hr. Ulmen wiederum, auch schon vor Jahren die äußerst befremdliche Show „Who wants to fuck my girlfriend?“ drehte. Der „Start des Spektakels“ ist nicht etwa letzte Woche zu verorten, er liegt irgendwo zwischen der ersten Chatnachricht der falschen Fernandes „mutmaßlich“ initiiert von ihrem Ex-Mann, der häuslichen Gewalt ausgehend von ihrem Ex-Mann strafrechtlich erfasst in Spanien und dem ersten Deepfake Porno in dem Fr. Fernandes von mehreren Männern vergewaltigt wurde. Autor*innen die Ihren Job ernst nehmen, wissen zwischen Aufregungsökonomie und wirklich qualitativen Beiträgen, zumal vor den erschreckenden Abgründen des maßlosen Frauenhasses und epischen Ausmaßes zunehmender Gewalt gegenüber FLINTA*, zu unterscheiden.

      de.wikipedia.org/w...k_my_girlfriend%3F

  • Ich verstehe, dass es Leute gibt, die sich bezüglich zivilisatorischen Fortschritts noch in der Zeit der Sache mit Keule und Höhle befinden. Aber Morddrohungen an das Opfer? Du liebe Güte ...

  • Ja, ich kenne auch diese Arschloch-Männer; es sind oft die erfolgreichen, die sogenanten „Alpha“-Männchen. Da liegt auch der Fehler im System.



    Oder hab ich da ein Vorurteil?

  • Für alle feigen Eier Lecker:

    Aktuelle Statistiken (Stand Nov. 2025/Feb. 2026):



    Höchststand der Gewalt: Die Zahl der Opfer von Partnerschaftsgewalt ist gestiegen; 2024 waren knapp 79,3 % der Opfer weiblich.



    Häusliche Gewalt allgemein: Mehr als die Hälfte (54,2 %) der Opfer von innerfamiliärer Gewalt sind Frauen.



    Tötungsdelikte: Im Jahr 2023 wurden 155 Frauen durch ihre Partner oder Ex-Partner getötet.



    Digitale Gewalt: 61,2 % der registrierten Opfer digitaler Gewalt sind weiblich. Im Partnerschaftskontext stieg diese Form der Gewalt 2024 um 10,9 %.



    Dunkelfeld: Eine Studie vom Februar 2026 zeigt, dass nur wenige Betroffene Anzeige erstatten, was auf eine hohe Dunkelziffer hindeutet.



    Stalking: Von Stalking berichteten viele der in der EU befragten Frauen.

    • @Andreas Flaig:

      Danke 👏🏿👏🏽👏🏻👏 ich klatsch mal ab:

      2024 Anstieg der frauenfeindlichen Straftaten um 73,3 %, im Vorjahr ein Plus um 56,3 % Hauptanteil machen Beleidigungen aus.

      Sexualstraftaten: 2024 sind von 53.451 weiblichen Opfern knapp die Hälfte zum Tatzeitpunkt MINDERJÄHRIG. Der Anteil weiblicher Opfer liegt bei 85,9 %; davon 36,4 % sexuelle Belästigung, 35,7 % Vergewaltigung (Nötigung, Übergriff) & 27,5 % sexueller Missbrauch Minderjähriger.

      Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung: 2024 593 weiblicher Opfer machen insgesamt 91,5 % aller Opfer aus.

      Häusliche, digitale Gewalt und Femizide hat Kollege Andreas schon abgedeckt.

      Weitere auch in Deutschland gegebene Gewalt gegen Frauen finden statt in der Geburtshilfe, Weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheirat bewegen sich sicher größtenteils im Dunkelfeld.

      @Vigoleis: wohl doch ein größeres Systemproblem, ne wa.

    • @Andreas Flaig:

      Mal ab davon, dass Beschimpfungen, Beleidigungen und Kraftausdrücke aller Art eigentlich unter die Nettiquette fallen, wenn jemand schon für sich selbst kein Problem in deren Gebrauch sieht: Aber was (oder wen) um alles in der Welt darf ich mir unter einem "feigen Eier Lecker" vorstellen? Auf wen ist dieser Ausdruck gemünzt?

  • Collien Fernandes: „Ich stehe hier mit einer schusssicheren Weste und mit Polizeischutz und mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme. Weil Männer – zu 100 Prozent Männer – mich killen wollen.“

    Nein, das sind keine echten Männer. Ich würde ja gerne schreiben, dass das Schweine sind, aber damit beleidige ich nur die armen Hauschweine (Sus scrofa domestica) und denen tun wir schon genug an, indem wir sie als Schnitzel und Schinken verspeisen.

    Wir - die echten Männer - distanzieren uns von solchen "Männern" und unterstützen natürlich die Frauen in ihrem Kampf gegen solche "Männer".

    Es ist auch erbärmlich, dass wir in einem aufgeklärten Europa immer noch über sexualisierte Gewalt gegen Frauen reden müssen, denn so etwas sollte schon lange kein Thema mehr in einer normalen und funktionierenden Gesellschaft sein.

  • Morddrohungen? Was geht denn bei denen im Kopf ab? Das kann man als normaler Mensch gar nicht begreifen. Leider sind die Strafen für solche (ja, und andere) Taten hierzulande viel zu gering und auch die Verfolgbarkeit durch fehlende Datenspeicherung viel zu wenig gegeben.

  • Manchmal schäme ich mich, das ich ein Mann bin.



    Ich bin froh das ich von meiner Mutter gut erzogen wurde.

    • @Captain Hornblower:

      Man kann nichts dafür, als was man geboren wurde.



      Wichtig ist, wie man lebt.

      Nicht als Kritik gemeint: Es ist nicht die Mutter allein.



      "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen!" Die Quelle finde ich nicht, das Sprichwort halte ich für zutreffend.



      Leider ist das Dorf zu schnell zu groß geworden und durch die Daumentrainer unkritisch zu kontaktieren.

  • Mir ist klar, dass man nicht ein Leid gegen das andere Leid ausspielen darf.



    Und trotzdem, so schlimm das ist, habe ich Störgefühle. Es macht einen betroffen, dass hier eine eher glamouröse Selbstinszenierung erfolgt, während die viel handfestere Gewalt gegen Frauen immer noch nicht adressiert wird. Gerade hat sich eine Frau in Spanien mit staatlicher Hilfe umgebracht, weil sie nach einer Gruppenvergewaltigung offenbar nicht hinreichend therapiert wurde, nach einem ersten Selbstmordversuch querschnittgelähmt war und den Lebenswillen verloren hat.

  • Es gibt diesen Einzelfall. Es gibt andere solcher Fälle. Wenn max. 20.000 Menschen zu einer thematischen Demo zusammenkommen, kann davon ausgegangen werden, dass es eine höhere Anzahl vom Thema Betroffene unter den Teilnehmerinnen gibt. Aber daraus ein "systematisches Problem" zu machen? Wenn es zu Straftaten kam, müssen diese, und zwar jede einzelne Straftat einzeln verfolgt und mit der ganzen Härte des Gesetzes geahndet werden. Ich habe in den Fällen sexualisierter Gewalt gegen Frauen noch nie anders gedacht, ebenso wenig ganz allgemein.



    Aber dies hier als Aufforderung in der Demo skandiert "„Alle wollen dasselbe, Macker in die Elbe!“" ist ein Aufruf zur Gewalt gegen Unbeteiligte und der fällt im Zweifel darunter:



    Der Volksverhetzung schuldig macht sich, §1 StGB (1)... "wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen dessen Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert."

    • @Vigoleis:

      Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt, denn „Mackers“ können schwimmen. Auch in der Elbe. [/ironie]

    • @Vigoleis:

      §130 StGB hier ins Spiel zu bringen, finde ich schon ziemlich kreativ. „Macker“ ist weder eine geschützte noch eine klar abgrenzbare Bevölkerungsgruppe, vielmehr ist es ein Schlagwort für ein bestimmtes Verhalten oder Auftreten. Selbst als Aufforderung zu Straftaten (§111 StGB) wirkt der Slogan reichlich ungeeignet – viel zu unkonkret. Ja, der Spruch ist geschmacklos. Aber ihn gleich zur Volksverhetzung zu erheben, halte ich juristisch doch für eine recht steile These.

    • @Vigoleis:

      Echt jetzt? Du hast ja gar nichts verstanden!

    • @Vigoleis:

      Korrektur: Paragraph 130 StGB