piwik no script img

Tennis-Affäre um Kai Wegner Abstreiten, angreifen, ablenken

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Der Regierende Bürgermeister droht gegen eine kritische Recherche des „Tagesspiegels“ zu klagen. Ein durchschaubarer Versuch, von Kritik abzulenken.

W as macht man als Regierender Bürgermeister, der kritische Berichterstattung über sich selbst verhindern will, aber eigentlich gar keine Handhabe hat? Ganz genau: Man zündet Nebelkerzen und versucht so, die Berichterstattung zu diskreditieren. Ganz nach dem Motto des im Englischen als die „4 Ds der Verantwortungsvermeidung“ bekannten Prinzips: deny, deflect, defend, diffuse. Zu Deutsch: Alles abstreiten, Nebenschauplätze aufmachen, sich aggressiv zur Wehr setzen und dann erklären, das Problem gebe es gar nicht.

Wie Kai Wegner (CDU) mit der Tennis-Affäre umgeht, folgt exakt diesem Muster. Am Dienstag wurde bekannt, dass er die Öffentlichkeit über sein Krisenmanagement nach dem verheerenden Stromanschlag im Berliner Südwesten Anfang Januar noch stärker getäuscht hatte, als bisher bekannt. Wegners Reaktion: die Recherchen in Zweifel ziehen und ankündigen, gegen die kritische Berichterstattung klagen zu wollen.

Anfänglich hatte Wegner erklärt, sich „zu Hause eingeschlossen“ zu haben, um die Krise zu managen und unterschlug, dass er zwischendurch Tennis spielen war. Das rechtfertigte er anschließend damit, dass er nach den vielen Telefonaten am Vormittag „mal den Kopf freikriegen“ wollte. Doch laut Tagesspiegel haben diverse dieser Telefonate überhaupt nicht am Vormittag stattgefunden, sondern wesentlich später und weniger intensiv als dargestellt.

Als Reaktion verschickte die berüchtigte Medienrechtskanzlei Schertz Bergmann eine „Presseerklärung für Kai Wegner“, aus der hervorgeht, dass der Regierende die Berichterstattung als „haltlos“ betrachtet. Von einer „kampagnenartigen Formulierung“ ist die Rede, und davon, dass die Kanzlei „presserechtliche Schritte“ prüfen werde.

Aus dem populistischen Playbook

Nur: Eine Unterlassungserklärung, die der Medienanwalt Christian Schertz ansonsten recht freimütig verschickt, ist beim Tagesspiegel bisher nicht eingegangen. Das ist auch kein Wunder, denn die Recherche ist tadellos: Die Zeitung hat die Senatskanzlei verklagt, Informationen zu Wegners Tagesablauf freizugeben – und diese widersprechen dem, was Wegner bisher kundgetan hat. Angreifbar dürfte daran kaum etwas sein.

Wegner insinuiert eine Medienkampagne

Die öffentlichkeitswirksame Ankündigung einer Klage – ob sie noch kommt oder nicht – dürfte deshalb vor allem einen anderen Zweck erfüllen: Die Tatsache, dass Wegner die Öffentlichkeit getäuscht hat, im kollektiven Gedächtnis irgendwie als umstritten zu markieren, als ungesicherten Vorwurf. Ein Fehlverhalten streitet Wegner weiter ab, insinuiert stattdessen eine Medienkampagne und verweist darauf, dass ja wohl jeder das Recht auf ein bisschen Sport hätte – ganz entsprechend der vier Ds.

Ganz ähnlich hat sich diese Woche die Innenverwaltung verhalten, als sie eine von ihr selbst beauftragte Studie zur Versammlungsfreiheit noch vor Erscheinen zu diskreditieren versuchte, weil die Ergebnisse der aktuellen Senatspolitik zuwiderlaufen. Wissenschaft und Medien angreifen, weil diese regierungskritisch sind, sind Methoden aus dem populistischen Playbook.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Oliver Korn-Choodee

    Ach Kai, Du bist so 1 Bürgermeister!

  • Martin Rees

    In einem Satz eines Politikers oder einem Headliner einer Tageszeitung mit Reichweite und Tiefenwirkung sollten vor Wahlen drei Worte besser nicht gemeinsam erscheinen:



    "Recherche, droht, klagen"



    Das kann ins Auge gehen.



    Bei spiegel.de Dezember 2025



    "Auch Teile der Union kritisieren nun Merz’ Vorgehen: Unionspolitiker, die in der »Welt am Sonntag« nicht namentlich genannt werden, fürchten, dass die rigorose Verfolgung von Beleidigungen der Partei politisch schaden könnte. »Nach der Hausdurchsuchung bei dem Typen, der Habeck einen ›Schwachkopf‹ genannt hatte, fanden wir das nicht mehr vermittelbar, dass auch Merz so etwas macht.« Ein anderer sagte: »Die Strafanträge von ihm werden uns sicher auf die Füße fallen.«



    Also Vorsicht bei der Auswahl der Agentur oder Kanzlei und Augen auf bei der Drohung im "Freien Raum"!

  • Janix

    Wegner ist fällig. Die Mitschuld an dieser Fehlbesetzung liegt nicht nur beim Wähler m/w/d Berlins, sondern auch beim Giffeyteil der SPD.



    Die nächste Wahl kommt ja.

  • Il_Leopardo

    Der Tagesspiegel will einfach nicht verstehen, dass Kai Wegner seinen Kopf rein "vorsorglich" freibekommen wollte. Dass die Telefonate dann später weniger intensiv waren, konnte er doch nicht ahnen.

  • Peter Teubner

    Was ist denn ei populistisches Playbook?

    • Il_Leopardo

      @Peter Teubner:

      Playbook:



      Gesamtheit aller festgeschriebenen Spielzüge einer Mannschaft [Gebrauch: Football]



      Wissenschaft und Medien angreifen, weil diese regierungskritisch sind, sind Methoden aus dem populistischen Playbook.



      In meinem Playbook steht z.B. mögliche Angriffe zu verhindern, indem ich meinerseits einen Angriff starte. Ist jetzt nicht so ernst gemeint.

    • Rufus

      @Peter Teubner:

      playbook wird als Leitfaden übersetzt.



      Und hier die Definition von ei:



      „Das Ei, lateinisch ovum, ist ein System, das in einem frühen Stadium der Entwicklung (Ontogenie) eines Eier legenden Tieres (Ovipars) gebildet wird.“



      de.wikipedia.org/wiki/Ei