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Wie der Linke-Chef um Stimmen wirbtMamdani für Arme

Mit Videos in verschiedenen Sprachen wendet sich Jan van Aken an migrantische Wäh­le­r:in­nen in Baden-Württemberg. Kann das gutgehen?

Kann auch in mehreren Sprachen gestikulieren: Jan van Aken beim Wahlkampf in Stuttgart Foto: Katharina Kausche/dpa

Drei Tage vor der Wahl wendet sich Jan van Aken auf Instagram und Tiktok noch einmal an die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg. Allerdings ohne Worte: Er gestikuliert in Gebärdensprache. Dann tritt eine Gebärdensprachdolmetscherin neben ihn. „Habt ihr das verstanden?“, fragt sie mit Handbewegungen. „Er übt noch“, fügt sie hinzu und führt seinen Vortrag fort.

Es ist das letzte Video einer ganzen Reihe. In den vergangenen Wochen hat sich der Parteichef der Linken vor der Landtagswahl schon auf Italienisch, Türkisch, Griechisch, Arabisch und Bosnisch an seine Social-Media-Followerschaft gewandt. Mal aus einer Haustür oder einer Toreinfahrt um die Ecke kommend, mal auf der Straße stehend, lässig in Jeans, Hemd und mit Strickjacke oder im Kurzmantel gekleidet, sprach er da mit fremder Zunge in die Kamera.

Die Botschaft war und ist immer dieselbe: Die Mieten in Baden-Württemberg seien viel zu hoch. Jobs gingen verloren und im Parlament werde viel geredet, aber zu wenig für höhere Löhne getan. Darum solle man bitte am 8. März der Linkspartei die Stimme geben. Sie könnte erstmals in den Landtag in Stuttgart einziehen.

Auch andere Parteien haben schon Wahlwerbung in anderen Sprachen gemacht – sogar die AfD, die sich in der Vergangenheit etwa auf Russisch um die russlanddeutsche Community bemüht hat. Im Bundestagswahlkampf 2025 warb Jan van Akens Co-Chefin Ines Schwerdtner in ihrem Ostberliner Wahlbezirk Lichtenberg am Dong-Xuan-Center, dem größten Asiamarkt der Stadt, mit einem riesigen Plakat auf Vietnamesisch für sich. Dort, in der Hochburg der Community, buhlte auch die AfD mit Hilfe ihrer hessischen Abgeordneten Anne Nguyen um die Stimmen der mehreren Tausend Menschen vietnamesischer Herkunft.

Der erste Parteichef, der in fremden Zungen spricht

Doch Jan van Aken ist der erste Parteichef, der sich selbst auf verschiedenen Sprachen an Wählerinnen und Wähler wendet. Inspiration dafür war offensichtlich Zohran Mamdani, der linke Bürgermeister von New York, der in seinem Wahlkampf Videos auf Arabisch, Hindi, Bangal, Urdu und Spanisch produzierte. Die Videos von Mamdani, dessen Mutter die mehrfach preisgekrönte Filmemacherin Mira Nair ist, hatten Hollywood-Niveau. Die Low-Budget-Clips von Jan van Aken entsprechen eher dem Standard einer deutschen Vorabendserie: Mamdani für Arme.

Warum setzt die Linke nicht auf Stimmen aus der Community?

Özgür Özvatan, Sozialwissenschaftler und Politikberater

Aber können sie trotzdem zünden? Özgür Özvatan ist skeptisch, er findet die Polit-Werbespots von Jan van Aken „ambivalent“, wie er der taz sagt. Sie erinnern ihn an den Multikulti-Stil der 1990er Jahre. Der Berliner Sozialwissenschaftler und Politikberater hat erforscht, wie deutsche Parteien migrantische Wählerinnen und Wähler umwerben. Er glaubt nicht, dass die Videos des Linken-Chefs bei ihnen sonderlich verfangen: Seine Aussprache klinge hölzern, die Worte auswendig gelernt und die Ansprache durch den Parteichef wirke etwas paternalistisch. „Warum setzt die Linke nicht auf Stimmen aus der Community?“, fragt er. Die Partei hätte doch genug migrantische Aktivisten und Politikerinnen in ihren Reihen. Das wäre authentischer gewesen.

Das gilt um so mehr, als in Baden-Württemberg mit Cem Özdemir von den Grünen ein Politiker mit Migrationshintergrund für das Amt des Ministerpräsidenten kandidiert. Özdemir verweist zwar immer mal wieder selbstbewusst auf seine Einwanderer-Aufstiegsgeschichte, wenn es gerade passt. Aber er verzichtet bewusst darauf, die Wählerinnen und Wähler im Ländle in einer anderen Sprache als Schwäbisch anzusprechen: er will ja eine Mehrheit erreichen.

Womöglich hätte es deshalb auch schon gereicht, Jan van Aken eine Muttersprachlerin oder einen Muttersprachler zur Seite zu stellen, um sein gut gemeintes Sprachführer-Kauderwelsch zu übersetzen. So wie er es bei seinem Vortrag in Gebärdensprache gemacht hat. „Habt ihr das verstanden?“

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19 Kommentare

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  • 》„Warum setzt die Linke nicht auf Stimmen aus der Community?“, fragt er. Die Partei hätte doch genug migrantische Aktivisten und Politikerinnen in ihren Reihen. Das wäre authentischer gewesen《



    .



    "Antisemitisch" lässt van Aken jedenfalls sonst von anderen sprechen. Z.B. von Ahmed Abed oder Ferat Koçak in Berlin (hier der taz-Artikel über den internen Streit der Linken zum Thema, 2024 (besser geworden ist es nicht): taz.de/Antisemitis...geld.%20*%20verlag.



    .



    Zu Mamdani schreibt die JA: 》Doch bei jüdischen New Yorkern offenbart sich der angebliche »Bürgermeister für alle« als bedenklich sortenrein. Nun darf der lupenreine Antizionist im scheinliberalen Gewand, amtlich provozieren, polarisieren und das antisemitische Dreifaltigkeits-Vokabular predigen: BDS, Genozid, Apartheid.《 www.juedische-allg...lz-der-keiner-ist/



    .



    Mit viel Wohlwollen kann wan van Aken vielleicht zugute halten, dass er da nicht selbst agitiert. Eher schlecht aber kann eine*m werden, wenn dank solcher "Sprachgenies" 5%-Hürden überwunden oder sogar Mehrheiten in Parlamenten ("Zünglein an der Waage") zustande kommen...

  • Ich finde es gut, auch wenn es noch sehr holprig rüberkommt. Jeder Anfang ist schwer und wird vielleicht jetzt noch nicht zum erwünschten Erfolg führen, aber ich halte den eingeschlagenen Weg für richtig, da sich Migranten vorher kaum in einer Partei wiederfinden konnten. Merz stört sich am Stadtbild, Habeck forderte von allen Muslimen in Deutschland eine Distanzierung von der Hamas, die SPD ist bei jeder Asyleinschränkung vorne mit dabei und die Linke war in der Vergangenheit zu oft noch mit der Causa Wagenknecht beschäftigt. Nachdem sie diesen Bremsklotz losgeworden ist, bedarf es einer Veränderung und neuen Ideen. Für manche mag sie zu progressiv sein, jedoch hat sie in ihrem Wahlprogramm die wichtigsten Themen der Bürger, auch mit Migrationshintergrund, abgedeckt. Jetzt gilt es, dieses Programm den Menschen nahe zu bringen und zu erklären. Zudem gibt man den Menschen auch so das Gefühl der Teilhabe an der Gesellschaft, der Demokratie und welchen Weg wir einschlagen.

  • Die Linke probiert etwas, wenigstens, sie haben gute Chancen, in den Landtag zu kommen, das ist doch ein Lichtblick und ein guter Ansporn für Özdemir.

    • @Andreas_2020:

      Warum sollte eine regierende Partei eine Partei, die bangen muss, endlich mal die 5-%-Hürde zu knacken, als Ansporn nehmen?

  • Die Linkspartei ist - nicht zuletzt aufgrund ihrer pro-palästinensischen Haltung - bereits die Partei der Muslime in Deutschland.

    Aber das alles hat Grenzen und innere Widersprüche. Viele konkrete progressive Inhalte stoßen bei den gesellschafts- und kulturpolitisch eher konservativ bis rechten Einwanderercommunitys auf wenig Gegenliebe und letztlich bedient man ja auch nur völkische-nationalistische Impulse...ähnlich wie die AfD bei den russischsprachigen Migranten...

    • @Chris McZott:

      Ähnlich wie Netanyahu und sein Kabinett in Israel, dabei mit einer ethnisch-religiösen Variante.







      Und wenn hier die Linke einfach universal denkt und eben auch Palästinensern und Muslimen Rechte zugestehen will, auch wenn die sie kaum wählen? Und eben von Molwanien, Marokko und auch Israel Völkerrecht einfordert?

      • @Janix:

        Wenn dass wirklich universal und einigermaßen widerspruchsfrei erfolgt, sage ich auch nichts dagegen.



        Aber was ist/war z.B. mit China, Russland oder Kuba ("Cuba si")?

        In der Realität sympathisiert die Linke mit faschistischen Akteuren (Hamas und Co.), übernimmt völkisch-religiöse Positionen (Kopftuch) oder tabuisiert Kritik am eingewanderten Rechtsextremismus. Alles in der Hoffnung, so bei den migrantischen Wählern zu punkten. Kurzfristig mag das auch aufgehen.

        Mit Netanyahu und seinem Kabinett hat das nichts zu tun...

        • @Chris McZott:

          Die Hamas ist übel, aber f*?



          Das Kopftuch wäre völkisch-religiös? Wie jetzt?



          Der Rechtsextremismus ist hierzulande leider immer noch, der gegen Immigranten herzieht und denen die gleichen Rechte abspricht.



          China, inzwischen merkantil-kapitalistisch-nationalistisch, ist genauso wenig Freund wie Sowjetunion/Russland oder Kuba. Wobei ich das Nixon nó des Spruchs verstehe und mir nicht Habana als Bordell der USA zurückwünschen würde.



          Regeln gelten dabei auch für alle.

  • Mir kommt das so vor als wolle man damit Rechte provozieren (oder so tun) und damit bei Biodeutschen Exgrünen im Urban - Studentischen Millieu sich anbiedern - die wahre Zielgruppe der Linkspartei.

    Die mit Arbeiterschaft mit Migrationshintergrund dürfte sich veralbert vorkommen. Da seine Aussagen in den Clips ja nichts spezifisches mit der Sprache zu tun haben (etwa auf Farsi was zum Iran sagen etc). Ist ja Übersetzung am Fließband.

    Und jeder der in BW wählen darf kann ja deutsch sprechen und verstehen.

    • @Tim Hartmann:

      Der letzte Satz lässt mich vermuten, dass Sie Baden-Württemberg entweder nicht kennen - oder es nie verließen. ; )

      Dass er dieselbe Botschaft vorbringt, kann auch ein Vorteil sein. Die Lindner-FDP versprach in Uni-Vierteln höchsten Klimaschutz und in Vorstädten Auto - damit war sie inhaltlich an der Macht paralysiert.

  • Mamdani für Arme ist doch gut!



    Für wen sonst?

    • @Joe Schmoe:

      Für Katherina Reiche.

      Nee, lieber nicht.

  • Kann der Linke alles - außer Schwäbisch? Könnte eine Erklärung sein.

    • @vieldenker:

      Als Hamburger sicher. 'Ois', aber wohl maximal Messingsch bei den Varianten.



      Ich habe mal eine Ex-Düsseldorferin an versuchtem Schwäbisch scheitern gehört, als Direktkandidaten auf großem Platz. Was für ein Raunen bei den Schs zuviel. Egal, über die Liste kam sie hinein.



      Die hier vorgeschlagene Idee von Tandems finde ich am sinnvollsten. Von Mamdani lernen ...

      Aber parallel könnte die taz ja auch mal über die Inhalte noch mehr und über Lifestyle und Stil weniger berichten?

  • „Warum setzt die Linke nicht auf Stimmen aus der Community?“

    Weil man dann in der Community telegene Leute finden muss, die bereit sind dafür ihr Gesicht in die Kamera zu halten?

    Oder weil man ohne Kamera das kopieren würde, was die Альтернатива для Германии schon seit bald 20 Jahren in Baden-Württemberg macht?

    • @FriedrichHecker:

      Es sind dort nicht vielleicht welche aus der Community, sondern eher Möchtegern-AfD-Mandatsträger mit russlanddeutschem Hintergrund in Neugereut-Nowgorod?



      Universal eben auch für Menschen da sein mit anderer Muttersprache wäre auch ein Ansatz, der auch gut zu einem linken Ansatz passen würde.



      Dann noch den Sendung-mit-der-Maus-Abspann: Das war auf ... ;)

  • Supi, der internationale Sozialismus wird siegen! Hoffentlich nicht!

    • @FraMa:

      Was haben Sie grundlegend gegen einen "Sieg" des internationalen demokratischen Sozialismus?

      Was begeistert oder überzeugt Sie am derzeitigen Marsch des internationalen Kapitalismus der Oligarchen, Oligarchien, Imperien, Monopole und ruchlosesten Armeen? Die haben lange schon unangefochten das Heft in der Hand. Welche ihrer Erfolge, was gefällt Ihnen, das in dieser Verantwortung zur heutigen Gegenwart wurde?

      Zumal der internationale demokratische Sozialismus gar kein "Sieg" beansprucht. Den gibt es nicht. Demokratischer Sozialismus ist ständiger Prozess der Aushandlung, der Kompromisse, des kritischen Hinterfragens von Selbstgewissheiten.

    • @FraMa:

      Lieber der _inter_nationale.



      Die Linke ist kaum linker als die SPD noch 1997. Irgendjemand im Politspektrum muss ja auch mal links für die große Mehrheit der Menschen sein. Mitte und Rechts sind ja schon überlaufen.