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Kontaktgebühr bei ArztbesuchEintrittsgelder für die Arztpraxis?

Wie sind steigende Kosten für die medizinische Versorgung unter Kontrolle zu bekommen? Verbandsvertreter fordern neue Gebühren, Patientenschützer warnen.

Kontaktgebühr: eine direkte Untersuchung vom Arzt könnte bald zusätzlich kosten Foto: Wosunan Photostory/imago

Patientensteuerung, Arztgebühren, Primärarztsystem – Verbände und Patientenvertreter treiben die Debatte um Gesundheitskosten auch zwischen den Jahren weiter voran. Kassenärzte und Krankenhäuser fordern eine stärkere finanzielle Beteiligung von Pa­ti­en­t:in­nen bei Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten. Der Patientenbeauftragte Stefan Schwartze warnt stattdessen vor „Eintrittsgeldern in der Arztpraxis“.

Kontaktgebühr bei jedem Arztbesuch

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, forderte eine „Kontaktgebühr“ bei jedem Arztbesuch. „Sie könnte, wie zum Beispiel in Japan, bei drei oder vier Euro liegen und sollte von den Krankenkassen eingezogen werden. So könnte die Einnahmebasis der Kassen erhöht werden“, sagte Gassen der Bild. Die Gebühr müsse sozialverträglich gestaltet werden, damit niemand überfordert werde.

Im Oktober hatte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) bereits eine Kontaktgebühr gefordert. Dies würde eine bessere Steuerungswirkung entfalten als die einstige allgemeine Praxisgebühr. Die Zahl unnötiger Arztbesuche und „Ärzte-Hopping“ könnten vermieden und damit Wartezeiten verkürzt und Praxen entlastet werden, hieß es in einem BDA-Positionspapier von Oktober. Sozialverbände und Gewerkschaften kritisierten den Vorschlag indes als „unsozial“ und „undurchdacht“.

Patientenbeauftragter warnt vor „Eintrittsgeld“

Eine generelle Praxisgebühr für Arztbesuche gab es für gesetzlich Versicherte von 2004 bis Ende 2012 in Höhe von pauschal zehn Euro pro Quartal. Diese führte jedoch zu einem erheblichen Verwaltungsaufwand, die Einsparungen blieben hinter den Erwartungen zurück. Zugleich ging die Zahl der Arztbesuche zurück, was Befürchtungen auslöste, dass auch medizinisch sinnvolle Vorsorgetermine oder Behandlungen ausblieben.

Der Patientenbeauftragte Stefan Schwartze äußerte sich am Montag in einem Interview bei web.de kritisch gegenüber einer Gebühr bei Arztbesuchen. „Ich warne dringend vor allen Maßnahmen, die auf ein Eintrittsgeld in die Arztpraxis hinauslaufen“, sagte Schwartze. Der SPD-Bundestagsabgeordnete forderte darüber hinaus sogenannte IGeL-Leistungen abzuschaffen. Diese individuellen Gesundheitsleistungen, die Pa­ti­en­t:in­nen selbst zahlen müssen, seien laut Schwartze häufig nicht evidenzbasiert.

Auch Krankenhäuser wollen Pa­ti­en­t:in­nen stärker zur Kasse bitten

Der KBV-Chef schlägt zugleich die Einführung eines „digitalen Ärzte-Lotsen“ für Pa­ti­en­t:in­nen vor, um die Zahl unnötiger Arztbesuche zu reduzieren und Kosten zu senken. Dieser Lotse solle Pa­ti­en­t:in­nen beraten und Arztbesuche koordinieren. „Durch eine solche Koordination für Patienten könnten unnötige Doppel- und Dreifachbehandlungen verhindert werden“, sagte Gassen. Dieser Lotse könne bei entsprechender Finanzierung über die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, 116 117, etabliert werden.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sprach sich ebenfalls für eine stärkere Patientenbeteiligung aus. Die Zuzahlung bei Krankenhausaufenthalten soll verdoppelt werden, von 10 auf 20 Euro am Tag. „Das ist angemessen“, sagte Gerald Gaß in der Bild. Den Krankenkassen bringe das zusätzlich rund 800 Millionen Euro im Jahr. Er forderte zudem, auch diejenigen zur Kasse zu bitten, die ohne vorherige telefonische Beratung die Notfallzentren der Krankenhäuser aufsuchen. 30 bis 40 Euro seien angemessen, so Gaß.

Regierung plant große Reform

Die schwarz-rote Bundesregierung will im neuen Jahr eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung angehen. Ziel ist, den zuletzt immer schnelleren Ausgabenanstieg für die Versorgung zu begrenzen und weitere Beitragsanhebungen zu vermeiden. Eine Expertenkommission soll bis März Vorschläge zur Stabilisierung ab dem Jahr 2027 vorlegen. Bis Ende 2026 sollen weitergehende Reformvorschläge folgen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte deutlich gemacht, dass es um mehr Effizienz und Steuerung gehen soll. Alle Einnahmen und Ausgaben sollen auf den Prüfstand. Es werde Veränderungen „für alle“ geben, sagte sie. (mit dpa/afp)

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27 Kommentare

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  • Das Thema heißt Finanzierung der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, als „Reform“vorschläge kommen dann seit Jahrzehnten Leistungskürzungen, höhere Zuzahlungen oder (Praxis- bzw.) Kontaktgebühren. Wirkliche Reformen sind das nicht.

    Deutschland ist das einzige EU-Land, in dem es keine Bürgerversicherung gibt, bei der alle Einkommen gleichermaßen herangezogen werden. Eine wirkliche Reform würde die Abschaffung der Versicherungspflichtgrenze, eine deutliche Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und Einbeziehung aller Einkommen, auch aus Vermietung, Kapitalerträgen oder Selbständigkeit bedeuten.

    Das würde das Geschäft der Privatversicherungen auf Zusatzversicherungen reduzieren und diejenigen zur solidarischen Finanzierung der GKV/PV zwingen, die leistungsfähig sind, aber heute die Vorteie der Zwei-Klassen-Medizin genießen. Was damit erklärt, warum die jetzige Regierung eine solche Reform nicht umsetzen will. Es geht um ihr Klientel, politische Überlegungen stehen über den überfälligen Reformen der gesetzlichen Sozialversicherungssysteme.

    Von Expertenseite sind diese Reformvorschläge bereits seit Langem vorgelegt.

  • Warum hören sich eigentlich alle Sparvorschläge wie eine Drohung in Richtung Bürger an: Werde bloß nicht krank, alt oder sonst wie bedürftig, sonst....Es ist immer wieder erstaunlich, wie unreflektiert jene urteilen, wenn sie sicher sein können, nie selbst das harte Brot der Erkenntnis essen zu müssen, dass für sie an der reichgedeckten Tafel dieser Republik kein Platz sein wird.

  • Wenn diese Kontaktgebühr die Lenkungswirkung hat, überflüssige Arztbesuche zu reduzieren - OK. Das wäre aber erst noch zu zeigen.



    Deutschland hat mehr Arztbesuche pro Jahr und Patient als die meisten vergleichbaren Länder. Das stimmt schon.



    Es gibt aber auch noch ganz andere und grössere Kostentreiber im Gesundheitssystem: Die Krankenhäuser - wir haben die meisten Krankenhausbetten / Einwohner. Oder teuere Gerätediagnostik: es werden sehr viele teure Untersuchungen vorgenommen (Radiologie, Magenspiegelungen usw.).

    • @T-Rom:

      "Deutschland hat mehr Arztbesuche pro Jahr und Patient als die meisten vergleichbaren Länder."



      Könnte etwas mit Leitlinien zu tun haben.



      Beispiel Basaliome, die sind mit geübten Auge unschwer zu erkennen. Bis ca. 2007 lief das ungefähr so: Patient:"Das sieht nach Basaliom aus". Arzt: "Ja, ist ein Basaliom". Holt die Kryoflasche, vereist das Ding mit flüssigem Stickstoff. Nach 2-3 Wochen ist das abgeheilt, fertig.



      Heute: Patient: "Das sieht nach Basaliom aus". Arzt: "Muss man abklären, Probe ziehen. Machen Sie an der Rezeption einen OP-Termin". Wochen später: OP-Termin, Probe wird gezogen, Wunde genäht. Zwei Wochen später: Faden wird gezogen, Befund da: Es ist ein Basaliom. Wieder Wochen später: Zweiter OP-Termin, Basaliom wird entfernt, Wunde genäht. Nochmal zwei Wochen später: Fäden werden gezogen, Befund Basaliom nochmal bestätigt. Was einst mit einem Arzttermin erledigt war, braucht heute fünf Termine...



      Das Gesundheitswesen sorgt für sich selbst.

  • Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, will also die Anzahl der Arztbesuche reduzieren. Das spart aber nur dann Geld, wenn mit der Verringerung der Anzahl der Arztbesuche auch das Volumen der Honorare der niedergelassenen Ärzte entsprechend sinkt. Gerade das wird Gassen aber zu verhindern versuchen, denn es ist sein Job, dafür einzutreten, dass die Ärzte von den Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung einen möglichst hohen Anteil erhalten. Und bezeichnenderweise sagt er nicht, dass die Reduzierung der Arztbesuche mit Einsparungen verbunden seien und wie hoch diese sein sollen. So läuft seine Forderung letztlich darauf hinaus, dass die Versicherten für das gleiche Geld weniger Leistungen erhalten sollen.

  • „Sie könnte, wie zum Beispiel in Japan, bei drei oder vier Euro liegen und sollte von den Krankenkassen eingezogen werden."

    Dann sollten wir aber auch das gesamte japanische System übernehmen:

    "Japans Gesundheitssystem gilt nicht nur als eines der besten in der Welt, sondern auch als eines der effizientesten. Dabei setzt man in Japan nicht auf private Versicherungen, wie in den USA oder gesetzliche und private Krankenversicherungen wie in Deutschland, sondern auf ein zentralisiertes, vom Staat kofinanziertes System mit einem einzigen Versorger (SHIS – Statutory health insurance system). Über diesen zentralen staatlichen Träger sind alle Japaner in verschiedener Form versichert." (Japanwelt.de)

    Das hätte noch den angenehmen Nebeneffekt, daß es weniger Funktionäre in Spitzenpositionen gäbe, die jahrein jahraus Unfug von sich geben.

  • "Der SPD-Bundestagsabgeordnete forderte darüber hinaus sogenannte IGeL-Leistungen abzuschaffen. Diese individuellen Gesundheitsleistungen, die Pa­ti­en­t:in­nen selbst zahlen müssen, seien laut Schwartze häufig nicht evidenzbasiert."

    Das ist zu platt und verkennt, dass manche IgEL-Leistungen durchaus sinnvoll sein können (z.B. Vitamin-D-Spiegeleinstellungen, Toxoplasmen-Screening bei Schwangeren). Das Problem ist eher, dass zu viele Praxen ihren Patient*innen IgEL-Leistungen praktisch aufzwingen, weil sie ganz gut daran verdienen. An der Stelle wäre eine schärfere Kontrolle der bestehenden Regeln besser, als das Kind mit dem Bade auszuschütten.

  • Quartalsweise Praxisgebühr bringt nichts, Verdopplung der Krankenhauszuzahlung sehe ich kritisch, aber eine Kontaktgebühr könnte helfen, dass wegen des Pickels nicht 3 verschiedene Ärzte in einer Woche aufgesucht werden, weil die Salbe nach der ersten Anwendung das Pickel noch nicht weggemacht hat.

    Dass Gesprächen wie: "Ich habe heute Kopfschmerzen" - "Haben Sie das öfter, oder ist das neu, oder ist der Schneecharakter anders bzw. haben Sie zusätzliche Symptome?" - "Nein, die Kopfschmerzen habe ich immer mal" - "Haben Sie eine Kopfschmerztablette zu Hause?" - "Ja!" - "Haben Sie schon eine genommen?" - "Nein." - "Warum nicht?" - "Ich wollte erstmal den Arzt fragen, ob ich eine nehmen soll" oder absolut unverrückbare Google-Selbstdiagnosen (wozu geht man zum Arzt, wenn man nur diskutieren will; wozu gibt's überhaupt noch ein Medizinstudium, wenn das so einfach jeder selber kann?) Einhalt geboten werden.

    Gibt's nicht? Weit gefehlt! Es gibt aus eigener Erfahrung MINDESTENS einen Fall pro Tag (manchmal leider auch 10!), bei dem das genau so läuft. Und dann wird sich über lange Wartezeiten beschwert und dass der Arzt keine Zeit für den Einzelnen hat oder empathielos sei ...

    • @Zimmerurwald:

      Die Gebühr trifft, wie die alte Praxisgebühr auch wieder nur die Falschen.

  • Um mehrmalige Besuche wegen der gleichen Sache einzudämmen, müssten Ärzt:innen in der Lage sein die Patient:innem anständig zu betreuen. Das scheitert häufig an der geringen Zeit, die zur Verfügung steht, aber auch häufig daran, dass Patient:innen, besonders Frauen, nicht ernstgenommem werden. Das hat dann mittel- bis langfristig zur Folge, dass Behandlungen langwieriger und teurer werden... oder schlicht zu spät angefangen werden können.

  • Um das sogenannte "Gesundheitssystem", das eine Heilung nicht vorsieht (siehe das Buch "Heilung Nebensache" des Autors Dr. med. Gerd Reuther), nachhaltig zu entlasten, müsste lediglich Gesundheitsprävention betrieben werden, die im optimalsten Fall über die Schulen in Form eines ausgiebigen Sportunterrichts samt profunder Ernährungskunde erfolgen würde, wogegen sich allerdings - verständlicherweise - die Pharmaindustrie aufgrund deren Profitstrebens im Milliardenbereich stellt!

    • @Martin Kienzle:

      Mehr Prävention wäre gut. Auch mehr Schulsport und mehr Bildung über Ernährung an Schulen wäre sicherlich gut. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die zur Zeit ohnehin überlasteten Schulen aus allen Sektoren ständig mit zusätzlichen, sehr guten Ideen, was die Schulen noch alles leisten könnten (Erziehung, Deutschkenntnisse, Steuererklärung, Auto reparieren, Wirtschaftskunde etc.), überfrachtet werden, und man nicht jedes Problem dieser Art immer nur mit Fingerzeig auf die Schulen lösen kann. Seinen Kindern beizubringen, wie man sich gesund ernährt (was übrigens schon viele Erwachsene nicht können), kann sich auch jeder auf die eigene Kappe schreiben.

      Ihr verschwörungstheoretisches Geraune, die Pharmaindustrie würde die Länder (die ja für Bildung zuständig sind) dahingehend manipulieren, dies zu verhindern, ist hingegen völlig abwegig. Sie hätten wenigstens einen (wesentlich naheliegenderen) Hinweis auf die Lebensmittelindustrie geben können, deren Interessen von einem solchen Konzept viel unmittelbarer bedroht wären.

  • Es ist ja recht schlicht und einfach:



    Deutschland hat in Europa die höchsten Gesundheitskosten und gleichzeitig die niedrigste Lebenserwartung. Da kann also an der Qualität (und/oder an den Preisen von Ärzteschaft, Krankenhaus- und Pharmakonzernen) etwas nicht stimmen.



    Aber was plant die Bundesregierung:



    Kosten senken (ergo noch weniger Qualität, denn an den Geldbeutel der o.g. will sie ja nicht ran) - und damit steigt dann die Lebenserwartung? Seltsame Logik.

    Kontaktgebühr: Das ist ein schönes, populistisches Thema. Jetzt können alle Normal- bis Gutverdiener - privat Krankenversicherte sowieso - hoffen, dass das ärmere Drittel der Bevölkerung nur noch ganz selten zum Arzt geht und schon ist für alle anderen mehr Platz da.



    Wer arm ist, hat ohnehin schon eine geringe Lebenserwartung und stirbt dann halt noch ein wenig früher.



    ICH bin ja nicht arm und kann mir die paar Euro locker leisten - so geht Populismus.

    • @Tiene Wiecherts:

      Wer arm ist, also Transfer-Empfänger, wird ohnehin wieder befreit werden.

      Diese Zuzahlungen werden nur jene betreffen die Beiträge zahlenund mit ihren Beiträgen, rund 10 Mrd € pro Jahr, die Arztbesuche der Transfer-Empfänger mitfinanzieren.

  • Das Problem mit den Igel-Leistungen ist nicht nur, dass sie nicht immer evidenzbasiert sind, sondern auch von den Ärzten dazu benutzt werden, wo es eigentlich billigere Kassenleistungen wären, also kann davon ausgegangen werden, dass Ärzte doppelt abrechnen, einmal mit dem Patienten direkt, einmal mit den Krankenkassen.

  • "Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte deutlich gemacht, dass es um mehr Effizienz und Steuerung gehen soll. Alle Einnahmen und Ausgaben sollen auf den Prüfstand. Es werde Veränderungen „für alle“ geben, sagte sie. (...)"



    Dann werden wir auch wieder in der Diskussion die Argumente dieser Fasson hören:



    "Der CDU-Politiker Hendrik Streeck hat sich für eine Selbstbeteiligung von Patienten ausgesprochen, um Kosten im Gesundheitswesen zu senken. „Hier kann eine moderate, sozialverträgliche Selbstbeteiligung helfen, Bagatellbesuche zu reduzieren“, sagte der Gesundheitsexperte der Rheinischen Post."



    Bei aerzteblatt.de



    Gefolgt von:



    "Der CDU-Gesundheitspolitiker und Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck hat die Frage aufgeworfen, ob man sehr alten Menschen noch besonders teure Medikamente verordnen sollte und hat damit deutlichen Widerspruch ausgelöst.



    In der Talksendung „Meinungsfreiheit“ des Senders Welt TV sagte Streeck, es brauche in der medizinischen Selbstverwaltung klarere Richtlinien bei der Vergabe von Medikamenten mit Blick auf allgemeine Gesundheitskosten."



    Quelle sueddeutsche.de



    Man darf die Diskussion zumindest als eröffnet sehen, wie es weiter gehen kann

  • Ich möchte mal wissen, woher der Eindruck kommt, dass "die Deutschen" so häufig und so unnötig zum Arzt gehen. Ich kenne in meinem Umfeld niemanden und kann es mir auch nur schwer vorstellen.



    Andererseits aber wird dadurch so getan, als gäbe es nicht viel zu viele Menschen, die chronische Krankheiten haben und viele Arztbesuche brauchen. Was ist zum Beispiel bei Krebs? Solange man noch in der akuten Phase ist, bekommt man alles Notwendige bezahlt.



    Aber wenn die vorbei ist, sind nach wie vor ständige Untersuchungen nötig, auch wegen der Nebenwirkungen. Dafür jedes Mal extra Gebühr?



    Und wenn nicht - wie will man entscheiden, ob der Arztbesuch berechtigt war? Wenn der Arzt oder die Ärztin an die KK eine Diagnose melden?

  • Prima Idee. Die Qualität Gesundheitsversorgung ist ja noch nicht noch nicht genug vom eigenen Geldbeutel abhängig.

  • Norweger gehen z.B. seltener zum Arzt und leben trotzdem länger. Es ist bekannt, daß in Deutschland überdurchschnittlich viel Geld für das Gesundheitswesen ausgegeben wird. Daran gemessen, sind die Ergebnisse nicht besser.

    Das deutsche Gesundheitssystem ist leider so geschaffen, daß derjenige der besonders häufig zum Arzt geht, das Meiste für sein Geld bekommt.

    Selbst wenn einen Kontaktgebühr von z.B. 5 EUR angesetzt werden sollte, wird doch der weitaus größere Kostenanteil immer noch von der Versichertengemeinschaft übernommen. Auch bei einer Kontaktgebühr ist daher immer noch Dankbarkeit statt Gejammer angebracht.

    Wenn dann noch der Besuch der Notaufnahme Mit 50 EUR veranschlagt wird, gehen sicherlich auch die Besuche von vielen Nicht-Notfällen dort zurück.

    Da es zu diesem Thema offensichtlich unterschiedliche Meinungen gibt, bietet es sich an, das auch die Krankenkassen für beide Gruppen jeweils einen Versicherungstarife anbieten können. Den Vollkaskotarif, der - wie bisher - alle Arztbesuche vollfinanziert, sowie einen "Teilkaskotarif", der geringe Selbstbeteiligungen, bei Besuchen von Ärzten und Notaufnahmen verlangt.

    • @Donald Duck:

      Eine sozial-verträgliche Selbstbeteiligung hätte vor allem den Vorteil, dass die Patienten mal sehen würden, wie viel und was genau überhaupt abgerechnet wird.



      Viele wissen nicht, welche Kosten sie versursachen, wenn sie für jeden Schnupfen in die Praxis dackeln.



      Was uns aber vermutlich am meisten von den Norwegern unterscheidet, ist die Prävention. Norwegen ist ein wesentlich stärker ländlich geprägtes Land und damit findet man hier häufiger Lebensweisen, die sich insgesamt positiv auf die Gesundheit auswirken. Schon allein die Kosten von Feinstaub neben Stadtautobahnen können eine Versicherung in die Knie zwingen, wenn man es nicht richtig einpreist.

      • @Herma Huhn:

        Seit vielen Jahren haben gesetzlich Versicherte einen Anspruch gegen ihre Krankenkasse auf eine sog. Patientenquittung, und wenn sie die entsprechende App ihrer Krankenkasse nutzen, können sie auch ohne Kontaktaufnahme zur Krankenkasse jederzeit sehen, wieviel ihre Ärzte abgerechnet haben. Die meisten Versicherten interessieren sich allerdings nicht dafür. Das ist vielleicht im Sinne Ihrer Intention auch besser, denn sonst werden die Versicherten vielleicht darauf aufmerksam, dass ihr Hausarzt eine Quartalspauschale bekommt, die von der Anzahl der Arztbesuche im Quartal unabhängig ist, sodass es nicht unbedingt zusätzliche Kosten verursacht, wenn sie mehrmals im Quartal in die Praxis kommen.

      • @Herma Huhn:

        Eventuell würde es schon reichen, wenn Kassenpatienten genau wie Privatpatienten vollständige Rechnungen für alle Leistungen bekämen - selbstverständlich ohne in Vorzahlung gehen zu müssen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie teuer die simpelsten Untersuchungen sind. Ein knapp 10-minütiger Routinebesuch beim Augenarzt (Sehtest, Augendruck, Beratung) kostete beispielsweise über 300€. Das war mir als Kassenpatient überhaupt nicht bewusst.

      • @Herma Huhn:

        "Viele wissen nicht, welche Kosten sie versursachen, wenn sie für jeden Schnupfen in die Praxis dackeln."



        /



        Sehr viele woll(t)en das gar nicht wissen:



        2003 bei deutschlandfunk.de



        "Patientenquittungen:



        Vor einem Jahr startete der Modellversuch „Patientenquittungen“ in Rheinland-Pfalz. Jetzt liegen die Ergebnisse vor:



        Zu Beginn des Modellversuches war man davon ausgegangen, dass sich die meisten Patienten mehr Transparenz wünschen bei den Abrechnungen der Arztleistungen. Die Auswertung des Projektes ist eher ernüchternd.



        In den ersten Monaten interessierten sich nur 22 Prozent der Patienten für die Quittungen , in den letzten Monaten waren es sogar nur noch 8 Prozent."



        Bei Vollkasko-Mentalität und fehlender Selbstbeteiligung ist so ein Ergebnis auch ziemlich gut erklärbar.

    • @Donald Duck:

      Gibt sicher einige sinnvolle Stellschrauben. Abschreckung über Kosten ist aber kaum sinnvoll, solange das System nicht geändert wird.



      Eigentlich sollte immer der Hausarzt der erste Ansprechpartner sein, der mit dem Patienten dessen Gesundheit managt, diesen dann ggf. zum Spezialisten oder in eine Klinik schickt. Auch wenn dann die Behandlung von einem anderen Arzt übernommen wird muss der Hausarzt den Überblick behalten und informiert sein. Der Patient wird zu oft allein gelassen oder einfach auch nur mies behandelt, durch Massenpraxen und -kliniken geschleust, schlecht informiert, von empathischer und freundlicher (also kundenfreundlicher) Ansprache ganz zu schweigen. Ärztehopping dürfte nur bei Hypochondern ein Hobby sein, ist ansonsten eher ein Symptom für eine mangelhafte Struktur.

    • @Donald Duck:

      50 Euro für die Notaufnahme, ist gesellschaftliche Selektion. Der Krieg gegen Einkommensschwache, wird auf die Spitze getrieben, indem ihre Lebenserwartung noch weiter reduziert wird. Ihr Vorschlag einer zwei Klassenmedizin hat die gleiche Wirkung. Ein körperlicher Schaden ist nicht mit einer Beule im Auto gleichzusetzen.

    • @Donald Duck:

      Klar, einen Vollkaskotarif für diejenigen, die es sich leisten können.



      Wer es sich nicht leiten kann (weil z. B. im Niedriglohnsektor beschäftigt) hat eben nur Teilkasko. Dem ziehen wir das Geld halt nachträglich aus der Tasche, mit Praxisgebühren, zusätzlichen Krankenhausgebühren und was einem sonst noch einfällt.



      Vielleicht würde es mehr Sinn machen, wenn man die Kosten und daraus resultierenden möglichen Einsparungen mal vernünftig erfasst. Ich habe bisher noch keine Informationen darüber, was 'Ärztehopping' an Kosten verursacht. Zur Zeit wird nur mit Gebührenforderungen gewütet, ohne, dass es überhaupt einen Beleg für Einsparungen gibt.

    • @Donald Duck:

      Und was passiert, wenn jemand mit Teilkasko dann mehr Kosten verursacht, als der Tarif zulässt? Menschen sind keine programmierbaren und vorhersehbaren Maschinen oder Autos, die man entsorgen kann, wenn die Kosten den Nutzen übersteigen. Dann einfach nicht behandeln?