rechtsgeöffnet : Patriotische Gesellschaft knüpft an ihre Anfänge an
Interkulturalität nach Hamburger Art: Mit einem Gespräch unter alten, weißen Männern fördert die Patriotische Gesellschaft Kolonial-Revisionismus.
Illustration: Brockhaus-Lexikon 1911
A m Dienstag hatte die Patriotische Gesellschaft zu einer Debatte über den Umgang mit der Hamburger Kolonialgeschichte eingeladen. In der historischen Hauptstadt des deutschen Kolonialismus ist das begrüßenswert.
Irritierend war jedoch die Besetzung: Der Arbeitskreis Interkulturelles Leben stellte dem ausgewiesenen Experten Dietmar Pieper den politischen Polemiker Mathias Brodkorb gegenüber. Bloß warum? Wozu? Diese Fragen blieben nach dem Abend unbeantwortet zurück.
Pieper zeichnete analog zu seinem Buch „Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche“ die kolonialen Verstrickungen Hamburger Kaufleute nach. In dem ordnet er den deutschen Kolonialismus vor allem als wirtschaftliches Projekt ein. Brodkorb hingegen, ehemaliger SPD-Finanz- und Kulturminister in Mecklenburg-Vorpommern, nutzte den Abend für einen persönlichen Feldzug gegen postkoloniale Perspektiven.
Er beschwor angebliche „Umbenennungsorgien“ und ließ sich über museale Restitutionsdebatten aus – selektiv, vereinfachend und ohne erkennbaren Willen, sich mit dem Stand der Forschung zu beschäftigen. Seine ebenfalls als Buch publizierten Thesen wurden vielfach widerlegt. Ihr Zweck liegt offenkundig nicht in Erkenntnis, sondern in Delegitimierung.
Sie mobilisieren ein diffuses bürgerliches Unbehagen. Statt Dekolonisierungsdebatten als Auseinandersetzung mit historischer Gewalt wahrzunehmen, stellt er sie als Bedrohung einer vermeintlich rationalen, aufgeklärten Ordnung dar. Der ehemalige Landesminister und – vom Parteibuch her – Sozialdemokrat sucht und findet mit dieser Rhetorik Beifall in jenen rechten Milieus, die Kolonialismus nicht aufarbeiten, sondern zur Chiffre eines Kulturkampfs machen.
Dem konnte Pieper wenig entgegensetzen. Sein Auftritt diente vor allem der Legitimation eines schon vom Setting her nicht sonderlich ausgewogenen Formats, bei dem zwei weiße Männer über Kolonialismus plauderten – interkulturelles Leben, wie man es sich nur wünschen kann.
Laut Ankündigung sollte die Veranstaltung „dem verbreiteten Vorwurf entgegenwirken, in unserem Land herrschten Denk- und Sprechverbote“. Doch statt gesellschaftlicher Spaltung etwas entgegenzusetzen, bereitete die Patriotische Gesellschaft Brodkorbs Ressentiments eine Bühne.
Dies muss als bewusste Entscheidung für Polemik und gegen produktive Auseinandersetzung gelten. Das wurde spätestens in der Abmoderation deutlich.
Arnold Alscher vergisst den Völkermord
Deutlich wurde das spätestens in der Abmoderation: Arbeitskreis-Sprecher Arnold Alscher verwies auf Widerstände von Teilen der lokalen Bevölkerung gegen die Umbenennung der Region um die namibische Hafenstadt Lüderitz in!NamiǂNûs. Diese wären ihm zufolge ein Zeichen dafür, dass der Kolonialismus so schlimm wohl doch nicht gewesen sein könne. Den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, zu dem die kaiserlichen Truppen von Hamburg aus aufbrachen, hatte er dabei offenbar nicht mitbedacht.
Hamburg ist in den Debatten viel weiter. Das Erinnerungskonzept „Hamburg dekolonisieren!“ ist dank zivilgesellschaftlichem Engagement inzwischen Senatsbeschluss. Die Auflösung der Forschungsstelle Postkoloniales Erbe, der Umgang mit dem sogenannten „Tansania-Park“ oder die gescheiterte Neukonzeption des Bismarck-Denkmals treiben viele in einer Stadt um, die sich bis heute als Tor zur Welt begreift – und die damit Reproduktionsort globaler kolonialer Verhältnisse ist.
Diese virulenten Debatten hätte auch die Patriotische Gesellschaft aufgreifen können, etwa indem sie sich mit den kolonialen Verstrickungen des eigenen Klientels befasst. Indem sie stattdessen einen Promi-Autor einlädt, der wenig mehr zu bieten hat, als die Bewegung der Dekolonisierung zum Feindbild aufzublasen, knüpft sie bloß an ihre eigenen Ursprünge an. Vor über 260 Jahren war sie von Kaufmannseliten gegründet worden. Und die europäischen kolonialen Aktivitäten, gleich ob die der Briten in Harburg oder jene der Dänen in Altona, die lagen ganz in deren Interesse.
Hinweis der Redaktion: Der Artikel war zunächst mit einer inhaltlich falschen Bildunterzeile ausgestattet gewesen. Diese wurde korrigiert.
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