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ortsgesprächSkandal um Olga: Im Berliner Kurfürstenkiez werden Sperrbezirke gefordert

Diese Gründerzeitfassaden und die breiten Straßen und die sorgfältig bepflanzten Grünflächen sowieso: Der Kurfürstenkiez in Berlin-Mitte könnte so schön sein, wären da nicht die Huren und mit ihnen die Freier und auch die obdachlosen und suchtkranken Menschen. Dieser Meinung sind zunehmend An­woh­ner*in­nen, die den Kiez, in dem Sex­arbei­ter*in­nen seit einem Jahrhundert arbeiten, im letzten Jahrzehnt radikal gentrifiziert haben. Und sie ver­fügen – anders als viele Sex­ar­bei­ter*in­nen – über Netzwerk, Geld und Wissen, wie man Interessen vertritt.

Nachdem der Versuch, Huren mit primitiven Maßnahmen wie dem Bewerfen mit Pizza oder dem Überschütten mit Wasser zu verdrängen, scheiterte, setzen An­woh­ne­r*in­nen nun auf politischen Druck. Für Ende Juni haben sie eine Demo unter dem Motto „Unser Kiez, unser Zuhause“ angemeldet. Gefordert werden ein härteres Vorgehen gegen Drogenkriminalität und ein Sperrgebiet in der Nähe von Kitas, Schulen und Seniorenheimen. Damit wäre die Straßenprostitution dort illegal, Verstöße könnten mit Bußgeldern geahndet werden.

Verbündete finden An­woh­ne­r*in­nen in der Berliner CDU. Die Partei fordert ein stadtweites Verbot von Straßenprostitution, das zunächst rund um den Nollendorfplatz und im Kurfürstenkiez umgesetzt werden soll. Zudem wollen sie den Kurfürstenkiez als kriminalitätsbelasteten Ort einstufen, was Kontrollen ohne Tatverdacht ermöglichen würde.

Unter dem politischen Druck ziehen sich nun auch Vermieter zurück, die bislang Anlaufstellen für Sex­ar­bei­te­r*in­nen beherbergten. Der Vermieter des Cafés Neustart, einer christlichen Organisation mit Fokus auf Ausstiegshilfe, und des Frauentreffs Olga lässt beide Mietverträge auslaufen. Das Café Neustart hat bereits neue Räume gefunden, mit Olga geht nach 40 Jahren eine der wichtigsten Anlauf- und Beratungsstellen für konsumierende Sex­ar­bei­te­r*in­nen verloren.

Der Vermieter begründete die Entscheidung gegenüber dem Frauentreff damit, dass er die Hilfsangebote aufgrund der Zustände rund um die Kurfürstenstraße nicht länger mittragen wolle. Nur werden sich die Zustände kaum verbessern, wenn Hilfseinrichtungen schließen. Im Gegenteil: Sex­ar­bei­te­r*in­nen werden nicht mehr aufgefangen, wenn sie einen Schlafplatz, sauberes Drogenbesteck oder Kondome brauchen. Sie werden nicht mehr beraten zu Suchthilfe- und Ausstiegsangeboten. Streetworker sind sich einig: Einige könnten auf der Straße sterben.

Auch den An­woh­ne­r*in­nen ist kaum geholfen. Sie dürften zunächst mehr Probleme mit den Sex­ar­bei­te­r*in­nen haben, weil Vermittlungs- und De­eskalationsstrukturen, die Konflikte abfederten, verloren gehen. Zudem wird es keine Anlaufstelle mehr geben, an die sich An­woh­ne­r*in­nen mit Anliegen wenden können.

Erfahrungen aus anderen Städten zeigen: Sperrbezirke lösen das Pro­blem nicht, sie verdrängen es bestenfalls. Hilfsorganisationen warnen, dass Sperrbezirke Sex­ar­bei­te­r*in­nen in abgelegene Außenbezirke oder Industriegebiete drängen, was das Risiko für Gewalt und Ausbeutung erhöht.

Die CDU betreibt mit der Forderung nach einem Sperrbezirk vor allem Wahlkampf und greift damit auf ein altbekanntes symbolpolitisches Muster zurück: Verdrängen statt lösen. Was es wirklich braucht, ist bessere Gesundheitsversorgung für Sexarbeiter*innen, einen wirksamen Gewaltschutz, Ausbau von Streetwork und Notübernachtungen, die 24/7 offen haben. Das dürfte auch der CDU bekannt sein – generiert aber offenbar weniger Stimmen als die symbolträchtige Forderung „Sperr­bezirk!“. Lilly Schröder

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