Zwischenstopp in Prag: Ein paar Stündchen Pause
Auf dem Weg nach Wien hält die Kolumnistin am Bahnhof Praha Holešovice. Zwischen Häschen, gelben Röcken und Cornettoeis entdeckt sie den Zauber des Alltags.
F ür mich gehört es zur Lebenskunst, manchmal aus Berlin zu fliehen. Anders als die vielen Menschen, die den Sommer hier angeblich so lieben, finde ich ihn einfach nur anstrengend. Aus jeder ganz normalen Straße wird ein Laufsteg für Möchtegernmodels, alle sind ständig aufgeregt, und wenn man nicht aufpasst, fährt man versehentlich einen Touristen über den Haufen.
Also steige ich frühmorgens in den Zug und lasse mich mit einem Zwischenstopp in Prag an den Wiener Hausstrand bringen. Mein Kater vom Vorabend hält sich in Grenzen, vor mir liegt ein hinreißendes Salamibrötchen mit Remoulade. Beim Blick aus dem Fenster beobachte ich, wie sich die ostdeutsche Steppe in eine pittoreske Flusslandschaft verwandelt. Ich merke, wie mein Nacken sich entspannt.
In Prag entscheide ich mich, dieses Mal nicht am Hauptbahnhof, sondern in Praha Holešovice auszusteigen. Welch gute Entscheidung! Denn kaum betrete ich die Bahnhofshalle, beamt mich das schlicht gehaltene, sozialistische Gebäude in eine tschechische Tragikomödie aus den 80ern. Links befindet sich ein altmodischer Infoschalter, rechts sitzen vereinzelt Passagiere in behaglichen Nischen aus Granitstein und Holz und blicken in einen kleinen, verwunschenen Park.
Ich aber will weiter, denn ich habe mir fest vorgenommen, meinen zweistündigen Aufenthalt mit einer Schatzsuche zu füllen: Ich will Thriften gehen, also nach Second-Hand-Kleidung stöbern. Diese altbekannte Obsession hat sich langsam wieder in mein Leben geschlichen.
Denn während andere ihre Sonntage mit plärrenden Kleinkindern auf dem Spielplatz verbringen mussten, suchte ich die Berliner Flohmärkte auf. Nun plane ich, mit meinen erbeuteten Schätzen das große Geld zu verdienen. Das Problem ist nur: Alles, was ich gekauft habe, liebe ich so sehr, dass ich es nicht mehr hergeben will.
„Sandstorm“ von Darude auf den Ohren
Aus dem kühlen Bahnhof geht es in die Prager Hitze. Mehr als 30 Grad sind es hier heute, und während ich auf dem Weg zur Tram bin, hoppelt mir ein Feldhase über die Füße. Fast wie bei „Alice im Wunderland“, denke ich. Was mir irgendwie passend vorkommt, weil auch ich mich gerade öfter mal frage, warum vieles in meinem Leben so absurd und willkürlich erscheint und wie ich damit eigentlich umgehen möchte.
Ich laufe an einem vertrockneten Baum mit winzigen Zieräpfeln vorbei. Mir gegenüber ein Plattenbau mit einer großzügig bepflanzten Terrasse, dahinter ragt ein historischer Fabrikschornstein in den blauen Himmel. Ich höre „Sandstorm“ von Darude, die Linie 17 kommt mit winzigen Regenbogenfähnchen über die Brücke gefahren.
Nur zwei Stationen später befinde ich mich am Ziel meiner Wünsche: in einem riesigen Shop voller gebrauchter knallbunter Kleidung aus mehreren Jahrzehnten. Zuerst durchstöbere ich die Sommerkleider, dann die Röcke. Das meiste passt mir nicht, aber ich nehme einen sonnengelben Rock und ein Bandana mit.
Zurück am Bahnhof, kaufe ich mir ein Cornetto und gehe damit zum Gleis. Eine Wespe schwirrt bedrohlich um mich herum. Wenn ich die jetzt verschlucke, werde ich hier sicher ersticken, denke ich. A. ruft an, er liegt im Bett, rasiert. „Ich habe mich extra schön für dich gemacht“, sagt er, ich schicke ihm einen Luftkuss und setze mich zu den anderen Fahrgästen auf die Bank.
Wie ein Figurenensemble auf der Stange sitzen wir hier. Das Mädchen mit dem rosa T-Shirt, ihre Eltern und ich. Ich höre die Leute um mich herum leise Tschechisch sprechen, ein Güterzug rast durch, unsere Haare wirbeln im Wind, ich rieche Weichspüler. Das Leben ist manchmal gut.
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