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Zum Tod von Henrike NaumannViel zu spät, viel zu früh

Henrike Naumann sollte als erste ostdeutsche Frau den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig bespielen. Nun ist die Installationskünstlerin überraschend verstorben.

Henrike Naumann im Juni 2024 vor ihrer Installation „Tag X“ im Berliner Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Foto: Emmanuele Contini/imago

Alles an Henrike Naumann prägte sich ein. Der akkurate schwarze Haarschnitt. Ihr oft ironisch gebrochener und doch uniformiert wirkender Kleidungsstil. Die überaus freundlichen, klugen Augen hinter der klaren Drahtbrille. Die klaren Worte, mit denen die Künstlerin ihre Praxis und die Welt, in der sie stattfand, beschrieb. Die ästhetische Handschrift ihrer Kunst, die sich herkömmlichen Genre-Einordnungen entzog, indem sie etwas vollkommen Neues schaffte.

In Anbetracht dessen erschien es wenig überraschend und sehr verdient, dass Naumann nach Einzelausstellungen unter anderem im Mönchengladbacher Museum Abteiberg, dem Berliner Kunsthaus Dahlem und dem New Yorker SculptureCenter sowie beim Steirischen Herbst oder der documenta fifteen im letzten Jahr von der Kuratorin Kathleen Reinhardt gemeinsam mit der Künstlerin Sung Tieu eingeladen wurde, den Deutschen Pavillon der diesjährigen 61. Biennale von Venedig zu bespielen – zum ersten Mal in seiner Geschichte von einer in Ostdeutschland geborenen Frau.

Naumann wurde 1984 im sächsischen Zwickau geboren. Die Wende, die sie als Kind miterlebte, habe sie als positiv empfunden: „Plötzlich gab es Barbies, plötzlich gab es Rosa, plötzlich gab es Alf im Fernsehen“, wie sie einst der Berliner Zeitung verriet. Doch der überbordende Konsum brachte mit der Erleichterung auch Überforderung.

Die Teenager ihrer Generation suchten Klarheit in der Ideologie – und extremisierten sich. Naumann nutzte die eigenen Erfahrungen für ihre Kunst, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Die Auseinandersetzung mit faschisierten und kapitalistischen Ästhetiken, mit neonazistischen und anderen Jugend- und Subkulturen, sie durchzieht das Werk Naumanns seit Beginn ihrer künstlerischen Karriere ebenso wie die Sezierung des Konsums, von Status, Klasse und Milieu.

Faschistische Kontinuitäten durch Objekte aufdecken

So kombinierte sie in ihrer Ausstellung „Innenleben“ 2019 am Münchner Haus der Kunst postmoderne West-Möbel der Nachwende-90er mit dem wuchtigen Historismus nationalsozialistischer Inneneinrichtung. Der Geist, der in den Räumen dieser Gegenüberstellung spukte, war ein sehr deutscher, ein allzu bekannter, zumindest für die Menschen, die inmitten solcher Objekte aufwuchsen, und ein ständiger Begleiter von Naumanns Werken: vom Wandtattoo in gebrochener Fraktur über Videoinstallationen aus gesammelten Archivmaterial sozialer Medien bis zum plüschig-wuchtigen Sofa in pastelligem Graffitimuster.

Dass es die Räume, die Kulissen waren, die Naumanns Arbeiten prägten, verwundert nicht, studierte die später zwischen London und Berlin lebende Künstlerin zunächst Bühnen- und Kostümbild an der HfBK Dresden. Ein weiteres Studium der Szenografie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf schloss sie mit einer Diplomarbeit über die damals gerade enttarnte Terrororganisation NSU ab. Materialisierte Kontinuitäten der Macht, sie werden sich mit Sicherheit auch in Naumanns Ausstellung in Venedig finden.

„Bis zuletzt hat sie Objekte arrangiert, um ihr Herzensprojekt, den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, zu produzieren und umzusetzen. Die Ausstellung in Venedig wurde und wird so umgesetzt, wie ihre Laufbahn begonnen hat: als Gemeinschaftswerk, angeleitet durch Henrikes künstlerische Vision“, heißt es in einem persönlichen Abschiedswort, das Naumanns Familie am Sonntagabend veröffentlichte. Am 14. Februar verstarb die Künstlerin und Mutter an einer viel zu spät diagnostizierten Krebserkrankung.

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