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Wolf beißt FrauEs wird hart für den Wolf

André Zuschlag

Kommentar von

André Zuschlag

Für Gegner des Raubtiers kommt der Zwischenfall vermutlich wie gerufen. Die Forderungen nach Wolfsabschüssen dürften lauter werden.

Ausgerechnet hier schwimmen zu gehen, ist auch für Menschen nicht wirklich ratsam Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

E inen belebteren Weg vom ländlichen Hamburger Westen bis in die Stadtmitte hätte der Wolf nicht einschlagen können: An einer Ikea-Filiale vorbei über St. Pauli bis zur Postkartenkulisse am Jungfernstieg und der Binnenalster. So wundert es beinahe, dass lediglich eine Frau von dem offenbar völlig verängstigten Tier angegriffen wurde.

Für die Wolfspopulation Deutschland bedeutet das nichts Gutes. Denn der erste Angriff auf einen Menschen seit seiner Wiederansiedelung wird es seiner Lobby, den Wolfsschützer:innen, schwer machen. Erst vergangene Woche wurde der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen, unter bestimmten Bedingungen kann er nun gejagt werden. Ein Wunder wäre es, wenn Jä­ge­r:in­nen mit ihrer neuen Macht zurückhaltend umgingen.

Wolfs­schüt­ze­r:in­nen werden jeden umstrittenen Abschuss kaum wirksam kritisieren können. Denn von nun an wird immer auf den Hamburger Wolfsangriff verwiesen werden können. Wer einen Abschuss kritisiert, dürfte das ungerechte Image des Verharmlosenden nicht mehr loswerden. Dass die Wolfspopulation derzeit gar nicht mehr weiter zunimmt, sondern stagniert? Geschenkt. Dass von den rund 2.000 Wölfen im Land nur hier und da mal einer Probleme macht? Geschenkt. Dass vom Blitz getroffen zu werden wahrscheinlicher ist, als von einem Wolf angegriffen zu werden? Ebenso.

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Umgehend rief am Dienstag Bayerns Jagdminister Hubert Aiwanger zum Abschuss von Wölfen auf; auch der Deutsche Jagdverband forderte nach dem Hamburger Angriff „konsequentes Handeln“, um „Konflikte zwischen Mensch, Wolf und Weidetier zu minimieren“. Wenn die Bundesländer „zügig“ die Vorgaben aus dem Jagdgesetz umsetzen, kann schon ab 1. Juli in manchen Regionen jeder gesichtete Wolf geschossen werden – solange der „günstige Erhaltungszustand“ nicht gefährdet ist. Ob das im November, nach dem Ende der jährlichen Abschusszeit, auch noch festgestellt werden kann, darf nach dem Hamburger Angriff bezweifelt werden.

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André Zuschlag
Redakteur taz nord
Jahrgang 1991, hat Politik und Geschichte in Göttingen, Bologna und Hamburg studiert. Von 2020 bis August 2022 Volontär der taz nord in Hamburg, seither dort Redakteur und Chef vom Dienst. Schreibt meist über Politik und Soziales in Hamburg und Norddeutschland.
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13 Kommentare

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  • Wie hat ein Experte hier in der taz geschrieben : Zäune helfen mehr als Abschuss. Dann muss man halt in den Städten Zäune ziehen das sich Mensch und Wolf nicht begegnen können und schon sind alle Probleme gelöst !

  • Mensch und Natur konkurrieren um einen knappen Raum. In SH werden ca. 5 Hektar pro Tag versiegelt.



    Das frei lebende Tiere versuchen einen Platz in dieser kolonisierten Welt zu finden, ist naheliegend. Wildschweine tun es. Wölfe könnten auch in der urbanen Welt leben.



    Leider fehlt in dem Artikel eine Expertise vom NABU.

  • Ich fürchte das auch hier wieder gilt, das komplexe Probleme, komplexe Lösungen brauchen.

  • Tiere an die Macht.

  • Wer Wölfe vom Abschuss schützt, streichelt auch Rehkitze.

  • Der Bundestag hatte zum Thema "Angriffe von Wölfen auf Menschen" schon früher Zahlen zusammenstellen lassen:



    www.bundestag.de/r...41-18-pdf-data.pdf

  • Es gibt keine bundesweit einheitliche Statistik über Hundebisse in Deutschland, Schätzungen gehen jedoch von jährlich etwa 30.000 bis 50.000 Beißvorfällen aus. Einige Schätzungen reichen sogar bis zu 136.000 Vorfällen pro Jahr, bei denen medizinische Versorgung notwendig ist. Eine hohe Dunkelziffer ist aufgrund fehlender Meldepflichten wahrscheinlich!

    Intelligente Menschen wissen genau worauf ich hinaus möchte, ich muss das hoffentlich nicht weiter erläutern oder näher ausführen!

  • Schon erstaunlich, wie weit er sich verlaufen hat. In Nordamerika lebt man mit Koyoten im Stadtpark und manchmal verirrt sich ein Bär in den outskirts oder ein Elch. Zu allererst ist man da worried ums Tier.

  • Kleine Anekdote aus der Notaufnahme



    Die Chance von Menschen gebissen zu werden ist massiv grösser als von allenTiere zusammen.....

    Was ich damit sagen will?



    Keine Ahnung, Maulkorb Pflicht in den Öffis?

  • Oh ja..!!..schießt sofort diese unglaublich gefährlichen Wölfe ab.!!

    ..wird es jetzt von überall tönen.

    ..schon ein echt "putziges Völkchen in diesem Lande"..







    .. diese Statistik belegt es:

    Wolfsbisse: 1



    Hundebisse: 28.000 - jedes Jahr

    hundundhaustier.de...ibt-es-jedes-jahr/

    ;-))

  • "So wundert es beinahe, dass lediglich eine Frau von dem offenbar völlig verängstigten Tier angegriffen wurde."

    Laut eines Zeugen war der Wolf total verwirrt und verängstigt und wollte mit dem Kopf durch eine Glasscheibe nach draußen flüchten. Die Frau soll versucht haben, ihn nach draußen zu geleiten. Da zeigt sich, wie die Gesellschaft den Umgang mit Wildtieren verlernt hat. Einem wilden Tier kommt man nicht einfach zu nahe. Vor allem nicht, wenn es verängstigt ist und sich in die Ecke gedrängt fühlt. Da zählen dann auch keine guten Intentionen. Fehlende Menschenscheu und desorientiertes Verhalten können übrigens auch Anzeichen von Tollwut bei einem Tier sein neben dem berühmten Schaum vorm Mund.

  • Offensichtlich hat die nun verletzte Frau das gestresste Tier etwas zu sehr bedräng. Ich wünsche ihr baldige und vollständige Genesung, aber hier wäre es mit Sicherheit klüger gewesen, statt selbst tätig zu werden, Abstand zum Wolf zu wahren und auf professionelle Hilfe zu warten. Dem jungen Wolf kann man nur wünschen, dass er so schnell wie möglich aus der Großstadt entfernt und in ein adäquateres Habitat verbracht wird...

  • Was für eine Logik...

    Die Kritiker der ungehemmten Wolfsverbreitung warnen vor der Möglichkeit von Übergriffen auf den Menschen und werden deshalb als "überängstlich" und "Tierfeinde" diffamiert.

    Dann kommt der Übergriff, und anstatt zuzugeben, dass die Ängste nicht unberechtigt waren, werden die Wolfsgegner diffamiert, ihnen käme dieser Angriff gelegen

    Hätte man etwas mehr auf die Wolfsgegner gehört, wäre ein derartiger Angriff unterblieben!