Wolf beißt Frau: Es wird hart für den Wolf
Für Gegner des Raubtiers kommt der Zwischenfall vermutlich wie gerufen. Die Forderungen nach Wolfsabschüssen dürften lauter werden.
E inen belebteren Weg vom ländlichen Hamburger Westen bis in die Stadtmitte hätte der Wolf nicht einschlagen können: An einer Ikea-Filiale vorbei über St. Pauli bis zur Postkartenkulisse am Jungfernstieg und der Binnenalster. So wundert es beinahe, dass lediglich eine Frau von dem offenbar völlig verängstigten Tier angegriffen wurde.
Für die Wolfspopulation Deutschland bedeutet das nichts Gutes. Denn der erste Angriff auf einen Menschen seit seiner Wiederansiedelung wird es seiner Lobby, den Wolfsschützer:innen, schwer machen. Erst vergangene Woche wurde der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen, unter bestimmten Bedingungen kann er nun gejagt werden. Ein Wunder wäre es, wenn Jäger:innen mit ihrer neuen Macht zurückhaltend umgingen.
Wolfsschützer:innen werden jeden umstrittenen Abschuss kaum wirksam kritisieren können. Denn von nun an wird immer auf den Hamburger Wolfsangriff verwiesen werden können. Wer einen Abschuss kritisiert, dürfte das ungerechte Image des Verharmlosenden nicht mehr loswerden. Dass die Wolfspopulation derzeit gar nicht mehr weiter zunimmt, sondern stagniert? Geschenkt. Dass von den rund 2.000 Wölfen im Land nur hier und da mal einer Probleme macht? Geschenkt. Dass vom Blitz getroffen zu werden wahrscheinlicher ist, als von einem Wolf angegriffen zu werden? Ebenso.
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Umgehend rief am Dienstag Bayerns Jagdminister Hubert Aiwanger zum Abschuss von Wölfen auf; auch der Deutsche Jagdverband forderte nach dem Hamburger Angriff „konsequentes Handeln“, um „Konflikte zwischen Mensch, Wolf und Weidetier zu minimieren“. Wenn die Bundesländer „zügig“ die Vorgaben aus dem Jagdgesetz umsetzen, kann schon ab 1. Juli in manchen Regionen jeder gesichtete Wolf geschossen werden – solange der „günstige Erhaltungszustand“ nicht gefährdet ist. Ob das im November, nach dem Ende der jährlichen Abschusszeit, auch noch festgestellt werden kann, darf nach dem Hamburger Angriff bezweifelt werden.
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