Wie der Linke-Chef um Stimmen wirbt: Mamdani für Arme
Mit Videos in verschiedenen Sprachen wendet sich Jan van Aken an migrantische Wähler:innen in Baden-Württemberg. Kann das gutgehen?
Drei Tage vor der Wahl wendet sich Jan van Aken auf Instagram und Tiktok noch einmal an die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg. Allerdings ohne Worte: Er gestikuliert in Gebärdensprache. Dann tritt eine Gebärdensprachdolmetscherin neben ihn. „Habt ihr das verstanden?“, fragt sie mit Handbewegungen. „Er übt noch“, fügt sie hinzu und führt seinen Vortrag fort.
Es ist das letzte Video einer ganzen Reihe. In den vergangenen Wochen hat sich der Parteichef der Linken vor der Landtagswahl schon auf Italienisch, Türkisch, Griechisch, Arabisch und Bosnisch an seine Social-Media-Followerschaft gewandt. Mal aus einer Haustür oder einer Toreinfahrt um die Ecke kommend, mal auf der Straße stehend, lässig in Jeans, Hemd und mit Strickjacke oder im Kurzmantel gekleidet, sprach er da mit fremder Zunge in die Kamera.
Die Botschaft war und ist immer dieselbe: Die Mieten in Baden-Württemberg seien viel zu hoch. Jobs gingen verloren und im Parlament werde viel geredet, aber zu wenig für höhere Löhne getan. Darum solle man bitte am 8. März der Linkspartei die Stimme geben. Sie könnte erstmals in den Landtag in Stuttgart einziehen.
Auch andere Parteien haben schon Wahlwerbung in anderen Sprachen gemacht – sogar die AfD, die sich in der Vergangenheit etwa auf Russisch um die russlanddeutsche Community bemüht hat. Im Bundestagswahlkampf 2025 warb Jan van Akens Co-Chefin Ines Schwerdtner in ihrem Ostberliner Wahlbezirk Lichtenberg am Dong-Xuan-Center, dem größten Asiamarkt der Stadt, mit einem riesigen Plakat auf Vietnamesisch für sich. Dort, in der Hochburg der Community, buhlte auch die AfD mit Hilfe ihrer hessischen Abgeordneten Anne Nguyen um die Stimmen der mehreren Tausend Menschen vietnamesischer Herkunft.
Der erste Parteichef, der in fremden Zungen spricht
Doch Jan van Aken ist der erste Parteichef, der sich selbst auf verschiedenen Sprachen an Wählerinnen und Wähler wendet. Inspiration dafür war offensichtlich Zohran Mamdani, der linke Bürgermeister von New York, der in seinem Wahlkampf Videos auf Arabisch, Hindi, Bangal, Urdu und Spanisch produzierte. Die Videos von Mamdani, dessen Mutter die mehrfach preisgekrönte Filmemacherin Mira Nair ist, hatten Hollywood-Niveau. Die Low-Budget-Clips von Jan van Aken entsprechen eher dem Standard einer deutschen Vorabendserie: Mamdani für Arme.
Özgür Özvatan, Sozialwissenschaftler und Politikberater
Aber können sie trotzdem zünden? Özgür Özvatan ist skeptisch, er findet die Polit-Werbespots von Jan van Aken „ambivalent“, wie er der taz sagt. Sie erinnern ihn an den Multikulti-Stil der 1990er Jahre. Der Berliner Sozialwissenschaftler und Politikberater hat erforscht, wie deutsche Parteien migrantische Wählerinnen und Wähler umwerben. Er glaubt nicht, dass die Videos des Linken-Chefs bei ihnen sonderlich verfangen: Seine Aussprache klinge hölzern, die Worte auswendig gelernt und die Ansprache durch den Parteichef wirke etwas paternalistisch. „Warum setzt die Linke nicht auf Stimmen aus der Community?“, fragt er. Die Partei hätte doch genug migrantische Aktivisten und Politikerinnen in ihren Reihen. Das wäre authentischer gewesen.
Das gilt um so mehr, als in Baden-Württemberg mit Cem Özdemir von den Grünen ein Politiker mit Migrationshintergrund für das Amt des Ministerpräsidenten kandidiert. Özdemir verweist zwar immer mal wieder selbstbewusst auf seine Einwanderer-Aufstiegsgeschichte, wenn es gerade passt. Aber er verzichtet bewusst darauf, die Wählerinnen und Wähler im Ländle in einer anderen Sprache als Schwäbisch anzusprechen: er will ja eine Mehrheit erreichen.
Womöglich hätte es deshalb auch schon gereicht, Jan van Aken eine Muttersprachlerin oder einen Muttersprachler zur Seite zu stellen, um sein gut gemeintes Sprachführer-Kauderwelsch zu übersetzen. So wie er es bei seinem Vortrag in Gebärdensprache gemacht hat. „Habt ihr das verstanden?“
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