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Waffenstillstand im Libanon„Gelbe Linie“ heißt Todeszone

Julia Neumann

Kommentar von

Julia Neumann

Israel verstößt gegen den Waffenstillstand. Eine militärisch besetzte Todeszone im Südlibanon steht einer nachhaltigen friedlichen Lösung im Weg.

Ein Krankenwagen der Gesundheitseinheit der Hisbollah liegt inmitten der Trümmer in der Gemeinde Jibchit im Südlibanon Foto: Hassan Ammar/AP/dpa

I srael hat eine „gelbe Linie“ im Südlibanon ausgerufen. Die imaginäre Linie im Südlibanon trennt Grenzdörfer vom Rest des Landes ab. In dieser Zone ist israelisches Militär weiterhin stationiert. Das heißt de facto: 55 besetzte Grenzdörfer.

Die „gelbe Zone“ ist ein Bruch der zehntägigen Waffenruhe, weil sich Israel dort das Recht vorbehält, selbst definierte „Bedrohungen“ zu beschießen und weiterhin militärisch am Boden aktiv ist. Innerhalb weniger Stunden nach der Waffenruhe sprengte das israelische Militär dort Häuser, schoss aus Panzern und führte Räumungsaktionen durch. Die systematische Zerstörung geht weiter. Medien berichten von israelischem Artilleriefeuer und Maschinengewehrangriffen in Ortschaften innerhalb und nahe an der Frontlinie, die Israel gezogen hat.

Der Ausdruck der „gelben Linie“ wurde von Israels Regierung und Militär auch im Gazastreifen verwendet. In Gaza bedeutet das eine militärische Besatzung, in der israelische Soldaten routinemäßig auf jeden schießen, der sich der „Linie“ auch nur nähert. Die gelbe Zone in Gaza ist eine Todeszone. Jetzt wird dasselbe Konzept im Südlibanon angewendet.

Eine solche militärisch besetzte Todeszone im Südlibanon steht jeder nachhaltigen friedlichen Lösung im Weg. Zi­vi­lis­t*in­nen dürfen laut Israels Militär nicht in diese Dörfer zurückkehren. Israel bedroht ihr Leben, falls sie zurückkehren. Die meisten Grenzdörfer liegen vollständig in Schutt, eine schnelle Rückkehr ist nicht möglich.

Alles deutet darauf hin, dass die ausgerufene gelbe Zone nicht temporär sein wird. Israels Regierung hatte zuvor angekündigt, eine „Pufferzone“ im Libanon zu schaffen, in der israelisches Militär auch nach einem ausgerufenen Waffenstillstand aktiv ist. „Gelbe Linie“ und „Pufferzone“ sind Euphemismen für Vertreibung und militärische Besatzung. Mit israelischer Besatzung kann es keinen Waffenstillstand geben, geschweige denn ein nachhaltiges Friedensabkommen.

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Julia Neumann
Korrespondentin Libanon
Auslandskorrespondentin für Westasien mit Sitz in Beirut. Hat 2013/14 bei der taz volontiert, Journalismus sowie Geschichte und Soziologie Westasiens studiert. Sie berichtet aus dem Libanon, Syrien, Iran und Irak, vor allem über Kultur und Gesellschaft, Gender und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Für das taz Wasserprojekt recherchierte sie im Libanon, Jordanien und Ägypten zu Entwicklungsgeldern.
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8 Kommentare

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  • "Innerhalb weniger Stunden nach der Waffenruhe sprengte das israelische Militär dort Häuser"

    „Gelbe Linie“ und „Pufferzone“ sind Euphemismen für Vertreibung und militärische Besatzung.

    Eben nicht. Ausser man möchte die Attacken auf Israel totschweigen.

    Berichte zeigen wiederholte Raketen- und Drohnenangriffe in Wellen seit März 2026, teils Dutzende pro Tag (Human Rights Watch, dpa) der Hisbollah auf Israel. Findet sich hier wieder 0. Warum ist das nicht einmal einen Absatz wert?

    Und vielleicht waren es ja gerade die gesprengt Häuser aus denen die Raketen verschossen wurden. Luftabwehrsysteme brauchen Reaktionszeit um die ständigen Angriffe auf israelische Zivilisten abzuwehren. Eine Zone frei von Hisbollah verschafft Israel diese wichtige Zeit um Leben zu schützen. Auch das wird wieder einmal leider hier unterschlagen.

  • Israel wäre gut beraten, anstatt unter dem Deckmantel der Selbstverteidigung den Süden Libanons zu besetzen und die dort lebenden Menschen zu vertreiben, mit der allem Anschein nach zur Zusammenarbeit bereiten derzeitigen Regierung Libanons zu kooperieren, um die Hisbollah endlich zu entmachten. Netanjahus Konfrontations- und Zerstörungskurs wird nichts besser machen, weder für die Menschen auf israelischer noch für jene auf der libanesischen Seite der Grenze.

    • @Klabauta:

      Die libanesische Regierung ist zu schwach, um die Hisbollah zu entmachten.

      Eine Kooperation mit der israelischen Regierung würde sie weiter schwächen, weil viele Libanesen und Palästinenser das als Kollaboration mit dem Feind ansehen würden.

      Deshalb würde eine Kooperation deutliche Grenzen haben.

      Die libanesische Regierung gilt als elitärer, korrupter Club.

      Der Eindruck würde mit der Kooperation verstärkt werden.

      • @rero:

        Also schwächt man die libanesische Regierung noch mehr, indem man aufzeigt, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Bevölkerung oder ihr Staatsgebiet vor einem direkten Angriff auf ihre Souveränität zu schützen? Interessante Logik angesichts dessen, dass es ja immerhin bis zum Angriff auf den Iran keine Angriffe auf Israel gegeben hatte und zwar trotz der diversen Brüche der Waffenruhe durch Israel. Mit politischem Willen und Geduld hätte vielleicht sogar eine Möglichkeit bestanden, den Einfluss der Hizbullah endlich wirksam einzudämmen, statt ihnen jetzt noch mehr Zulauf zu verschaffen. Menschen, die das Gefühl haben, nicht mehr viel zu verlieren zu haben, weil sie Besitz und Angehörige verloren haben, sind ein guter Rekrutierungsgrund, besonders wenn sie das Gefühl bekommen gegen die Macht vorgehen zu können, die ihnen Besitz und Angehörige genommen hat.

  • Die Hisbollah lebt für den Kampf gegen Israel und die Vernichtung des Staates Israel. Diese Haltung ist die Existenzberechtigung der Hisbollah. Wie soll daher ein Rückzug der Israelis aus dem Südlibanon zu einem dauerhaften Frieden führen? Bestenfalls gäbe es einen Frieden (besser Waffenstillstand) für einen begrenzten Zeitraum. Und dieser Zeitraum ergibt sich aus den Monaten und bestenfalls Jahren, die die Hisbollah benötigt, um sich wieder einzugraben, personell zu verstärken und seine Raketen- und Waffenbestände aufzufüllen. Nur eine dauerhafte Entwaffnung der Hisbollah wäre der Garant eines langfristigen Friedens. Zu dieser Entwaffnung ist aber die libanesische Armee nicht in der Lage.

  • Kann es ein Friedensabkommen geben, solange im Südlibanon entgegen zweier UN-Resolutionen Bewaffnete aktiv sind, die Israel regelmäßig angreifen -- im Dienst des Iran, der die Vernichtung Israels als Staatsziel hat?

    • @Arne Babenhauserheide:

      Meines Wissens nach hatte es bis zum Angriff Israels und der USA auf den Iran seit dem letzten "Friedensschluss" zwischen Libanon (inkl. Hizbullah) und Israel eigentlich nur vonseiten Israels Verletzungen der Waffenruhe durch Luftangriffe im Südlibanon gegeben, aber keine Angriffe auf den Norden Israels. Klingt so als wäre die Bedrohung da eigentlich unter Kontrolle gewesen (und zynischerweise könnte man sagen, dass die Bedrohung für Menschen im Südlibanon deutlich größer war, aber deren Leben zählen eventuell nicht so viel?).

    • @Arne Babenhauserheide:

      Wie wäre es mit militärischer Hilfe - Israel und Libanon gegen Hisbollah?