Umweltzerstörung durch die WM: Illegal und irreversibel
Besonders nachhaltig soll das WM-Stadion in Guadalajara sein. Doch in Wahrheit steht es exemplarisch für ein System von Ausbeutung und Zerstörung.
Das Stadion von Guadalajara gehört gewiss zu den ästhetischsten Stadien dieser Weltmeisterschaft. Wer mit dem Bus aus der hektischen Metropole mit den Bürotürmen hinausfährt, sieht ein weißes Rund inmitten von ausgedehnten Grünflächen, die zur Wasserersparnis mit Regenwasser bewässert werden. Die Heimstätte von Chivas Guadalajara schmiegt sich zurückhaltend in die Landschaft; zwei ihrer fünf Ebenen liegen unterirdisch, ein Teil des Stadions ist außen als Hitzeschutz von Gras bewachsen.
Zur WM wurde es als besonders nachhaltig beworben. So gibt es auf dem Stadiongelände etwa eine vertikale Farm, die Kräuter und Gemüse für die Stadiongastronomie produziert. Und im Hintergrund des Stadions, bei der Anreise gut sichtbar, erstreckt sich ein riesiger Wald aus Kiefern und Steineichen, das Wald- und Tierschutzgebiet La Primavera. Eindrucksvoll sieht es aus. Doch was harmonisch wirkt, ist seit vielen Jahren Schauplatz eines ungleichen Kampfes zwischen Umweltschützer:innen und Immobilienspekulant:innen. Und Ersteren kommt die Öko-Inszenierung des Stadions wie Hohn vor.
„Der Wald ist wunderschön“, sagt Gloria Sánchez. „Aber die Bauprojekte ums Stadion fressen ihn auf. Sie werden ihn vernichten.“ Sánchez ist seit 15 Jahren ehrenamtliche Hüterin des Primavera-Waldes, sie macht das für die Regierung und deren Umweltschutzbehörde Profepa. Für denselben Staat, der der drohenden Zerstörung des Waldes durch Immobilienprojekte oft tatenlos zusieht.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Sánchez ist außerdem Teil zweier Kollektive namens Puerta Poniente Ac und Observatorio Sur, die von den Aktivist:innen Manuel Arriero und Minerva Pérez vertreten werden und sich dem Schutz des Primavera-Waldes verschrieben haben. Sie schickt Videos von ihrem letzten Spaziergang zwischen regennassen Kiefern inmitten von Vogelgezwitscher. 135 verschiedene Vogelarten soll es im Schutzgebiet geben, und jüngst wurden auch wieder Pumas gesichtet. „Meine größte Passion ist der Wald“, sagt Sánchez. „Ich bin geboren, um mich um ihn zu kümmern.“ Doch es gibt eine Menge Menschen mit handfesten Interessen an diesem Gebiet. Nun, zur WM, soll das große Fressen beginnen.
Klimaschädlichstes Turnier aller Zeiten
Als klimaschädlichstes Turnier aller Zeiten gilt die Fußball-WM schon vorab. Die vielen Flüge, die befürchteten neun Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, all das ging durch die Medien. Aber die Aufmerksamkeit hielt nicht lange. Es sind am Ende des Tages abstrakte Zahlen, schwer vorstellbar in ihrer Bedeutung und schnell wieder vergessen. Vielleicht muss man also, um zu sehen, was diese WM ökologisch bedeutet, hineinzoomen.
Das Fußballgroßturnier steht in Guadalajara nicht als alleiniger Auslöser für Zerstörung – es ist bloß Teil eines extraktivistischen, eines ausbeuterischen Systems, in dem Natur keinen Preis hat. Diese Zerstörung zum Nulltarif heizen die WM und ihre Profiteur:innen rapide weiter an. Die „Ursünde“, sagt Sánchez, sei allerdings lange vorher begangen worden: „Das Stadion hierhin zu bauen, das war der Fehler.“
Erst 2010 wurde dieses neue Stadion eröffnet, ein Prestigeprojekt. Doch es hätte hier nie gebaut werden dürfen. Denn das Becken, in das sich das Gebäude so vermeintlich harmonisch schmiegt, ist eigentlich eine Wasserschutzzone. Regenwasser, das aus dem Wald in die Senke und weiter durch Schächte im vulkanischen Boden in die Stadt fließt, sammelt sich hier. Jede vierte Person in Guadalajara ist vom hochwertigen Wasser abhängig, das aus dem Primavera-Wald kommt. Wie durfte man gerade hier ein Stadion bauen, in einer Wasserschutzzone und direkt am Waldschutzgebiet?
„Eigentlich ist es illegal“, sagt Gloria Sánchez. „Aber in Mexiko gibt es viel Korruption. Alles, was illegal ist, lässt sich legalisieren.“ Durch den vielen Asphalt könne das Wasser nun nicht mehr abfließen, es komme zu Überflutungen. Das Mikroklima ändere sich. Und die Abwasser des Stadions gefährdeten das Grundwasser von Guadalajara. „Das Stadion hat einen irreversiblen Schaden verursacht.“ Und es hat den Startschuss für einen Wettlauf gesetzt.
Es wird immer weiter gebaut
Denn mit dem Stadion kamen mehr Bauten. Es kamen riesige Parkplätze. Es kam grelles Flutlicht am Abend, das Einfluss auf den Biorhythmus der Tiere nimmt. Es kam eine vielbefahrene Straße, die die Korridore zu anderen Naturgebieten zerstörte. „Der Wald wird stranguliert“, klagt Sánchez. Das einst 30.000 Hektar große Waldgebiet ist heute um ein Drittel geschrumpft. Wegen der Bauprojekte, illegaler Rodungen und vor allem Waldbränden, deren Risiko durch die Nähe zum Menschen steigt. Das größte Stück vom Kuchen aber soll noch vergeben werden. „Es wird jetzt gerade hier gebaut. Stell dir vor, welche Aufwertung der Boden durch die WM bekommt.“
An vielen Orten Mexikos protestieren Aktivist:innen gegen die Zerstörung und Gentrifizierung, die sie durch die WM befürchten. In Guadalajara jedoch ist sie schon im Gange. Héctor Castañon arbeitet hauptberuflich für die NGO Fight Inequality Alliance, die sich mit Wohlstandsverteilung befasst, und ist Teil eines wissenschaftlichen Komitees für den Primavera-Wald.
Castañon beschreibt die Bauprojekte rund um die WM als Teil eines langen Kampfes. Schon zu den Panamerikanischen Spielen 2011 in Guadalajara wurden in der Nähe des Stadions Villen für die Athlet:innen errichtet – womöglich mit dem Ziel, im Schutzgebiet einen Präzedenzfall für Wohnungen zu schaffen. Aktivist:innen und Umweltverbände erwirkten daraufhin zahlreiche einstweilige Verfügungen und erreichten, dass die Gemeinde die Weiternutzung als Wohnungen verweigerte.
Lange standen die Villen leer. „Dann gab es viel Druck, viel öffentliches und privates Interesse, und sie schafften es, auch mithilfe des Druckmittels WM, die Beschränkung aufzuheben“, sagt Castañon. „Jetzt dürfen die Wohnungen verkauft und vergeben werden.“
An die Wasserversorgung denkt niemand
Noch geht das juristische Ringen um das Schutzgebiet und eine Pufferzone weiter. Die offizielle Bewilligung vieler Bebauungspläne erwartet Héctor Castañon erst nach der WM, um keine öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Doch er rechnet mit weiterer Bebauung. Auch würden Eigentümer:innen des Landes in Stadionnähe jetzt ihr Land sichtbar mit Zäunen markieren. „Erst haben sie sich die Erlaubnis geholt, Parkplätze zu bauen. Und dann fängt man an, mehr und mehr zu bauen. Es wird bald normal sein, dieses Gebiet als Teil der Stadt zu sehen.“
Die WM habe zudem durch ihre Infrastruktur den Druck auf das Schutzgebiet erhöht. „Viele Jahre war der Weg zum Stadion für Fans ziemlich mühsam. Aber für die WM haben sie die Straßen erneuert, Bürgersteige gebaut, den ÖPNV zum Stadion verbessert. Normalerweise ist so was gut. Aber hier ist es ein Anreiz, das Gebiet zu besiedeln.“ Alle Infrastruktur sei dabei auf Tourismus ausgerichtet. An die Wasserversorgung von Guadalajara oder an grüne Zonen werde nicht gedacht.
Für Héctor Castañon reflektiert der Umgang mit dem Primavera-Wald ein grundlegendes Problem von Weltmeisterschaften. „Sie nutzen öffentliche Güter und öffentliche Räume, um private Profite zu machen. Sie sollten für das zahlen, wovon sie profitieren.“ Castañon denkt etwa an ökologische Kompensation und eine Umweltsteuer für Verbände wie die Fifa, auch wegen ihrer Vielfliegerei und der Abfälle.
Den Primavera-Wald würde das allerdings auch nicht retten. Castañon denkt auch an Abgaben für öffentliche Dienstleistungen, etwa dafür, dass sich so viel Personal aus dem Gesundheits- und Sicherheitssektor für die WM an einem Ort versammele und dafür anderswo Lücken verursache. „Der Trickle-down-Effekt von privaten Profiteuren zu den Menschen vor Ort ist nie passiert und wird nicht passieren.“
Brot und Spiele
Trotzdem, mit Anti-WM-Aussagen wirkt er vorsichtig. Die Mexikaner:innen seien sehr euphorisch. „Wir dürfen nicht gegen das Spiel sein.“ Wichtiger sei es, den Menschen klarzumachen, wie hoch die Kosten seien.
Aktivistin Gloria Sánchez ist deutlicher. Auch sie ist nicht gegen die WM, aber sie ist gegen die WM in diesem Stadion. Es gebe ja mit dem Jalisco-Stadion eine gute Alternative in Guadalajara weit weg vom Schutzgebiet. Aber was ein Bewusstsein bei Menschen angeht, da hat sie wenig Hoffnung. „Die Mexikaner:innen sind sehr apathisch“, glaubt sie. „Die Regierung schafft Brot und Spiele. Die Leute denken nicht an die Schäden, die das verursacht.“
Sánchez sagt, sie müsse selbst vorsichtig sein. Denn Aktivist:innen in Mexiko leben gefährlich. „Die Aktivist:innen, die sich gegen die Immobilienbarone stellen, erhalten viele Drohungen. Und wenn die Regierung keine Autorität hat, ist es ein schutzloser Kampf“, sagt sie. Sie selbst gehe deshalb in keine direkte Konfrontation. „Manchmal kommt mir der Gedanke, das Handtuch zu werfen. Sie werden es zu Ende bringen mit dem Wald.“
Was ihr bleibe, sei nur die Wut.
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