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Abseits der WM-FanmeileDie Ausbeutung findet weitgehend unsichtbar statt

Mit den vielen WM-Touristen wächst in Mexiko-Stadt die Nachfrage auch nach erzwungenem Sex. Die Frauen dort zu unterstützen, ist eine Lebensaufgabe.

Aus Mexiko-Stadt

Anne Demmer

Elvira Madrid läuft vorbei an Taco- und Blumenständen, an Schuhputzern. Unmittelbar daneben reihen sich junge Frauen auf, einige wirken noch minderjährig, daran ändern auch das dick aufgetragene Make-up, die schwarze Mascara und der rote Lippenstift wenig.

Die Mädchen und jungen Frauen sind durch einen lilafarbenen Metallzaun – für die WM extra neu gestrichen – von einer viel befahrenen Straße getrennt. Dahinter warten sie auf ihre Freier, die einen in kurzen Röcken, mit Strapsen und hochhackigen Lackschuhen, andere mit Turnschuhen. Die meisten starren gelangweilt vor sich hin. Es fängt an zu regnen. Schlecht fürs Geschäft.

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Die taz bei der Fußball-WM

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„Hier sind wir in La Merced“, sagt Madrid. Das ist einer der größten Rotlichtbezirke Lateinamerikas. „Schätzungen zufolge sind 25 Prozent der Frauen hier Opfer von Menschenhandel“, erklärt sie. „Das ist eine sehr komplizierte Zone.“ Madrid kommt täglich hierher, 38 Jahre nun schon. 1988 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann die Brigada Callejera, eine Straßenbrigade, die den Frauen in La Merced medizinische Hilfe und Schutz gewähren soll.

Als Soziologin gelingt es ihr manchmal, mit ihnen ins Gespräch zu kommen: über Gesundheit, über rechtliche Probleme, über mögliche Auswege. Immer wieder hört sie ähnliche Geschichten. Häufig würden die Frauen mit falschen Jobversprechen gelockt. „Ihnen wird gesagt: Du wirst Model“, sagt Madrid. Argentinierinnen hätten ihr erzählt, dass sie in einem Spa waren, da habe sie „der Besitzer, sehr attraktiv, umgarnt, ihnen alles Mögliche versprochen“. Am Ende seien sie sexuell ausgebeutet worden, hätten für ihn arbeiten müssen.

Großereignisse treiben die Preise

Víctor Manuel Sánchez Valdés, Wissenschaftler an der Universidad Autónoma de Coahuila, warnt, dass kriminelle Gruppen die Fußball-Weltmeisterschaft nutzen könnten, um solche bestehenden Formen des Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung auszuweiten. Belastbare Daten, die einen solchen Effekt bei Weltmeisterschaften eindeutig belegen, gibt es bislang kaum.

Unicef versucht mit der Kampagne Tarjeta Azul, Besucher in den Hotels für Anzeichen von Menschenhandel zu sensibilisieren

Unstrittig ist hingegen, dass Großereignisse die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen erhöhen können. Während der WM 2014 in Brasilien stiegen nach Angaben von Beratungsstellen und Forschern die Preise für sexuelle Dienstleistungen zeitweise deutlich an.

In Mexiko gilt die Lage als besonders heikel. Der Sicherheitsexperte Falko Ernst verweist darauf, dass hier ganze Prostitutionskorridore von kriminellen Gruppen – auch mit der Androhung von Gewalt – kontrolliert werden. Gruppen, die auch in den Frauenhandel involviert sind. Der Straßenstrich in Vierteln wie La Merced in Mexiko-Stadt ist dabei nur der sichtbare Teil des Geschäfts. Laut Ernst wird Geld mit der Vermittlung von Frauen an Touristen verdient – in Hotels, Ferienwohnungen und anderen privaten Unterkünften. Dort spielt sich ein großer Teil der Ausbeutung weitgehend unsichtbar ab.

Einschüchterung gehört dazu

Vier Blöcke vom Straßenstrich entfernt herrscht WM-Stimmung. Auf dem Zócalo verfolgen Hunderte das Spiel auf einer riesigen Leinwand. Einige Männer haben in einer der Cantinas anscheinend einen über den Durst getrunken.

Währenddessen steuert Madrid auf eine Frau zu, die auf einer Mauer sitzt. Sie kennen sich. Ein junger Mann geht dazwischen und fragt, was sie wolle. Er stellt sich dicht neben eine der Frauen. Elvira lässt sich nicht irritieren. Den Zuhältern ist sie ein Dorn im Auge – die Männer versuchen regelmäßig, die Soziologin einzuschüchtern. „Wenn du eines ihrer Mädchen ansprichst, antworten die nicht. Sie selbst sagen dann sogar: Hau ab“, erzählt sie später.

Zu Opfern von Menschenhandel hat Madrid nur selten Kontakt. Viele stünden unter ständiger Kontrolle. Manche schafften es erst nach ihrer Flucht, über ihre Situation zu sprechen. Nach Aussagen von Betroffenen gibt es einen Ort in der Stadt, wo Mädchen aus Kolumbien und Venezuela festgehalten werden – mutmaßlich von Mitgliedern der venezolanischen kriminellen Organisation Tren de Aragua. Sie werden nach diesen Schilderungen mit Drogen gefügig gemacht. „Es gibt immer wieder Fälle, in denen sie flüchten können. Und dann erzählen sie uns, wie sie festgehalten wurden, was ihnen widerfahren ist“, sagt Madrid.

Kampagne „Blaue Karte“

In einem Hotel der Kette Camino Real können Gäste einen QR-Code scannen: Null Toleranz bei der sexuellen Ausbeutung von Kindern. Es ist eine Kampagne des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Gemeinsam mit Hotels und anderen Akteuren versucht die Organisation, mit der Kampagne „Tarjeta Azul“, der Blauen Karte, für Anzeichen von Menschenhandel zu sensibilisieren. Besucher sollen animiert werden, mögliche Fälle zu melden. Doch in Stadtteile wie La Merced dringt das kaum vor, kritisiert die Leiterin der Brigada Callejera.

Teils spiele sich das Problem sehr offen ab. Aber korrupte Strukturen sorgten für Straflosigkeit, sagt Sicherheitsexperte Falko Ernst

Auch Sicherheitsexperte Ernst, der seit Jahren zum organisierten Verbrechen recherchiert, hält solche Kampagnen bei Weitem nicht für ausreichend. Teils spiele sich das Problem sehr offen ab – korrupte Strukturen sorgten für Straflosigkeit – teilweise seien sogar die konkreten Orte bekannt. „Die Täter, die das Ganze organisieren, die Etablissements unterhalten, wo junge Menschen sexuell ausgebeutet werden, die müssen härter angepackt werden“, sagt Ernst.

Madrid traut Teilen der mexikanischen Behörden nicht. Zu viele Beamte seien mit kriminellen Gruppen verstrickt, das sei ihre Erfahrung aus fast vier Jahrzehnten. Sie selbst wurde wegen ihrer Arbeit bedroht, ist in einem staatlichen Schutzprogramm.

Dennoch setzt sie ihre tägliche Runde fort. Nur wenige Straßen weiter feiern Tausende Fußballfans. Im Prostitutionsviertel La Merced beginnt für viele Mädchen und Frauen gerade erst der Arbeitstag.

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