Umgang mit dem Coronavirus: Die kalte Panik

Die heftigen Reaktionen auf Corona zeugen von einem tiefliegenden Bedürfnis, endlich unsere katastrophale Normalität zu suspendieren.

Eine Frau geht mit ihrem Rollkoffer eine gelb beleuchtetetn Gang entlang

Plötzliche scheint es möglich, unser business as usual zu ändern Foto: Andreas Arnold/dpa

Erinnert sich noch jemand an Greta Thunbergs Botschaft angesichts des drohenden Klimakollaps vor gut einem Jahr? „I want you to panic!“. Seitdem hat sich viel getan: Das Thema Klimawandel ist endgültig im Mainstream angekommen, Regierungen haben erste, bei weitem nicht ausreichende, ökologische Reformen beschlossen, man spricht von einer neuen Politisierung der Jugend. Doch die Panik ist ausgeblieben – zu schleichend ist die Katastrophe planetaren Ausmaßes, die zwar aus geologischer und evolutionsbiologischer Perspektive viel zu schnell passiert, aus menschlicher allerdings zu langsam, um wirklich zu drastischem oder gar panischem Handeln zu führen.

Covid-19 löst ganz andere Reaktionen aus: In schier unmöglich gedachter Geschwindigkeit werden Reiseverbote erlassen, Grenzen, Universitäten, Schulen geschlossen, das öffentliche Leben beschnitten und die internationalen Produktionsketten unterbrochen. Flüge werden gestrichen, Fabriken heruntergefahren: Der globale CO2-Ausstoß ging in den letzten Wochen stark zurück – und das auch aufgrund einer Panik, die eigentlich nicht auf dem ökologischen Problem fußt. Abseits von virologischen Kalkülen, gesundheitspolitischen Rationalitäten und Clickbait-Panik sollte auch die Frage gestellt werden, inwieweit sich hier nicht auch gerade ein Bedürfnis nach Panik in unseren ökologisch katastrophalen Lebensweisen äußert.

Gleich vorweg: Die Bedrohung des neuartigen Covid-19-Virus ist real, dies kann niemand abstreiten. Mit einer Inkubationszeit von zwei Wochen bei gleichzeitig hoher Infektionsrate ist der neuartige Coronavirenstamm ein virologischer Albtraum, dessen Ausbreitung kaum zu stoppen ist. Aktuelle Schätzungen besagen, dass vielleicht bis zu 40 bis 70 Prozent der Weltbevölkerung von dieser „globalen Pandemie“ (so nun die offizielle Einstufung der WHO) letzten Endes infiziert sein werden.

Dennoch ist Panik, wie sie sich in Hamsterkäufen, Liveticker-Updates zur Zahl der Infizierten und übereilten wie teils auch ineffektiven Quarantäneerlassen äußert, fehl am Platz. In der panischen Affektlage des momentanen Diskurses heizen die Katastrophenszenarien die gesellschaftliche Stimmung in einer Weise auf, dass fast alle Maßnahmen unkritisch akzeptiert (und teils sogar eingefordert) werden.

Doch hört man auf nüchtern gebliebene Stimmen wie etwa jene des Infektiologen Pietro Vernazza, ist die Mortalitätsrate, bei Berücksichtigung der hohen Dunkelziffer der Infizierten ohne Ausbruch von Symptomen, wahrscheinlich weit unter den derzeit veranschlagten ein Prozent. Erinnern wir uns: Vor gut einer Woche war noch die Rede von zwei Prozent.

Die Bevölkerung wird sich höchstwahrscheinlich langsam immunisieren und auch Impfstoffe werden vermutlich schon in diesem Monat an Proband_Innen getestet. Es wird zu einer tragischen Anzahl an Toten kommen, aber ob diese die Zahl von Opfern häuslicher Gewalt, ökologischer Schäden, Verkehrsunfällen oder schlichtweg anderer Viren weltweit in selber Zeit übersteigt, bleibt mehr als fraglich.

Manchmal scheint man fast eine Art romantische Erleichterung gegenüber all den Absagen, Flugsperren und Produktionsstopps zu verspüren. Es scheint ja nun plötzlich doch irgendwie möglich zu sein.

Es gibt sogar bereits – zugegebenermaßen etwas an den Haaren herbeigezogene – Gegenrechnungen, die besagen, dass aufgrund des Coronavirus und der ökologisch positiven Auswirkungen der Beschränkungsmaßnahmen weniger Leute sterben werden, als wenn es den Virus nicht gegeben hätte.

Wie kann es also zu dieser vielfach panischen Reaktion angesichts des Coronavirus kommen? Die Philosophin Isabelle Stengers bezeichnet die emotionale Grundhaltung unserer sich der ökologischen Katastrophe bewusst werdenden Gesellschaften als „kalte Panik“. Wir – die in Flugzeugen fliegen, reichen Konsumgesellschaften angehören und von globalen ökonomischen Ungleichheiten profitieren – wissen um unsere Komplizenschaft an der schleichenden Öko-Katastrophe, die uns nicht nur überrollen wird, sondern mit der wir alle mitrollen. Es ist die Normalität des zu großen ökologischen Fußabdrucks, die die Katastrophe ist. Doch vor dem, was normal ist, kann man schwerlich in Panik geraten.

Symptomatisch für diesen Zustand der „kalten Panik“ gibt es offensichtlich eine große Sehnsucht und mediale Nachfrage nach Katastrophen. Doch die eigentlich diesen fragilen Zustand bewirkende Katastrophe ist zu diffus und zu komplex, um als Objekt der Panik herzuhalten. In diesem hypernervösen Zustand stürzen wir uns gierig auf alle möglichen anderen potenziellen Panikquellen: Neben den einfach zu aktivierenden rassistischen Motiven einer „Flüchtlingskrise“ eignet sich das Virus besonders gut – und spielt teilweise sogar dieselben Register eines „Eindringlings von außen“, gegen den man sich abschotten muss.

Warum aber ist dann die Panik gegenüber Corona höher, als dies bei SARS oder der Schweinegrippe der Fall war? Neben dem virologisch anderen Charakter des Covid-19-Virus mag ein Erklärungselement auch der titelgebende Slogan Thunbergs sein: Das Bewusstsein über den ökologisch katastrophalen Zustand unseres Planeten ist seit der neuen Umweltbewegung stark gestiegen – und mit ihr die „kalte Panik“.

Könnte es sein, dass die heftigen Reaktionen auf das Coronavirus auch aus einem Bedürfnis entspringen, die katastrophale Normalität zu suspendieren? Manchmal scheint man fast eine Art romantische Erleichterung gegenüber all den Absagen, Flugsperren und Produktionsstopps zu verspüren. Es scheint ja nun plötzlich doch irgendwie möglich zu sein, unser katastrophales business as usual zu ändern. Wenn schon nicht durch Fridays for Future, so halt mit Covid-19.

Doch muss man aufpassen, die beiden Probleme nicht zu vermischen. Ein Virus bedarf anderer Maßnahmen als die ökologische Katastrophe. Ziel der staatlichen Maßnahmen ist es, die Ausbreitung der Pandemie so zu verlangsamen, dass es nicht zu einer Überlastung oder gar einem Zusammenbruch der Gesundheitssysteme kommt. Flatten the curve – so der Slogan, der sich viraler als das Virus ausgebreitet hat.

Die neuen alten Führergestalten der Politik inszenieren sich als messianische Beschützer in einem rigorosen Überwachungsstaat.

Eine zu panische Reaktion hingegen übersieht die Gefahren der massiven Eingriffe ins öffentliche Leben, die zurzeit von der allergrößten Mehrheit kritiklos hingenommen werden. So steigt etwa die Zahl der Opfer von häuslicher Gewalt bei Quarantäne stark an, auch die soziale Verrohung in den Supermarktschlangen und das Aufflammen von zwischenmenschlichem Misstrauen und rassistischen Stereotypen (gegenüber ItalienerInnen und AsiatInnen) sind eine reale Bedrohung. Und bei zu exzessiven Hamsterkäufen könnte die Versorgung nicht aufgrund des Virus, sondern aufgrund der falsch ausgelebten Panik zusammenbrechen.

Spielt die „kalte Panik“ unserer ökologisch prekären Situation zu sehr in die gegenwärtige Corona-Krise, laufen wir Gefahr, in ein dystopisches Szenario zu rutschen: Dann werden alle Kulturveranstaltungen und Lehrinstitutionen geschlossen, das öffentliche Leben beschnitten, und die neuen alten Führergestalten der Politik inszenieren sich als messianische Beschützer in einem rigorosen Überwachungsstaat, während andere drängende Probleme wie die Lage von Geflüchteten in Griechenland, die Notwendigkeit eines ökologischen Wandels oder auch nur der vernünftige Umgang mit einer Pandemie unter den Tisch fallen.

Die moderne Gesellschaft wird mit Covid-19 – wie schon mit der Schweinegrippe oder SARS – aller Wahrscheinlichkeit nach einen Umgang finden. In puncto ökologische Katastrophe steuern wir aber weiterhin ungebremst auf den Kollaps zu. Hierbei können wir sogar von Corona lernen: Es ist möglich, Flüge zu verbieten, Produktionen runterzufahren und andere drastische Verbote auszusprechen. Doch die Panik an falschen Orten ist gefährlich.

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Kilian Jörg arbeitet an den transdisziplinären Schnittstellen zwischen Philosophie, Kunst und Wissenschaften. Sein Hauptinteresse gilt ökologischen Fragestellungen und welche narrativen und politischen Framings uns im und jenseits des Anthropozäns ein gutes Miteinanderleben auf diesem Planeten ermöglichen. Er arbeitet in einer Vielzahl von Medien und mit diversen Kollektiven (philosophy unbound, im_flieger, Stoffwechsel - Ökologien der Zusammenarbeit, etc.). Jüngste Veröffentlichungen: 2022: mit Anna Lerchbaumer: Toxic Temple. (Edition Angewandte, de Gruyter) 2020: Backlash - Essays zur Reseilienz der Moderne (Textem, Hamburg) 2018: mit Jorinde Schulz: Die Clubmaschine (Berghain) (Textem Hamburg)

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