Ukrainische Angriffe auf Russland: Der Krieg hat Moskau endgültig erreicht
Der ukrainische Angriff auf eine Moskauer Ölraffinerie war nicht der erste, aber der bisher schwerste. Russlands Behörden spielen die Probleme herunter.
Es sind verstörende Bilder aus Moskau, die seit Donnerstag um die Welt gehen: dicke schwarze Rauchwolken über der Stadt, meterhohe Flammen und Menschen, die das Weite zu suchen.
Bilder, wie man sie in den letzten viereinhalb Jahren so oder ähnlich aus ukrainischen Städten kannte, wenn Russland gerade wieder mit Drohnen oder Raketen Kraftwerke, Einkaufszentren, Schulen oder Wohnhäuser angegriffen hatte. Tausende ukrainische Zivilisten sind bei solchen Angriffen ums Leben gekommen. Zehntausende haben ihre Wohnungen und Häuser verloren. Oder mussten gar gleich ganz vor der russischen Besetzung in andere Landesteile fliehen.
Doch jetzt ist der Krieg endgültig auch in Russlands Hauptstadt angekommen. Am Donnerstag griffen die ukrainische Streitkräfte, bereits zum zweiten Mal in dieser Woche, eine Moskauer Ölraffinerie im Stadtteil Kapotnaja an. Es ist die größte Raffinerie Russlands, sie liefert 40 Prozent des in Moskau benötigten Treibstoffs. Die Videos davon, wie der riesige Deckel eines Öltanks, einem Ufo gleich, in die Luft geschleudert wurde, gingen mittlerweile viral.
Der groß angelegte Angriff erfolgte wenige Stunden vor dem geplanten Treffen von Präsident Wladimir Putin mit südostasiatischen Staats- und Regierungschefs auf einem Gipfel in der Stadt Kasan, etwa 700 Kilometer östlich der Hauptstadt. Bereits kurz vor dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg Anfang Juni hatte die Ukraine ein Ölterminal im Hafen der Stadt beschossen.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Moskauer Flughäfen stellen Betrieb ein
Der Moskauer Flughafen Scheremetjewo, der verkehrsreichste Flughafen des Landes, gab bekannt, dass er die Passagiere während des Raketenangriffs an „sichere Orte“ evakuiert und den Flugverkehr eingeschränkt habe. Auch drei weitere Moskauer Flughäfen stellten ihren Betrieb vorübergehend ein.
„Die Luftabwehrkräfte wehren weiterhin einen massiven Angriff ab. Mehreren Drohnen ist es gelungen, die Raffinerie zu erreichen. Es werden Maßnahmen ergriffen, um die Folgen zu mildern“, schrieb Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin auf Telegram.
Eine weitere Drohne stürzte in ein Wohnhaus im Bezirk Schukowski in der Region Moskau, während Trümmerteile einer Drohne in einem Einkaufszentrum in der Nähe der Vororte der Hauptstadt einen Brand auslösten, sagte der Gouverneur der Region Moskau, Andrej Worobjow. Bei den Angriffen wurden 17 Menschen verletzt.
Luftangriffe auch auf andere russische Städte
Auch aus anderen russischen Städten gibt es nach ukrainischen Angriffen ähnliche Bilder. Am Donnerstag wurde ein Öldepot im Gebiet Rostow am Don nahe der ukrainischen Grenze bombardiert. In den vergangenen Wochen gab es Angriffe auf zahlreiche Raffinerien und Ölanlagen in allen Teilen Russlands.
Auf Social Media sieht man Videos davon, wie Moskauer*innen Bilder von den Bränden und den schwarzen Wolken machen und aufgeregt kommentieren. „Whow, this is f*cking epic“, hört man einen Mann sagen. Von Panik oder Entsetzen ist auf all diesen Videos wenig zu sehen. Fast könnte man meinen, die Menschen in Moskau dächten immer noch, all das beträfe sie nicht und sei nur so etwas wie ein Bühnenspektakel. Während die Verantwortlichen so wie Moskaus Bürgermeister so klingen, als sei die Lage unter Kontrolle.
Doch spricht man vor Ort mit den Menschen, klingt das anders als das, was in offiziellen Verlautbarungen und auch auf Social Media gezeigt wird.
Folgen der Angriffe auf russische Zivilbevölkerung
Swetlana (Name geändert) aus Moskau war am vergangenen Sonntag mit dem Auto auf dem Weg von der Datscha zurück in die Stadt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich nach einem Wochenende der Autoverkehr Richtung Hauptstadt nur stockend fortbewegt. Aber dieses Mal sei der Stau auf den Straßen besonders schlimm gewesen, sagt Swetlana. Die Mittvierzigerin wirkt erschöpft. „Über sieben Stunden ohne Pause habe ich am Steuer gesessen, normalerweise brauche ich höchstens drei Stunden.“
Swetlana hat für den Megastau auf der ihr vertrauten Strecke aus dem Gebiet Twer eine plausibel klingende Erklärung: Zum einen habe es starke Gewitter gegeben. Hauptgrund sei aber wohl, dass am frühen Sonntagmorgen im Jaroslawer Gebiet, in Rybinsk, Treibstofftanks durch einen ukrainischen Drohnenangriff in Flammen aufgingen. Eine bedrohliche Rauchwolke zog daraufhin gen Himmel.
„Ich habe gehört, dass es dort schwarzen Ölregen gegeben haben soll“, erzählt Swetlana. Aus dessen Richtung kommende Wochenendurlauber:innen hätten versucht das betroffene Gebiet weit zu umfahren und seien deshalb auf die Route von Twer nach Moskau ausgewichen.
Behörden reden Probleme klein
Gerüchte machen in Russland schnell die Runde. Per Social Media über Profile russischer Exilmedien unter die Leute gebrachte Videos und Fotos ebenfalls. Auf dem Telegram-Kanal Astra sind mit schwarzen Flecken übersäte Blumen aus der Region zu sehen, der ukrainische Telegram-Kanal Exilenova+ zeigt Fotos von beschmierten Gartenmöbeln und schwarzem Regenwasser auf Fließen.
Es habe keine Verletzten gegeben, verkündete der Gouverneur des Jaroslawer Gebiets Michail Jewrajew. Einen Tag später versuchte er die Bevölkerung mit einer weiteren positiven Nachricht zu beruhigen, die der schwarze Regen stark verunsichert hatte: „Nach Angaben von Experten handelt es sich bei diesen Rückständen um gewöhnlichen Ruß, der für Pflanzen und die Landwirtschaft unbedenklich ist“, er klärte Jewraejw. „Der gleiche Ruß entsteht auch bei Waldbränden.“ Also alles easy.
Vielleicht stimmt zumindest das mit den Verletzten, vielleicht auch nicht. Die Behörden sind stets darum bemüht, Folgeschäden von Drohnenangriffen kleinzureden. Bis zu einem gewissen Grad geht diese Taktik auf, auch weil die unautorisierte Verbreitung solch unrühmlicher Kausalitäten unter Strafe steht. Gerede gibt es natürlich trotzdem. So hat Swetlana von einem Datschennachbarn gehört, dessen Sohn in der Ölraffinerie von Kapotnja arbeitet, dass bereits Mitte Mai bei einer Attacke fünfzehn Arbeiter ums Leben gekommen seien. Nach offiziellen Angaben gab es lediglich zwölf Verletzte.
Datschenurlaub statt Krim
Am Morgen des 16. Juni brannte die Raffinerie erneut wegen einer Drohne und musste die Produktion vorübergehend stoppen. Und dann kam der Großangriff vom Donnerstag. Noch sieht man in Moskau, anders als in zahlreichen anderen Regionen, keine langen Schlangen an den Tankstellen, aber die Mobilität in der gerade anlaufenden Urlaubssaison lässt dafür nach. So manche Pläne, mit dem Wagen auf die Krim zu fahren, haben sich jedenfalls erübrigt. Auf der Krim ist der Sprit rationiert, Buchungen werden reihenweise storniert. Wer noch einen vollen Tank hat, sollte es immerhin auf die Datscha schaffen.
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