Ukrainisch-russischer Drohnenkrieg: Gefahr für den Weltmarkt
Angriffe auf Frachter im Schwarzen Meer lassen die Exporte der weltweit führenden Getreideexporteure Russland und Ukraine einbrechen. Die Folgen sind enorm.
Die Lage im Schwarzen Meer wird immer dramatischer: Gegenseitige Drohnen- und Seedrohnen-Angriffe haben die Exporte Russlands und der Ukraine über das Binnenmeer stark eingeschränkt. So tragen sie zu erheblichen Ausfuhr- und Einnahmeverlusten bei und haben den Weizenpreis weltweit jetzt schon auf ein Zweijahreshoch getrieben.
Zuletzt war am Donnerstag 21 Seemeilen (39 Kilometer) vom ukrainischen Hafen Odessa der für die Hamburger Reederei Johann M. K. Blumenthal GmbH & Co. KG fahrende Schüttgutfrachter „Emil“ von russischen Drohnen getroffen worden und in Brand geraten. Die elfköpfige Besatzung musste von Bord des 292 Meter langen, unter der Flagge Liberias fahrenden, zuletzt manövrierunfähigen Schiffs gebracht werden. Am Freitagmorgen teilte die russische Armee mit, weitere 3 für die Ukraine fahrende Schiffe angegriffen zu haben.
Dass der Frachter „Emil“ überhaupt noch vor Odessa, wo der Hamburger Hafenbetreiber HHLA auch ein Terminal betreibt, aufgetaucht war, ist verwunderlich. Denn seit dem 22. Juli fahren Schiffe die Häfen Odessa, Tschornomorsk, Juschnyj, Mykolajiw und Ismail weder an noch laufen sie von dort aus. Russland hat seit Wochen die Hafenanlagen, Silos und Löscheinrichtungen stark zerstört und auch ausländische Frachter dort regelmäßig angegriffen.
Im Juni waren dort noch täglich durchschnittlich 9 Schiffe abgefertigt und bis 21. Juli pro Tag 5 Frachter be- und entladen worden. „Schiffe sind einfach nicht mehr gekommen“, kommentierte der ukrainische Agrarminister Taras Wysozkyj.
Einnahmeausfälle in Milliardenhöhe
Da hatten Großreedereien wie Maersk und CMA CGM wegen Sicherheitsbedenken ihre Transporte bereits storniert. Schiffsversicherungen haben die Kriegsrisikoaufschläge so erhöht, dass reguläre Schiffsfracht nicht mehr abzuwickeln ist. Jetzt warnt Wysozkyj: „Die Lage ist außerordentlich schwierig.“
Die Ukraine steht für 6 Prozent der weltweiten Weizen- und 11 Prozent der globalen Maisausfuhren. Bis zu 3 Milliarden Dollar Einnahmeausfälle seien jetzt schon zu erwarten. Präsident Wolodymyr Selenskyj versprach in seiner nächtlichen Ansprache am späten Donnerstag, den Betroffenen werde geholfen.
Allerdings werden 90 Prozent der Getreide- und Ölsaatenexporte bisher über die Schwarzmeerhäfen abgewickelt. „Keine alternative Route kann Seehäfen vollständig ersetzen. Selbst beim optimistischsten Szenario könnten alternative Logistiklösungen über die Donau nur bis zur Hälfte der erforderlichen Exportmengen bewältigen und würden den Landwirten zusätzliche Kosten in Höhe von 50 bis 70 Euro pro Tonne Erzeugnis verursachen“, sagte Wysozkyj.
Auch die Hälfte des ukrainischen Stahlexports und 95 Prozent der Roheisenausfuhren und 50 Prozent der Eisenerzlieferungen sind bisher schon betroffen. Die Ukraine hatte sich mit ihrem Drohnenkrieg, bei dem sie die russische Schwarzmeerflotte von der okkupierten Halbinsel Krim vertrieben und Marineschiffe auch in anderen Häfen getroffen hatte, einen Exportkorridor für Getreide, Speiseöl und metallurgische Produkte erkämpft.
Massive Ausweitung der Angriffe
Damit war Schluss, als Moskau nach massiven ukrainischen Angriffen auf aus dem Süden Russlands kommende Öltanker und Frachter seinerseits verstärkt für die Ukraine fahrende Schiffe und Hafenanlagen angriff. Nach Angaben des Infrastrukturministeriums verzeichnete Kyjiw im Juli 35 Angriffe auf Schiffe in Häfen und 22 auf See sowie 67 Angriffe auf Hafenanlagen – im Vergleich zu nur 14 Angriffen auf Schiffe im gesamten Jahr 2025.
Der Kreml seinerseits musste wegen ukrainischer Drohnenattacken auf für Russland fahrende Schiffe seit dem 18. Juli die Durchfahrt der Straße von Kertsch und den Asow-Don-Kanal sperren. Die Ukraine hat bislang 196 für Russland fahrende Schiffe attackiert.
Beide Länder haben bisher je 38 Prozent ihrer Getreideexporte eingebüßt, Russland zusätzlich Ölausfuhren über das Schwarze Meer. Statt vor dem Krieg bis zu 7 Millionen Tonnen Getreideausfuhren monatlich hatte die Ukraine zuletzt noch 2 Millionen Tonnen im Juli exportieren können.
Rasanter Preisanstieg
Russlands Exporte gingen auch über ein Drittel zurück. In der Folge steigt der Weizenpreis rasant. Vor allem Indien und Länder in Afrika machen sich große Sorgen über ausreichende Lieferungen. Denn Wysozkyj hat bereits angekündigt, dass „mehr als 30 Millionen Tonnen Getreide nicht auf die internationalen Märkte exportiert werden können, solange dieses Problem nicht gelöst ist“.
Das ukrainische Außenministerium verlangt deshalb eine Befassung im UN-Sicherheitsrat. Die ukrainische Bahn Ukrzaliznyzija versucht nun, Getreide zu den Donauhäfen, zum rumänischen Hafen Constanța und weiter in die Slowakei und nach Ungarn umzuleiten.
Aber: Darüber kann monatlich allenfalls 1 Million Tonnen Getreide ausgeführt werden statt wie im Mai noch 3 Millionen über die Schwarzmeerhäfen. Auf russischer Seite sieht es aktuell nicht besser aus: Dort fehlt Bauern sogar wegen der ukrainischen Angriffe auf Raffinerien oft Diesel für die Mähdrescher, um die Ernte einzubringen.
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