Straße von Kertsch gesperrt: Der nächste Schlag für die russische Wirtschaft
Nach ukrainischen Angriffen stoppt Russland den Schiffsverkehr an zwei wichtigen Wasserstraßen. Russische Getreideexporte sinken und treffen die Wirtschaft.
Foto: Commander of Unmanned Aerial Systems Force/Handout via reuters
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Russland hat nach ukrainischen Drohnenangriffen den Schiffsverkehr auf dem Asow-Don-Seekanal am 10. Juli gestoppt. Der Kanal verbindet den Don mit dem Asowschen Meer. Von dort aus führt die Straße von Kertsch weiter ins Schwarze Meer, sie ist die einzige Wasserverbindung zwischen beiden Meeren. Dort wurde die Durchfahrt für Schiffe faktisch ausgesetzt, neue Anträge werden nicht mehr angenommen.
Die faktische Sperrung beider Wasserwege habe schon jetzt Folgen, schreibt Novaya Gazeta Europe. Wegen der Schließung können zivile Schiffe aus den russischen Asow-Häfen ihre internationalen Routen nicht mehr normal bedienen. Betroffen sind die Häfen Asow, Rostow am Don und Taganrog, sie können keine Weizenlieferungen mehr annehmen. Landwirte zeigen bereits Fotos von langen Lkw-Schlangen, die mit Getreide beladen auf Abfertigung warten.
Die Schwarzmeerregion ist wirtschaftlich bedeutsam für Russland. Entlang der Asowschen Küste liegen mit Rostow und Krasnodar die wichtigsten Getreideanbaugebiete. An der Straße von Kertsch befindet sich zudem der zweitgrößte Hafen der russischen Schwarzmeerregion.
Nach Einschätzung von Expert:innen könnte eine längere Sperrung des Kanals fast ein Viertel der russischen Weizenexporte beeinträchtigen. Seit Sperrung des Kanals stiegen die Weizenpreise an der Terminbörse Euronext um vier Prozent.
Stillstand für russische Häfen
Eine offizielle Begründung für die Sperrung gibt es aus dem Kreml bislang nicht. Der Militärexperte Kirill Michailow sagt, die Sperrung sei eine Reaktion auf die seit mehreren Tagen andauernden ukrainischen Drohnenangriffe auf Tanker und andere Schiffe im Asowschen Meer.
Für die russischen Häfen am Asowschen Meer bedeuten die Einschränkungen einen faktischen Stillstand, da zivile Schiffe die Straße von Kertsch nicht mehr passieren können. Laut Michailow hat die Ukraine damit „ein ziemlich bedeutendes strategisches Ergebnis“ erzielt.
Laut The Insider wurden am Abend des 9. Juli 14 russische Schiffe im Asowschen Meer getroffen. Am 10. Juli griffen ukrainische Drohnen weitere 13 russische Schiffe an, darunter 10 Tanker. Insgesamt mindestens 48 russische Schiffe wurden demnach angegriffen.
Der Treibstoffmangel verschärft die Situation zusätzlich. Besonders angespannt ist die Lage im Süden Russlands, beispielsweise in den Regionen Krasnodar, Stawropol und Rostow sowie auf der annektierten Krim. Dort kämpfen Landwirte mit Dieselknappheit, langen Warteschlangen an Tankstellen und Abgabebeschränkungen.
Noch keine Krise, aber lokale Verzögerungen
Wie Forbes unter Berufung auf Expert:innen berichtet, rechnen einige Landwirte aus der Region Rostow bereits mit Ernteverlusten von bis zu 15 Prozent, weil die Felder nicht rechtzeitig abgeerntet werden können.
Von einer akuten Krise wollen die Gesprächspartner des Magazins jedoch noch nicht sprechen. Andrej Sizow vom Analysehaus SowEkon geht davon aus, dass es sich bislang überwiegend um lokale Verzögerungen bei der Ernte handelt. Langfristig könnten jedoch steigende Kosten und sinkende Rentabilität dazu führen, dass die Anbauflächen weiter schrumpfen und kleinere landwirtschaftliche Betriebe aufgeben müssen.
Sinkende Exporte treffen nicht nur die russische Wirtschaft, sondern auch die Versorgungslage von Ländern, die von den Getreidelieferungen abhängig sind. Russland und die Ukraine zählen gemeinsam zu den größten Weizenexporteuren der Welt und decken zusammen rund 30 Prozent des globalen Weizenhandels ab. Laut Weltbank sind vor allem Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika und im Nahen Osten besonders abhängig.
Seit Beginn der russischen Vollinvasion 2022 ist der Export ukrainischen Getreides über das Schwarze Meer beeinträchtigt. Im Sommer 2022 vermittelten die Vereinten Nationen und die Türkei das Schwarzmeer-Getreideabkommen, das den sicheren Export ukrainischen Getreides aus den Häfen ermöglichte; während seiner Laufzeit wurden knapp 33 Millionen Tonnen exportiert. Im Juli 2023 stieg Russland aus dem Abkommen aus und erklärte seitdem alle Schiffe auf dem Weg zu ukrainischen Häfen im Schwarzen Meer als potenzielle Transporte militärischer Güter.
Seitdem hat der Kreml seine Angriffe auf ukrainische Schwarzmeerhäfen und zivile Schiffe verschärft, zuletzt verstärkt auf die Tiefwasserhäfen im Großraum Odessa, über die ein Großteil der ukrainischen Getreideexporte abgewickelt wird.
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