Russisch-ukrainischer Krieg: Krieg um Tanker und Weizenfelder
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine wird zu einem gegenseitigen wirtschaftlichen Vernichtungsfeldzug. Mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.
Foto: Sergey Pivovarov/reuters
An russischen Tankstellen gibt es bereits erste Tote. Und die russische Armee muss mancherorts anrücken, um wüste Schlägereien um bessere Warteplätze vor den Zapfsäulen zu schlichten. Die langen Autoschlangen sind auf Videos in russischen sozialen Netzwerken wie VK und Telegram zu sehen. In der Stadt Lyswa im Ural ist ein 80-Jähriger und in Petrosawodsk im Nordwesten Russlands ein 75-jähriger Autofahrer in der Warteschlange vor einer Tankstelle verstorben – Herzinsuffizienz in völlig überhitzten Autos.
Ursache für den massiven Benzinmangel sind die anhaltenden ukrainischen Dohnen- und Raketenangriffe auf russische Raffinerien. Dadurch sind nach Berechnungen 35 bis 40 Prozent der russischen Rohölverarbeitung weggebrochen. Trotz Exportverboten für Benzin, Diesel und Kerosin aus Russland und dem Moskauer Versuch, in Kasachstan, Belarus, Indien und anderswo Treibstoff aufzutreiben, herrscht im Riesenreich massiver Mangel. Inmitten der Erntesaison reicht der Diesel nicht für Mähdrescher und Trecker.
Zudem haben inzwischen die gegenseitigen Angriffe auch zu einem erheblichen Einbruch der Exporte der beiden Agrar-Weltmächte Russland und Ukraine geführt. Internationale Organisationen warnen bereits vor einer möglicherweise drohenden Hungersnot in Hauptabnehmerländern wie Ägypten.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Ukrainisches Ziel ist die vollständige Isolierung der Krim
Wolodymyr Selenskyj hatte am 26. Juni eine 40-Tage-Operation angekündigt mit gezielten Attacken auf russische Energieinfrastruktur. „Um den Aggressorstaat zu einem Ende des Krieges zu bewegen“, wie der ukrainische Präsident formulierte. Die erfolgreichen Angriffe auf alle Raffinerien bis weit nach Sibirien, die die Machtlosigkeit der russischen Luftabwehr demonstrierten, hat der Kreml seit gut einer Woche mit wütendem Beschuss auf ukrainische Häfen beantwortet. Daraufhin griff auch die ukrainische Armee gezielt aus Russland auslaufende Frachter und Verladehäfen an.
Die vom Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitmacht, Robert Browdi, Kampfname „Madjar“, „MoLoChKa“ (Milch) getaufte Kampfoperation beschreibt Kyjiws Strategie. Ausbuchstabiert bedeutet die Abkürzung: „Moskaus Ende führt über die Krim.“ Die von Moskau okkupierte Halbinsel soll vollständig isoliert und die russische Armee zum Abzug von dort gezwungen werden.
Deshalb werden neben Raffinerien und Ölexportterminals in Russland – um dem Kreml Einnahmen für seine Kriegskasse zu nehmen – verstärkt Umspannwerke und Stromanlagen auf der Krim sowie Tanker und Frachter abgeschossen, die nordwestlich der Krim vom Asowschen ins Schwarze Meer unter der berüchtigten Brücke von Kertsch fahren.
Denis Martschuk, Allukrainischer Agrarverband WAR
Wechselseitige Angriffe auf Schiffe und Häfen
„Solche konzentrierten Angriffe haben wir weltweit noch nie gesehen“, sagte Thomas Alexa von der Schifffahrtsanalysefirma Ambrey mit Vergleich zum berühmten Tankerkrieg im Iran-Irak-Krieg. Laut Browdi sind bis Montag 183 russische Schiffe und 103 russische Energieanlagen getroffen worden. Zugleich hat Russland die Häfen der Regionen Odessa und Mykolajiw massiv angegriffen. Zuletzt wurde der unter Flagge Guinea-Bissaus fahrende Getreidefrachter „Golden Leo“ getroffen und zehn Seeleute aus Indien und Syrien getötet.
„Die direkten Schäden an der Hafeninfrastruktur an der Schwarzmeerküste belaufen sich aktuell auf über 1,5 Milliarden Dollar, und die Zahl der Angriffe steigt stetig. Während im gesamten Vorjahr etwa 150 Angriffe verzeichnet wurden, waren es allein im ersten Halbjahr dieses Jahres bereits über 180“, berichtete Denis Martschuk vom Allukrainischen Agrarverband WAR: „Die Angriffe auf Häfen gefährden den Export der neuen Ernte.“ Verladeeinrichtungen für ein Drittel der bisherigen ukrainischen Getreideausfuhren seien zerstört.
Starker Rückgang bei Getreideexporten
Während die Ukraine für mehr als 40 Prozent der weltweiten Sonnenblumenölexporte, 15 Prozent des globalen Mais-Marktes und 8 Prozent der Weizenhandels steht, beträgt der russische Anteil bei Weizen gut 20 und bei Speiseöl fast 30 Prozent. Nun dürfte nur noch die Hälfte des Getreides wie im Durchschnitt der letzten fünf Jahre exportiert werden, prognostizierten die russischen Agrarexperten von SovEcon. So wenig wie seit 2017 nicht mehr.
„Der Hauptgrund für den Rückgang sind die Beschränkungen der Schifffahrt durch die Straße von Kertsch“, erklärt Andrej Sizow von SovEcon. Die dänische Großreederei Maersk hat wegen der andauernden Beschüsse von Häfen an der ukrainischen Schwarzmeerhäfen ihre Operationen dort eingestellt und wickelt keine Transporte dort mehr ab. Damit fallen weitere Exporte aus der Ukraine weg.
Zugleich greift die russische Armee ebenso gezielt wie perfide ukrainische Bauernhöfe an: mit von Drohnen abgeworfenen Brandbomben. „Mein Vater wurde auf dem Acker von einer russischen Drohne getötet, und in einer Nacht wurden zuletzt 2.000 Hektar erntereifer Felder abgebrannt“, berichtete der Landwirt Viktor Hordijenko dem lokalen Fernsehen. Sein Hof liegt im Gebiet Cherson, dessen östlich des Flusses Dnipro gelegener Teil von Russland besetzt ist. Der Dieselmangel setzt derweil russischen Bauern so zu, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Ernte einzubringen.
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