piwik no script img

Tennis-Affäre um Kai WegnerAbstreiten, angreifen, ablenken

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Der Regierende Bürgermeister droht gegen eine kritische Recherche des „Tagesspiegels“ zu klagen. Ein durchschaubarer Versuch, von Kritik abzulenken.

Hat offenbar ein schwieriges Verhältnis zur Wahrheit: der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) Foto: Michael Ukas/dpa

W as macht man als Regierender Bürgermeister, der kritische Berichterstattung über sich selbst verhindern will, aber eigentlich gar keine Handhabe hat? Ganz genau: Man zündet Nebelkerzen und versucht so, die Berichterstattung zu diskreditieren. Ganz nach dem Motto des im Englischen als die „4 Ds der Verantwortungsvermeidung“ bekannten Prinzips: deny, deflect, defend, diffuse. Zu Deutsch: Alles abstreiten, Nebenschauplätze aufmachen, sich aggressiv zur Wehr setzen und dann erklären, das Problem gebe es gar nicht.

Wie Kai Wegner (CDU) mit der Tennis-Affäre umgeht, folgt exakt diesem Muster. Am Dienstag wurde bekannt, dass er die Öffentlichkeit über sein Krisenmanagement nach dem verheerenden Stromanschlag im Berliner Südwesten Anfang Januar noch stärker getäuscht hatte, als bisher bekannt. Wegners Reaktion: die Recherchen in Zweifel ziehen und ankündigen, gegen die kritische Berichterstattung klagen zu wollen.

Anfänglich hatte Wegner erklärt, sich „zu Hause eingeschlossen“ zu haben, um die Krise zu managen und unterschlug, dass er zwischendurch Tennis spielen war. Das rechtfertigte er anschließend damit, dass er nach den vielen Telefonaten am Vormittag „mal den Kopf freikriegen“ wollte. Doch laut Tagesspiegel haben diverse dieser Telefonate überhaupt nicht am Vormittag stattgefunden, sondern wesentlich später und weniger intensiv als dargestellt.

Als Reaktion verschickte die berüchtigte Medienrechtskanzlei Schertz Bergmann eine „Presseerklärung für Kai Wegner“, aus der hervorgeht, dass der Regierende die Berichterstattung als „haltlos“ betrachtet. Von einer „kampagnenartigen Formulierung“ ist die Rede, und davon, dass die Kanzlei „presserechtliche Schritte“ prüfen werde.

Aus dem populistischen Playbook

Nur: Eine Unterlassungserklärung, die der Medienanwalt Christian Schertz ansonsten recht freimütig verschickt, ist beim Tagesspiegel bisher nicht eingegangen. Das ist auch kein Wunder, denn die Recherche ist tadellos: Die Zeitung hat die Senatskanzlei verklagt, Informationen zu Wegners Tagesablauf freizugeben – und diese widersprechen dem, was Wegner bisher kundgetan hat. Angreifbar dürfte daran kaum etwas sein.

Wegner insinuiert eine Medienkampagne

Die öffentlichkeitswirksame Ankündigung einer Klage – ob sie noch kommt oder nicht – dürfte deshalb vor allem einen anderen Zweck erfüllen: Die Tatsache, dass Wegner die Öffentlichkeit getäuscht hat, im kollektiven Gedächtnis irgendwie als umstritten zu markieren, als ungesicherten Vorwurf. Ein Fehlverhalten streitet Wegner weiter ab, insinuiert stattdessen eine Medienkampagne und verweist darauf, dass ja wohl jeder das Recht auf ein bisschen Sport hätte – ganz entsprechend der vier Ds.

Ganz ähnlich hat sich diese Woche die Innenverwaltung verhalten, als sie eine von ihr selbst beauftragte Studie zur Versammlungsfreiheit noch vor Erscheinen zu diskreditieren versuchte, weil die Ergebnisse der aktuellen Senatspolitik zuwiderlaufen. Wissenschaft und Medien angreifen, weil diese regierungskritisch sind, sind Methoden aus dem populistischen Playbook.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Timm Kühn
Redakteur
Chef vom Dienst bei der taz Berlin. Schreibt für die taz über soziale Bewegungen und mehr.
Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Ach Kai, Du bist so 1 Bürgermeister!

  • In einem Satz eines Politikers oder einem Headliner einer Tageszeitung mit Reichweite und Tiefenwirkung sollten vor Wahlen drei Worte besser nicht gemeinsam erscheinen:



    "Recherche, droht, klagen"



    Das kann ins Auge gehen.



    Bei spiegel.de Dezember 2025



    "Auch Teile der Union kritisieren nun Merz’ Vorgehen: Unionspolitiker, die in der »Welt am Sonntag« nicht namentlich genannt werden, fürchten, dass die rigorose Verfolgung von Beleidigungen der Partei politisch schaden könnte. »Nach der Hausdurchsuchung bei dem Typen, der Habeck einen ›Schwachkopf‹ genannt hatte, fanden wir das nicht mehr vermittelbar, dass auch Merz so etwas macht.« Ein anderer sagte: »Die Strafanträge von ihm werden uns sicher auf die Füße fallen.«



    Also Vorsicht bei der Auswahl der Agentur oder Kanzlei und Augen auf bei der Drohung im "Freien Raum"!

  • Wegner ist fällig. Die Mitschuld an dieser Fehlbesetzung liegt nicht nur beim Wähler m/w/d Berlins, sondern auch beim Giffeyteil der SPD.



    Die nächste Wahl kommt ja.

  • Der Tagesspiegel will einfach nicht verstehen, dass Kai Wegner seinen Kopf rein "vorsorglich" freibekommen wollte. Dass die Telefonate dann später weniger intensiv waren, konnte er doch nicht ahnen.

  • Was ist denn ei populistisches Playbook?

    • @Peter Teubner:

      Playbook:



      Gesamtheit aller festgeschriebenen Spielzüge einer Mannschaft [Gebrauch: Football]



      Wissenschaft und Medien angreifen, weil diese regierungskritisch sind, sind Methoden aus dem populistischen Playbook.



      In meinem Playbook steht z.B. mögliche Angriffe zu verhindern, indem ich meinerseits einen Angriff starte. Ist jetzt nicht so ernst gemeint.

    • @Peter Teubner:

      playbook wird als Leitfaden übersetzt.



      Und hier die Definition von ei:



      „Das Ei, lateinisch ovum, ist ein System, das in einem frühen Stadium der Entwicklung (Ontogenie) eines Eier legenden Tieres (Ovipars) gebildet wird.“



      de.wikipedia.org/wiki/Ei