Studie zu Gen Z: Fake News zum Frauentag
Junge Männer sind erstaunlich frauenfeindlich, wollte eine Ipsos-Studie zum Weltfrauentag zeigen. Nur: Einer Prüfung hält diese Geschichte nicht stand.
G en Z findet: Ehefrauen sollten ihren Männern gehorchen. Mit dieser Schlagzeile verbreiteten jüngst zahlreiche Medien Beiträge zur neuen Ipsos-Umfrage zum Weltfrauentag. Die Botschaft: Die aktuelle Generation junger Menschen habe erstaunlich traditionelle Ansichten. Das Problem ist nur: Diese Geschichte hält einer genaueren Prüfung kaum stand. Der Ausgangspunkt ist eine Pressemitteilung des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Darin wird der Eindruck erweckt, die Ergebnisse einer „Studie“ seien repräsentativ für ganze Gesellschaften. Die methodische Grundlage bleibt dagegen vage. Statt einer Erklärung zur Stichprobenziehung und Zufallsauswahl taucht vor allem ein Begriff auf: „Internetdurchdringung“.
Das Argument lautet sinngemäß: Wenn in einem Land fast alle Menschen Zugang zum Internet haben, kann man sie auch online befragen. Klingt plausibel, ist methodisch aber nicht ausreichend. Wesentlich für Repräsentativität ist nicht, ob Menschen theoretisch teilnehmen könnten, sondern ob sie eine ähnliche Chance haben, für die Befragung ausgewählt zu werden. Bei der Forschungsgruppe Wahlen zum Beispiel werden zu diesem Zweck Telefonnummern zufallsgeneriert. Landet die Interviewerin in einem Haushalt mit mehreren Personen, wird nicht die Person befragt, die ans Telefon geht, sondern die, die zuletzt Geburtstag hatte. Diese zweistufige Zufallsauswahl sorgt – zusammen mit Gewichtungen nach Geschlecht, Alter und Bildung – dafür, dass die Stichprobe repräsentativ wird.
Die Ipsos-Umfrage basiert auf einem Online-Panel. Befragt werden dabei Personen, die sich freiwillig auf der Ipsos-eigenen Plattform registriert haben, um regelmäßig an Umfragen teilzunehmen. Solche Panels sind in der Marktforschung verbreitet, weil sie schnell und kostengünstig große Stichproben ermöglichen. Aus wissenschaftlicher Sicht haben sie jedoch das Problem, dass die Teilnehmer*innen nicht zufällig aus der Bevölkerung gezogen werden, sondern sich selbst anmelden. Wer das macht, hat in der Regel viel Zeit und Meinung. Eltern kleiner Kinder, pflegende Angehörige und andere Gruppen mit wenig Zeit oder geringerer digitaler Nutzung tauchen seltener auf.
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Genau hinschauen
Wer die Ipsos-Umfrage darüber hinaus genauer anschaut, stößt schnell auf eine Reihe methodischer Fragwürdigkeiten. Viele der verwendeten Aussagen, die die Teilnehmenden bewerten sollen, arbeiten mit sehr vagen oder politisch aufgeladenen Begriffen. So wird etwa gefragt, ob „genug für Gleichstellung getan wurde“. Was genau damit gemeint ist – rechtliche Gleichheit, Einkommensunterschiede oder gesellschaftliche Rollenbilder –, bleibt offen. Verschiedene Befragte können dieselbe Aussage daher völlig unterschiedlich interpretieren.
Die Studie vergleicht Ergebnisse aus rund 30 Ländern. Damit solche Vergleiche sinnvoll sind, müssten die Fragen in allen kulturellen Kontexten eine ähnliche Bedeutung haben. Doch gerade Aussagen über Gehorsam, Rollenbilder oder Gleichstellung können in unterschiedlichen Gesellschaften sehr verschieden verstanden werden – als religiöse Norm, als ironische Übertreibung oder als politische Provokation. Als Provokation lesbar ist in jedem Falle auch die Reihung und Richtung der Aussagen in der Umfrage.
Die erste Aussage „Frauen können sich natürlicherweise bedingt besser um Kinder kümmern als Männer“ aktiviert Gedanken hinsichtlich biologischer, sprich unveränderlicher Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Die Richtung der Aussage, die solche Unterschiede bejaht, strukturiert als Framing die Interpretation. Die darauffolgenden Aussagen beinhalten extrem formulierte konservative Talking Points wie „Eine Ehefrau sollte ihrem Mann immer gehorchen“. Es ist naheliegend, dass aufgrund der Richtung der ersten Aussage mehr Zustimmung zu diesen Talking Points generiert wird, als wenn es sich um eine neutralere Formulierung handeln würde.
Auch die Interpretation der Ergebnisse wirft Fragen auf. Unterschiede zwischen Altersgruppen werden hier als Eigenschaften ganzer Generationen dargestellt – etwa von „Gen Z“, „Millennials“ oder „Boomern“. Methodisch lässt sich das mit einer einmaligen Befragung aber nicht belegen. Eine einzelne Umfrage kann nicht unterscheiden, ob Unterschiede wirklich generationell sind oder einfach mit Lebensphasen zusammenhängen.
Gutes Marketing
Für Ipsos ist es ausgesprochen gutes Marketing, wenn solche Umfragen mit kontroversen Ergebnissen als „Studien“ wahrgenommen und entsprechend ernst genommen werden. Große mediale Aufmerksamkeit signalisiert potenziellen Kunden: Unsere Daten schaffen es in die Nachrichten. Wird auf einige der Probleme öffentlich aufmerksam gemacht, lautet die Ipsos-Antwort gern: Man sei ein internationales Unternehmen, arbeite mit Professoren zusammen, die Ergebnisse würden regelmäßig von großen Medien aufgegriffen. Sprich: Die Glaubwürdigkeit ist unantastbar.
Die Wahrnehmung der Umfrage als „Studie“ ist vor allem Werbung für das Unternehmen. Dass viele Medien eine Pressemitteilung übernehmen, ist kein Beleg für die Qualität der zugrunde liegenden Forschung. Es zeigt nur, wie effektiv selbstbewusste PR-Kommunikation funktioniert. Journalistische Redaktionen müssten zumindest einmal checken, auf welcher Datengrundlage spektakuläre Schlagzeilen beruhen.
Wie kommt es, dass sich so viele blenden lassen von einer professionell formulierten Pressemitteilung und einer schicken Präsentation? Entspricht das tatsächlich den Standards, die diese Medien für sich in Anspruch nehmen? Desinformation beginnt nicht erst, wenn jemand Fakten komplett erfindet. Sie beginnt schon dort, wo methodische Standards und wissenschaftliche Konventionen stillschweigend beiseitegeschoben werden, um eine besonders eingängige Nachricht zu produzieren. Verantwortung tragen beide Seiten: die Unternehmen, die Daten vermarkten – und Medien, die entscheiden müssen, ob sie die Ergebnisse prüfen oder nur Schlagzeilen daraus machen.
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