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Studie zu Gen ZFake News zum Frauentag

Gastkommentar von

Jo Lücke

Junge Männer sind erstaunlich frauenfeindlich, wollte eine Ipsos-Studie zum Weltfrauentag zeigen. Nur: Einer Prüfung hält diese Geschichte nicht stand.

Junge Männer sollen erstaunlich traditionell unterwegs sein. Die These klingt interessant, stimmt aber nicht Foto: imago

G en Z findet: Ehefrauen sollten ihren Männern gehorchen. Mit dieser Schlagzeile verbreiteten jüngst zahlreiche Medien Beiträge zur neuen Ipsos-Umfrage zum Weltfrauentag. Die Botschaft: Die aktuelle Generation junger Menschen habe erstaunlich traditionelle Ansichten. Das Problem ist nur: Diese Geschichte hält einer genaueren Prüfung kaum stand. Der Ausgangspunkt ist eine Pressemitteilung des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Darin wird der Eindruck erweckt, die Ergebnisse einer „Studie“ seien repräsentativ für ganze Gesellschaften. Die methodische Grundlage bleibt dagegen vage. Statt einer Erklärung zur Stichprobenziehung und Zufallsauswahl taucht vor allem ein Begriff auf: „Internetdurchdringung“.

Das Argument lautet sinngemäß: Wenn in einem Land fast alle Menschen Zugang zum Internet haben, kann man sie auch online befragen. Klingt plausibel, ist methodisch aber nicht ausreichend. Wesentlich für Repräsentativität ist nicht, ob Menschen theoretisch teilnehmen könnten, sondern ob sie eine ähnliche Chance haben, für die Befragung ausgewählt zu werden. Bei der Forschungsgruppe Wahlen zum Beispiel werden zu diesem Zweck Telefonnummern zufallsgeneriert. Landet die Interviewerin in einem Haushalt mit mehreren Personen, wird nicht die Person befragt, die ans Telefon geht, sondern die, die zuletzt Geburtstag hatte. Diese zweistufige Zufallsauswahl sorgt – zusammen mit Gewichtungen nach Geschlecht, Alter und Bildung – dafür, dass die Stichprobe repräsentativ wird.

Jo Lücke

ist Politikwissenschaftlerin und Politische Bildnerin, Autorin und Referentin für Care-Politik. 2024 erschien ihr Buch „Für Sorge: Wie Equal Care euer Familienleben rettet“ (Knaur).

Die Ipsos-Umfrage basiert auf einem Online-Panel. Befragt werden dabei Personen, die sich freiwillig auf der Ipsos-eigenen Plattform registriert haben, um regelmäßig an Umfragen teilzunehmen. Solche Panels sind in der Marktforschung verbreitet, weil sie schnell und kostengünstig große Stichproben ermöglichen. Aus wissenschaftlicher Sicht haben sie jedoch das Problem, dass die Teil­neh­me­r*in­nen nicht zufällig aus der Bevölkerung gezogen werden, sondern sich selbst anmelden. Wer das macht, hat in der Regel viel Zeit und Meinung. Eltern kleiner Kinder, pflegende Angehörige und andere Gruppen mit wenig Zeit oder geringerer digitaler Nutzung tauchen seltener auf.

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Genau hinschauen

Wer die Ipsos-Umfrage darüber hinaus genauer anschaut, stößt schnell auf eine Reihe methodischer Fragwürdigkeiten. Viele der verwendeten Aussagen, die die Teilnehmenden bewerten sollen, arbeiten mit sehr vagen oder politisch aufgeladenen Begriffen. So wird etwa gefragt, ob „genug für Gleichstellung getan wurde“. Was genau damit gemeint ist – rechtliche Gleichheit, Einkommensunterschiede oder gesellschaftliche Rollenbilder –, bleibt offen. Verschiedene Befragte können dieselbe Aussage daher völlig unterschiedlich interpretieren.

Wie kommt es, dass sich so viele blenden lassen von einer professionell formulierten Pressemitteilung?

Die Studie vergleicht Ergebnisse aus rund 30 Ländern. Damit solche Vergleiche sinnvoll sind, müssten die Fragen in allen kulturellen Kontexten eine ähnliche Bedeutung haben. Doch gerade Aussagen über Gehorsam, Rollenbilder oder Gleichstellung können in unterschiedlichen Gesellschaften sehr verschieden verstanden werden – als religiöse Norm, als ironische Übertreibung oder als politische Provokation. Als Provokation lesbar ist in jedem Falle auch die Reihung und Richtung der Aussagen in der Umfrage.

Die erste Aussage „Frauen können sich natürlicherweise bedingt besser um Kinder kümmern als Männer“ aktiviert Gedanken hinsichtlich biologischer, sprich unveränderlicher Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Die Richtung der Aussage, die solche Unterschiede bejaht, strukturiert als Framing die Interpretation. Die darauffolgenden Aussagen beinhalten extrem formulierte konservative Talking Points wie „Eine Ehefrau sollte ihrem Mann immer gehorchen“. Es ist naheliegend, dass aufgrund der Richtung der ersten Aussage mehr Zustimmung zu diesen Talking Points generiert wird, als wenn es sich um eine neutralere Formulierung handeln würde.

Auch die Interpretation der Ergebnisse wirft Fragen auf. Unterschiede zwischen Altersgruppen werden hier als Eigenschaften ganzer Generationen dargestellt – etwa von „Gen Z“, „Millennials“ oder „Boomern“. Methodisch lässt sich das mit einer einmaligen Befragung aber nicht belegen. Eine einzelne Umfrage kann nicht unterscheiden, ob Unterschiede wirklich generationell sind oder einfach mit Lebensphasen zusammenhängen.

Gutes Marketing

Für Ipsos ist es ausgesprochen gutes Marketing, wenn solche Umfragen mit kontroversen Ergebnissen als „Studien“ wahrgenommen und entsprechend ernst genommen werden. Große mediale Aufmerksamkeit signalisiert potenziellen Kunden: Unsere Daten schaffen es in die Nachrichten. Wird auf einige der Probleme öffentlich aufmerksam gemacht, lautet die Ipsos-Antwort gern: Man sei ein internationales Unternehmen, arbeite mit Professoren zusammen, die Ergebnisse würden regelmäßig von großen Medien aufgegriffen. Sprich: Die Glaubwürdigkeit ist unantastbar.

Die Wahrnehmung der Umfrage als „Studie“ ist vor allem Werbung für das Unternehmen. Dass viele Medien eine Pressemitteilung übernehmen, ist kein Beleg für die Qualität der zugrunde liegenden Forschung. Es zeigt nur, wie effektiv selbstbewusste PR-Kommunikation funktioniert. Journalistische Redaktionen müssten zumindest einmal checken, auf welcher Datengrundlage spektakuläre Schlagzeilen beruhen.

Wie kommt es, dass sich so viele blenden lassen von einer professionell formulierten Pressemitteilung und einer schicken Präsentation? Entspricht das tatsächlich den Standards, die diese Medien für sich in Anspruch nehmen? Desinformation beginnt nicht erst, wenn jemand Fakten komplett erfindet. Sie beginnt schon dort, wo methodische Standards und wissenschaftliche Konventionen stillschweigend beiseitegeschoben werden, um eine besonders eingängige Nachricht zu produzieren. Verantwortung tragen beide Seiten: die Unternehmen, die Daten vermarkten – und Medien, die entscheiden müssen, ob sie die Ergebnisse prüfen oder nur Schlagzeilen daraus machen.

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16 Kommentare

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  • Die Studie von Progressives Zentrum mit dem Ergebnis "Einsamkeit macht rechtsextrem" ist ebenso methodisch halb, quick and dirty.

    • @Land of plenty:

      Bevor man sich der Auswertung einer öffentlich dargereichten Studie bezüglich der angewandten Methoden und untersuchten Inhalte nähert, ist ein Blick auf die Autoren, deren wissenschaftliche Biographien und Netzwerke meist sehr erhellend. Welche Interessen werden verfolgt? Wofür gibt es Expertise, wofür nicht? Sind die Studienziele allgemein neutral? Aus den Antworten auf solche Fragen ergibt sich oft bereits eine "Pfadabhängigkeit".

  • Andererseits kann auch so argumentiert werden: wenn im Test alle Handwerker das gleiche schlechte Werkzeug benutzen, ist ihre Leistung vergleichbar.



    Nun haben in 29 Ländern Personen freiwillig an der Befragung von IPSOS teilgenommen. Das ist zwar keine repräsentative Umfrage mit gewichteter Stichprobe in Bezug auf die Bevölkerungen der ganzen Länder. Aber unter den freiwilligen Teilnehmern vergleichbar. Und da stellt die Studie www.ipsos.com/de-d...weltfrauentag-2026 Wertungen/ Meinungen von Jungen den Mittleren und Älteren gegenüber. Das ist immanent vergleichbar.

  • Die Kritik der Autorin ist völlig berechtigt.

    Die Überschrift ist dagegen falsch

    Fake News sind bewusste Lügen.

    Methodisch schlechte Umfragen, wie die hier von Ipsos, sind das nicht.

    • @rero:

      Ich vermute, die Überschrift bezog sich auf diese Aussage des Textes: "Mit dieser Schlagzeile verbreiteten jüngst zahlreiche Medien Beiträge zur neuen Ipsos-Umfrage zum Weltfrauentag." (Der Text der Taz dazu ist oben verlinkt. Die Schlagzeile lautet: "Viele Männer sind Schweine. Ich auch?")



      D.h. die Umfrage war "methodisch schlecht", wobei offen bleibt, ob mit Vorsatz, um sich ein bestimmtes Vorurteil bestätigen zu lassen, oder aus Unvermögen.



      Also die Aussage war: Aus der kritiklosen Übernahme von "Erkenntnissen", die die Autoren der Studie verbreiteten, wurden schlussendlich "Fake news".

  • Uiuiui, nicht ganz zutreffend, was die Kritik bezüglich der Repräsentativität angeht.

    Als repräsentativ gilt ein Studiensample, wenn es die Grundgesamtheit im Kleinen abbildet, orientierend (bei solchen Umfragen) an demographischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen etc. orientiert.

    Um die Repräsentativität herzustellen, wird die Stichprobe (bzw. werden die Fälle in der Stichprobe) entsprechend rechnerisch gewichtet.

    Die Ziehung der Stichprobe durch Zufallsverfahren allein kann keine Repräsentativität garantieren.



    Zufallsziehungen sollen die Stichprobe möglichst inklusiv machen.

    "In 16 der 29 befragten Länder ist die Internetdurchdringung ausreichend hoch, um die Stichproben als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung der untersuchten Altersgruppen anzusehen – darunter auch Deutschland. Die Daten wurden so gewichtet, dass die Stichprobenzusammensetzung jedes Landes das demografische Profil der erwachsenen Bevölkerung gemäß den jüngsten Volkszählungsdaten bestmöglich widerspiegelt."

  • Danke!

  • Jep. Empirische Sozialforschung unterscheidet sich sehr von Marktumfragen und gerade den kurzen Ankreuz-Anfragen, die online auftauchen. So ist das mit den quick-and-dirty-Tendenzen.

  • Danke für die Zeit und Mühe, genauer hinzusehen.

  • "Eltern kleiner Kinder, pflegende Angehörige und andere Gruppen mit wenig Zeit oder geringerer digitaler Nutzung tauchen seltener auf."



    Was soll das? Es wurden bei der oben genannten Studie ja wohl eher Jugendliche oder junge Erwachsene befragt.

    • @Il_Leopardo:

      Wo steht das?



      Bei solchen Umfragen werden Informationen zu Alter, Geschlecht, Bildungsstand etc. mit erhoben um anschließend gruppenbezogene Aussagen treffen zu können.

    • @Il_Leopardo:

      Nö, es wurden Menschen zwischen 16 und 74 Jahren befragt.

      "Für die Online Umfrage wurden zwischen dem 24. Dezember 2025 und dem 9. Januar 2026 insgesamt



      23.268 Personen befragt. In Deutschland waren die Befragten zwischen 16 und 74



      Jahre alt, die Stichprobe umfasste rund 1.000 Personen.

      In 16 der 29 befragten Länder ist die Internetdurchdringung ausreichend hoch, um die Stichproben als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung der untersuchten Altersgruppen anzusehen – darunter auch Deutschland. Die Daten wurden so gewichtet, dass die Stichprobenzusammensetzung jedes Landes das demografische Profil der erwachsenen Bevölkerung gemäß den jüngsten Volkszählungsdaten bestmöglich widerspiegelt."

    • @Il_Leopardo:

      Das sind ja nun eben nicht direkt "Eltern kleiner Kinder, pflegende Angehörige und andere Gruppen mit wenig Zeit oder geringerer digitaler Nutzung". Ich verstehe Ihr Problem mit der Formulierung nicht.

  • Wunderbarer Artikel. Habe auch schon mal einen Tagesschau-Artikel über eine andere Studie überprüft und gemerkt, dass die Daten und Methoden die Schlussfolgerungen nicht hergeben, die da verbreitet wurden. Das scheint häufiger zu passieren.

    Ich frage mich nun, was passieren muss, dass manche Medien sehr zeitnah kritische Überschriften dazu generieren. Wie: „nicht-repräsentative Befragung behauptet hohe Raten von Misogynie bei jungen Menschen“. Irgendeine redaktionelle Vorgehensweise, damit Berichtigungen nicht nachgeschoben werden, sondern relativ zeitgleich als nuanciertere Darstellung dem entgegenstehen.

    • @stadtplanschen:

      Die Befragung war allerdings repräsentativ.



      Zur Methode der Studie: "Die Daten wurden so



      gewichtet, dass die Stichprobenzusammensetzung jedes Landes das demografische Profil der erwachsenen Bevölkerung gemäß den jüngsten Volkszählungsdaten



      bestmöglich widerspiegelt."

      Das entspricht Repräsentativität.



      Eventuell hatte die Studie einen bias hin zu Menschen, die mehr Zeit online verbringen als Menschen, die eher weniger online sind. Aber das bleibt hypothetisch.

  • Klasse Artikel! Leider Munition für all diejenigen, welche der Ansicht sind, "der Feminismus habe es übertrieben" und nur "Studien trauen, die sie selbst gefälscht haben".

    Habe selbst schon solche Panels geleitet und weiss, wie unwissenschaftlich die meist konzipiert sind.