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Streit zwischen Italien und Deutschland Sündenböcke und Stinkstiefel

Michael Braun

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Michael Braun

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni will keine Geflüchteten zurücknehmen. Das hat einen Grund: Ihr sitzt der Ultrarechte Roberto Vanacci im Nacken.

I taliens Rechtsregierung unter der Postfaschistin Giorgia Meloni traut sich was. Erst bricht sie einen heftigen Streit mit Spanien vom Zaun, dann sorgt sie für dicke Luft mit der Bundesregierung. Nach der Tragödie von Ceuta setzte die Regierung Meloni mal eben das Schengen-Abkommen mit Spanien aus. Gegenüber Deutschland wiederum will Italien an der vertragswidrigen Suspendierung der Dublin-Regelungen festhalten, sprich: jene Geflüchteten, die über Italien nach Europa gelangt sind, nicht zurücknehmen.

Schließlich kämen diese Flüchtlinge gerade auch dank der deutschen Rettungsschiffe nach Italien, so heißt es in Rom. Allen Ernstes erklärt Italiens Innenminister Matteo Piantedosi nun, die Rettung von Menschen im Mittelmeer sei „exklusives Vorrecht der Staaten“ und dürfe nicht der „Initiative und dem Spontaneismus privater Subjekte“, sprich der NGOs, überlassen werden – eine kaum verhüllte Aufforderung an die Bundesregierung, den unter deutscher Flagge fahrenden NGO-Schiffen endlich das Handwerk zu legen.

Zur Legitimation dafür kommen die üblichen Sprüche: die innere Sicherheit, der Schutz der Grenzen, die gerechte europäische Lastenverteilung. Gute Argumente haben Meloni und Piantedosi nicht. Doch sie haben gute Gründe: Rechts von ihrer Rechts-außen-Koalition ist ihnen nämlich ein neuer und zunehmend gefährlicher Gegner entstanden, der bei der Migration noch lauter auf die Pauke haut.

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Roberto Vannacci, ehemals General des italienischen Heeres und Fallschirmjäger, sieht Italien und seine Kultur angesichts der „Invasion illegaler Migranten“ vom Aussterben bedroht. Nur Remigration könne da helfen und der Bau „vieler, vieler Abschiebelager“, die „Deportation“ von Aus­län­de­r*in­nen zur Not auch in „sichere Drittstaaten“. Erklärtes Vorbild ist ihm dabei die AfD. Der Sound funktioniert. Seine erst im Februar gegründete Partei Futuro Nazionale liegt in Meinungsumfragen bereits bei 7 Prozent.

Nicht zuletzt mit Blick auf die nächsten Parlamentswahlen spätestens im September 2027, möglicherweise schon im April, liegt es nahe, dass die Ministerpräsidentin und ihre Koalitionspartner jetzt ihrerseits bei der Migration die harten Hunde geben, um so Vannacci einzuhegen. Für die Rechtskoalition Melonis könnte es knapp werden, wenn Futuro Nazionale weiter auf Erfolgskurs bleibt.

Wirklich verstellen müssen Meloni und ihr rechtspopulistischer Vize Matteo Salvini sich nicht, wenn sie jetzt wieder gegen Mi­gran­t*in­nen Stimmung machen. Salvini predigte die „geschlossenen Häfen“ und gewann so mit seiner Lega 2019 bei den Europawahlen 34 Prozent. Meloni wiederum machte sich in ihrem Wahlkampf im Jahr 2022 für „Seeblockaden“ stark und erzielte mit ihrer Partei Fratelli d’Italia 26 Prozent. Da geht im neuen rechten Überbietungswettbewerb ein bisschen Krawall mit Madrid und Berlin allemal.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Michael Braun

Michael Braun Auslandskorrespondent Italien

Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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11 Kommentare

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  • Il_Leopardo

    Bei der gerechten Lastenverteilung kann ich Frau Meloni verstehen. Dann hört mein Verständnis auch schon auf: "die Rettung von Menschen im Mittelmeer sei „exklusives Vorrecht der Staaten“ ist ein Hohn. Ich darf an die Haltung des ehemaligen Innenministers Salvini erinnern!

    Daß Mitgliedstaaten mal eben so die Dublin-Abkommen und das Schengener Abkommen aushebeln, ist eine Schande für die EU.

    Wenn sich ehemalige Fallschirmjäger (jagen die eigentlich Fallschirme?) in die Politik begeben, kommt meist nichts Gutes dabei raus. Der oben Genannte jagt jedenfalls keine Fallschirme, sondern Migranten.

    Dass man mit menschenverachtender Migrationspolitik innerhalb kürzester Zeit politische Erfolge feiern kann, sehen wir an der AfD allzu deutlich. Niemand in Sachsenanhalt weis, was die AfD außer ihrem Fremdenhass eigentlich zu bieten hat. Der Satz "Merkel muss weg" steht für den Hass gegen Migranten.

    • Ohne_Mitte_geht_nix

      @Il_Leopardo:

      Wenn das Dublin Abkommen konsequent angewendet würde, hätte Deutschland auch die Möglichkeit, viele Migranten ohne Aufenthaltsstatus konsequent auszuweisen.

      • Il_Leopardo

        @Ohne_Mitte_geht_nix:

        Das geht offensichtlich nur, wenn solche Personen vorher in einem anderen europäischen Land schon einmal erfasst worden waren. Wenn nicht zu klären ist, über welches Drittland eine Person eingereist ist, kann man diese auch nicht zurückweisen. Ich würde also jedem Migranten raten, diese Angaben nicht zu machen.

    • Martin Rees

      @Il_Leopardo:

      Einige Staaten halten sich "fein" raus.



      Bei zeit.de



      "Europäische Asylreform Geas:



      Polen nimmt keine weiteren Flüchtlinge auf



      Die polnische Regierung hat eine Ausnahme vom EU-Migrationspakt ausgehandelt. Damit ist das Land nach eigenen Angaben von der Umverteilung von Flüchtlingen ausgenommen."

      • Il_Leopardo

        @Martin Rees:

        In Polen leben derzeit über drei Millionen Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit, die überwiegende Mehrheit der ausländischen Bevölkerung des Landes.

        In Deutschland sind es weniger als die Hälfte!

        • Martin Rees

          @Il_Leopardo:

          Ein bzw der Unterschied:



          www.tagesschau.de/...eitsmarkt-104.html

          • Il_Leopardo

            @Martin Rees:

            Danke für Ihren Link: Offensichtlich gibt es also zwei Unterschiede. Zum einen gab es in Polen schon vor Ausbruch des Krieges eine ukrainische Diaspora. Für die Flüchtlinge war es also einfacher, sich mit Hilfe von Landsleuten zurechtzufinden. Zum anderen macht vielleicht die bessere finanzielle Ausstattung in Deutschland die Menschen ein wenig träge.

  • Martin Rees

    Offensichtlich liegt das Problem tiefer und ist kein neuer Fehler im reorganisierten System der praktischen Antworten auf aktuelle Migration:



    2025 bei humanium.org



    "Innerhalb von Italien erzeugt der Ausschluss von Migranten aus der Gesellschaft tiefe soziale Spannungen und ein spürbares Gefühl der Unsicherheit. Die anhaltenden Herausforderungen, mit denen ethnisch-religiöse Gruppen, insbesondere Muslime, aufgrund von institutionellem Rassismus und gesellschaftlichen Einstellungen konfrontiert sind, geben weiterhin Anlass zur Sorge (Committee on the Elimination of Racial Discrimination examines the report of Italy, 2016; UNHCR, 2018).



    Darüber hinaus gibt der tief verwurzelte Rassismus gegenüber Afroitalienern in der Gesellschaft großen Anlass zur Sorge, da er auf eine Zurückhaltung diese Gruppe voll zu akzeptieren hindeutet (Committee on the Elimination of Racial Discrimination examines the report of Italy, 2016; UNHCR, 2018).



    www.humanium.org/d...indern-in-italien/



    In der EU ist Italien mit dieser Haltung und deren Auswirkung auf die anderen Staaten allerdings nicht allein.



    Die Bilder von Lampedusa vergessen?

    • Martin Rees

      @Martin Rees:

      Zu Lampedusa:



      "Juli 2026



      Papst Leo XIV. setzt auf Lampedusa Zeichen für Migranten – Appell an EU"



      Quelle:



      www.kirche-und-leb...-zivilgesellschaft

  • Mendou

    Es gibt einen guten Grund warum die Postfaschistin Meloni faschistische Politik macht und der ist nicht etwa das sie selbst eine Faschistin ist, sondern das es rechts ihrer Partei noch eine rechtere Partei gibt?!?



    „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“ Marx

  • Sole Mio

    Zahlen zu den Dublin Regelungen:

    Deutschland hat im Jahr 2025 etwa 36.000 Anträge an andere EU Staaten gestellt. Um Flüchtlinge zurück zu nehmen.

    Davon wurden etwa 24.000 zugestimmt

    5.400 sind dann wirklich durchgeführt worden