Streit um die Brieftaube: Die um ihr Leben fliegen

Millionen Tauben werden in Deutschland aufwendig für Wettflüge trainiert. Laut Tierrechtsaktivist:innen ist das für die Tiere oft tödlich.

Zwei Tauben gucken sich an

Opfer oder Sportler? Die Fronten sind verhärtet Foto: Andreas Teichmann/laif

„Die Tauben müssen mir gehorchen“, sagt Herr D., 62, in seinem Taubenschlag in Berlin-Zehlendorf, wenige Meter von der Grenze zu Brandenburg entfernt. Er möge keine scheuen Tauben – die Vögel haben zahm zu sein und sollen auf ihn hören, sonst lasse er sie schon mal einschläfern. Er versuche zwar das nicht massenhaft zu tun, aber manchmal sei es schlichtweg notwendig: „Das ist die unangenehme Seite des Hobbys.“ Wir haben uns entschlossen, Herrn D. nicht bei seinem vollem Namen zu nennen.

Tauben sind treue Tiere. Werden sie von Partner:in, Nachwuchs oder ihrem Zuhause getrennt, fliegen sie bis zu 120 Kilometer pro Stunde und finden durch ihren Orientierungssinn über Tausende Kilometer zurück. Genau das nutzen Taubenhalter:innen wie Herr D. weltweit für ihr Hobby aus und lassen die Vögel an Wettflügen teilnehmen, die sie laut Tierrechtsaktivist:innen über ihre Leistungsfähigkeit hinaustreiben.

Viele Tiere sollen an Flüssigkeitsmangel, Erschöpfung oder Verletzungen sterben oder in Städten stranden. Laut einer Studie von Tau­ben­ex­per­t:in­nen gebe es bei diesen Wettflügen eine Verlustrate von durchschnittlich 53 Prozent. Eine Studie aus der Schweiz kommt auf 75 Prozent, eine Recherche von Peta USA wiederum sogar auf eine Rate von bis zu 90 Prozent.

Herr D. ist einer von vielen Menschen in Deutschland, die Tauben züchten, bei Wettflügen einsetzen und dies als Hobby, ja Sport bezeichnen. Er besitzt knapp 90 Vögel, insgesamt leben deutschlandweit laut Schätzungen der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz 2,5 Millionen Tiere, die zu diesem Zweck gezüchtet, gehalten und trainiert werden.

Herr D. hält seine Tauben in Käfigen in einem Verein für Klein­züch­te­r:innen, wo er täglich vier bis fünf Stunden verbringt. Von morgens bis nachmittags arbeite er als Taxi­fahrer, danach kümmere er sich um seine Vögel – er wolle schließlich, dass sie bei den Wettflügen bestmöglich abschneiden. Dieses Jahr sei er mit 38 Tieren bei den Wettflügen angetreten, am Ende seien noch 26 übrig gewesen.

„Ich kenne keinen Vogel, der nicht fliegen möchte“

Die Wettflüge werden von Regionalverbänden deutschlandweit organisiert. Die angemeldeten Tauben werden von den Züchter:innen zu einem Transporter gebracht, in Käfige gesteckt und anschließend zu einem festgelegten Startort gefahren, der häufig auch außerhalb Deutschlands liegt. Am Ziel angekommen, beginnt der Wettflug, nachdem alle Tauben zur gleichen Zeit freigelassen wurden. Kommen die Tauben dann wieder in ihrem Schlag an, werden sie durch einen Chip in einem Ring, den sie für die Wettflüge erhalten, von einem Computersystem registriert, das am Eingang der Käfige angebracht ist.

Der Verband deutscher Brieftaubenzüchter ist in diesen Kreisen dabei so etwas wie der DFB für den Brieftaubensport. Bereits zum zweiten Mal bemüht sich der Verband darum, Brieftaubensport als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen – die Entscheidung fällt voraussichtlich im Dezember 2020. Die einzelnen Regionalverbände sind ihm untergeordnet, die wiederum in Reisevereinen organisiert sind und regionale Wettflüge veranstalten.

Pressesprecherin Elena Finke versteht die Kritik vieler Tierrechtsorganisationen nicht: „Wir tun alles dafür, dass es den Tauben gut geht.“ Die hohen Verlustraten der Studien könne sie nicht nachvollziehen. Zwar komme es immer wieder zu einzelnen Verlusten, diese seien aber nicht zu verhindern: „Es kommt schon mal vor, dass eine Brieftaube von einem Greifvogel angegriffen wird, dabei kann aber nicht von Tierquälerei gesprochen werden.“ Die Wettflüge seien tierrechtlich unbedenklich, auf die Möglichkeiten der Tauben angepasst und kein Problem für die Tiere: „Ich kenne keinen Vogel, der nicht fliegen möchte.“

„Im Brieftaubensport ist es gängige Praxis, dass Züchter:innen den leistungsschwachen Tieren bei vollem Bewusstsein den Kopf abreißen oder den Hals umdrehen“, sagt Nadja Michler, 41. Sie arbeitet als Fachreferentin für Wildtiere bei der Tierrechtsorganisation Peta und bekam bereits mehrfach Videos zugespielt, die zeigen, wie vermeintliche Züchter:innen ihre Tauben töten. Nadja Michler setzt sich deshalb mit der Tierrechtsorganisation für ein komplettes Verbot der Taubenzucht und Wettflüge ein: „Die Tiere sind normalerweise standorttreu, werden für die Wettflüge von Partner, Gelege und Schlag getrennt und fliegen so schnell, weil sie panisch den Weg nach Hause suchen.“

Interne Ehrengerichte

Tierquälerisches Verhalten dulde der Verband deutscher Brieftauben laut Pressesprecherin Elena Finke nicht. Sollten Fälle wie die hier erwähnten bekannt und dem Verband angezeigt werden, tage ein internes Ehrengericht, das solche Züchter:innen des Verbandes verweisen kann. Es gebe aber auch Züch­te­r:in­nen, die Teile ihres Taubenschlags an Tierparks für Adlerwarten spenden oder zum eigenen Verzehr töten: „Wir haben gegen Schlachtungen, die mit dem Tierrechtsgesetz vereinbar sind, nichts einzuwenden.“

Brieftauben und Menschen verbindet eine lange Geschichte, die bis 2.000 vor Christus zurückgehen soll. In ihrer Anfangszeit Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte sogar die Nachrichtenagentur Reuters Brieftauben für ihren Dienst. Im Krieg wurden die Tiere ebenfalls zur Nachrichtenübermittlung genutzt. Die US-Armee hatte während des Zweiten Weltkrieges eine Abteilung, die sich mit der Ausbildung und dem Einsatz von Brieftauben zum militärischen Zweck beschäftigte, den United States Army Pigeon Service. Die Taube G. I. Joe, die wohl berühmteste ihrer Art, soll durch ihre Übermittlung von Nachrichten Tausenden von Menschen das Leben gerettet haben.

Während der Wettkampfphase, die für ältere Tiere von Mai bis August läuft, sehen Herrn D.s Tauben ihre Partner immer nur wenige Stunden nach dem Wettflug. „Wenn sie länger zusammenbleiben, würden sie sich eventuell fortpflanzen“, sagt er. Das aber kann er während der heißen Phase des Sports nicht gebrauchen. „Eine schwangere Frau kann schließlich auch keine 100 Meter in 11 Sekunden laufen“, sagt er. Die Vorbereitungen auf die Flüge scheinen dabei ziemlich kompliziert. Die richtige Ernährung spiele eine wichtige Rolle, zudem überschneide sich die Mauserzeit, also die Zeit, in der Tauben ihre Federn wechseln, normalerweise mit der Wettkampfphase. Um den natürlichen Vorgang hinauszuzögern, verändere Herr D. den Biorhythmus der Tiere durch das Licht in den Käfigen. „Die Tiere brauchen ihr Topgefieder für die Wettkämpfe.“

In seiner Jugend habe er Fußball und Tischtennis gespielt, sagt Herr D., sein Körper habe irgendwann aber nicht mehr so mitgemacht, wie er es wollte. Deshalb habe er nach einer sportlichen Betätigung gesucht, der er unabhängig von seiner körperlichen Verfassung nachgehen könne. „Du kannst in jedem Alter an Brieftaubenwettflügen teilnehmen“, sagt er. Bei den Flügen gehe es nicht um Geld, ihn motiviere der Sieg und die Ehrung in einem Vereinsmagazin. „Ich bin Besitzer, Betreuer und Trainer in einer Person und kann am Wochenende immer sehen, ob sich meine Mühe lohnt.“

Die Taubenbörse

Erfolgreiche Tauben werden laut Nadja Michler von der Tierrechtsorganisation Peta von Züchter:innen häufig auf Auktionsplattformen teuer verkauft. Die Zucht der Tiere fordere deshalb bereits vor den Wettflügen Opfer: „Es wird lediglich mit besonders leistungsstarken Tauben weitergezüchtet“, sagt Michler. „Das Wohlbefinden der Tiere spielt dabei keine Rolle.“ Letztes Jahr wurde dabei ein Rekordpreis von 1,25 Millionen Euro für eine belgische Brieftaube gezahlt. Bei einigen Tauben­züch­te­r:innen scheint diese Tätigkeit also viel mehr als ein Hobby zu sein, es ginge dabei um viel Geld: „Diese Veranstaltungen sind wie eine Taubenbörse.“

Beim Brieftaubensport zeigt sich eine grundsätzliche, ethische Diskussion über den richtigen Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft. Die Fronten sind dabei verhärtet, bei Tier­rechts­akti­vis­t:innen wie auch bei Tau­ben­züch­te­r:innen. Beide Seiten beanspruchen für sich, das Beste für die Tiere zu wollen.

„Wenn Züchtung schon eine Tierquälerei darstellen soll, dürfte es auch keine Haustiere geben“, sagt Elena Finke, auf Vorwürfe der Tierrechtsorganisation Peta angesprochen. Herr D. hält von den Bemühungen der Aktivist:innen nichts: „Der Brieftaubensport hat eine lange Tradition und gehört zu Deutschland.“ Tier­rechts­akti­vis­t:in­nen wie Nadja Michler von Peta sehen das anders. Laut Tierschutzgesetz dürfe ein Tier erst gar nicht über die eigene Leistungsfähigkeit getrieben werden. Genau das passiere bei Brieftaubenflügen aber laut Nadja Michler: „Diese Wettflüge sind de facto illegal, die Taubenzüchter:innen ignorieren das Gesetz.

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