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Streit im US-Bundesstaat VirginiaDas Zetern um Wahlkreise zerstört die Demokratie

Bernd Pickert

Kommentar von

Bernd Pickert

In den USA ist das Wahlsystem schon undemokratisch genug. Beide Parteien hören nicht auf, es im Kampf um Vorteile noch schlimmer zu machen.

Eine Person beim Wählen in Virginia im 21. April Foto: Julia Demaree Nikhinson/ap

Z wei Tage, zwei Nachrichten. Über die erste freuen sich die US-amerikanischen Demokraten, über die zweite die Republikaner. Für den Zustand der repräsentativen Demokratie in den USA sind sie beide nicht gut.

Am Dienstag wurde bekannt, dass eine knappe Mehrheit der Wäh­le­r*in­nen im Bundesstaat Virginia der demokratischen Gouverneurin das Recht erteilt, außerhalb des normalen Zyklus die Wahlkreise neu zuzuschneiden. Im Ergebnis würden – bei exakt gleichem Wahlverhalten – bei den Midterm Elections im November die Demokraten zehn statt sechs und die Republikaner einen statt fünf Abgeordnete nach Washington schicken. Riesenjubel bei den De­mo­kra­t*in­nen – am Mittwochabend die vorläufige Ernüchterung:

Nachdem Präsident Donald Trump geschimpft hatte, die Abstimmung sei gefälscht, urteilte ein Richter, die Abstimmungsfrage sei verwirrend gewesen, das Ergebnis daher ungültig. Die Demokraten legten Berufung ein, der Fall geht nun durch die Instanzen.

Es ist unmöglich, hier nicht mit dem Gefühl herauszugehen, dass demokratische Willensbildung und parteipolitische Repräsentation immer weniger miteinander zu tun haben.

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Die USA haben da eh schon Probleme: Ihr Mehrheitswahlrecht und das Electoral College verzerren oft genug die Ergebnisse von Präsidentschaftswahlen.

Und jedes Mitglied des Senats, zwei pro Bundesstaat, zählt in Washington gleich viel, ob das der republikanische Senator Tim Sheehy aus Montana ist, dem knapp 320.000 Stimmen für die Wahl reichten, oder sein demokratischer Kollege Alex Padilla aus Kalifornien, der dafür 6,2 Millionen Stimmen einsammeln musste.

Diese dem übersteigerten Föderalismus geschuldeten Unwuchten werden durch das extreme Gerrymandering, wie der politisch motivierte Zuschnitt der Wahlkreise heißt, noch verstärkt. Ein ständig „Betrug!“ krähender Präsident und immer mehr in Wahlkämpfe investierte Milliarden tun ein Übriges. Im Endeffekt entledigt sich das führende Land des Westens immer mehr seiner Demokratie, ohne es zu merken.

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Bernd Pickert
Auslandsredakteur
Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org
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4 Kommentare

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  • Die Demokraten bekämpfen die Republikaner mi5 deren eigenen Waffen. Was sollen sie dann sonst machen, sich von Trump und seinen Assis mit vom Establishment aufgestülpten Wahlkreisreformen in roten Staaten für immer aufs Abstellgleis schieben lassen? Um von der Ersatzbank zuzuschauen, wie Trump und seine Billionärsfreunde einen Putsch von oben durchziehen?

  • Ich verstehe, wie man auf diese Gedanken kommt, aber ich halte sie für gefährlich und falsch.



    Natürlich will man ein gerechtes Wahlsystem, in dem jede Stimme gleich viel zählt.



    Wenn aber die Gegenseite das System manipuliert, Wählergruppen komplett ausschließt und sich unfaire Vorteile erschaffen will, gerät man immer weiter in Nachteil. Wenn man selbst fair spielt, kann man sich zwar moralisch brüsten, aber letztendlich verliert man dabei immer weiter und gebietet diesen autoritäten Kräften nicht Einhalt, die das System immer weiter verfälschen können.



    Gerrymandering ist unfair und sollte nicht existieren. Solange es aber in republikanischen Staaten angewandt wird, um Ergebnisse zu verzerren, finde ich es absolut legitim, das gleiche in einem gleichen Maß zu machen, um die Manipulation auszugleichen - ansonsten verliert man nur immer weiter, wie die letzten 20 Jahre gut zeigen.



    Und vielleicht schafft man es so auch, Republikanern zu zeigen, dass Gerrymandering nicht ohne Konsequenzen bleibt, sodass das System wirklich irgendwann auf nationaler Ebene fairer gestaltet wird.

  • thank you.

  • Das ist eine verdrehte Widergabe der Tatsache. Die Republikanische Partei hat in mehreren Bundesstaaten massives Gerrymandering betrieben, um sich der Repräsentation ihrer politischen Gegnern zu entledigen. Jetzt gab es in den Bundesstaaten Kalifornien und Virginia als Reaktion (!!!) darauf eine Reform der Wahlkreise, die dieses Gerrymandering mit gleichen Mitteln bekämpft - während die Demokraten im Kongress einen Gesetzesvorschlag unterbreiten, der das Gerrymandering durch Parteien regulieren soll, aber von den Republikanern seit Jahren blockiert wird. Das hier ist KEIN "beide Parteien"-Problem, außer, man erwartet von den Demokraten ernsthaft, dass sie auf die Entdemokratisierungsversuche der Republikaner mit dem gehobenen Zeigefinger und einem entschiedenen: "Oh, das macht man aber nicht!" reagieren.