Staatsanwaltschaft ermittelt: Die Ratsfrau, ihr Integrationsverein und ein böser Verdacht
Eine SPD-Lokalpolitikerin aus Hannover soll im großen Stil Geld veruntreut haben – in der Flüchtlingsarbeit, wo sie anderen die Mittel kürzte.
D ass der Verein „Integrationsarbeit Kronsberg e. V.“ nicht zu den wirksamsten gehörte, haben die meisten Flüchtlingshelfer schon länger geahnt. Eigentlich wollte der Verein, den die SPD-Ratsfrau Hülya Iri 2018 im hannoverschen Stadtteil Kronsberg gegründet hatte, alles Mögliche anbieten: ein Begegnungscafé, Hausaufgabenhilfe, Schwimmkurse, Hilfe bei der Jobsuche, Migrationsberatung.
Doch das Büro sei oft zu gewesen, sagen die Nachbarn. Und wenn man mal jemanden hingeschickt habe, sei der stets unverrichteter Dinge zurückgekehrt, sagen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Viele Angebote ähnelten dem, was die Ehrenamtlichen von den „Kronsberg-Nachbarn“ oder dem „Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte“ (UFU) machten. Die haben das erst einmal achselzuckend zur Kenntnis genommen. Immerhin war die Vereinsvorsitzende Hülya Iri als SPD-Ratsfrau und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Rat der Stadt Hannover ebenfalls für das Thema Integration zuständig.
„Sie hat schon immer wieder sehr deutlich durchblicken lassen, dass man es sich mit ihr lieber nicht verscherzen sollte, wenn man weiterhin städtische Zuschüsse bekommen möchte“, sagt einer, der lange in diesem Bereich gearbeitet hat.
Im vergangenen Jahr sickerte dann aber durch, wie viel Geld Iri mit ihrem Integrationsverein eingeworben hatte: mindestens 1,2 Millionen Euro. Das ist ungewöhnlich viel für so einen kleinen Verein – der überdies vor allem aus Familienmitgliedern zu bestehen scheint.
Belastung für den SPD-Wahlkampf
Den Vorsitz hatte Iri im Dezember 2025 an ihre Tochter Esma B. abgegeben. Zwei Monate später beantragte die beim zuständigen Amtsgericht in Hannover die Insolvenz. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter ist nun seit knapp einem Monat damit beschäftigt, herauszufinden, wo das ganze Geld geblieben ist.
Seit Mitte April ermittelt zudem die Staatsanwaltschaft – neben anonymen Anzeigen, die mal mehr, mal weniger substanziell erschienen, haben mittlerweile auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und die Stadt Hannover Anzeige erstattet.
Hülya Iri hat sich stückweise zurückgezogen, erst ließ sie sich nicht wieder aufstellen, dann gab sie ihr Ratsmandat zurück, mittlerweile ruht auch ihre SPD-Mitgliedschaft, um einem Parteiausschlussverfahren zuvorzukommen. Zu den Vorwürfen äußert sie sich öffentlich nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung. Trotzdem fragen sich in Hannover nun viele: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Und was bedeutet das für die SPD?
Klar ist: Den politischen Konkurrenten kommt dieser Skandal gerade ganz gelegen. Immerhin befindet man sich hier im Kommunalwahlkampf. Im September wird gewählt. Und bei der letzten Oberbürgermeisterwahl in Hannover 2019 kegelte sich die SPD mit Filzvorwürfen selbst aus dem Rennen. Und am Ende – zum ersten Mal in der Geschichte Hannovers – gingen ein Grüner und ein CDU-Mann in die Stichwahl.
Anderen Migrationsberatern die Gelder gekürzt
Vor allem bei den Grünen ist die Empörung aber auch deshalb groß, weil Hülya Iri in den letzten Haushaltsberatungen diejenige war, die harte Kürzungen in der Integrationsarbeit mit flammenden Reden verteidigte – vor allem, wenn es um Vereine und Verbände ging, die man als Grünen-nah einschätzte.
Und die sind nicht die einzigen, die solche Erfahrungen machten. Hinter vorgehaltener Hand berichten Vereinsvertreter aus anderen Bereichen Ähnliches. Namentlich in der Zeitung stehen möchten sie damit aber immer noch nicht – aus Angst, bei den nächsten Haushaltsberatungen dafür büßen zu müssen. Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage: Wie eng verwoben war das System Iri mit dem System SPD?
Dass Hülya Iri eine vergleichsweise robuste Art hat, Mehrheiten zu organisieren, konnte man jedenfalls früh ahnen. Kaum drei Jahre nachdem sie 2013 in die SPD eingetreten war, kegelte sie den langjährigen Ratsherrn Michael Klie aus dem Rennen und sicherte sich selbst sein Mandat.
Möglich wurde das unter anderem, weil sie als Mitgliederbeauftragte des Ortsvereins zahlreiche Neumitglieder zur Abstimmung für sich selbst mobilisierte. Über einen guten Draht zu prominenten Genossen muss sie damals schon verfügt haben: Als die alteingesessenen Genossen gegen die freche Newcomerin aufbegehrten, eilte ihr der damalige SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel zu Hilfe.
Aber natürlich machte sich diese Aufsteigergeschichte auch erst einmal ziemlich gut: eine junge, eloquente, alleinerziehende Mutter mit türkischen Wurzeln, Sozialarbeiterin in einer Geflüchtetenunterkunft.
In den folgenden Jahren machte sich Iri in der Partei unentbehrlich. Gemeinsam mit ihren Kindern war sie immer an vorderster Front, wenn es in den Wahlkampf ging. Fotos zeigen sie mit Stephan Weil, Boris Pistorius, Doris Schröder-Köpf, aber auch den Männern, die aktuell in der hannoverschen SPD den Ton angeben: Adis Ahmetović und Axel von der Ohe.
Und während Hülya Iri zur stellvertretenden Vorsitzenden der Ratsfraktion aufstieg, nahmen auch ihre Kinder Emre und Esma B. Parteiposten ein und Jobs in der Stadtverwaltung an.
Die werden nun ebenfalls argwöhnisch beäugt, zumal beide Kinder zuletzt im Ordnungsdezernat unter Axel von der Ohe tätig waren – der eben auch für die SPD Oberbürgermeister werden möchte. Auch in der Juso-Wahlkampftruppe „Junges Team“ spielten die beiden eine große Rolle.
Ihre Kontakte und ihre Kenntnisse nutzte Iri offensichtlich, um sich mit ihrem Verein auf öffentliche Projektgelder zu bewerben: Etwas mehr als 924.000 Euro bewilligte allein das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfond (Amif) der EU für die Jahre 2023 bis 2025.
Weitere 350.000 Euro kamen vom Land Niedersachsen für Projekte zwischen 2019 und 2026. Weitere – kleinere – Beträge gab es wohl von der Region Hannover, der Volksbank, der Lotto-Sport-Stiftung.
Empfehlungsschreiben von Spitzengenossen
Um ihren Projektanträgen Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen, reichte Iri Empfehlungsschreiben ein: zum Beispiel von der lieben Genossin Doris Schröder-Köpf, deren Landtagswahlkampf sie mitorganisierte. Aber auch von den zuständigen Dezernentinnen im Rathaus soll sie mehr als einmal solche Empfehlungsschreiben erbeten haben.
Und natürlich wusste Iri immer ganz genau, welche Maßnahmen gerade gefragt waren. Zuletzt beantragte sie etwa Projektgelder für ein Sportprojekt gegen Antisemitismus. In den Sporthallen der Schulen, auf den Sportplätzen der Vereine oder den Bolzplätzen im Stadtteil hat man davon allerdings bisher nichts gesehen.
Strafanzeige erstattete die Stadt Hannover schließlich wegen einer anderen Sache: Iri steht im Verdacht, bei den Aufwandsentschädigungen für ihr Ratsmandat einen zu hohen Verdienstausfall angegeben zu haben. Insider sagen, es sei dabei um den Geschäftsführerposten in ihrem selbst gegründeten Integrationsverein gegangen.
Hinweise darauf, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht, sollen die SPD schon früh erreicht haben. Die seien allerdings anonym und so unspezifisch gewesen, dass man damit nichts anfangen konnte, versichern die Genossen heute. Ähnlich äußert sich die Staatsanwaltschaft, bei der ebenfalls mehrere anonyme Anzeigen eingingen.
Als die Hinweisgeber bei der SPD nichts bewirkten, wandten sie sich wohl unter anderem an die AfD. Eine detaillierte Anfrage der AfD im Bundestag machte im September 2025 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, wie viel Geld in diesen Integrationsverein geflossen war.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Bamf nach eigenen Angaben aber auch schon Verdacht geschöpft, eine detailliertere Prüfung eingeleitet und schließlich Rückforderungen gestellt. Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat die Lotto-Sport-Stiftung Ähnliches getan. Am Ende blieb dem Verein wohl auch deshalb nichts anderes übrig, als einen Insolvenzantrag zu stellen.
Zu den Verdachtsmomenten, die von der Staatsanwaltschaft nun geprüft werden, zählt auch der Hinweis, die Fördergelder seien in den Erwerb von privaten Immobilien geflossen.
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