Nur mal kurz die Demokratie retten: Wein trinken und Bürokratie abbauen mit Isa
Meine geniale Freundin ist leider tot. Aber ihre Stimme wohnt noch in meinem Kopf. Und die hätte zu manchen der aktuellen Debatten was zu sagen.
I n letzter Zeit musste ich oft an meine alte Freundin Isa denken. Das liegt vielleicht an den Themen, die hier so rauf und runter gespielt werden: der Wal, der Elefantenp***** (eine Leserin hat mich gebeten, das Wort nicht mehr auszuschreiben), der Maulwurf-Staatsanwalt.
Isa warf mir gern vor, Teil der Verblödungsindustrie geworden zu sein, die das Proletariat den ganzen Tag mit Nonsensgeschichten und Affären unterhält, damit es keine Revolution macht. Wir haben uns vor gefühlt hundert Jahren in einem Marx-Lesekurs am Schneiderberg kennengelernt, den ich schnell wieder aufgegeben habe, weil man da ungefähr drei Semester für die erste Seite brauchte.
Isa war ganz unbedingt der Meinung, dass man sich mehr mit den strukturellen Problemen zu beschäftigen hätte. „Strukturell“ ist ja bis heute so ein Lieblingsbuzzword in unserer linken Bubble, auch wenn oft unklar ist, was damit gemeint ist.
Einmal habe ich sie gezwungen, mir ihre Browserchronik zu zeigen. Von den letzten zwanzig Artikeln, die sie gelesen hatte, befassten sich in Wirklichkeit natürlich fast alle mit dem, was sie als Affären, unzulässige Personalisierungen und sonstigen Nonsens klassifiziert hätte. Das heiße gar nichts, behauptete sie. Über strukturelle Probleme lese man besser auf Papier.
Gesetze mit Mindesthaltbarkeitsdatum
Später hat Isa dann irgendwas mit Kulturmanagement gemacht. Also so als prekär Beschäftigte für irgendwelche Projekte Fördermittel erbettelt. Ich bin sicher, sie hätte zu der Affäre um Hülya Iri und ihren Verein für Integrationsarbeit am Kronsberg einiges zu sagen gehabt. Oder zu den Angriffen, die rechte Medien, die AfD und Teile der CDU gerade auf NGOs fahren. Aber Isa ist leider nicht mehr da. Sie ist vor einer Weile an Krebs gestorben.
Sie fehlt mir vor allem auch deshalb, weil man mit ihr so schön bei zwei bis drei Flaschen Wein mal eben kurz die Welt retten oder zumindest kolossal vereinfachen konnte. In ihrer Kulturmanagerinnenphase kam sie alle zwei Wochen mit einer super neuen Methode um die Ecke, mit der sich – dieses Mal wirklich – jedes Problem in den Griff kriegen ließe.
Für eine gut geschulte Altlinke war sie erstaunlich anfällig für Selbstoptimierungsquatsch und Projektmanagementtools. Daraus entstanden Gespräche, die mit „Man müsste doch einfach nur mal …“ anfingen. Manche davon traben bis heute in meinem Vorderhirn herum. „Rentfree“, wie die jungen Leute sagen. Daran muss ich denken, wenn ich Landtagsdebatten um Bürokratieabbau oder Demokratierettung verfolge.
„Man müsste Gesetze mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen“ war zum Beispiel so eine Idee, die zwischen uns und dem Weingeist diskutiert wurde. Dann wären die Abgeordneten nämlich damit beschäftigt, die bestehenden Gesetze und ihre Auswirkungen zu überprüfen und hätten weniger Zeit, sich noch mehr komplizierte Regelungen auszudenken für Probleme, die kaum einer hat.
Projektmanagement für Gesetzgeber
Überhaupt müsste in jedem Gesetzentwurf drinstehen, welches Problem man damit jetzt genau zu lösen gedenke und woran – also an welchen messbaren, zählbaren Indikatoren – man erkennt, dass es gelöst wurde. Und wenn das nach zwei Jahren nicht geklappt hat, dann müsste es entweder überarbeitet oder gestrichen werden.
Einen ganzen Abend lang fanden wir das mittelschwer genial. Am nächsten Tag waren wir uns aber nicht mehr sicher, ob wir das nicht vielleicht einfach irgendwo gelesen hatten. Und ob es nicht ein strukturelles Problem gibt, bei Antworten, die mit „Man müsste doch einfach nur mal …“ anfangen. Weil eine komplexe Gesellschaft vielleicht auch komplexere Antworten braucht. Aber was weiß ich schon, ich arbeite ja in der Verblödungsindustrie. Und Isa ist leider nicht mehr da.
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