Staatsaffäre um Fußballstar: Rassistische Entgleisung
Erst nach massivem Druck entschuldigt sich eine Senatorin aus Paraguay für ihre Posts über Kylian Mbappé. Der hatte die Politikerin auf X angezählt.
Foto: Tom Weller/dpa
Das WM-Spiel zwischen Frankreich und Paraguay war längst abgepfiffen, da legte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla de Boccia erst so richtig los: „Statt Muttermilch hat er Kokosnüsse ausgesaugt, und das Gebildetste, was er je gehört hat, waren Schimpansen. Hättest du ihm doch den Mittelfinger gezeigt, Orlando Gill. Ich mache das im Senat auch, und da passiert überhaupt nichts!!!“, schrieb sie in den sozialen Medien.
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Frankreichs Stürmer Kylian Mbappé sei ein „kolonisierter Kameruner“, der den harten Franzosen spiele, „voller Minderwertigkeitskomplexe, neureich, arrogant und hässlich“, so Amarilla de Boccia. Mbappé hatte per Strafstoß das einzige Tor des Spiels und damit den Siegtreffer für die Franzosen erzielt. Nach dem Abpfiff verweigerte er offensichtlich Paraguays Keeper Orlando Gill den üblichen Handschlag.
„Sie sind eine verachtenswerte Frau und unwürdig Ihres Amtes“, antwortete Mbappé auf X. Menschen wie Amarilla de Boccia werde er „niemals die Freiheit lassen, ihren Hass und ihren Rassismus in der Welt zu verbreiten“, so der Stürmer. Direkt an die Senatorin gerichtet fügte er hinzu: „Sie vertreten nicht Paraguay, dieses Land, das während des gesamten Wettbewerbs Leidenschaft und Ehre verströmt hat.“
Die 61-jährige Rechtsanwältin gehört seit 2018 für den Partido Liberal Radical Auténtico (PLRA), die wichtigste Oppositionspartei Paraguays, dem Kongress an. Bis 2023 war sie Abgeordnete, und seither ist sie Senatorin. Der PLRA gilt traditionell als Mitte-rechts-Partei, ist jedoch seit Jahren von heftigen innerparteilichen Machtkämpfen geprägt. Amarilla de Boccia zählt zur liberal-konservativen Strömung Nuevo Liberalismo.
Präsidiale Reaktion aus Frankreich
Der Vorfall löste auch diplomatische Reaktionen aus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf X: „Ein weiteres Tor für Kylian Mbappé. Diesmal gegen den Rassismus. Meine volle Unterstützung. Wenn Worte verletzen, setzen unsere Werte ein Zeichen: Würde, Respekt, Brüderlichkeit.“ Der paraguayische Präsident Santiago Peña habe sich schriftlich an Macron gewandt und die getätigten Äußerungen verurteilt, verlautete aus dem Élysée-Palast in Paris.
Inzwischen hat sich auch die paraguayische Botschaft in Paris zu Wort gemeldet und von Tausenden Protestmails berichtet. Möglicherweise hat auch dieser Druck bei Celeste Amarilla de Boccia ein Umdenken bewirkt. „Ich entschuldige mich bei allen Menschen afrikanischer Abstammung und bei allen Afrikanern. Ich entschuldige mich für die Verwendung eines abwertenden Begriffs, der auch zur Diskriminierung von Lateinamerikanern verwendet wird“, erklärte sie inzwischen.
Sie gehöre einer anderen Generation an, in der Ausdrücke, die heute als inakzeptabel gelten, noch gebräuchlich gewesen seien. „Ich arbeite an mir selbst. Ich setze mich für die Rechte der Frauen ein und bin Feministin geworden. Zu diesem Prozess gehört es, Fehler einzugestehen und aus ihnen zu lernen“, sagte sie. Bleibt zu hoffen, dass der Vorfall tatsächlich etwas in Bewegung gesetzt hat.
Zuvor hatte sie in einem „offenen Brief an Mbappé“ noch schlimmer gemacht, was eigentlich schon schlimm genug war. „Das Problem ist zwischen dir und mir“, lautet der erste Satz, dem eine ausführliche Selbstbeschreibung folgt, in der sie schildert, dass sie Französisch spricht und die letzten Weihnachten sogar in Frankreich verbracht hatte.
Der Brief ließ die Einsicht, die sie jetzt vorgibt, erlangt zu haben, vermissen. „Wer bist du, dass du mich als unwürdig oder verabscheuungswürdig bezeichnest, wenn du mich gar nicht kennst!!! Das ist nichts anderes als geschlechtsspezifische Gewalt!!!“, schreibt sie im letzten Absatz.
Die Äußerungen der Senatorin sind Ausdruck des alltäglichen Rassismus in den lateinamerikanischen Ober- und Mittelschichten, die ihre Identität vor allem aus ihrer europäischen Einwanderungsgeschichte ableiten. Ein Paradebeispiel dafür lieferte 2021 der ehemalige argentinische Präsident Alberto Fernández: „Die Mexikaner stammen von den Azteken ab, die Peruaner von den Inkas und die Argentinier von Schiffen“, erklärte der studierte Rechtsanwalt beim Besuch des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in Buenos Aires. Indigene und Schwarze kommen in dieser Erzählung nicht vor, und der darin angelegte Rassismus wird nicht wahrgenommen.
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