Frankreichs Sieg gegen Paraguay: Les Bleues mit neuer Facette
Gegen Deutschland-Schreck Paraguay tun sich auch die bisher so glanzvollen Franzosen schwer. Künftige Gegner werden genau hingeschaut haben.
Didier Deschamps empfand eine etwas überraschende Art von Stolz, als er am Samstagabend kurz vor dem Ausbruch eines Hitzegewitters seine Bilanz zu dem mühsamen 1:0-Sieg seiner Mannschaft gegen Paraguay zog. Fußballerisch war nur wenig zu sehen von dem Glanz, den die Équipe Tricolore über vier WM-Siege zuvor verbreitet hat.
Die fünfte Turnierpartie hatte nun unerwartet große Ähnlichkeiten zum Duell der deutschen Mannschaft mit diesen Südamerikanern gehabt. Die ausgeschiedene DFB-Elf war für ihre Einfallslosigkeit medial zerrissen worden, Frankreich war jetzt kaum besser und benötigte einen vom VAR empfohlenen Elfmeterpfiff, um ein Spiel zu gewinnen, in dem den Offensivkünstlern Michael Olise, Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé nicht viel mehr eingefallen war als Florian Wirtz, Deniz Undav und Leroy Sané. Und doch sagte Deschamps: „Das ist ein großartiger Meilenstein. Spiele gegen südamerikanische Mannschaften sind immer knifflig, und ich bin sehr zufrieden mit dem, was die Mannschaft an diesem Abend erreicht hat.“
In gewisser Weise erlebte die am höchsten gelobte Mannschaft dieser WM einen Turnierklassiker: Irgendwann müssen sich auch die größten Favoriten auf dem Weg zu einem Titel gegen oftmals unerwartete Widerstände durchbeißen. „Ich glaube, es war wichtig für uns, so eine Partie zu erleben und zu sehen, wie wir damit umgehen“, sagte Kylian Mbappé, der den VAR-Elfmeter zum Tor des Tages verwandelt hatte (70.).
Die Erkenntnis: Frankreich kann auch Spiele gewinnen, die sehr unangenehm sind. „Wenn wir uns die Hände schmutzig machen müssen, dann machen wir uns die Hände schmutzig“, verkündete Mbappé.
Drei Gelbe für Frankreich, keine für Paraguay
Es ist eine neue Facette dieser zuvor für ihre elegante, inspirierte und künstlerische Spielweise gefeierten Mannschaft. Oft lassen sich Spieler solcher Teams ja durch Zweikampfhärte provozieren, erst recht, wenn sie – wie in diesem Fall – nicht vom Schiedsrichter geschützt werden. Mehrere Aktionen der Paraguayer hätten mit gelben Karten geahndet werden müssen oder sogar rote Karten nach sich ziehen können. Absurderweise hatten die Franzosen am Ende drei gelbe Karten gesehen, ihr Gegner keine.
Aber sie nahmen all das hin und behielten die Nerven – eine Meisterleistung in Resilienz. „Ich habe eine geschlossene Mannschaft mit einer hervorragenden Einstellung“, sagt Deschamps, um die Besonnenheit seiner Spieler zu illustrieren. „Wir hatten mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen – wie viele andere Teams auch –, aber wir haben das Nötige getan.“
Es war also nicht nur dieses für ein Großturnier typische Spiel ohne Leichtigkeit, das die Franzosen überstanden, sie haben eine bemerkenswerte Reife gezeigt. Das nährt die Zuversicht für das im Viertelfinale anstehende Duell mit Marokko, wohingegen die bloße Leistung auch Anlass für ein paar Zweifel gibt. Den Franzosen gelang erstmals in diesem Turnier kein Tor aus dem Spiel heraus.
Der Rest der Welt, der bisher voller Ehrfurcht auf dieses Frankreich blickte, konnte nun sehen, dass auch das Ensemble um die Offensivkünstler Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembélé effizient verteidigt werden kann. Vor dem Elfmetertor gelang den Franzosen kein einziger Spielzug, der zu einer klaren Chance führte.
Keine guten Lösungen
Die nach vier Spielen und vier Siegen übermächtig wirkenden Franzosen sind also auch verletzlich, zumal ein Mittel für solche Problemspiele nicht zu den Stärken des Weltmeisters von 2018 zählt: Die insgesamt zwölf Ecken, die sie ausführen durften, blieben bemerkenswert harmlos. Womöglich taugen diese Eindrücke als kleiner Trost für manche Teilnehmer am deutschen WM-Projekt. Selbst Frankreich, dieses hochgelobte Team, fand keine guten Lösungen gegen diese Paraguayer.
Die beiden K.-o.-Spiele der Südamerikaner hatten sogar große Ähnlichkeiten, das relativiert manches. Allerdings schied die DFB-Elf aus, während Frankreich am Ende jubelte wie nach einem ganz großen Sieg, denn es ist WM, und die Interpretation von Deschamps und seinen Spielern ist ohnehin klar: „Wir hatten bisher leichte Spiele, insofern ist es gut, dass das jetzt ein richtig schweres Spiel war“, sagte Deschamps.
Im Subtext heißt das: Die Gefahr, dass die Zauberer aus dem französischen Angriff in einen Zustand der Überheblichkeit abkippen, ist mit diesem Erlebnis wohl gebannt. Frankreich ist bereit für die ganz großen Spiele, die nun kommen, aber unverletzlich ist das Ensemble von Trainer Deschamps nicht. Das konnten die kommenden Gegner an diesem Tag sehr gut studieren.
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