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Schwarz-roter KlimaschutzDie Augen-zu-Koalition

Jonas Waack

Kommentar von

Jonas Waack

Deutschland verfehlt absehbar seine Klimaziele stärker als gedacht. Das weiß die Bundesregierung. Nur scheint es sie nicht zu interessieren.

Windräder drehen sich vor der Kulisse des Braunkohlekraftwerks Schkopau Foto: dpa

E s sind Zahlen, bei denen es Umweltminister Carsten Schneider (SPD) flau im Magen werden dürfte: Die CO2-Emissionen stagnieren, statt zu sinken, und die Lücke für das Klimaziel 2030 steigt von 25 Millionen auf 30 Millionen Tonnen CO2.

Schneiders Job ist dadurch noch einmal komplizierter geworden. Er ist für das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung verantwortlich, das laut Klimaschutzgesetz darlegen muss, wie die Regierung eben dieses 2030er-Ziel und das nächste Etappenziel 2040 erreichen will. Keine dankbare Aufgabe, schließlich hat außer ihm noch keine Mi­nis­te­r*in erkennen lassen, an Klimaschutz interessiert zu sein.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) tut – öffentlich gewordenen Entwürfen nach zu urteilen – alles dafür, den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu verlangsamen. Und vor wenigen Wochen erst haben sich die Koalitionsfraktionen darauf geeinigt, die Abhängigkeit von fossilem Öl und Gas zu verschärfen, indem neue Heizungen doch nicht zu 65 Prozent mit Erneuerbaren betrieben werden müssen.

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All das kommt noch gar nicht vor in der Klimabilanz, wahrscheinlich steigt die Lücke laut einer Studie des Öko-Instituts noch einmal um mindestens 5 Millionen Tonnen CO2. Aber Schneider kündigte an: Grundlage für sein Klimaschutzprogramm werde die Klimabilanz 2024 sein, weil der Ex­per­t*in­nen­rat der Bundesregierung die aktuelle Bilanz noch nicht überprüft hat.

Das Programm geht also anscheinend davon aus, eine 25 Millionen Tonnen große CO2-Lücke schließen zu müssen, dabei sind es voraussichtlich mehr als 35 Millionen Tonnen. Mit anderen Worten: Im Angesicht der von CDU und SPD herbeigeführten Klimaschutzkrise macht der Klimaschutzminister ganz absichtlich die Augen zu.

Es muss schwer gewesen sein, seine Ka­bi­netts­kol­le­g*in­nen zu Maßnahmen zu bewegen, die sich auf 25 Millionen Tonnen CO2-Einsparungen summieren. Nochmal 10 Millionen Tonnen mögen ein Ding der politischen Unmöglichkeit für Schneider sein. Aber das bedeutet: Der zentrale Klimaschutzplan der Bundesregierung, zu dem sie gesetzlich verpflichtet ist, wird schon am Tag seines Erscheinens überholt sein. Die Regierung Merz weiß das. Und es kümmert sie nicht.

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Jonas Waack
Klima-Redakteur
Jahrgang 1999, zuständig für Klima-Themen im Ressort Wirtschaft und Umwelt. Stadtkind aus Mecklenburg, möchte auch sonst Widersprüche vereinbaren. Bittet um Warnung per Mail, falls er zu sehr wie ein Hippie klingt.
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19 Kommentare

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  • Anders als in anderen Ländern können Minister*Innen und Staatssekretär*Innen hierzulande rechtlich für Schäden, die sie dem Staat und seinen Bürger*Innen zufügen nicht belangt werden.



    Das gilt selbst für Andy Scheuer und Jens Spahn.



    Erst recht für Fr. Reiche, die das Land vorsätzlich und sehenden Auges in die Klimakrise führt.



    Sie werden sich später nach ihrer Abwahl mit unseren Steuergeldern in Häuschen dort leisten können, wo die Auswirkungen ihrer Politik erträglicher sein werden.

    Hier müsste es dringend eine Änderung geben, die vorsätzliches oder grob fahrlässiges Handeln unter Strafe stellt.



    Das ist im Vereins- und Genossenschaftsrechts ja nicht anders.

    Union und SPD sind ja schließlich auch nur Kanzlerwahlvereine.

  • Was ist mit der Eigenverantwortung von jedem einzelnen für den Klimaschutz ? Warum muss alles Staatlich geregelt sein damit mal irgendwas passiert ?? Das Klimaschutz in Deutschland nur über Verzicht geht müsste jedem klar sein, nur möchte das die breite Masse auch ? Einsparungen für Klima sind eine super Sache, wenn sie andere treffen und nicht einen Persönlich. Würden alle so leben wie sie es von anderen fordern hätten wir kein Klimaproblem !!

    • @Günter Witte:

      Der fossile Fussabdruck ist eine Erfindung von Exxon...



      Tatsächlich würde eine krasse, fundamentale Änderung unseres Verbraucherverhaltens nur ca 1/3 der notwendigen CO2 Einsparungen generieren.



      Leute die auf dem Land keinen ÖPNV haben weil der Staat das nicht will müssen halt irgendwie zur Arbeit kommen.



      Hausbesitzer, die mangels verfügbarer sozialer Nahwärmenetze weiterhin fossil heizen müssen werden quasi zum Klimakill gezwungen.



      Und so weiter und so fort.



      Dieses Argument greift also zu kurz.



      Richtig daran ist nur, das wir uns Alle auf Verzicht und gravierende Veränderungen einstellen müssen.

    • @Günter Witte:

      Selbstverständlich ist die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen sehr wichtig. Doch der Staat gibt -oder sollte es tun- vor, wie man mit Problemen umgeht. Ein gutes Vorbild, Leitfaden muss schon sein. Stattdessen handelt diese Regierung genau andersherum: die behindert Klimaschutz, bremset Fortschritte aus und argumentieret unverblümt, dass Profite der Wirtschaft wichtiger sind, als die Violkjsgesundheit, die Zukunft unserer gesamten Bevölkerung. Dass dann der individuelle Anreiz fehlt ist wohl nicht verwunderlich. Und eine wenig "Leitplanke" kann nicht schaden.

  • Nun, Flugreisen nehmen zu, in den Ferien werden wir wieder Tausende km Stau haben. Verbrenner werden nach wie vor gekauft. Ich sehe keine Demos oder Empörung in der breiten Bevölkerung weil die Ziele nicht erreicht werden. Hier ist die Basis, und langsam müssten es ja alle mitbekommen haben. Scheint aber kein Thema zu sein. Beim Wahlvolk.

    • @maestroblanco:

      Zunächst ja, es ist dem Wahlvolk momentan nicht wichtig. Kann es sein dass es daran liegt, dass die Mehrheit größere Probleme hat, als sich mit Klimaveränderungen auseinanderzusetzen?



      Und wenn es um öffentlich wahrnehmbare Demonstrationen geht, dann sieht man doch nur welche die auf das Klima verweisen. Davon braucht es eigentlich nicht mehr!

  • Wenn Großbritannien, Japan, Australien stark auf die Bremse treten und die USA, China und Indien die Emissionen ausweiten, wüsste ich auch nicht, weshalb das kümmern sollte.

    • @Frauke Z:

      Nö. Is klar: wenn andere nicht, dann ich auch nicht! Das zeigt ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Wenn andere über eine rote Ampel fahren, mit 90kmh durch eine 30kmh Zone oder mit Ladendiebstahl das Gehalt aufbessern -- warum sollte ausgerechnet ICH das dann nicht auch machen???

      • @Perkele:

        Zu Ladendiebstahl:



        Ich glaube, die Zeit ist wieder mal an mir vorbei gelaufen, denn immer mehr Leute erzählen von Dingen, die sie "geholt" haben, "kaufen" kommt kaum noch vor.

    • @Frauke Z:

      Ich dachte immer, dass Immanuel Kant und Max Weber hierzulande bekannt wären. Oder die EU-Vertragslage.

  • Schneider hätte starke ökonomische und ökologische Gründe im Rücken, juristische bis hin zu Karlsruhe auch.



    Schneider hat nur leider die SPD wenig, die Union wohl kaum im Rücken. Das kostet uns alle im Ergebnis.

  • Naja, es ist nicht nur die Regierung, die es nicht kümmert. Ansonsten wären Millionen Menschen auf der Straße um dagegen zu protestieren. Stattdessen werden die Klimademos von Jahr zu Jahr kleiner.

    • @Okti:

      Nicht nur das Millionen Menschen nicht demonstrieren, ich höre auch äußerst selten das jemand auf etwas verzichtet wegen dem Klima.

  • "...Die Regierung Merz weiß das. Und es kümmert sie nicht..."







    Schlimmer ist, dass eigentlich jeder in Deutschland schon vor der Wahl wusste oder hätte wissen müssen, dass mit der CDU in Sachen Umwelt- und Klimaschutz nur Rückschritte zu erwarten sind. Auch sehr viele Wähler hat es nicht gekümmert. Mütterrente, Tauruslieferungen (wann kommen die eigentlich?) und Schuldenbremse (haha) waren wohl wichtiger.

  • Das alles passt haargenau in die Grundhaltung von csdU und sPD. Denen ist das Klima völlig wurscht. Die Folgen werden in ganzer Härte in wenigen Jahren zu spüren sein, doch dann sind die derzeitigen Akteure längst in wohlbezahlter Rente oder genauso gut bezahlten Jobs in der jetzt protagonierten Wirtschaft. Die interessieren sich nur und ausschließlich um kurzfristige populistische Entwicklungen. Spätere Generationen sollen selber sehen ob und wie sie klarkommen. Es ist eine kaum zu begreifende Unverantwortlichkeit dieser Regierung, die alles !!! unternimmt um den Lobbyisten zu gefallen und die nächste Wahl -trotz dieser rücksichtslosen Handlungsweise- für sich zu entscheiden. Nach denen die Sintflut - und das ist nicht mal bildlich gemeint.



    Es ist schier unglaublich....

    • @Perkele:

      "Die Folgen werden in ganzer Härte in wenigen Jahren zu spüren sein,"



      Aber nicht weil in Deutschland irgendwelche Klimaziele nicht erreicht wurden, sondern weil es offensichtlich der ganzen Welt nicht sonderlich interessiert.

    • @Perkele:

      tja, und das alles unter dem christlichen Deckmäntelchen, und die Kirchen halten dazu die Beine still. Vieleicht weil sie sich selbst auch so verhalten?



      Aber wen überrascht das noch, bei den bekannten Protagonisten Spahn, Merz, Söder, usw. usf.

      • @Sonnenhaus:

        Ich bin beeindruckt, wenn man sieht, was für ein bibelfester und tief christlich-gläubiger Mensch Trump ist.



        Erfahrungsgemäß schwappen all die guten Eigenschaften aus Amerika immer schneller zu uns über, und daher ist der Begriff "Christlich" in den schwarzen Vereinigungen ein Vorteil, wenn es um das Ansehen beim Orangenmann geht.

      • @Sonnenhaus:

        Nicht zu vergessen: die dreisteste von allen: Katarina Reiche - ein Ausbund an Lobbyhörigkeit und Verantwortungslosigkeit