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Schlagkräftige LinkeSchlichtweg Gewalt

Clara-Sophia Müller

Kommentar von

Clara-Sophia Müller

Der Rechtsruck, das ist die gesamte Gesellschaft. Zunehmend auch die gesellschaftliche Linke. Braucht es da etwa auch eine Brandmauer?

Demonstration in Solidarität mit Lina E. im September 2021 in Leipzig Foto: M. Golejewski/AdoraPress

D ie KI kann den Begriff bereits definieren: „linker Rechtsruck“. Er bezeichne „die paradoxe Situation, dass auch linke oder linksextremistische Gruppierungen sich zunehmend radikalisieren und ähnliche Methoden wie rechtsextreme Gruppen anwenden“.

Aber was ist der Rechtsruck eigentlich? NSU, Nazischläger, AfD, schnell schießende Polizisten und eine Wiederkehr der Baseballschlägerjahre? So weit die offensichtlichen Symptome.

Kein Wunder also, dass sich Linke zur Gegenwehr berufen fühlen: Gegen die antifaschistische Gruppe rund um Johannes G. begann der Prozess am vergangenen Dienstag in Dresden. Unter anderem sollen sie mit Schlagstöcken und Hämmern auf Köpfe und auf am Boden liegende Neonazis eingeschlagen und AfD-Anhänger im privaten Umfeld attackiert haben. Die Argumentation in einigen Solidaritätsbekundungen im Internet: Militanter Antifaschismus sei kein Terrorismus, und wer gegen Nazis kämpfe, könne sich auf den Staat eben nicht verlassen.

Also let’s go. Helden braucht das Land. Hauptsache, politisch handlungsfähig bleiben oder sich zumindest so fühlen.

Empathische Schwächlinge

Für Reflexion bleibt aber gar keine Zeit. Geist und Denken ist schon etwas langweiliger als Körper und Fühlen. Wer würde denn jetzt ernsthaft noch Strategien wie Bildung, Erziehung, Demos, Bündnisse und Kommunikation fordern und Sachschäden und Selbstverteidigung als maximale Aktionsgrenze linker Politik als selbstverständlich deklarieren? Nur empathische Schwächlinge. Schließlich geht es darum, nun mal wirklich auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Das Thema Gewalt hat man in der von Idealen geprägten Linken jahrelang ausgeblendet. Jetzt muss schnell nachholend modernisiert werden. Bis dato haben die Kontinuitäten rechter Gewalt in peripheren Gegenden und in Ostdeutschland, gegen die sich Betroffene seit Jahrzehnten selbst verteidigen, keine große mediale und politische Aufmerksamkeit bekommen. Und jüdische Stimmen, die von Bedrohungen aus fast allen politischen Lagern erzählen, passen auch nicht ins dichotome Bild linker Wehrhaftigkeit.

Teile des aktionistischen Konglomerats kommen aus einer sportaffinen linksradikalen Szene. Beispielsweise trainiert der Rapper kalaszniko7 mit seinen Genossen und Genossinnen im Instagramvideo seines Songs „Sport frei!“ Kampfsport und mahnt: „An den Tagen, wo du nicht trainierst, macht’s ’n Fascho.“

Die echten Faschisten gehen aber längst schießen. Die dementsprechende Aufrüstungsforderung in linker Version müsste also bald kommen. Denkt man das Gesetz der Straße – dass nämlich sozialchauvinistisch der Stärkere gewinnt – zu Ende, müssten jedenfalls größere Geschütze aufgefahren werden.

Gewaltästhetik zieht auch im Wahlkampf

Genau gegen diese autoritäre Vereinnahmung wehren sich progressive Teile der linken Kampfsportszene. Dort will man keinen Drill, keine Uniformierung, kein männliches Härteideal, sondern versucht eine Kultur solidarisch-sportlichen Messens, statt soldatisch-sportliche Mobilisierung zu etablieren. Davon zeugen die meisten Selbstverständnisse linker Kampfsportprojekte.

Popkulturell kulminiert die ganze Abwehr in krude Abwege. Dafür trägt ein anderes, sich neuerdings ebenfalls als wehrhaft fantasierendes Milieu Verantwortung: das der Politiker. Vielleicht in der Jugend mal radikal und cool gewesen – gefällt die junge linke Militanz und Gewaltästhetik dort besonders gut. Und sie zieht auch im Wahlkampf. Alle zusammen gegen den Faschismus – auch körperlich –, trägt man medienwirksam vor sich her und stachelt dazu an, „auf die Barrikaden“ zu gehen. So gemacht vom linken Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak, der sich vor dem Bundestag filmte und dabei die Lippen bewegte zum Song „Rot“ der Rapper Dahab Flex und Erzin. Text unter anderem: „Hau dem Rechten aufs Maul auf die linke Tour“. In anderen Videos sieht man Dahab Flex mit der „pro-palästinensischen Genossenschaft“ einer jüngeren linken Szene in Black-Block-Ästhetik, Kufiya und Hammer und Sichel „death to the IDF“ schreien

Was auf den Straßen an linksrechter Wehrhaftigkeit so alles abgeht, interessiert das selbstgerechte Milieu aber nicht. Nein, von Gewaltkompetenz sind viele Befürworter linker Wehrhaftigkeit weiter weg, als ihr Duktus vermuten lässt. Die Reaktion Heidi Reichinneks auf den Mord am rechten Influencer Charlie Kirk spricht Bände. Sie findet, man muss ihm aufgrund seiner politischen Einstellung post mortem weder Mitleid noch Respekt entgegenbringen.

Selbstverteidigung ist eine grundlegende emanzipatorische Voraussetzung für jeden Menschen – immer und egal gegen wen. Darum geht es aber den wenigsten, die sich in Gewalt oder Gewaltfantasie verrennen. Effektiv abgewehrt werden vor allem die eigenen autoritären Sehnsüchte. Und warum sollte ein gesellschaftlicher Rechtsruck nicht auch die soziale Linke betreffen? Nestbeschmutzung ist also eine Pflicht. Folgt man der Logik des linken Rechtsrucks konsequent – dann wäre es wohl höchste Zeit für eine Brandmauer dagegen.

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Clara-Sophia Müller
Sportjournalistin
Sportsoziologin, Journalistin und Trainerin Schwerpunkte: Ethnografie, Sportkritik, Kampfsport, Krav Maga, Antisemitismus.
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41 Kommentare

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  • kaum stellen sich Menschen den Faschisten entgegen ist auf Knopfdruck die Spaltung eben dieser das Thema von der Welt über die TAZ und FR. Es gibt ihn nicht den einzigen richtigen Weg Faschisten zu bekämpfen es muss auf allen Fronten ja und auch auf der Straße passieren. Von Selbstdarstellung und Chauvinismus oder gar indifferentem Vorgehen kann nicht die Rede sein und wird der Tatsache nicht gerecht das während ihr Sonntag morgens in der Zeitung blättert, so viele in diesem Land von Faschisten ermordet wurden.

  • Ich habe mir gerade einmal die Statistik für 2024 angesehen.

    Straftaten gesamt



    rechts: 37 835



    links: 5857

    Gewalttaten gesamt



    rechts: 1281



    links: 532

    Körperverletzung



    rechts: 1121



    links: 216

    Quelle: Statista

    Was ich damit sagen möchte? Es gibt linke Gewalt, und jeder einzelne Fall ist einer zuviel, und die in manchen linken Kreisen scheinbar gelebte Machokultur braucht sowieso niemand. Rechte Gewalt ist aber immer noch das Hauptproblem.

    Was mich interessieren würde, wären die Zahlen für Berlin. Da habe ich für 2024 leider nichts gefunden. Warum? Weil mir scheint, dass gerade in Berlin die politischen Auseinandersetzungen besonders brutal geführt werden, was den Eindruck entstehen lässt, die Zunahme linker Gewalt sei ein flächendeckendes Phänomen (was ich nicht glaube). Leider habe ich keine Zahlen dazu gefunden.

  • Es gibt keine Rechtfertigung linker Gewalt. Punkt. Wer das aber sagt, muss zugleich einräumen, dass der demokratische Rechtsstaat vor der rechten Gewalt einpacken kann. Ein nicht aufzulösendes Dilemma.



    Es hat mit der assymetrischen Kriegsführung zu tun, die den Demokraten von rechts aufgezwungen wird. Aufklärung, Bildungsarbeit etc. klingen da wie hohle Worte, wie stumpfe Waffen, die die Faschisierung der Gesellschaft nicht aufzuhalten vermögen, weil sie nie die Faszination durchbrechen können, die faschistische Gewalt auf Menschen auszuüben vermag.



    Hinzu kommt die um sich greifende Durchsetzung von Polizei und Justiz durch Faschisten, die legalistische, rechtsstaatliche Strategien der Bekämpfung von Rechtsextremismus zunehmend ins Leere laufen lassen.



    Und ja, vielleicht kann man den Johann G.‘s, Lina E.‘s und Maja T.‘s vorwerfen, mit ihren militanten antifaschistischen Aktionen, die selbst den Tod von Menschen in Kauf nehmen, selbst der faschistischen Gewaltlogik aufzusitzen.



    Die Hilflosigkeit gegenüber Formen rechter Gewalt bei gleichzeitig unverhältnismäßiger polizeistaatlicher Reaktion gegen linke Gewalt spricht Bände über den Zustand, in dem sich unsere Republik befindet.

  • Das Thema zuzuspitzen finde ich in Ordnung. Es ist relevant, darüber nachzudenken, ob physische Gewalt gegen Nazis abseits von Selbstverteidigung okay und strategisch klug ist (finde ich beides nicht). Und es ist auch relevant, sich zu fragen, wie Verbündete gefunden und Antifaschismus als ein nicht linksradikaler sondern demokratischer Wert verteidigt werden kann.

    Ich finde aber nicht, dass der Artikel dazu beiträgt. Dieses Anteasern von Themen und Thesen ist mir zu schnell und oberflächlich. Wer ist denn nun "das selbstgerechte Milieu", worin besteht die Dichotomie ihres Weltbilds? Was ist gegen eine kämpferische Rhetorik einzuwenden, wenn sie Argumente vorbringen kann und sich nicht nur darauf beruft, auf der richtigen Seite zu stehen, weil sie "gegen rechts" ist? Und ist nicht genau letzteres die Brandmauer-Strategie? Warum also jetzt noch mehr davon? Ich verstehe nicht so recht, was die Autorin will, und hätte außerdem gern mehr über die (progressive vs. autoritäre) linke Kampfsportszene erfahren.

  • Die Bekämpfung des alten und neuen Faschismus ist Sache des Staates. Er soll es endlich tun und nicht ständig die Rechten mit sozialen = linken Bewegungen gleichsetzen oder gar den Antifaschismus auf den Kopf zu stellen wie der Orangene drüben hinterm Teich.

  • Linke Gewalt stärkt das Gemeinschaftsgefühl, wird als heroisch wahrgenommen, man fühlt sich als gerechter Kämpfer gegen das Ungerechte. Je größer der Feind ("Nazis", "Bullen" etc.) ist, desto besser fühlt man sich in der Selbstwahrnehmung. Zudem wirkt der Reiz des Verbotenen stimulierend, Gewaltanwendungen werden zum Abenteuer.

    So habe ich es selbst in den Auseinandersetzungen der Berliner Hausbesetzer-Szene mit Polizei und Vermietern erlebt.

    Leider tritt ein gegenteiliger Effekt zu dem gewünschten Effekt ein. Für den Großteil der Bevölkerung wirkt die Gewaltanwendung abschreckend. Ergebnis: die politische Landschaft verschiebt sich nach rechts.

    Analog verhält es sich übrigens auf der rechten Seite: rechtsextreme Aussagen z.B. der "AfD Jugend" und Gewalt von rechts führen zu einer Links-Bewegung.

    Wie viel leichter wäre es, auf Gewalt und extremen Aussagen zu verzichten (trotzdem deutlich zu sein) und wirklich etwas in unserer Gesellschaft zu bewegen. Aber wahrscheinlich will man kein "empathischer Schwächling" sein.

  • Angenehm differenzierender Artikel; gar hier bei der taz ...

    Als alter, West-Berliner 68er Linker ist mir das Thema durchaus gut bekannt: Gewalt nur gegen Sachen, oder auch gegen Personen? Und wie selbstverständlich Letzteres heute positiv konnotiert wird, das ist schon ein Stück weit erschreckend.

    • @sutrebe:

      Als alte 70zigjährige linke Nach68zigerin kenne ich das auch noch genau so, wie Sie das beschreiben und habe mir das eigentlich auch bis heute bewahrt. Allerdings frage ich mich schon seit den extrem gewalttätigen Baseballschlägerjahren und dem heutigen Wiedererstarken des Rechtsextremismus, was wir tun können, wenn der Staat so massiv versagt, bzw. nicht Willens ist, adäquat konsequent gegen die rechten Verfassungsfeinde und Gewalttäter vorzugehen. Ich kenne neben eigenen Erfahrungen auch in meinem familiären Umfeld und Freundeskreis übelste Fälle von rechter Gewalt, die von Polizei und Justiz entweder ignoriert oder bagatellisiert wurden. Was das mit den Opfern macht, können Sie sich sicher vorstellen. Daß dann manche betroffene Personen meinen, weil der Staat sie nicht schützt, gegen die rechten Gewalttäter auch mit Gewalt vorzugehen, finde ich nicht gut, kann ich aber nachvollziehen.

      • @Irm mit Schirm. 100% Antifa:

        Ich mag es nicht "nachvollziehen", muss es aber hinnehmen; und gehe davon aus, dass "Gießen" nebst anderer, ähnlicher Aktionen eher der AfD nutzen.

        Die Autorin hier hat das wohl schon gut erkannt, die taz insgesamt wahrscheinlich noch nicht.

  • Es ist ja auch bezeichnend, dass sich die Gruppe um Johannes G. als israelsolidarisch identifiziert (siehe den heutigen Artikel zu dem im Gerichtssaal getragenen und später im Knast beschlagnahmten T-Shirt), auch das spricht für fragwürdige Gewaltaffinität und Verklärung der (vermeintlicher oder tatsächlicher Gegen-)Gewalt zur "Selbstverteidigung", was die Kernmerkmale des ästhetisch-ideellen "Rechtsrucks" ausmacht. Sehr feine Analyse.

  • Ein Sonntagmorgen....das durchscrollen bis zum Artikel von C.S. Müller hat sich gelohnt.



    Klartext ....

    vielleicht liest auch...... zugegeben die " gequält " sich windende, aber trotzig Verständnis zeigen für die " Hammerschläger " .......der Antifa diesen Artikel.

  • Vielleicht sollte die Autorin sich mal mit der Geschichte von Lina E. bekannt machen und die 10 stündige Urteilbegründung durch lesen.. Wenn der reaktionäre Staat Sachsen in den letzten 20 Jahren gegen die gewaltsame und jederzeit gewaltbereite rechte Szene mit Leidenschaft von Seiten des Staates - Polizei und Justiz - bekämpft und mit harten Strafen verfolgt worden wäre, gäbe es die sogenannte gewaltbereite linke in Sachsen nicht, wo der Innenminister fröhlich in dem rechtsaußen-Organ "die Freiheit" permanent zum Kampf gegen "LINKS" aufruft.

  • Wenn in Deutschland, (mittlerweile Weltweit) der Rechtsextremismus derart zu nimmt, das einem Angst und Bange wird, reden Sie von linker Gewalt die man mit einer Brandmauer bekämpfen soll? Sie sind in der Realität, glaube ich, noch nicht angekommen. Wenn die AfD, und diese Horror Vorstellung ist mittlerweile eher realistisch, wenn man die steigenden Zuwächse der Partei beobachtet, an die Macht kommt, bekommt nicht nur die Taz,❤️ enorme Schwierigkeiten.

    • @Andreas Flaig:

      Und welchen zählbaren Beitrag gegen Rechts haben solche Übergriffe, wie die um die Hammerbande, denn jetzt genau geleistet? Häßliche Bilder gehen um die Welt und die Beteiligten in den Bau. Thats ist.



      Rechtsextremisten behauptet auch, sie müssten das Volk vor kriminellen Ausländern und Islamisten beschützen. Da hat auch jeder eine apokalyptische Geschichte, mit der er seine Gewalt rechtfertigt. Die behapten auch, dass sie Recht und Gesetz in die Hand nehmen müssten, weil sonst alles untergeht. Die reden auch davon, dass das Volk nicht in der Realität angekommen ist endlich aufwachen müsse. Die behaupten auch, dass der Staat das andere politische Ufer unterstützt und man ja eigentlich Opfer ist.



      Und genau so billig rechtfertigt jeder Gewalt. Wenn wir jetzt nicht zuschlagen, dann wirds euch allen schlecht gehen.



      Am Wochenende sind auch Journalisten angegriffen wurden. Genau wie auf einigen pro Palästina Demos. Auch das Heute Show Team wurde nicht von Rechten überfallen. Als Reaktionen gibts nur Achselzucken, "konnten wir leider nicht unterscheiden". Soviel zum Thema, ohne Gewalt von links, werden Journalisten bald Probleme bekommen.

      Zuviel Hufeisen? So was kommt halt von sowas.

  • „Sie [Heidi Reichinnek] findet, man muss ihm aufgrund seiner politischen Einstellung post mortem weder Mitleid noch Respekt entgegenbringen.“

    Hier schießt die Autorin übers Ziel hinaus. Man kann anderen Menschen nicht vorschreiben, was für Gefühle sie haben sollen. Die Welle des „Mitleids“ in irgendwelchen rechten Kreisen war eh inszeniert, eine Woche später haben die das alles schon wieder abgehakt und sind zur Tagesordnung übergegangen (Ausländerhetze, Demokratieabbau, Polizeistaat, Umverteilung nach oben).

  • Ich bin generell nicht für Militanz zu begeistern. Die Ausbreitung des Faschismus kann nicht durch Hammer verhindert werden, aber Wehrhaftigkeit geht doch deutlich über Selbstverteidigung mit ein und umfasst deutlich den militanten Schutz jener, die sich nicht selbst verteidigen können. Außerdem ist mir unklar, warum Anti-IDF Slogans so ein großes Problem sind. Ist die IDF etwas ein Hippie-Verein, der sich mit Palästinenser:innen zu Diskussionen trifft? Wenn alles was die IDF macht unter Selbstverteidigung fällt, dann kann Antifa-Ost kaum wegen Militanz kritisiert werden.

  • Der Rechtsruck der Gesellschaft ist ein Selbstbetrug liberalen Denkens. Der zeigt sich immer dann, wenn für eigenes Handeln zu Lasten anderer eine Entschuldigung gesucht wird. Die angeborene Verantwortungslosigkeit gegenüber der Welt wird zur erwachsenen Freiheit der Entscheidung umdeklariert. Die kognitive Begabung zu überlegtem Handeln solle auf das individuelle Glück oder das Glück der eigenen Bezugsgruppe ausgerichtet werden und nicht am Wohl der anderen oder aller. Dass dieser freiheitliche Anspruch auf das eigene Glück nur im Wettbewerb mit bzw. gegen den anderer erfüllt werden kann, ist dann eine Binsenweisheit. Bei guter Konjunkturlage und Erfolg, kann man sich gegenüber den anderen auch mal großzügig zeigen. Wenn aber Flaute herrscht und der Wettbewerb zunimmt, darf und muss man unerbittlich sein, sonst drohen Verlust des oder Abstriche beim eigenen Glück. Wo Rechte für einen nationalistisch, völkisch und/oder rassistisch motivierten Sozialdarwinismus argumentieren, verteidigen liberal Gesinnte einen zweckrationalen Sozialdarwinismus als universelle Ordnung. Gesteuerte Migration statt Xenophobie, Wettbewerbsfähigkeit statt MAGA usw.

    • @DemokratischeZelleEins:

      Den Widerspruch, auf den Sie hier hinweisen, sehe ich auch so. Und der Faschismus erwächst aus dem Neoliberalismus, wenn der an das Ende seiner Erzählung kommt. An diesem Punkt stehen wir heute.

  • Mitleid für oder Respekt vor was?



    Heidi hat da ausnahmsweise Recht: Kommentar überflüssig.

  • Solange die Gewalt von rechts ansteigt und Polizisten vermehrt gelangweilt daneben stehen und den Rechtsruck so auch noch beschützen, solange ist diese Entwicklung quasi natürlich. Ohne eine andere Lösung anzubieten, wird man auch Teile der Linken so nicht davon abbringen können.

    • @TV:

      Wer ist "man"? Wer sich politisch gegen Rechtsextremismus einsetzt (hat meine Solidarität), muss schon auch für sein Handeln vernatwortlich gemacht werden können. Die einen behaupten, die woken Linken sind am Rechtsruck schuld, für die anderen ist es rechte Gewalt, die zu linker Gewalt führt. Ist doch ein guter Zeitpunkt, um über die eigene Strategie zu reflektieren und sich zu fragen, welche Ziele sie erreicht.

  • schwurbel, schwurbel

  • Die Autorin hat vollkommen Recht. Gewalt darf keinen Platz in der Demokratie haben. Ob ein Schläger nun linke oder rechte Begründung hat ist egal, er ist ein Schläger und damit ein Verbrecher. Wenn das eskaliert, droht ein Bürgerkrieg so wie 1936 in Spanien.



    Der Spuch: "der Zweck heiligt die Mittel " ist völlig falsch und abwegig. Das Gegenteil ist richtig: gute Methoden werfen ein gutes Licht auf den Zweck, schlechte Mittel ziehen die besten Ansinnen in den Dreck.

    • @Christoph Strebel:

      Eieiei, nicth alles was hinkt ist ein Vergleich. Im spanische Bürgerkrieg hat das Militär geputscht und eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt!

    • @Christoph Strebel:

      "Wenn das eskaliert, droht ein Bürgerkrieg so wie 1936 in Spanien."



      Ein rechtsradikaler Putsch mit Unterstützung aus faschistisch regierten Nachbarländern gegen eine wenige Jahre junge, instabile Demokratie in einem Land mit langer Gewalttradition und vielen ungelösten gesellschaftlichen und ökonomischen Konflikten, den republikanische Kräfte leider erfolglos bekämpften. Wenn die Reuß-Gruppe es tatsächlich bis zum Putschversuch geschafft hätte, wünsche ich ich mir sehr, dass der demokratische Staat sie robust bekämpft. Wenn die Gegenseite stärker ist, würde ich auch demokratische Freiwillige sehr begrüßen, die sich dem Kampf anschließen.



      Ich gebe Ihnen und der Autorin absolut recht, dass bei jedem rechtsextremen Spruch oder Treffen die Hasskappe aufzusetzen und draufzuhauen ethisch und strategisch falsch ist. Inhaltliche argumentative politische Auseinandersetzung ist klar der richtige Weg. Aber ganz so einfach ist es eben nicht, einer gewaltorientierten, manipulativen politischen Kraft wie dem Rechtsextremismus mit "guten Methoden" erfolgreich entgegenzutreten. Beobachten Sie die Bürgermeisterwahl in Völpke u. ä. Und wie wenig Support Betroffene rechtsradikaler Gewalt bekommen.

      • @sàmi2:

        Danke, eine sehr gute Analyse. Und ich habe auch gerade nach dem Lesen des Artikels zu Völpke (das ist ja nicht der erste Ort) gedacht, wie heftig es ist, wenn demokratischen Menschen sich nicht mehr trauen, öffentlich ihre Kritik an einem rechtsextremen Bürgermeisterkandidat zu äußern. Die Rechtsextremisten haben nie ein Problem mit Gewalt gehabt, die meisten von uns- mich eingeschlossen- schon. Wie können wir gegen solche abrundtief bösen Menschen mit Worten bestehen? Welche Möglichkeiten haben wir als Demokraten dann noch, wenn der Staat bei Rechtsextremismus so versagt, wie in den vergangenen Jahrzehnten und stattdessen die Positionen der Rechtextremen immer weiter übernimmt?

        • @Irm mit Schirm. 100% Antifa:

          Und Sie glauben ernsthaft, mit stumpfer Gewalt erreichen Sie etwas? ZB indem man vermeintliche Nazis drangsaliert? Oder Leute halb zu Tode prügelt auf Basis der falschen Kleidermarke?



          Ich frage absolut ohne ironischen Unterton, mich interessiert ihre Sicht.

  • Ich glaube, die Autorin hat die Situation nicht verstanden. Es ist eine sehr privilegierte, realitätsferne Perspektive, dass dem Rechtsruck allein mit Bildung, Debatte und Selbstverteidigung begegnet werden kann. Rechte Strukturen auch psychisch anzugreifen ist in vielen Fällen leider notwendig, wenn man ihre Handlungsfähigkeit einschränken will.

    Auch linke Gruppen wegen ihrer Bereitschaft, organisiert und offensiv Gewalt gegen Faschisten anzuwenden, mit Rechten gleich zu setzen und per Brandmauer kompromisslose Abgrenzung zu fordern, zeigt völlige Unkenntnis über die Notwendigkeiten im Kampf gegen rechtsextreme Gruppen und über die Situation Betroffener rechter physischer Gewalt.

    Vielleicht sind das einfach die Irrtümer die passieren können, wenn die blonde, weiße Clara-Sophia Müller als Sportjournalistin über militante linke Gruppen schreibt.

  • Danke für diesen Kommentar.



    Nichts gegen antifaschistischen Selbstschutz.



    Doch eine quasi militärische Konfrontation gegen den Faschismus kann die Linke in ihrem gegenwärtigen Zustand nur verlieren. Dazu kommt, dass ein Großteil der zur Schau gestellten "Militanz" Maulheldentum ist. Zu oft auf antifaschistischen Demonstrationen und Aktionen erlebt, dass wenn es "Ernst" wurde, die allermeisten so schnell wie möglich abgehauen sind, vielleicht nicht einmal eine falsche Reaktion.



    Und die Möchtegern-Thälmann-Nachfahren von den roten Gruppen sollten daran erinnert werden, wie man noch im Januar 1933 in endlosen Rotfront-Kolonnen paradierte, nur um zwei Monate später völlig ohne Waffen dazustehen.

  • "Folgt man der Logik des linken Rechtsrucks konsequent – dann wäre es wohl höchste Zeit für eine Brandmauer dagegen."

    Ich weiß nicht welcher Logik Sie folgen, wenn 80% eine friedliche Revolution befürwortet.



    Haben Sie womöglich Kontakte zu Familienunternehmen?



    Lassen Sie die Linke mit ihren irrationalen Gedanken in Frieden. Sie ist momentan die einzige Bewegung, welche den Faschisten die Stirn bieten.

  • "Die Reaktion Heidi Reichinneks auf den Mord am rechten Influencer Charlie Kirk spricht Bände. Sie findet, man muss ihm aufgrund seiner politischen Einstellung post mortem weder Mitleid noch Respekt entgegenbringen."

    Und wo ist das jetzt falsch?

  • Dieser Artikel ist ein gefährlicher linksliberaler Hufeisenwurf wie ich ihn lange nicht erlebt habe. Er beweist eindeutig, die selbst gestellte These, dass die gesamte Gesellschaft nach rechts rückt, eben auch das linksliberale Lager mit solcherlei Aussagen. Wer das entschiedene Vorgehen linker Gruppen als Rechtsruck bezeichnet bedient spaltende Narrative die wir uns nicht leisten können. Ich meine was ist das für ein Realitätsverlust? Die Baseballschlägerjahre wurden nicht durch eine Brandmauer gegen körperlich agierende linke Gruppen auf Eis gelegt sondern durch eine entschlossene ZUSAMMENARBEIT zivilgesellschaftlichen Engagements und einer konsequenten Gegenangriffshaltung linker gegenüber Nazigruppen. Und um den großen Bogen zu nehmen: Hitler-NS wurde auch nicht durch Hufeisenwürfe beendet. Klar sollte jede:r den Beweggrund ihrer Handlungen reflektieren, eigentlich inhärentes Selbstverständnis, aber nicht durchs Internet poltern und Gruppen die im Gegensatz zu vielen anderen Menschen wirklich Risiken eingehen, um Nazis zu bekämpfen mit einem rechtsruck diskreditieren. Der Artikel muss Ragebait sein, oder die* Autor:in hat nie wirklich Kontakt zu Baseballschlägerjahren gehabt.

  • "Das Thema Gewalt hat man in der von Idealen geprägten Linken jahrelang ausgeblendet."

    Genau. So geht die wahre Geschichte. Das ist die wirkliche Wirklichkeit in der Gegenwart von mindestens einem halben Jahrhundert kompletter Abwesenheit linker Rezepte, Konzepte..."Ideale" in nahezu jeder Regierung, Ökonomie, Geostrategie der Welt. Wollen wir von weltdomierenden unter den Regierungen gar nicht reden. Oder den weltdominierenden Zentralen der Wirtschaft, des Militärs, der Industrie.

    In der Gewalt, der gewaltigen Realität die dort jeden Tag produziert, gerechtfertigt ausgeübt wird. In den Generalstäben, Konzernleitungen, Bankkvorständen, den wirkmächtigsten Interessengruppen: Weit und breit keine Linke, kein Linker, noch linke Wetten auf die Zukunft der Menschheit.

    Aber ja klar. Die Linke hat ein Gewaltproblem. Ganz bestimmt. Das ist mit grosser Sicherheit die Achse um die sich das Rad der Geschichte dreht. Unbedingt. Messerscharf analysiert.

    Das Thema Gewalt hat man im von von Idealen geprägten Christentum /Judentum /Islam / Wirtschaftsliberalismus /Grünen Kapitalismus /Konservatismus jahrelang ausgeblendet.

    Ganz inhaltschwer analytischer Satz. Nobelpreisverdächtig.

  • Wenn man bedenkt, wie Linksliberale sich selbst als "nicht links" aber auch "nicht rechts" bezeichnen, also die brave Mitte sind, wird es einem schon übel.

  • Genau das denke ich auch. Diese Gewalttäter sind die Geburtshelfer der absoluten Mehrheit der AfD. Dann gnade uns Gott.

    • @Metulski:

      Ich widerspreche Ihnen hiermit. Das ist nur ein Ablenkungsmanöver Derjenigen, die nicht bereit oder willens sind, die wirklichen Probleme unserer inzwischen immer neoliberaleren, entsolidarisierten Gesellschaft anzugehen. Die Sündenbocktheorie funktioniert dabei immer noch am Besten. Wahlweise Migranten, Arbeitslose, Linke, Woke und und und. Die Geburtshelfer der absoluten Mehrheit der AfD sind diejenigen, die die Narrative dieser Verfassungsfeinde nicht bekämpfen bzw. als Lügen darstellen, sonder dieselben noch übernehmen.

      • @Irm mit Schirm. 100% Antifa:

        Sie haben ja keine Ahnung wie falsch Sie damit liegen. Die politische Mitte schätzt die Methoden der Antifa nicht und heißt diese nicht gut. Sie wird sich immer gegen die Antifa stellen und Recht und Ordnung einfordern. Der Mitte ist schlichtweg egal, wer Zerstörung bringt, ob in Form von Gewalt gegen Menschen oder Sachen. Zerstörung ist Zerstörung, egal wie nobel die die Absichten des Zerstörers ist.

    • @Metulski:

      Ja, mit "Gießen" kann die AfD nur gewinnen!

  • Sehr viel Wahres!

  • Der Artikel spricht mir aus der Seele.

    Ich habe mich schon gefragt, ob ich der Einzige bin, der das sieht.