Russland und Israel auf der Biennale: „Das geht nicht!“
Im russischen Pavillon herrscht vor der Eröffnung der Biennale in Venedig Totentanz – während der israelische still boykottiert wird.
Aus dem russischen Pavillon dröhnt am Dienstagnachmittag dystopischer Techno. An den Mixtables steht, in seine Landesfahne gehüllt, ein ghanaischer DJ, vor ihm zehn betrunkene Hipster in Balenciaga-Mad-Max-Look. Mit gesenkten Köpfen und Campari-roten Wangen schaukeln sie zur Musik, um sie herum stehen verstörte Zaungäste, die das makabre Spektakel mit dem Handy filmen.
Russland feiert. Trotz des Tötens in der Ukraine und trotz des Widerstands gegen die Eröffnung seines Pavillons, der zwar formell nie geschlossen, seit 2022 aber nicht mehr von russischen Künstlern bespielt worden war. Der Kreml dürfte seine Ziele damit erreicht haben. Seit Wochen dominiert der russische Eklat-Pavillon die Schlagzeilen, die Leitung der Biennale hat sich zum nützlichen Idioten des russischen Interesses an kulturpolitischer Normalisierung gemacht. Und steckt deshalb im Riesenstreit mit EU-Geldgebern, der italienischen Regierung und Teilen der Kunstwelt.
Warum die Biennale aber all den Stress auf sich nimmt, ist unklar. Glaubt man dem Chef, Pietrangelo Buttafuoco, dann war und ist die venezianische Kunstschau eine Festung der Neutralität, ein kulturdiplomatischer Raum ohne Ausschluss – auch wenn sie sich in Vergangenheit mit der eigenen postkolonialen Politisierung oder etwa dem Boykott von Südafrika unter dem Apartheidregime geschmückt hatte.
Die meisten gehen vorbei
Diesen Raum will Buttafuoco verteidigen, ausgerechnet gegen Kritik an Russland. Wie das in den Giardini, dem zentralen Ausstellungsort ankommt? Gemischt. Die Ukrainer, die schräg gegenüber vom Imperialbau des russischen Pavillons ihren provisorischen Lkw-Pavillon installiert haben, halten Russlands Rückkehr für ein fatales Zeichen der Annäherung. Die meisten anderen Biennale-Besucher aber, an diesem Dienstag sind es fast nur Kunstprofessionelle, scheinen eher politikmüde zu sein. Am russischen Pavillon gehen sie schnell vorbei oder winken, mal schamhaft, mal überheblich lachend ab, sobald man mit ihnen über die absurde Tanzveranstaltung drinnen sprechen will.
Anders, wenn es um den zweiten Polit-Elefanten im Raum geht, den israelischen Pavillon des Installationskünstlers Belu-Simion Fainaru. Der stellt nicht in den Giardini aus, wie gewohnt, sondern im Arsenale. Der israelische Pavillon befindet sich zurzeit im Umbau, so die offizielle Begründung. Womöglich wollte man aber auch verhindern, dass es wieder zu eskalierenden Protesten kommt.
Auf den ersten Blick ist diese Strategie aufgegangen: Vor dem israelischen Pavillon stehen zwar Carabinieri, aber kein nach einer Intifada rufender Protestzug. Erst beim Lunch im Bistro nebenan zeigt sich die Biennale-typische Doppelmoral im Umgang mit Israel. Eine französische Künstlerin spekuliert mit Aperol-Spritz in der Hand über ihren Besuch im russischen Pavillon und zuckt dann nervös zusammen, als man ihr vom eigenen Besuch im israelischen erklärt: „Wie? Du warst bei den Israelis? Das geht nicht!“
Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch der israelische Pavillonkünstler Fainaru. Die Mitarbeiter der hauptsächlich arabischen Nachbarpavillons hätten ihn mit Ignoranz gestraft, die Biennale-Kuration habe verhindert, dass hebräische Schriftzeichen nach außen hin sichtbar sind. „Ich habe lange nicht daran geglaubt, dass es diesen Antisemitismus in der Kunst gibt“, sagt Fainaru, „ich rede ja mit allen, aber jetzt trifft es mich persönlich. Nicht mal die Jury will mehr mit mir reden.“
Bei den Israelis feiert keiner
Zurückgetreten ist die Biennale-Jury letzte Woche eben nicht nur wegen Russland, sondern vor allem wegen Israel. Belu-Simion Fainaru stand schon vorher in der Kritik, er repräsentiere mit seiner Pavillonausstellung die verbrecherische Netanjahu-Regierung. Seine langjährige Berliner Galerie Plan B ließ Fainaru deshalb sogar fallen.
Nur ist Israel nicht Russland. Den Unterschied sieht man im israelischen Pavillon. Anders als im russischen wird hier nicht gefeiert. Auf dem Pressecounter liegen Schmerztabletten. Daneben sitzt, in Schwarz gehüllt, Fainaru, er wirkt erschöpft und gibt ein Interview nach dem nächsten. Er wolle beweisen, sagt er, dass es ihm „nicht um Propaganda, sondern um meine künstlerischen Ideen“ ginge.
Melancholisch und verrätselt gestalten die sich. Eine rückwärts laufende Uhr an der Wand, ein beschriftetes Ei im Wasserglas, eine schwarze Rose, eingefroren in einer offenen Tiefkühltruhe. Im Hauptraum zwischen rohen Ziegelwänden ein Wasserbecken, in das es immer wieder Tropfen aus einer Sprinkleranlage regnet – eine unheimliche Reminiszenz an die Gaskammern von Auschwitz. „Rose of Nothingness“ heißt die Ausstellung, die hinter dem stillen Boykott, aber auch unter ihrer eigenen symbolischen Schwere verschwindet.
Eine Serie von Arbeiten, erzählt Fainaru, habe er extra für Venedig angefertigt: mehrere, überdimensionierte Mesusot, jüdisch-spirituelle Hausschützer, die an den Raumübergängen hängen. Die ganz große Bedrohung haben sie bisher abgewehrt. Nur die Journalisten, israelfeindliche wie -freundliche, kämen und fragten, ob er Angst vor Angriffen habe. Die Skandalwochen vor der Biennale haben anscheinend die Erwartung geschürt, es könnte richtig knallen.
Am Mittwochmorgen geht es erst mal um Russland. Die feministische Gruppe Pussy Riot protestiert mit pinken Hasskappen, E-Gitarren und ukrainischen Fahnen lautstark vor dem russischen Pavillon: „Blood is Russia’s Art“. Dazwischen klingen vereinzelt die dumpfen Glockenschläge von Florentina Holzingers österreichischem Pavillon oder das Schreien der Babypuppen-Armada aus dem japanischen.
Hört man auf die Zwischentöne, die antiisraelischen Plakate und Graffiti in den feuchten Gassen, die alten Männer mit den Jassir-Arafat-Schildern am Tor zur Biennale oder die abstrakt zerlegte Palästinaflagge in der Vitrine daneben, wird klar: In Venedig gilt Russland als das kleinere Problem.
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