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Buch über Haltung im NahostkonfliktWem steht Solidarität zu?

Steffi Hentschke erzählt in „Manchmal würde ich gern schreien“ über ihr Ringen um die „richtige“ Haltung im Nahostkonflikt.

An einem Sonntag im Mai 2024 fährt Steffi Hentschke zur Beerdigung Shani Louks. Israelische Soldaten hatten ihre Leiche kurz zuvor im Gazastreifen entdeckt. Am Morgen des 7. Oktober 2023 war die 22-jährige Deutschisraelin entführt worden, wenige Stunden später verbreiteten die Propagandisten der Hamas Videoaufnahmen von ihr. Eine halbnackte Frau liegt reglos auf der Ladefläche eines Pickups, ein Bein ist so verdreht, dass es gebrochen sein muss. Das Video ist schockierend, das soll es auch sein. Terror verfolgt laut seiner Apologeten politische Absichten, im Fall der Hamas wird er als angeblicher Widerstand gar zur moralisch gerechtfertigten Tat glorifiziert. In Wahrheit ist er das Gegenteil: kalte Ausübung von Gewalt, Antipolitik.

Auf Shani Louks Beerdigung wird ihr Vater Nissim politisch: „Unsere Führung macht immer wieder die gleichen Fehler. Wenn sie weiterhin die gleichen Fehler der letzten Jahrzehnte machen, werden wir wahrscheinlich unser Land verlieren.“ Diese Episode ist in Hentschkes Buch „Manchmal würde ich gern schreien“ nachzulesen, das den Untertitel „Mein Ringen um eine Haltung im Nahostkonflikt“ trägt.

In der Tat erzählt ihr Buch davon, wie die Reporterin sich immer wieder selbst infrage stellt. Ihr Ringen ergibt sich aus dem zum Scheitern verurteilten Versuch, herauszufinden, wem die eigene Solidarität zustehe? Viele Jahre braucht es, bis sie zur Erkenntnis gelangt: „Ich muss mich gar nicht entscheiden zwischen der einen und der anderen Seite, zwischen dem Leid und dem Schmerz und dem Unrecht. Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Menschen kennengelernt, die Liebe empfinden und Kritik formulieren, ohne sich dem Hass zu ergeben. Wenn ich mich für etwas entscheiden muss in diesem Konflikt, dann entscheide ich mich für sie.“

Steffi Hentschke: „Manchmal würde ich gern schreien: Mein Ringen um eine Haltung im Nahost­­konflikt“. Aufbau, Berlin 2026. 304 Seiten, 24 Euro

Weil sie im Oktober 2023 und danach nicht aus Gaza berichten kann, zitiert Hentschke aus den Tagebucheinträgen der palästinensischen Schriftstellerin Hiba Abu Nada aus Khan Yunis, die Gaza als Friedhof beschreibt, der unter „Beschuss aus der Hölle“ liege. Laut ihres Verlags wurden Abu Nada und ihre Familie am Abend des 20. Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff getötet.

wochentaz

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Ihre Auseinandersetzung mit dem Konflikt begann im Jahr 2012, als die damalige Politikwissenschaftsstudentin, 1988 in Zittau geboren, zum ersten Mal nach Israel flog, aus Neugier auf das Land, das in Deutschland mit so vielen Emotionen besetzt ist. Kurz darauf arbeitete Hentschke für die Friedensorganisation IPCRI, später als Journalistin im Land.

Auf Reisen jenseits der Grünen Grenze erkennt sie schnell, wie sehr die völkerrechtswidrige Besatzung ein eigenständiges Palästina einschränkt: „Jeder Grenzübergang ist ein Nadelöhr, das Israel nutzt, um individuelle Tagesabläufe und existenzielle Bedürfnisse der Palästinenser zu kontrollieren.“ Hentschkes Buch führt den Leser an viele Orte, nach Akko, Ramallah, Betlehem oder Dschenin. Es liest sich wie eine Chronik der vergangenen zwei Jahrzehnte des Konflikts, erhellt aber auch dessen vielfältige Ursachen. Hentschke will zeigen, dass die israelische Besatzung zu den wesentlichen Hindernissen für einen Friedensprozess gehört. Terror als legitimen Widerstand gegen die Besatzung zu sehen, sei aber falsch.

Ihre abwägende Haltung ist beim Sprechen über diesen Konflikt fast die Ausnahme

Steffi Hentschke lebt in Tel Aviv. Viele Texte der freien Reporterin sind in der Zeit zu lesen. Ihre abwägende Haltung ist beim Sprechen über diesen Konflikt fast zur Ausnahme geworden. Wenn selbst supranationale Institutionen, Menschenrechtsorganisationen, Politikerinnen und Journalisten zum Teil erkennbar wenig an nüchterner Beurteilung orientiert sind, wie sollen dann Leute, die nicht wissen, wie der Fluss heißt, von dem immer die Rede ist, auf die Idee kommen, dass sie auf dem falschen Dampfer sind, wenn sie einen Konflikt, der auch von externen Akteuren angefeuert wird, auf einen Kampf von Gut gegen Böse herunterbrechen?

Der Konflikt habe zwar immer schon „zu einer vereinfachten Darstellung der Ereignisse verlockt“. Aber noch nie sei es so extrem gewesen: „Die Frage, wie viel Kontext geboten wird, scheint nur noch vom gewollten Narrativ abzuhängen.“ Wer sich nicht bestätigt sehen, sondern den Widersprüchen der Wirklichkeit näherkommen möchte, sollte Hentschkes Buch lesen.

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