Theaterfestival in Kyjiw: Ihre Normalität ist eine andere
Beim KI Fest in Kyjiw war der Krieg vorherrschendes Thema. Raum fand sich auf dem Theaterfestival aber auch für Humor und Ausgelassenheit.
Kyjiw lebt. Vor allem die Jugend umarmt den Tag und die Nacht, als gäbe es kein Morgen. Freilich nur bis zur Sperrstunde um Mitternacht. Ein Magnet ist das Areal der früheren staatlichen Destillerie Nr. 2 im Szenebezirk Podil. Künstlerateliers gibt es hier. Klubs wie Abo und Brukxt lassen mit elektronischer Musik, die wie ein Echo der industriellen Vergangenheit wirkt, die Körper zucken. Eines der pittoresk maroden Ziegelsteingebäude auf dem Gelände war auch Spielort des am Sonntag zu Ende gegangenen KI Fests, des ersten zeitgenössischen Theaterfestivals in der ukrainischen Hauptstadt seit Beginn des Angriffskriegs.
Kuratorin Kristina Kristelovaite sieht ihr Festival als Instrument, der Welt zu zeigen, was das heutige Kyjiw ausmache. „Viele Leute im Ausland denken, dass hier nur Krieg ist und wir Theater bestenfalls in Schutzräumen zeigen. Aber das stimmt nicht. Die Stadt ist vital, mit all den Klubs und Restaurants, den Parks und den Theatern“, sagt sie der taz. Und wer dem Ruf der 26-jährigen Kuratorin und Schauspielerin folgte, sah ihre Aussage bestätigt.
Ein Eskapismus-Projekt ist das KI Fest aber gewiss nicht. In den meisten Programmpunkten war der Krieg vorherrschendes Thema. Die Kunsthistorikerin, Regisseurin und Performerin Olena Apchel etwa, die derzeit Dienst leistet in einer Aufklärungseinheit der ukrainischen Armee, berichtete in ihrer Lecture Performance von mentalen und sozialen Transformationen.
„Trauma reduziert Komplexität. Die Belastungen des Krieges führen zu binären Vereinfachungen wie Freund/Feind, gut/schlecht, effektiv/unnütz“, beobachtete sie. Für mehr reiche die Kapazität nicht. Unterhalb dieser vereinfachenden Oberfläche gäre das aber doch, teilte sie ebenfalls mit: „Wir wissen alle, wogegen wir kämpfen. Aber jeder, der kämpft, kämpft für eine andere Vorstellung einer künftigen Ukraine.“
Die Gesellschaft von morgen
Um genau solche Debatten geht es Festivalmacherin Kristelovaite. „Theater von heute muss die Gesellschaft von morgen zeigen“, zitierte sie einen Ausspruch des ukrainischen Avantgardekünstlers Les Kurbas, der vor knapp 90 Jahren Stalins Terror zum Opfer fiel.
Und tatsächlich schien dieses Morgen schon am Eröffnungsabend auf. Die Produktion „Confronting the Shadows“ von Tamara Trunova – im vergangenen Jahr bei den Berliner Festspielen uraufgeführt, für das Kyjiwer Heimspiel aber noch einmal angeschärft – stellte kritische Fragen an die durch den Krieg auch verengte Gesellschaft. In autobiografischen Monologen ging es etwa um die verlorene Zukunft von Soldatenfrauen. Aber auch sexuelle Missbrauchspraktiken im Theaterbetrieb und das jahrzehntelange Schweigen darüber wurden thematisiert – und Widerstand dagegen im machtvollen Chor „Resist Sister“ initiiert.
Höhepunkt des Festivals aber war „Eneida“ von einem Ensemble aus männlichen und weiblichen Kriegsveteranen. Menschen, denen Beine und Arme fehlen, einer, der mit einem gesunden und einem schwer lädierten Auge wie ein Zyklop aus der Mythologie anmutete, ein weiterer, dem Verbrennungen die Nase aus dem Gesicht gerissen haben: Sie alle eroberten die Bühne. Eingebettet in die Geschichte vom trojanischen Kriegsüberlebenden Aeneas schilderten sie, wie sie ihre Gliedmaßen verloren.
Verblüffender schwarzer Humor
Ihre Interventionen waren trotz aller tränentreibenden Tragik von verblüffendem schwarzen Humor. Manch Auge im Publikum wusste nicht, ob es vor Weinen oder Lachen feucht wurde. Yehor Babenko, der Mann mit dem verbrannten Gesicht, hat auch alle Finger verloren. Seine Handstummel vorzeigend, behauptete er forsch, jetzt könne er den Zaubertrick mit dem verschwundenen Finger sogar mit allen zehn zugleich machen. Er warb für das Subgenre Stand Up Comedy von Veteranen. Regisseurin Olga Semeshkina bestätigte der taz im Anschluss, dass sie genau so etwas in Zukunft plane.
Mit dem Veteranentheater kehrt unversehens die von Apchel noch vermisste Komplexität zurück: Die Kriegsteilnehmer auf der Bühne lassen sich nicht marginalisieren. Sie fordern Normalität ein, selbst wenn ihre Normalität eine etwas andere ist, etwa mit „Schmerz als meinem ständigem Begleiter“, wie ein Kollege Babenkos anmerkte. Am Ende tanzten sie zu ukrainischen Folklore-Rhythmen – und wirken dabei so ausgelassen wie die ravende Jugend in den Klubs auf dem Destillerie-Gelände.
Kyjiw lebt, und nicht nur Kyjiw: Die Mitglieder des Veteranentheaters kommen aus allen Ecken des Landes. Ihre Geschichten wollen sie gern auch auf westeuropäischen Bühnen erzählen.
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