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Modernes DatingReka sucht die Liebe

Singles sind zunehmend genervt von Dating-Apps, sie sehnen sich nach echten Begegnungen. Und probieren neue Formen des Kennenlernens aus.

Anna Fastabend

Aus Berlin

Anna Fastabend

R eka sitzt auf einer Couch und trägt einen schwarzen Kimono. Neben ihr lehnt ein Mann mit geschlossenen Augen. Sie bewegt einen Massageroller über seine nackte Haut, obwohl sie sich bis vor zwei Stunden noch nicht kannten. Jetzt wirkt es vertraut zwischen den beiden, aber auch zwischen den anderen rund 40 Frauen und Männern in dem Berliner Loft nahe dem Treptower Park. Vor der Massage haben sie zusammen eine imaginäre Traumreise gemacht und sich bei Gruppenübungen besser kennengelernt. Wenn alles nach Plan verläuft, wird sie später vielleicht noch knutschen.

Reka ist 35 und eine von vielen Singles in Berlin. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, einer Online-Befragung von 2024 zufolge ist deutschlandweit knapp je­de*r Dritte zwischen 18 und 69 alleinstehend. Einige davon bezeichnen sich als überzeugte Singles. Oder einfach mal Polyamorie ausprobieren? Freundschaft Plus? Einen KI-Chatbot? Eine Zeit lang vielleicht, aber dann sehnen sich viele eben doch wieder nach Zweisamkeit. Die Dating-Apps versprachen lange ein Ausweg zu sein, doch derzeit ist häufig von einer „Datingkrise“ die Rede, die die Apps mitverursacht haben könnten. Ein anderer Punkt: Die Manosphere und ihre frauenfeindlichen Einstellungen, manche Frauen wollen deshalb auch keinen Mann mehr an ihrer Seite.

Wie aber fühlt sich der Datingmarkt für eine Frau an, die keine Lust auf veraltete Rollenmodelle hat und trotzdem gerne einen Partner hätte? Und welche Möglichkeiten gibt es heute, jemanden kennenzulernen?

Anfang Dezember hängt der Himmel grau und nieselig über Neukölln, ein Stadtteil, der als einer der Single-Hotspots in Berlin gilt. Im Café Leuchtstoff nahe der S-Bahn-Station Hermannstraße riecht es nach Knoblauch und warmer Milch. Reka kommt mit dem Fahrrad. Sie trägt eine Outdoorjacke, ein schulterlanger Bob umrahmt ihr Gesicht. Im unteren Teil des Cafés arbeiten digitale Nomaden an ihren Laptops. Reka balanciert einen Ingwer-Kurkuma-Tee über ihre Köpfe eine wackelige Leiter hinauf. Oben auf der nachträglich eingebauten Ebene nimmt sie zwischen Expats und jungen Müttern Platz. Seit fünfeinhalb Jahren lebt Reka in Neukölln, seit zehn Jahren sucht sie nach einer festen Beziehung.

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Aufgewachsen ist Reka in Spandau, am westlichen Stadtrand Berlins. Nach einer Ausbildung im Marketing arbeitete sie einige Jahre in unterschiedlichen Unternehmen. Aktuell orientiert sie sich beruflich noch mal um. „Wenn ich meinem 20-jährigen Ich erzählen würde, wie ich heute lebe: Es würde mir vermutlich kein Wort glauben“, sagt Reka und lacht. Denn sie hat weder einen Partner noch hat sie eine eigene Familie gegründet. Stattdessen lebt sie mit einem verheirateten Pärchen und einer weiteren Person in einer Vierer-WG. „Meine fränkische Ersatzfamilie“, sagt sie.

Vieles, was Reka erzählt, klingt typisch für ihre Generation: Es gab große Gefühle, aber auch Grenzüberschreitungen. Ein Partner habe mit seiner vorigen Beziehung noch nicht abgeschlossen gehabt, einem anderen sei es psychisch nicht gut gegangen. Mal war sie verliebt, mal nicht so. In mindestens einer Beziehung hätte sie zu wenig Raum gehabt, mal habe es viel Eifersucht gegeben, mal wurde aus Liebe eine On-off-Geschichte. Keine ihrer drei Beziehungen hielt länger als drei Jahre. Bei allen spielte das Internet beim Kennenlernen eine zentrale Rolle.

Zu Beginn fand Reka es noch spannend, durch die vielen Profile zu swipen

Mit ihrem ersten Freund schrieb Reka über Facebook, mit dem zweiten kam sie sich über StudiVZ näher und den dritten lernte sie über Tinder oder Lavoo kennen, so genau weiß sie das heute nicht mehr. Jedenfalls hatte sie sich 2013 mit ein paar Freundinnen auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche getroffen und wie jedes Jahr in einem ausgebauten Weinfass mit Heizung Glühwein getrunken. Eine von ihnen war vergeben, aber die anderen drei installierten an diesem Abend zum ersten Mal in ihrem Leben eine Dating-App. „Das war schon witzig, wie wir da in diesem Fass saßen und unsere Profile ausgefüllt haben“, erinnert sich Reka. Im April 2016 beendete sie ihre letzte Beziehung. Zehn Jahre ist das nun her, seither ist sie bis auf ein paar kürzere Romanzen Single.

Tinder, Bumble, Hinge …

In Sachen Dating-Apps hat sie fast alles ausprobiert: Tinder, Bumble, Hinge, OkCupid, Feeld. Und zu Beginn fand sie es auch spannend, durch die vielen Profile zu swipen. Doch mit der Zeit hat sich ihr anfängliches Interesse in Frust umgewandelt: „Ich glaube, ein großes Problem auf den Apps ist diese Unverbindlichkeit. Man kann immer denken, es kommt noch jemand Besseres, und dementsprechend verhalten sich die Leute auch.“ Dennoch frage sie sich manchmal, warum sie immer noch Single ist – und ob es womöglich auch mit ihr zu tun haben könnte.

Immerhin sei sie reflektiert und habe auch schon die ein oder andere Stunde Therapie gemacht. Dazu die vielen Gespräche mit ihren Freund*innen, all die Podcasts und Insta-Tipps, die Ratgeberliteratur und die Fragen an Google oder Chat GPT, bei denen im Zweifelsfall ja sowieso nur wieder herauskomme, dass sie ein ängstlicher oder vermeidender Bindungstyp sei. Vielleicht habe sie sich auch nie wirklich auf jemanden einlassen können, aus Angst vor Verletzungen und Autonomieverlust. Vielleicht habe sie sich unbewusst immer den Falschen ausgesucht, weil sie in Wahrheit noch nicht so weit war. Vielleicht, vielleicht …

Jedenfalls habe sie sich in den letzten Jahren immer wieder Männer gesucht, die mit ihrem Leben nicht klarkamen, erzählt Reka. Männer, die wie Projekte waren und denen sie helfen wollte. Aber nach einiger Zeit fragte sie sich: „Hä, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch gar nicht mein Job.“ Oder sie trafen sich eine Weile und alles fühlte sich gut an, aber dann hieß es: „Das ist mir jetzt doch alles zu viel. Ich bin noch nicht so weit: Ciao.“ Ihre Freundinnen und sie fragten sich dann: „Wieso geht der Typ nicht erst mal in Therapie, bevor er wild rumdatet und Leute verletzt?“

Für Reka passt dieses Verhalten nicht zusammen. Denn sie hat den Eindruck, dass Männer in ihrem Alter genauso oft nach einer festen Beziehung suchen wie Frauen. Zumindest stehe der Wunsch nach etwas Verbindlichem in den Dating-Profilen potenzieller Matches oft ganz oben. Und dennoch: Männer, die sie ghosten, Männer, die das Treffen immer wieder verschieben, die sexistische Sprüche oder unwahre Angaben über sich machen – manchmal hätten sie und ihre Freundinnen den Verdacht, dass Männer auf Dating-Apps gehen, um sich abzulenken oder sich besser zu fühlen.

Männerbashing wolle sie allerdings auch nicht betreiben, Männer hätten es auch nicht leicht: Die vielen weiblichen Bots, die ihnen schrieben und sich im Verlauf der Unterhaltung als Fake-Profile herausstellen. Und außerdem beträfen sie Verhaltensweisen wie Ghosting ja genauso.

Vielleicht liegt es auch gar nicht so sehr am Einzelnen, sondern viel eher an der Kommerzialisierung der romantischen Liebe, dass die Suche nach etwas Verbindlichem so furchtbar schwer geworden ist. Die Soziologin Eva Illouz etwa, die sich viel mit der Liebe beschäftigt hat, bezeichnet Dating-Apps als „ökonomische Hoffnungsmaschinen“, die sexuelle Begegnungen zur Ware verformt haben, welche man erwerben und wieder loswerden könne. Auch Reka ist von der schieren Menge an möglichen Kandidaten mittlerweile genervt: „Auf einer Dating-App unterwegs zu sein, ist wie im Supermarkt. Du kannst alles Mögliche auswählen. Bei dem gefallen mir diese fünf Sachen, bei diesem hier zwei …“

Zu viel Auswahl sei zu viel Information, sagt Eva Illouz. Und dann wisse man gar nicht mehr weiter. Im Gegensatz dazu führt sie die Begegnung von Angesicht zu Angesicht an, bei der es vor allem um Intuition gehe. Wenn man sich direkt begegne, wisse man oft nach wenigen Minuten, ob man das Gegenüber mag oder nicht, so die Soziologin. Also doch wieder im echten Leben auf die Suche gehen?

Mindful-Dating oder „Candlelight Döner“

Seit einiger Zeit besucht Reka auch sogenannte Dating-Events. Damit ist sie nicht allein – nach Jahren, in denen solche Abende eher als Zufluchtsstätte für hoffnungslose Fälle angesehen wurden, erfreut sich die Offline-Partnersuche einer neuen Popularität: Mindful-Dating, „Candlelight Döner“, Deep-Dating, Comedy-Dating, Human-Design-Matching, Dating anhand von PowerPoint-Präsentationen, in denen Freun­d*in­nen ihren Single-Freund vorstellen, Datingabende, bei denen getöpfert, gezeichnet oder gekocht wird, Yoga-Dating, Barhopping oder mit anderen Singles zusammen ins Theater gehen. Kommerzielle Veranstalter bieten ihre Formate teilweise in verschiedenen Städten an. Oft kosten die Veranstaltungen mehr als 50 Euro pro Person. Längst ist die Suche nach der Liebe auch außerhalb von Apps ein lukratives Geschäftsmodell.

Anfang Februar trifft Reka sich mit drei Bekannten zu einer „Game Night“. Gegen halb sieben versammeln sich die vier mit etwa 36 anderen Frauen und Männern in einem Coworking-Space in Neukölln in der Nähe des Landwehrkanals. Es gibt Tannenzäpfle und Fritz-Limo von der Bar, inmitten von Zimmerpflanzen und Büroequipment sind verschiedene Partyspiele auf Tischen aufgebaut. Die Teilnehmenden sind zwischen 25 und 42 Jahre alt. Die Spannbreite der anwesenden Männer reicht vom BWLer in Hemd und Pullover bis zum Gen-Z-Typ mit blau lackierten Fingernägeln.

Die Gruppe ist international, es wird vorwiegend Englisch gesprochen. Auch hier berichten die meisten davon, wie wenig Lust sie noch auf Online-Dating haben. Der Algorithmus, die langatmige Anbahnung und die unzähligen Dates, aus denen meistens nichts entsteht: „Du schreibst mit einer und plötzlich ghostet sie dich. Oder du triffst dich mit ihr und es ist ganz anders, als du es dir vorgestellt hast“, erzählt einer. „Dating-Apps sind einfach Zeitverschwendung“, sagt ein anderer.

Das Phänomen Dating-Burnout

Auch der Berliner Autor Michael Nast berichtet in seinem kürzlich erschienenen Buch „Generation Dating Burnout“ davon, wie die Onlinesuche nach der Liebe oftmals in Überforderung, emotionaler Leere und Erschöpfung endet.

Laut der Sozialwissenschaftlerin Johanna Degen, die in den Medien gerne als „Dr. Tinder“ bezeichnet wird, sind 14 Prozent der App-Nutzer*innen von „Dating-Burnout“ betroffen, darüber hinaus leide die Mehrheit an „Dating-Fatigue“. Kein Wunder, dass es bei Dating-Apps wie Bumble derzeit kriselt und Rettungsversuche wie die Einführung eines KI-Assistenten namens „Bee“ eher zu nur noch mehr Kritik führen. Nichtsdestotrotz werden die Apps weiterhin von vielen verwendet.

Wenn jemand sagt: Was soll ich mit Feminismus?

Das wäre für Reka bei einem Mann eine Red Flag

Denn die Gelegenheit für ein Kennenlernen im echten Leben nimmt bei vielen Menschen ab Ende 20/ Anfang 30 ab. Man geht seltener feiern, Freundeskreise verfestigen sich, potenzielle Part­ne­r*in­nen sind oft schon vergeben. Jemanden einfach so auf der Straße anzusprechen, das fänden viele zu riskant, erklärt Sebastian, der zusammen mit seiner Partnerin Taylor seit einiger Zeit Dating-Events wie die „Game Night“ ausrichtet: „Man weiß ja nicht, ob die Person Single ist und überhaupt Interesse hat.“ Taylor und Sebastian sind beide Ende 30 und haben sich beim Speed-Dating kennengelernt. Das hätte ihnen gut gefallen, aber ihr eigenes Format wollten sie spielerischer gestalten.

Die Teil­neh­me­r*in­nen in Neukölln wirken aufgeschlossen, aber etwas nervös. Taylor und Sebastian mimen die Showmaster und versuchen mit kleinen Witzen die Stimmung aufzulockern. Bei einem Aufwärmspiel treten zwei Teams gegeneinander an, im Anschluss teilen sich die Frauen und Männer nach einem speziellen Zahlensystem immer wieder neu auf die Tische auf. Sie spielen „Tabu“, Eisstockschießen auf Tischgröße und tragen im Wettlauf winzige Möbel von A nach B. Tatsächlich entsteht dabei schnell so etwas wie eine familiäre Atmosphäre. Es gibt die, die die Spielanleitung erklären, die, die ehrgeizig sind, und die, denen alles ein bisschen egal ist.

Reka hat das Puzzlen besonders viel Spaß gemacht, erzählt sie im Nachhinein, aber nicht, weil es dort einen netten Mann gegeben hätte, sondern weil sie eben gerne puzzelt: „Das ging der anderen Frau in meiner Gruppe genauso, also haben wir wie wild drauflos gepuzzelt und die armen Typen nicht mehr wirklich beachtet.“ Und hat es an einer anderen Station geknistert? Reka schüttelt den Kopf. „Bei mir nicht. Dafür habe ich eine Frau gefunden, die perfekt zu meinem Mitbewohner passen würde.“ Sie will die beiden jetzt miteinander bekannt machen.

Wenn man Reka fragt, wonach sie sucht, sagt sie: „Jedenfalls keinen Schönling mit aufgepumpten Muskeln, der irgendeiner Karriere nachjagt.“ Klar, er solle schon auch gut aussehen, aber wichtiger sei, dass man sich gut versteht und auch mal Quatsch machen kann. Sie wünscht sich einen Partner, der politisch ist und selbstkritisch denkt. Und ihr ist wichtig, was für ein Frauenbild er hat. „Wenn jemand sagt: Was soll ich mit Feminismus, ihr seid doch schon alle gleichberechtigt“ – dann wäre das eine Red Flag für sie. Neulich hätte sie zum Beispiel einen Typen getroffen, der ihr erzählte, dass er bei Dates früher immer zu viel geredet hätte. Und dann habe er ihr einen 15-minütigen Monolog darüber gehalten, dass er das jetzt nicht mehr mache.

Speed-Dating ist zurück

Anfang März. Vor einem Kulturzentrum in Neukölln hat sich eine Schlange gebildet wie bei einer Wohnungsbesichtigung. Reka kommt in einer rostroten Jacke über die Straße gelaufen. Sie sieht erholt aus: „Ich war gerade für ein paar Tage in der Sächsischen Schweiz alleine wandern.“

Die heutige Date-Night im Fincan ist ein klassisches Speed-Dating. Das Format gibt es seit 1998. Zum ersten Mal ausgerichtet wurde es in Los Angeles. Der Erfinder ist der kalifornische Rabbiner Yaacov Deyo, der nach einem Weg suchte, möglichst viele Singles seiner Gemeinde zusammenzuführen. Beim gemeinsamen Nachdenken mit Leuten aus der Unterhaltungsbranche entstand die Idee, aus dem oft steifen Kennenlernen etwas mit Nervenkitzel und Tempo zu machen. Heute sind Speed-Dating-Formate weltweit verbreitet und werden überdies von Unternehmen bei der Akquise von potenziellen neuen Mitarbeitenden genutzt.

Das Berliner Format, für das sich Reka entschieden hat, nennt sich „Sore Thumbs“, was man als „Wunde Daumen“ übersetzen kann. Eine spöttische Referenz an die monotonen Wischbewegungen in den Dating-Apps. Der Raum ist in schummriges Kerzenlicht getaucht, die Tische sind nummeriert und mit Schnittblumen und Snacks bestückt. Hier werden sich später für jeweils vier Minuten zwei Personen miteinander bekannt machen.

Gleich an der Tür haken die beiden Organisatorinnen Elizabeth und Lilly die Liste mit den Anmeldungen ab und drücken ihren Gästen jeweils einen großen Briefumschlag mit 16 Namenszettelchen und zwei kleinen Kuverts in die Hand. Nach jedem Gespräch werden Zettel getauscht und verdeckt vom großen Umschlag in das Kuvert mit „I feel sparks!“, also „Ich fühle ein Kribbeln!“, oder in das Kuvert für die Neins gesteckt. Am Ende des Abends gehen die Umschläge zurück ans Organisationsteam. Bei Übereinstimmungen werden später die E-Mail-Adressen ausgetauscht.

Elizabeth, die ursprünglich aus England kommt, sagt mit britischem Witz die Tischwechsel an, während ihre Mitstreiterin Lilly die Zeit und die Playlist im Blick hat. Single-Events in Berlin seien im Gegensatz zu London bis vor wenigen Jahren ziemlich verstaubt und altbacken gewesen, sagt Elizabeth. Nach eigenen frustrierenden Erfahrungen beim Dating taten sie sich ursprünglich zu fünft zusammen und richteten 2022 ihr erstes Speed-Dating aus – mit einem zeitgemäßen Anstrich, inklusive Events für verschiedene sexuelle Identitäten. Geld kostet die Teilnahme nicht, aber Lilly geht im Verlauf des Abends mit einem Spendenkorb herum.

Ein Mann habe kurzfristig abgesagt, verkündet Elizabeth jetzt. Das bedeute, dass die Anzahl an möglichen Paarungen am heutigen Abend nicht ganz aufgeht. Eine Helferin bringt einen zusätzlichen Stuhl herein: „Die Nummer 17.“ Wer als Frau bei der 17 angelangt ist, muss eine Runde aussetzen. Heterosexuelle Männer würden sich zu ihren Events grundsätzlich etwas seltener anmelden, sagt Elizabeth: „Vielleicht, weil sie schüchterner sind. Außerdem denken sie oft, sie seien in der Überzahl, und haben auch mehr Angst vor Ablehnung“, so ihre Erfahrung.

Die meisten Frauen wirken bei einem kurzen Zwischenfazit auf Platz 17 ganz angetan. „Es macht Spaß“, sagt eine. „Es ist schon ziemlich stressig, aber effizient“, findet eine andere und fügt an: „Wann datet man schon mal auf einen Schlag 16 Männer? Und das jeweils nur vier Minuten lang?“ Auch Reka hat eine gute Zeit – und auch schon einen Favoriten. Leider hätte er ihr erzählt, dass er Berlin spätestens in drei Jahren wieder verlassen wolle. „Das war schon ein ziemlicher Dämpfer.“

In der Pause raucht eine Gruppe Frauen vor der Tür. Sie verbringen hier heute ihren „Mädelsabend“ und wundern sich darüber, dass immer nur die Frauen den Platz wechseln müssen, während die Männer auf ihrem Stuhl sitzen bleiben dürfen. „Das hat alleine den Grund, dass Frauen sich die Tischnummern besser merken“, erklärt Lilly. Sie hätten es auch schon einmal andersherum ausprobiert, aber dann sei Chaos ausgebrochen.

Wie viele Pärchen sind aus ihrem Speed-Dating denn schon hervorgegangen? Elizabeth beugt sich vor, damit man sie bei der großen Lautstärke im Raum auch versteht: „Dazu bekommen wir leider kaum eine Rückmeldung“, sagt sie. Aber einen offiziellen Erfolg gibt es doch: Lilly hat bei einem ihrer Events ihren Freund kennengelernt. Und wie war das nochmal beim „Game Night“-Duo Taylor und Sebastian? Auch sie hat das Speed-Dating zusammengebracht.

Kann man gerade womöglich von einer kleinen Revolution des Datings sprechen, bei der sich hippe Groß­städ­te­r*in­nen zusammentun und auf alte, bewährte Rezepte besinnen? Mag sein. Denn tatsächlich ist die persönliche Begegnung ohne nerviges Vorgeplänkel im virtuellen Raum ja um einiges menschlicher. Gleichzeitig bleibt der Konkurrenzdruck auch bei deutlich geringerer Auswahl bestehen. Bei manchen Gästen wirkt es so, als ob aus Hoffnung längst Routine mit einer Spur Galgenhumor geworden ist. Als ob die Dating-Events für sie nur ein zusätzlicher Termin sind, den sie zwischen Pilates und Galeriebesuch halt so einschieben. Wer sagt also, dass sie hier mehr Glück haben werden als auf einer App?

Gemeinsam Knutschen

Als Ende März die Tür des Studioloft UHU aufgeht, steht dort ein Mann in nichts als einer Unterhose und stopft seine Straßenklamotten in einen kleinen Spind. Die „Urban Healing Unit“ liegt etwas versteckt in einem ehemaligen Fabrikgebäude am Rande des Treptower Parks. Alte Dielenböden, eine Bücherwand, Matratzen, die zu Sitzgelegenheiten umfunktioniert worden sind, ein Klavier. Zwischen Zimmerpflanzen funkeln kleine, indirekte Lichtquellen, hinten gibt es einen Spa-Bereich.

Während sich einige Leute im engen Flur umziehen, baut Reka im Hauptraum mit ein paar anderen ein Gemeinschaftsbuffet auf. Als Helferin war das Ticket billiger. Normalerweise kostet es 55 Euro. Ist sie aufgeregt? „Sehr.“ Denn an diesem Abend macht Reka bei „Sweat & Smooch“ mit, was übersetzt so viel wie „Schwitzen und Knutschen“ heißt. Die Veranstaltung ist eine Vorstufe zu den sogenannten „Tempelnächten“, bei denen bis hin zu konsensualem Sex fast alles möglich ist. Doch an diesem Freitag geht es „bloß“ ums Knutschen.

Der Einfall mit der „Knutsch-Meditation“ sei ihnen gekommen, als sie mal keine Lust auf eine normale Meditation gehabt hätten, erzählen Jarla, 36, und Max, 37, die beide als Paar- und Se­xu­al­the­ra­peu­t*in­nen arbeiten und miteinander verheiratet sind. Zunächst boten sie das „bewusste Knutschen“ auf verschiedenen Elektro-Festivals als Workshop an und im November 2025 zum ersten Mal als abendfüllende Veranstaltung. „Unser Ziel ist es, kleine Momente zu kreieren, in denen es zwischen zwei Menschen für einen kurzen Moment eine tiefere Verbindung gibt“, erklärt Jarla.

Indem wir sie anleiten, muss sich keine Person fragen, wann sie den ersten Move macht

Jarla und Max über die Knutsch-Meditation

Und das kommt an: Alle Knutsch-Abende seien bisher ausverkauft gewesen, mehr als 250 Menschen hätten schon mitgemacht. Max und Jarla glauben, den Leute gefalle, dass es bei ihnen nur ums Küssen geht und um nicht mehr. Das gäbe vielen Sicherheit, die den sexpositiven Bereich erst einmal antesten wollten. Hinzu komme, dass sie den Leuten vieles abnehmen würden: „Indem wir sie anleiten, muss sich keine Person fragen, wann sie den ersten Move macht und wie.“ Allerdings sei ihnen sehr wichtig zu betonen, dass die eigenen Grenzen immer an erster Stelle stünden und erst an zweiter Stelle die Erfahrung.

„Wir lassen den Alltag jetzt hinter uns und starten in eine Traumreise“, sagt Max, der eine angenehme Erzählstimme hat und einen kleinen Tukan-Ohrring trägt. Ein Korb mit Augenbinden wird herumgereicht, die anwesenden Frauen und Männer binden sich selbst die Augen zu. Anschließend sollen sie sich vorstellen, dass sie sich in einem Wald befinden. Um ihre Fantasie anzuregen, werden im Hintergrund Naturgeräusche vom Band abgespielt: das Knistern eines Lagerfeuers, später Möwen, die über ein kleines Fischerdorf kreisen.

Für die nächste Übung sollen sich die Teilnehmenden zu Paaren zusammenfinden und sich gegenseitig einen Wunsch erfüllen. „Das kann eine kleine Massage sein oder auch nur ein Gespräch“, sagt Max. Falls sich eine Person unwohl oder abgelehnt fühlt, kann sie jederzeit einen sogenannten „Empathy Angel“ ansprechen, der auch mit im Raum ist.

An diesem Abend sind die allermeisten alleine gekommen, aber es nehmen auch Paare teil. Die Veranstaltung steht je­de*m offen, nicht nur Heterosexuellen. Während viele noch damit beschäftigt sind, sich auf die Situation einzulassen, knutscht jetzt schon eine Dreiergruppe mitten im Raum. Und Reka? Die sitzt mit einer anderen Frau und zwei Männern bei einer Station zur Erforschung des Tastsinns, im „Garten der Berührung“, und sucht sich zwischen Bällen, Zackenrad und Straußenfeder eine Massagerolle heraus.

Ein paar Wochen später in einem Gastgarten in Berlin-Mitte. Die Bäume haben mittlerweile Blätter bekommen. Über Reka kreisen Nebelkrähen, hinter ihr krakeelt ein Kind. Wie ist das Knutsch-Event jetzt eigentlich ausgegangen? Und was war mit dem Typen, den sie beim Speed-Dating zwischenzeitlich ganz gut fand? „Mit dem hatte ich zwar ein Match, aber wir haben uns nie geschrieben“, sagt Reka. Auch mit dem zweiten Match wurde es nichts: „Der Typ hat mir nie geantwortet, was ich krass finde. Denn eigentlich geht man ja zu so einer Veranstaltung, weil man vom Ghosting auf den Dating-Apps genug hat.“

Zum Glück gab es aber noch ein drittes Match. Sie schrieb ihm eine Mail, er schrieb sofort zurück und fragte, wann sie Zeit hätte. Beim Treffen in einer Bar seien sie relativ schnell auf das Thema Beziehung zu sprechen gekommen und da habe sie ihn gefragt, was er eigentlich sucht. Und dann habe er gesagt: eine monogame Beziehung. „Und ich so: Krass!“, erzählt Reka. Sie weiß nicht, wann sie das zum letzten Mal gehört hat. „Und dann war ich schon ein bisschen überfordert, obwohl das ja eigentlich auch mein Wunsch ist.“

Bei ihrem zweiten Date seien sie erst gemeinsam beim Yoga gewesen und hätten sich dann geküsst. Ein paar Tage später kam er zu ihr nach Hause. Sie kochten zusammen Curry und guckten „Baby Driver“, obwohl sie Actionfilme eigentlich nicht mag. „Der Film war ganz lustig – und dann haben wir uns eh auf etwas anderes konzentriert …“ Trotzdem stimmte irgendwas nicht: „Erst dachte ich, es läge vielleicht daran, dass ich mich selber sabotiere, aber dann habe ich gemerkt: Ich fühle einfach nicht genug.“

Dafür habe sie beim Knutsch-Event umso mehr gespürt: „Ich wusste ja nicht, ob ich jemanden finde, den ich küssen möchte“, sagt Reka. Plötzlich sei jemand auf sie zugekommen und habe gefragt: „Bock, zu knutschen?“ Und sie hätte „Nein“ gesagt. Aber dann war da auf einmal dieser große Dunkelhaarige.

Erst saßen sie Rücken an Rücken, wieder mit verbundenen Augen, und sollten sich zunächst nur spüren. Dann hätte Max gesagt, dass sie sich umdrehen und den anderen erst mal nur atmen hören sollten. Sie rochen aneinander, was irgendwie seltsam, aber auch schön gewesen sei. Als sie die Augenbinde abnehmen durften, sei die Atmosphäre schon sehr aufgeladen gewesen, sie berührte mit ihren Lippen seinen Hals, er ihre Wange, und dann hätten sie bestimmt 20 Minuten lang geknutscht. Und alle anderen um sie herum auch. Hinterher hätten sie sich beide wie verliebt gefühlt, das sei schon ein bisschen wie verhext gewesen, sagt Reka. Sie hätten auch Nummern ausgetauscht, aber bis auf eine kurze Unterhaltung bei Whatsapp habe sich nichts daraus ergeben.

Die Nebelkrähen kreisen immer noch, die Familie mit dem Kind hat den Gastgarten längst verlassen. „Ich wünsche mir immer noch eine feste Beziehung“, sagt Reka, „aber solange niemand Passendes auftaucht, probiere ich mich noch ein bisschen aus.“ Vielleicht macht sie noch einmal beim Speed-Dating mit, ein zweiter „Knutsch-Abend“ sei definitiv geplant, auch wenn sie nicht glaubt, dass sie dort ihre große Liebe finden wird – „aber wer weiß?“, sagt Reka und grinst. Und vielleicht wäre es ja auch mal ganz gut, wenn das Thema Partnerschaft weder bei ihr noch gesamtgesellschaftlich so im Mittelpunkt stünde. Das Leben sei nämlich auch so sehr schön.

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1 Kommentar

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  • Wer eine Dating-App betreibt, der will in erster Linie einen Gewinn erzeugen, dass die Menschen dort sich kennenlernen, gut, das ist das Ziel der App, wenn es nicht läuft, dann kommen oft bezahlte Agenten ins Spiel, die dann so tun, um die Kunden bei der Stange zu halten und vorzugauckeln, die App würde Kontakte erzeugen. Der eigentlich schlimmer Sachverhalt hinter diesen Apps ist, dass die Menschen in anonymen Großstädten leben und sich dort soziale Beziehungen auflösen, natürlicherweise lernen sich viele Paare einfach nicht kennen, weil sie sich nicht begegnen, weil die sozialen Milieus sich auflösen. Das führt dann zu diesen Apps und dem Frust rund um Kennenlernen. Und dann halten viele Beziehungen ja auch nicht, sprich viele Menschen sind immer mal wieder auf PartnerInnsuche. Viele bleiben irgendwann alleine und auch ein Stück weit einsam.