Polyamore Beziehungen: Mehrfach verliebt – hier ist Raum zum Reden
Zum exklusiven Paar gibt es Alternativen. Eine davon heißt Polyamorie. In Berlin tauschen sich Menschen bei einem monatlichen Treffen dazu aus.
Ein Dutzend Personen sitzt im Kreis, einige hocken auf Sofas, andere auf Stühlen. Die Möbel im Vintage-Look sind mit Stoffen in matten Farbtönen bezogen. Von den Lampen geht ein warmes Licht aus. Die Atmosphäre erinnert an ein Wohnzimmer, fast privat. Susa Boden moderiert den Poly-Treff und steht gerade noch hinter dem Bartresen.
Lametta in Gold erschwert Außenstehenden die Sicht auf das, was sich im Inneren des verglasten „Lovelite“ abspielt. Damit bleiben die Themen, die hier besprochen werden, in einem geschützteren Rahmen. Das „Lovelite“ ist ein Veranstaltungsraum in Friedrichshain. Jeden dritten Montag im Monat findet hier der Poly-Treff von 19 bis 22.30 Uhr statt.
Der Begriff Polyamorie ist ein Kunstwort aus dem griechischen poly (viel) und dem lateinischen amor (Liebe). Geprägt wurde er in den USA der 1980er. Polyamorie meint ein Konzept, bei dem Beziehungen mit mehreren Personen gleichzeitig geführt werden oder eine Bereitschaft dafür besteht. Entscheidend ist, dass alle daran Beteiligten damit einverstanden sind. Die Polyamorie strebt dabei intime und nahe Bindungen an, die emotional tief greifen.
Damit unterscheidet sie sich auch von offenen Beziehungen. Hier gibt es meist eine Kernbeziehung, wobei alle weiteren Beziehungen zwar körperliche Nähe zulassen, sich aber tiefere Gefühle wie Verliebtheit oder Liebe nicht entwickeln sollen.
Was passiert auf dem Poly-Treff?
Berlin bietet mehrere Poly-Treffen, bei denen sich Gleichgesinnte austauschen können. Im „Lovelite“ gibt es auch unmoderierte Poly-Treffs und solche in englischer Sprache. In der Bar B-Lage findet ein Poly-Meetup für Queers statt. Bundesweit gibt es rund 50 Städte mit Treffen zum Thema Polyamorie.
Den moderierten Poly-Treff gründete der heute 71-jährige Rainer Tolle bereits 2006. Seit acht Jahren moderiert er diesen zusammen mit Susa. Die 44-Jährige identifiziert sich als polyamor und bisexuell. Susa und Rainer sind mittlerweile ein Liebespaar und beide sind Teile von Polykülen, also Beziehungsgeflechten. Rainer sammelt seit den 1980ern polyamore Erfahrungen, Susa seit 2015.
Im Sitzkreis ist es gerade noch sehr still. Rainer hält jetzt eine zweimal einen Meter große Flagge in der Hand. Er hängt sie an eine Wand hinter den Stuhlkreis. Das abgebildete Herz mit dem Unendlichkeitssymbol steht für Liebe, die nicht weniger wird, wenn man sie teilt. Es ist eine ältere Polyamorieflagge, seit 2022 gibt es eine neue. Parallel gehen ein Klebeband und ein Stift herum, um sich den eigenen Namen und bevorzugte Pronomen auf den Oberkörper zu kleben. Susa heißt alle herzlich willkommen und beschreibt den Ablauf. Bei jedem Treffen können die Teilnehmenden Themen vorschlagen, die sie gerne in der Gruppe besprechen würden.
Susa verkündet: „Die erste halbe Stunde ist für Kleingruppen gedacht. In denen könnt Ihr Euch jetzt austauschen.“ Alle erheben sich und finden sich in zwei Kleingruppen mit je sechs Personen wieder. Es geht um „Polyamorie und Mono-Poly“. Jemand erklärt in der Gruppe: „Mono-Poly bedeutet, dass sich eine Person in der Beziehung als polyamor identifiziert und mehrere Partner:innen haben kann, während die andere Person monogam lebt.“ Jetzt tauschen sie Erfahrungen aus, hören sich geduldig zu und stellen interessierte Nachfragen.
Der Poly-Treff als Peer-Group
In einer Kleingruppe geht es gerade um offene Beziehungen. Die 29-jährige Sophie de Frenne ist öfter hier. Sie sagt in der Gruppe: „Es schreckt mich ab, wenn andere Paare in einer offenen Beziehung sind. Das Kernpaar priorisiert sich meist gegenseitig, und ich möchte nicht das Anhängsel sein.“ Sophie ist überzeugt, dass es eine hohe Kommunikationsbereitschaft braucht, um in einer offenen Beziehung alle Bedürfnisse zu beachten. Das dies wirklich umgesetzt werde, kenne sie eher von polyamoren Beziehungen.
Sophie arbeitet als Schauspielerin und Filmemacherin. Zum ersten Mal ist sie 2022 zum Poly-Treff gegangen. „Ich war damals in einer monogamen Beziehung und habe mich in eine zweite Person verliebt“, erzählt sie der taz. Damals habe Sophie niemanden gekannt, der/die polyamor ist, aber den Austausch mit anderen gesucht, die ähnlich fühlen wie sie.
Damit ist Sophie nicht allein, denn „15 Prozent aller Deutschen können sich vorstellen, polyamor zu leben oder haben es bereits getan“, schrieb der Stern 2024. Der Goldegg Verlag veröffentlichte 2025 das Buch „10 Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie. Die Fakten zum emotionalen Thema Mehrfachbeziehungen“ von Stefan F. Ossmann. Dort beziffert der Sozialwissenschaftler die Zahl der in Deutschland polyamor lebenden Menschen auf 250.000 bis 500.000.
Sophie erzählt, sie habe bei dem Poly-Treff mittlerweile auch Freund:innenschaften geschlossen, die sie sehr bereichern würden. „Ich gehe auch hierhin wegen des offenen Austauschs darüber, wie man Beziehungen verbessern kann. Das kann jeder Form von Beziehung nutzen, egal ob freundschaftlich, romantisch oder sexuell“, erzählt sie.
In Kleingruppen wie im großen Sitzkreis
Die für die Gruppen vorhergesehene halbe Stunde ist schnell überzogen. Susa kündigt eine kurze Pause an. Marlo Klemt ist 25 Jahre alt und nimmt an dem Abend zum ersten Mal ein. Er erzählt: „Man denkt, es gibt viele Polys in Berlin, aber ich kannte niemanden. Ich hatte ein starkes Bedürfnis nach Austausch mit anderen. Es hilft mir, mich nicht so komisch zu fühlen, wenn ich auf dem Treff Leute kennenlerne, die so fühlen, wie ich.“ Marlo wünscht sich, es gäbe auch einen moderierten Poly-Treff für Queers. „Auf dem Treff geht es viel um heteronormative Themen. Diese Welt ist sehr fern von meiner Lebensrealität“, sagt Marlo.
Die Pause ist vorbei, und die Teilnehmenden finden sich im großen Sitzkreis wieder. Jetzt stellt sich jede:r reihum mit Namen und Pronomen vor. Laut Veranstaltenden liegt deren Altersspanne zwischen Anfang 20 und Mitte 70. Die meisten nennen ein konkretes Thema, eine Frage oder eine aktuelle Problematik, die sie gerne besprechen würden.
Die ältere Generation beschäftigt sich mit Themen, wie man das Zusammenwohnen mit mehr als einer:m Partner:in gut gestalten kann. Vereinbarkeit von Polyamorie und Familie ist auch ein Thema. Anschließend wird abgestimmt. Die Frage von Marlo gewinnt: Wie kann man von einer Beziehung in eine Freundschaft übergehen?
Einige Teilnehmende teilen nun ihre Erfahrungen und versuchen, Marlos Frage gemeinsam zu beantworten. Marlo sucht auch nach einer Bezeichnung für eine Person, die gleichzeitig Ex-Partner:in und Freund:in ist. Sophie bringt den Begriff der romantischen Freundschaft ein. „Damit meine ich zarte Gefühle, die man füreinander hat. Die müssen nicht unbedingt sexuell sein“, erklärt Sophie. Marlo scheint damit erstmal geholfen zu sein.
Treffen seit 20 Jahren
Mittlerweile gibt es diesen Poly-Treff seit 20 Jahren. 2004 war Rainer beim ersten größeren bundesweiten Poly-Treff in der Nähe von Bonn. „Dieses Treffen hat mir so gut gefallen, und ich habe mich gefragt, warum das niemand in Berlin anbietet“, erinnert er sich. In den Stadtzeitschriften Zitty und tip habe er mit einer Anzeige zum monatlichen Erfahrungsaustausch über Polyamorie aufgerufen. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass mein Poly-Treff bis heute besteht“, sagt Rainer.
Den Poly-Treff veranstalten Rainer und Susa ehrenamtlich, jede:r kann ihn kostenfrei besuchen. Seit 2022 sind beide im Vorstand des Lovelite e. V. Rainer erzählt, dass sich die Menschen auf den Treffen unter seiner alleinigen Leitung auf einer sehr theoretischen Ebene über Polyamorie unterhalten haben. Susa habe einen anderen Zugang zu den Menschen und bringe eine viel praktischere und persönlichere Ebene in den Poly-Treff ein. „Wir sprechen auf den Treffen sehr viel über Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse in Beziehungen“, sagt Susa.
Susa sagt: „Für viele polyamore Menschen ist der Ausgangspunkt ein weißes, heterosexuelles Paar. Da passieren schnell Hierarchisierungen, bei denen die Außenbeziehungen weniger Rechte haben.“ Für Susa sei es wichtig, die Heteronormativität zu hinterfragen. Trotzdem missioniert Susa bei den Poly-Treffen nicht mit ihrer eigenen Haltung gegenüber Polyamorie.
Die Getränke der Teilnehmenden leeren sich, und draußen ist es bereits dunkel. Die verschiedenen Themen und Geschichten, um die es heute ging, hallen auch später noch nach. Und mit neuen Freund:innenschaften aus dem Poly-Treff, lässt sich der Monat bis zum nächsten Treffen gut überbrücken. Vielleicht ist es genau dieser Mix aus Austausch und neuen Verbindungen, der den Poly-Treff seit zwei Jahrzehnten trägt.
Der nächste Poly-Treff findet am 15. Juni 2026 um 19 Uhr statt. Treffpunkt ist das „Lovelite“ in der Haasestraße 1, wenige Gehminuten vom Ostkreuz entfernt. Die Teilnahme ist kostenlos, Spenden sind erwünscht.
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