Künstliche Intelligenz in der Bildung : KI muss in die Schulen
Schule sollte ein Ort der Aufklärung sein, auch über neue Technologien. Kurzfristig mögen Social-Media-Verbote und KI-Tabus entlasten. Langfristig versperren sie den Zugang zur Welt, meint Udo Knapp.
taz FUTURZWEI | Die politischen Aufgaben der Regierenden werden immer häufiger an Expertenkommissionen ausgelagert. Die Heroen streiten nur noch darum, wie viele von den Vorschlägen der Experten mit wie vielen Abstrichen umgesetzt werden sollen.
Aber „Rosinenpickerei“ (Bärbel Bas, SPD) darf es dabei nicht geben, ein „Zerreden der Vorschläge“ (Friedrich Merz, CDU) auch nicht. So wird Demokratie zu Expertokratie, Politiker werden zu Sachzwang-Agenten wissenschaftlich abgesegneter Vorschläge. Politik verzichtet auf ihren originären Auftrag.
Auf dieses expertokratische Spielen hat sich nun auch Familienministerin Karin Prien (CDU) eingelassen. Die von ihr eingesetzte Expertenkommission „Kinder und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat 10 Monate an der Frage gearbeitet, wie die drei zentralen Aufgaben der Sicherung des Kindeswohls aus der UN-Kinderrechtskonvention „Schutz, Befähigung und Teilhabe im Digitalen- und KI-Zeitalter“ gesichert werden können. Die Kommission hat dazu 56 Empfehlungen vorgelegt.
■ Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.
Neben vielem Bedenkenswertem geht es vor allem um gesetzliche Regelungen eines Social-Media-Verbotes für Kinder und Jugendliche, entweder bis zu deren 13. oder 16. Lebensjahr, sowie eine strengere Regulierung aller digitalen Plattformen.
Schattenseiten der Social-Media-Nutzung
Keine Frage: Die unregulierte Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen hat negative Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer kognitiven Fähigkeiten, ihr soziales Verhalten und ihre gesamte persönliche Entwicklung.
Jüngste Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen in den digitalen Räumen bei vier Stunden pro Tag liegt. Algorithmisch gesteuerte Feeds, stark personalisierte Empfehlungssysteme für Jugendaccounts, das automatische Abspielen von immer neuen Inhalten, unendliches Scrollen, Push-Benachrichtigungen – all diese Techniken des alltäglichen Social-Media-Gebrauchs schaffen für Kinder und Jugendliche eine Sucht fördernde Parallelwelt, der sie sich nicht mehr verweigern können oder wollen, die mit ihrer analogen alltäglichen Lebenswelt aber immer weniger zu tun hat.
„Die Verbotsdrohung erscheint den Jungen - zurecht - als der pädagogische Zeigefinger naiver Erwachsener, die nichts mehr verstehen.“
Um die negativen Folgen dieses Verhaltens einzudämmen, gibt es eine weltweite Verbotsdebatte. In Australien wurde bereits das erste Social-Media-Verbot bis zum Alter von 16 Jahren eingeführt. Jüngste Studien belegen, dass bis zu zwei Drittel aller Jugendlichen in kürzester Zeit Techniken entwickelt haben, dieses Verbot unerkannt zu umgehen. War ja auch nicht anders zu erwarten. Dennoch werden in Europa in vielen Ländern ähnliche Gesetze vorbereitet.
Die Adaption an die Neuen Medien, das Digitale und KI, sind für die Jungen von heute Teil ihres Aufwachsens, ihres Lebensstils, ihres Blickes auf die eigene Zukunft. Die Verbotsdrohung erscheint ihnen - zurecht - als der pädagogische Zeigefinger naiver Erwachsener, die nichts mehr verstehen.
Es geht um mehr: Die Datafizierung der Welt
Das wäre nicht so schlimm, wenn es bei dieser Spaltung nur um den jahrtausendalten Konflikt der Jungen mit ihren Alten handelte, zwischen dem Morgen und dem Gestern, dem sich ewig wiederholenden Absturz des Ikarus. Aber hier geht es um mehr. Mit der erfolgreichen Entwicklung von Social-Media und KI ist das nächste große Kapitel der Zivilisationsgeschichte aufgeschlagen worden. Die Daten von Allem und Jedem sind der Rohstoff der Aufmerksamkeitsökonomie der Zukunft geworden. Der bloße Verbrauch von fossilen und anderen natürlichen Rohstoffen, ihr Einsatz in hochentwickelten Technologien in einer dazu passenden Marktwirtschaft samt ihrer Konsumkultur, all das reicht für die Profitmaximierung im digitalen KI-Zeitalter nicht mehr aus.
Heute hängt Alles und Jedes von der Verfügungsgewalt über die Daten ab. Tiktok, Facebook, Instagram sind die Träger der zukünftigen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtstrukturen. Sie nutzen ihre heute noch völlig unregulierte Macht über die Daten und vor allem die der jüngeren Generationen, um damit ihre Profite auch in Zukunft optimieren zu können.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°37: Nachspielzeit.
Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum. Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..
Die Verbotsdebatte für den Gebrauch von Social Media für Jugendliche ist vor diesem Hintergrund eine Scheindebatte. Es geht im Kern darum, wie Daten erhoben, gespeichert und genutzt werden. Die Plattformen sind die unkontrollierten Herrschaftsorte der Machtverteilung im Kapitalismus von Morgen. Rücksicht auf mentale Gesundheit der Jugendlichen, ihre reflexive Selbständigkeit und kognitive Fähigkeiten gibt es nicht.
Das von der Prien-Kommission erwogene Nutzungsverbot bis 13 respektive 16 Jahre als eine Art aufschiebendes Moratorium könnte sinnvoll sein, wenn das digital und KI-bestimmte Leben in der ganzen Gesellschaft als politische Zukunftsaufgabe angenommen würde.
Was hieße das? Erstens: Die Plattformen, die mit den Daten hantieren, gehören unter öffentliche Kontrolle, noch besser direkt in die öffentliche Hand. Denn diese Daten sind wie Wasser und Mobilität ein öffentliches Gut, das der ausschließlichen Nutzung durch Privatwirtschaft entzogen gehört.
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Das Digitale und die KI aus den Schulen zu verbannen, mag für einen Übergang Entlastung versprechen. Auf Dauer aber gehören sie in die Schulen. „Es wird ein Unterricht gebraucht, der Medienkompetenz und das Erlernen von emotionalen Fähigkeiten miteinander verbindet“, so formuliert es Isabel Brandhorst von der Forschungsgruppe Internetstörungen an der Uni Tübingen.
Nutzungsverbote allein werden weder den Jungen helfen, aufgeklärt mit dem Digitalen und der KI umzugehen, noch die Macht der Plattformen einhegen.
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