Radikalisierter Coronaprotest: Tödliches Querdenken

Der rechte Protest gegen Corona-Maßnahmen ist ins Abseits der Aufmerksamkeit geraten. Die Gruppe schrumpft. Übrig bleibt ein radikalisierter Rest.

Zwei Polizisten sichern mit Waffen den Tatort

Der Tatort, die Tankstelle in Idar-Oberstein Foto: Christian Schulz/dpa

Man konnte den Eindruck haben, als wäre das Thema erledigt. Die Zeit der großen Querdenken-Demonstrationen ist vorbei, der Protest ist zersplittert und auf irrlichternde Figuren zurückgeworfen, die immer krudere Thesen vertreten. Und die Mehrheit der Deutschen hält die Coronamaßnahmen weiter für angemessen. Doch mit dem Schrumpfen der Querdenker entstand eine neue Bewegung.

Ein radikaler Rest, der sich immer weiter eingräbt in seine Verschwörungserzählung. Für den die Coronapolitik nur noch ein Vehikel ist für seine Ablehnung von Staat, Politik und Medien. Der sich nicht mehr im Protest wähnt, sondern im Widerstand. Der sich in Social-Media-Kanälen immer weiter anstachelt und nicht mal mehr verklausuliert, sondern ganz offen zu Gewalt aufruft gegen Impfteams oder Politiker:innen, weil es jetzt reiche.

All das ungebremst von den Wortführern der Szene, denen Zehntausende auf ihren Social-Media-Kanälen folgen, vielfach eher angeheizt. Die Gefahr war nie weg. Sie war nur unsichtbarer geworden, verborgen in einer Szeneblase, in Telegram-Kanälen. Und dort war sie durch die Radikalisierten sogar noch gewachsen. Und nun ist ein Mensch tot. Ein junger Student, Aushilfe in einer Tankstelle. Erschossen in Idar-Oberstein, weil er einen Kunden an die Maskenpflicht erinnerte.

Und weil dieser „ein Zeichen setzen“ wollte. Es ist eine entsetzliche Tat. Und es sagt alles, dass sie in Teilen der Szene gefeiert wird. Kein Mitleid. Selbst schuld, heißt es da. Menschenverachtend und entsetzlich. Es ist leider eine Tat, mit der früher oder später zu rechnen war. Denn das unheilvolle Brodeln in letzter Zeit wurde von niemandem gestoppt. Dass der Verfassungsschutz die Szene unter Beobachtung stellte, störte dort offenbar niemanden.

Auch im Wahlkampf wurde der radikalisierte Protest nicht thematisiert – in den Wahlprogrammen allenfalls als Randnotiz. Wie sehr hier etwas wegrutscht, scheint in der Öffentlichkeit kaum anzukommen. Dabei ist es Teil einer Verrohung, die Po­li­ti­ke­r:in­nen im Wahlkampf erleben konnten, als ihnen dort wieder Hass entgegenschlug. Und an der Rechtsextreme mitwirken, die ungehindert auf Plakaten appellieren: „Hängt die Grünen!“ Oder die Leichen­attrappen auf Kundgebungen auslegen.

Diese Verrohung hatten wir schon einmal, ab 2015, als Geflüchtete in diesem Land Schutz suchten. Damals kochte der Hass hoch und am Ende brannten Asylheime. Auch jetzt fliegen wieder Brandsätze auf ein Impfzentrum in Sachsen oder das Rathaus in Delmenhorst. Und wieder wird erst mal nur zugeschaut.

Der Hetze müssen die Räume genommen werden. Erst vor wenigen Tagen sperrte Facebook 150 Querdenken-Kanäle. Eine richtige, wenngleich zu späte Entscheidung. Die Hauptkanäle der Szene sind längst woanders. Die Leute vor Gericht zu ziehen wäre hilfreich. In einem ersten Schritt aber sollte die Gefahr auf breiter Ebene thematisiert und verurteilt werden. Der tödliche Schuss zeigt, dass die Zeit drängt.

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Redakteur für Themen der "Inneren Sicherheit". Seit 2010 in der taz, anfangs im Berlin-Ressort, dort zuständig für "Außerparlamentarisches". Seit 2014 Redakteur in der Inlands-Redaktion. Jahrgang 1984, Studium der Publizistik und Soziologie.

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