piwik no script img

Queerfeindliche Straftaten 2025Attacke auf alle

Ann-Kathrin Leclere

Kommentar von

Ann-Kathrin Leclere

Eine Anfrage im Bundestag macht Zahlen zu queerfeindlicher Gewalt öffentlich. Das Ausmaß der Angriffe darf nicht als Randphänomen abgetan werden.

Christopher-Street-Day in Neubrandenburg im August 2025 Foto: Jens Gyarmaty/laif

W enn die Homophobie in einer Gesellschaft zunimmt, ist das ein Frühwarnzeichen: Alle Menschen, die Menschenrechte selbst sind in Gefahr. So sieht es Human Rights Watch im aktuellen Report von 2026 zum Stand der Menschenrechte.

Die Organisation warnt: In Deutschland ist es den demokratischen Parteien im letzten Jahr nicht gelungen, extrem rechten und rassistischen Narrativen wirksam entgegenzutreten. Diese seien weiter in den Mainstream eingesickert – mit spürbaren Folgen. Angriffe auf marginalisierte Gruppen, darunter auf queere Menschen, haben zugenommen.

Die Fakten bestätigen diese Diagnose. Die Antwort auf eine schriftliche Einzelanfrage der Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger (Bündnis 90/Die Grünen) enthält vorläufige Zahlen für 2025, Stand 31. Dezember: 2.048 queerfeindliche Straftaten wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Dabei wurden Delikte im Bereich „sexuelle Orientierung“, also Straftaten gegen Menschen, weil sie etwa schwul oder lesbisch sind, sowie Straftaten wegen der „geschlechtsbezogenen Diversität“, von Menschen, weil sie etwa trans, intergeschlechtlich oder nicht binär sind, zusammengefasst. Es finden sich 896 Verstöße gegen das Waffengesetz, 300 Fälle von Volksverhetzung, 207 Sachbeschädigungen, 245 Körperverletzungen – und zwei Tötungsdelikte aufgrund der sexuellen Orientierung der getöteten Personen.

Nahezu verzehnfacht

In einem Lagebericht von 2024 zeigten das Bundeskriminalamt (BKA) gemeinsam mit dem Bundesministerium des Innern: Seit 2010 haben sich die Straftaten in den Bereichen „sexuelle Orientierung“ und „geschlechtsbezogene Diversität“ nahezu verzehnfacht – und nach den starken Anstiegen 2023 und 2024 ist auch 2025 kein Rückgang auf ein früheres Niveau zu erkennen.

Dabei ist das Dunkelfeld wahrscheinlich noch deutlich größer. Eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte von 2020 zeigt, dass 96 Prozent der befragten LGBTIQ*-Personen Hatespeech nicht anzeigen, 87 Prozent auch körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht. Als Gründe nennen sie unter anderem, die Tat sei „zu gering/nicht ernst genug“ gewesen (33 Prozent) oder die Angst vor homo- oder transfeindlichen Reaktionen der Polizei (23 Prozent).

Auch die kürzlich veröffentlichte Dunkelfeldstudie LeSuBiA weist darauf hin, dass Mitglieder der queeren Community besonders häufig von Gewalt betroffen sind. Die tatsächliche Zahl der Übergriffe dürfte also weit höher liegen.

Umso bestürzender ist das politische Signal, das die Bundesregierung sendet. Der von der Ampelregierung im November 2022 beschlossene Aktionsplan „Queer leben“, der die Lebenssituation queerer Menschen verbessern und ein queerfreundlicheres Deutschland fördern sollte, wurde unter Bundeskanzler Merz faktisch beendet. Das Familienministerium erklärte den Prozess für „planmäßig abgeschlossen“, eine Fortsetzung ist nicht vorgesehen. Dabei war „Queer leben“ das einzige bundesweite Förderprojekt für queere Anliegen.

Symbolpolitik ist Politik

Human Rights Watch kritisiert zudem Vorstöße, wonach vor einer Änderung des Geschlechtseintrags nach dem Selbstbestimmungsgesetz personenbezogene Daten erfasst werden sollten – ein unnötiger Schritt, der zudem Diskriminierung begünstigen kann. Auch symbolpolitische Entscheidungen, wie die von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), am Reichstagsgebäude zum jährlichen Berliner CSD die Pride-Flagge nicht zu hissen, senden ein fatales Signal.

Deutschland darf sich nicht daran gewöhnen, dass queere Menschen zur Zielscheibe werden. Wenn Rechte von marginalisierten Gruppen bröckeln, dann ist das eben kein Randphänomen. Es ist der Anfang einer gefährlichen Entwicklung.

Bei Queerfeindlichkeit fängt es an, beim Abbau der Demokratie geht es weiter. Also: Hören wir queeren Mitmenschen zu. Glauben wir ihnen, wenn sie von Bedrohung und Gewalt berichten. Und handeln wir – politisch wie gesellschaftlich. Denn Menschenrechte gelten für alle – oder sie verlieren ihren Wert.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Ann-Kathrin Leclere
Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
Mehr zum Thema

18 Kommentare

 / 
  • Stimmt!



    Gerade findet im Westen ein großes Fest statt, das Jeden,Jede und Jegliches gestattet.



    Um den traurigen Osten ein wenig zu beleben empfehle ich :" nur nicht aus Liebe weinen", wahlweise in der Version von Brings oder AnnenMayKantereit, denn die Freiheit lässt sich nicht erweinen sondern nur erkämpfen - und tanzen geht da ganz in die richtige Richtung 😉

  • Jeder Versuch, queere Personen innerhalb der Gesellschaft zu bewegen oder zu positionieren ist als Angriff zu werten; dies beginnt nicht erst mit körperlichen Attacken.

  • ...schade dass hier fehlt, welchen Nationalitäten die Täter (überwiegend junge Männer) angehören - warum nur?



    Man weiss ja aus anderen Statistiken, dass Migranten einer bestimmten Religion hier massiv überrepräsentiert sind.

    • @Sandra Becker:

      Aus den Nachrichten weis ich, dass es Angehörige islamischer Gesellschaften sind aber auch sehr häufig Nazi-Schlägertrupps, die im Osten queere Veranstaltungen stürmen.

    • @Sandra Becker:

      Ja, warum nur….wahrscheinlich weil die Person, die das ausspricht oder schreibt gleich in eine spezielle politische Richtung geschoben wird.

  • Wen genau meint die Kommentatorin eigentlich mit "den demokratischen Parteien"?

  • Das ist Teil des allgemeinen konservativen Roll-backs. Und der wird nicht nur von Rechten und Rechtsextremen befördert, auch von rückwärts gewandten Leuten aus patriarchalisch geprägten migrantischen Communities, und nicht zuletzt durch den Einfluss, den die globalen Social Media auf die Sichtweisen junger Menschen in Deutschland haben:



    Die meisten nicht-deutschsprachigen Inhalte kommen aus Ländern, in denen eine liberale Haltung zur sexuellen Orientierung weniger selbstverständlich ist. Das betrifft Teile der USA und Ost-Europas, praktisch den gesamten arabischen Raum, Afrika und überwiegend auch Asien. In den Augen der meisten Content-Creator aus diesen Teilen der Welt ist ist z.B. Homosexualität ein Tabu, wenn nicht sogar ein Vergehen.

  • Wenn ich jedes mal Schritte einleiten würde, wenn mich jemand Verbal oder Körperlich angreift, würde ich keine Zeit mehr zum Arbeiten oder einem sonstigen Alltag haben...



    Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, wenn die Dunkelziffer enorm ist.

  • Eine äußerst erschreckende Entwicklung, die so nicht akzeptiert werden darf. Genauso wie viele andere zunehmenden Gewalttaten auch.

    Laut Statistik sind es zu über 90% Männer der größtenteils unter 30 Jahre alt. Zu hohem Anteil vorbestraft oder polizeibekannt. Ebenfalls in sehr hohem Maße von Hass und Verachtung auf queere Lebensweise geprägt. Es wird von Maskulinitätsbestätigung gesprochen.

    Damit lässt sich einiges erahnen.

    Ich hatte meine Zeit in der 80er/90er Jahren in einer ländlichen Region und wir alle, egal welcher Orientierung, haben gut und respektvoll MITEINANDER gelebt und uns respektiert!

    Äußerst Bedauerlich wohin sich unser Land entwickelt!

    • @Sole Mio:

      Sorry, Schreibfehler! Statt Zeit meinte ich die Jugendzeit bis Ende meiner 20iger

  • Ja, man sollte queeren Menschen zuhören. Und eben auch in der Taz offen darüber reden und es ernstnehmen, wenn in Berlin-Schöneberg oder Neukölln die überwältigende Mehrheit der queerfeindlichen Straftaten eben nicht von Rechtsextremisten begangen wird. Denn auch hinsichtlich der Täter muss differenzieren, wenn man diese Taten bekämpfen will. Was gegen Queerfeindlichkeit im ländlichen Brandenburg wirkt, ist im Migrantenviertel vielleicht nicht wirksam und umgekehrt.

    Dieser Artikel, so richtig er ist, erwähnt aber wieder mal nur durch Rechtsextremismus motivierte Taten. Das ist nun mal nicht ehrlich, und man fühlt sich als queerer Mensch eben nicht ernst genommen. Es ist genauso verletzend, wenn links nur auf Rechte schaut, wie wenn rechts nur auf Männer aus bestimmten migrantischen Communities schaut und so tut, als könnten Biodeutsche nicht homophob sein.

    • @Suryo:

      Anekdotisch geht der Anstieg jedenfalls auf die Kappe des Rechtsextremismus. Insbesondere wirken die Anfeindungen und Angriffe aus diesen Gruppen deutlich weniger impulsiv, sondern wohlwissend und gezielt.

      Die Probleme, die es innerhalb migrantischer Communities in dem Bereich gibt, gibt es aber auch schon lange, und besser wird es nicht, je mehr Menschen aus entsprechend intoleranteren Ländern hinzukommen.

      Insgesamt müsste insbesondere härter gegen Wiederholungstäter vorgegangen werden, wie auch in anderen Bereichen. Am Ende sind es ja eher wenige Menschen, die eine aktive Bedrohung darstellen. Aber sie können es eben so oft machen, wie sie wollen, und es hat so gut wie keine Konsequenzen.

      • @ImInternet:

        Das stimmt alles.

        Das Problem ist, dass Teile der politischen Linken mittlerweile schon so tun, als gäbe es Kultur gar nicht. Früher wurde mit Kultur alles mögliche relativiert, und zwar GERADE von Linken und Grünen. Es gab sogar Urteile, bei denen Ehrenmörder (ja, ich benutze das Wort) nicht so hart bestraft wurden, weil das Gericht die kulturelle Prägung, die zum Mord beigetragen hatten, berücksichtigten.



        Mittlerweile darf man aber überhaupt nicht mehr „kulturalisieren“ und schon der Hinweis darauf, dass Homophobie in einer bestimmten Kultur weiter verbreitet und überdies auch die Hemmschwelle, gegenüber LGBT beleidigend oder sogar tätlich zu werden, niedriger ist, wird als Tabu behandelt.



        Natürlich sind Menschen nicht Gefangene ihrer Kultur und natürlich sieht man einem Menschen nicht an, ob er homophob ist. Aber so zu tun, als seien arabische Männer im Durchschnitt (!) auf gar keinen Fall homophober als zB Dänen, ist vollkommen absurd und schlägt den Opfern ins Gesicht.

        Das ist exakt dasselbe, als wenn mir ein AfDler frech sagt, dass AfDler nicht homophob seien, und abgerissene Regenbogenfahnen in Sachsen nichts mit Rechtsextremismus zu tun hätten.



        Beides beleidigt LGBT

  • Die Autorin zieht im 2. Absatz eine Linie von rechtsextremen und rassistischen Narrativen zum Anstieg von queerfeindlicher Gewalt.

    Als würde es keine anderen queerfeindlichen Narrative und Täter geben.

    "Hören wir queeren Mitmenschen zu. Glauben wir ihnen, wenn sie von Bedrohung und Gewalt berichten."

    Wenn ich das tue, höhe ich nicht wenige Stimmen, die nicht nur von rechtsextremen Tätern berichten.

    Die in Berlin auch Ortsteile meiden, die nicht von Rechtsextremisten dominiert werden.

  • Ein Vergleich, keine Gleichsetzung. Im Jahr 2024 wurden 626045 Körperverletzungen angezeigt, davon 158177 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzungen. Und im Jahr 2025 gabe es 2048 queerfeindliche Straftaten das sind 2048 zu viel.

    de.statista.com/st...letzung-seit-1995/

  • 2048 queerfeindliche Straftaten finde ich erschreckend. Was ich bei der Aufzählung der einzelnen Straftaten aber nicht nachvollziehen kann, sind die 896 Verstöße gegen das Waffengesetz. Wo liegt da der queerfeindliche Bezug? Wenn ich z. B. unerlaubt eine verbotene Waffe mit mir rumtragen würde, dann wäre das auch ohne queerfeindliche Handlungen strafbar.

  • Der einzige Bezug bei Queerfeundlichkeit wird auf "extrem rechten und rassistischen Narrativen..." gelegt....wohl die einzige Quelle von Queerfeindlichkeit...klar

  • Meines Erachtens zeugen die hohen Zahlen von einer zutiefst verunsicherten (Männer-) Gesellschaft. Das liegt am Umbruch der Werte, aber auch an den zunehmenden wirtschaftlichen Problemen weiter Kreise.