Pro und Contra zum Recht auf Homeoffice: Revolution oder Isolation?

Am Plan des Bundesarbeitsministers, ein Recht auf 24 Tage Heimarbeit im Jahr einzuführen, scheiden sich die Geister. Liegt alles Heil im Homeoffce?

In einer Doppelbelichtung arbeitet und schläft ein Mann an seinem Schreibtisch.

Vor- oder Nachteile? Homeoffice ist in Deutschland umstritten Foto: Ute Grabowsky/photothek/imago

Arbeitsminister Hubertus Heil plant ein Recht auf mindestens 24 Tage Heimarbeit im Jahr. Liegt also alles Heil im Homeoffice?

Ja,

das Heil liegt unbedingt im Homeoffice. Besser gesagt, im Recht auf Homeoffice. Eine Pflicht, quasi ein vom Arbeitgeber verordneter Hausarrest, steht ohnehin nicht zur Debatte. Das Recht, wenigstens ein paar Tage im Monat von zu Hause, unterwegs oder sonst wo zu arbeiten, ist vor allem ein Meilenstein in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie – oder Privatleben.

Klar, unter Corona, bei geschlossenen Kitas und Homeschooling, war das Arbeiten von zu Hause – vor allem für Frauen – nur eine Doppelbelastung. Unter Normalbedingungen, wenn die Kinder tagsüber betreut werden, verschafft es den Eltern enorm Luft: Statt zwei Wegen, den zur Kita und den zum eigenen Arbeitsplatz, legt man nur noch einen zurück, in der eigenen Mittagspause lassen sich lässig das Abendessen vorbereiten und nebenbei mindestens zwei Maschinen Wäsche waschen – alles Dinge, die sonst von der kostbaren Zeit mit den Kindern abgehen, wenn alle erst abgehetzt und erschöpft abends nach Hause kommen. Das mit der kostbaren Zeit gilt natürlich auch für Kinderlose, auch die haben ja abends ein Privatleben.

Gerade in den Ballungsräumen, den Großstädten, sind die Wege lang und nervenaufreibend – und die Mieten steigen überall seit Jahren. Wer nicht noch längere Wege in die Peripherie auf sich nehmen will, zahlt die halt zähneknirschend. Mit einer Normalisierung des mobilen Arbeitens könnten mehr Menschen – so sie es wollen – in günstigere Wohnungen am Stadtrand oder gar ganz aufs Land ziehen.

Für wichtige Meetings, kreative Prozesse oder was sonst noch Anwesenheit erfordert, kann man dann ja immer noch ins Büro. Fairer- oder unfairerweise muss man sagen, dass ohnehin höchstens die Hälfte aller Jobs homeofficetauglich sind. Pfleger, Friseure, Bäcker und alle, die sonst noch vor Ort sein müssen, würden aber immerhin von weniger Berufsverkehr, möglicherweise einem entspannteren Mietmarkt und im Zweifel von einem weniger erschöpften Partner profitieren.

Ariane Lemme

Nein,

im Homeoffice liegen zu viele Nachteile. Es gibt ein deutsches Wort für „Homeoffice“. Es heißt „Telearbeit“. Homeoffice klingt zeitgemäß, nach der Möglichkeit, auf Mallorca oder auf den Kanaren am Strand zu joggen, bevor man ein paar Daten aus dem Airbnb-Apartement mit Meerblick schickt – also nach dem neoliberalen Traum der digitalen Mittelschicht. „Telearbeit“ ist dagegen technischer, bürokratischer, mit leichtem Siebziger-Touch. Noch deutscher klingt „Fernarbeit“. Dabei ist die Arbeit gar nicht fern, sondern so nahe, dass die Grenze zwischen Beruf und Privatem, zwischen Arbeit und Nichtarbeit noch weiter verschwimmt.

Die Fernarbeit ist gleichzeitig ein Privileg. Höchstens 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung könnte auf Fernarbeit umstellen, denn der Müll kann nicht digital abgeholt und alte Menschen können nicht digital gepflegt werden. Sie werden sich weiterhin dem Sozialen aussetzen müssen. Erinnern wir uns: Den Schub ins Digitale, den Verweis ins Homeoffice haben wir der Pandemie zu verdanken. In der Pandemie ist das Soziale eine Gefahr. Angedacht ist das neue „Mobile-Arbeit-Gesetz“ jedoch auch für die Zeit nach Corona, so sie jemals kommen sollte. Eine gute Idee ist die Manifestierung der Fernarbeit indes nicht. Denn sie ist eben das nicht: sozial.

Homeoffice kann Eltern, besonders alleinerziehende, entlasten, kann Büromieten senken, und als Kollateralnutzen der Umwelt dienen, wird aber auch zu einer weiteren Kontrolle des Privaten führen, zu einer weiteren Ausdehnung von Arbeit (wer zu Hause arbeitet, meldet sich beispielsweise auch weniger krank), zur weiteren Privatisierung der Unkosten, zu einer verstärkten Isolierung, zu noch mehr Vereinzelung. Ausschluss von innerbetrieblichen Prozessen und Entscheidungen wäre ebenfalls zu nennen. Nicht alles lässt sich digital via Zoom lösen.

Und ja, noch ist Corona, und Corona verstärkt die Prozesse, die eh schon laufen. Nach #staythefuckathome sollte gerade deswegen dereinst #returntooffice stehen.

René Hamann

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben