Homeoffice in der Coronapandemie: Arbeitgeber fürchten Folgen

In der Coronapandemie ist es beliebt und vernünftig, zu Hause zu arbeiten. Doch schon jetzt wird darum gerungen, wie es danach weitergeht.

Eine frau sitzt im Dunkeln und schaut auf ihr Handy. Angeleuchtet wird sie nur vom blauen Licht des Computer-Bildschirms vor ihr auf dem Arbeitstisch

Es soll Beschäftigte geben, die vorrechnen, ihre private Wasserrechnung steige durch das Homeoffice Foto: Sebastian Art/laif

BERLIN taz | Moritz Karwinski ist skeptisch. „Wenn sich die Mitarbeiter erst mal daran gewöhnen, dass der Freitag ein gemütlicher Tag im Homeoffice ist, dann ist das für den Betrieb nicht gut“, sagt der 60-jährige Bauunternehmer, „da kann dann auch was einreißen, das man schwer wieder zurückdrehen kann.“

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Karwinski ist ein mittelständischer Unternehmer mit Sitz in Berlin. Sein Büro in der Hauptstadt beschäftigt 25 Leute. Er gilt als sozialer Firmenchef, stellt auch gerne ältere MitarbeiterInnen ein, auch solche nach längerer Arbeitslosigkeit. Aber einen Anspruch der MitarbeiterInnen auf Homeoffice, wie es Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) per Gesetz festschreiben will, lehnt Karwinski ab. „Der Arbeit­geber muss am Ende die volle Entscheidungsfreiheit behalten“, sagt er.

In seiner Firma sind die Erfahrungen mit Homeoffice, in dem ein Viertel des Büropersonals arbeitet, durchwachsen: „Wir merken, dass es für Unfrieden innerhalb der Belegschaft sorgt, wenn manche der ständig anwesenden Mitarbeiter den Verdacht hegen, ein Kollege oder eine Kollegin machte es sich im Homeoffice zu bequem“, sagt der Firmenchef. Weil das Thema so heikel ist, will Karwinski seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

Wie es weitergeht mit dem Home­office auch nach der Coronakrise, das beschäftigt derzeit Tausende von Unternehmen in Deutschland. Denn in der mobilen Arbeit lauern Konflikte, die nur jetzt, zu Coronazeiten, noch nicht überall offen ausgesprochen werden.

Ein Minenfeld

„Wir sind immer noch im Krisenmodus“, betont Wolfram Trost, Sprecher bei Siemens in München. Zurzeit befänden sich etwa 130.000 der weltweit 385.000 MitarbeiterInnen im Homeoffice. „Der Plan ist, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach der Pandemie die Möglichkeit zu geben, zwei bis drei Tage in der Woche mobil zu arbeiten. Dabei muss man jeweils die gesetzlichen Bestimmungen in den Ländern beachten und die Details müssen mit den Arbeitnehmervertretern geklärt werden“, so Trost.

Doch der Weg zu einer neuen Betriebsvereinbarung ist schwer. Denn viele Punkte sind zu klären: Wer sorgt für die ergonomische Ausstattung der MitarbeiterInnen zu Hause, wer bestimmt, wann wer ins Homeoffice darf, was ist mit dem Datenschutz? Das preiswerte Kantinenessen fällt zudem weg, und es soll Beschäftigte geben, die sogar vorrechnen, dass ihre private Wasserrechnung steige, weil sie dank Homeoffice nur noch zu Hause auf die Toilette gehen. Es ist ein Minenfeld.

Hagen Reimer ist bei der IG Metall in München für Siemens zuständig. „Homeoffice berührt zentrale Punkte der Mitbestimmung, da befindet sich Siemens noch im Verhandlungsstadium für eine Betriebsvereinbarung nach Corona“, sagt er. „Ein Punkt ist die Frage, welche Kapazitäten man vorhält und wie man die Lage der Arbeitstage im Betrieb koordiniert.“

Er schildert: „Wenn beispielsweise viele Arbeitnehmer vor allem am Montag und Freitag im Home­office arbeiten wollen, dann würden sich die Anwesenheiten im Betrieb auf die Tage von Dienstag bis Donnerstag konzentrieren, diese Massierung wäre aber schwierig, man müsste schauen, wie man das regelt“, schildert der Gewerkschafter.

Einsparmöglichkeiten für Unternehmen

MitarbeiterInnen bevorzugen häufig die Tage an den Wochenrändern, um im Homeoffice zu arbeiten. Dies könnte den Verdacht nähren, dass manch einer die Tage in Heimarbeit als eine Art verlängertes Wochenende empfindet. Die Unternehmensleitungen wollen einer solchen Psychologie vorbeugen.

„Die Arbeitsmodelle müssen sich an den Aufgaben orientieren. Das heißt auch, dass nicht zwingend an fixen Wochentagen mobil gearbeitet wird, sondern dann, wenn es den Arbeitserfordernissen am besten gerecht wird“, sagt Siemens-Sprecher Trost.

Für die Unternehmen könnte es sich rechnen, wenn die Belegschaften öfter zu Hause arbeiten und sich im Büro tageweise an den Schreibtischen abwechseln – man braucht weniger Platz. „Es gibt im Unternehmen Begehrlichkeiten, Büroflächen einzusparen“, befürchtet der Gewerkschafter Reimer. „Das darf aber nicht mit Nachteilen für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbunden sein.“

Denn für die Beschäftigten ist keineswegs klar, dass die Arbeit zu Hause immer die bessere Lösung ist. Vielmehr hängt es von den Wohnverhältnissen, der Familiensituation und dem Anfahrtsweg ab, ob man mehr oder weniger von der neuen Heimarbeit profitiert. Homeoffice verstärkt Ungleichheiten. „Mobil arbeiten ist schön, wenn ich ein Eigenheim mit Garten habe“, sagt Timo Günther, Sprecher der IG Metall Bayern.

Eine Art „moralische Verpflichtung“

Wer seinen Computer zu Hause aber auf dem Esstisch stehen hat, weil in der Wohnung sonst kein Platz dafür ist, wer allein in einer kleinen Einzimmerwohnung lebt, der oder die geht vielleicht lieber ins Büro. Wer hingegen nicht nur über eine großzügige Wohnung, sondern vielleicht auch noch über ein kleines Landhaus mit gutem Internet verfügt, für die oder den ist es attraktiv, mobil zu arbeiten und nach dem Wochenende auch noch den Montag im Datscha-Office zu ver­bringen.

Jeglicher Gemütlichkeitsverdacht gegenüber den neuen HeimarbeiterInnen wird durch die Forschung allerdings widerlegt. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus der Zeit vor Corona ergab, dass ArbeitnehmerInnen im Home­office in der Tendenz eine höhere Einsatzbereitschaft zeigten und eher bereit waren zu Überstunden als die KollegInnen im Büro, auch weil sie eine Art „moralische Verpflichtung“ verspürten, angesichts des Privilegs der mobilen Arbeit besondere Leistung zu bringen.

Die Studienautorin Yvonne Lott forderte daher „allgemeingültige Kriterien“ zu schaffen, nach denen die Arbeit der Belegschaften sowohl im Betrieb als auch zu Hause einheitlich beurteilt werden könne, um Selbstausbeutung zu vermeiden.

Doch einheitliche Kriterien sind in manchen Betrieben schwer zu entwickeln, weil die Arbeit so vielfältig ist. „Kundenakquise, Kundenbetreuung, Bauvorhaben sind sehr unterschiedlich, sehr komplex, Projekte kann man kaum miteinander vergleichen“, sagt Unternehmer Karwinski aus Berlin. Er möchte auf keinen Fall, dass MitarbeiterInnen denken könnten, er verdächtige sie, im Homeoffice nicht engagiert genug zu arbeiten. „Dann ist das Vertrauensverhältnis im Eimer, das hilft niemandem“, sagt der Firmenchef.

In einer Studie der Krankenkasse DAK erklärte mehr als die Hälfte der Beschäftigten, zu Hause produktiver zu sein, vor allem weil der Zeitaufwand für den Weg zur Arbeit wegfalle. Eine Befragung im Auftrag des Software-Dienstleisters Eset wiederum ergab, dass nur 10 Prozent der befragten Unternehmensleitungen die Arbeit der Belegschaft im Homeoffice als produktiver empfanden.

Die Wohnsituation, der Anfahrtsweg, das Beziehungsnetz, die Art der Arbeitsaufgaben und nicht zuletzt die eigene Persönlichkeitsstruktur entscheiden mit, ob das Homeoffice zum Segen wird oder zum Fluch. Und eine Spaltung vertieft sich: „Es gibt einen Gerechtigkeitsfaktor im Betrieb“, sagt Siemens-Koordinator Reimer von der IG Metall. „Die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Produktion, die gar kein Homeoffice machen können, die fühlen sich benachteiligt. Da muss man versuchen, einen fairen Ausgleich zu finden.“

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