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Polizei gegen Werder-FansIn Wolfsburg entstehen Argumente für Repression

Kommentar von

Giosue Tolu

Nach einem Bundesligaspiel in Wolfsburg liefern sich Polizei und Fans einen Deutungskampf. Die Zahlen daraus könnten politisch nützlich sein.

Am Ende weist die Statistik drei verletzte Po­li­zis­t:in­nen aus – egal, was in Wolfsburg wirklich passiert ist Foto: Andreas Gora/dpa

F ußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach. Und am Ende eines Bundesligaspieltags streiten sich Polizei und Fans darüber, wer wen warum verprügelt hat.

So auch am vergangenen Wochenende beim Spiel des VfL Wolfsburg gegen den SV Werder Bremen. Dabei kam es am Stadion zu Auseinandersetzungen zwischen der niedersächsischen Landespolizei und Ordnern auf der einen und Gästefans aus Bremen auf der anderen Seite.

Laut der Polizei haben Werder-Fans Ordner am Stadioneingang „massiv“ angegriffen. Deshalb hätten Polizisten einschreiten müssen. Die Bremer Fanhilfe wiederum stellt die Geschehnisse in einer Stellungnahme anders dar: Sie spricht unter anderem von „massiver Polizeigewalt“ und auch von „gezielten Schlägen auf den Kopfbereich“.

Am Ende aber behält die Polizei die Deutungshoheit. Denn was bei aller Uneindeutigkeit bleibt, ist die statistische Bilanz der Polizei: drei verletzte Ordner, drei leicht verletzte Polizisten, zehn Festnahmen. Und genau das ist das Problem.

Fußballfans unter Generalverdacht

Denn die Zahlen entscheiden letztlich darüber, ob der Fußball wieder einmal zum Versuchsfeld für repressive Politik wird. Die In­nen­mi­nis­te­r:in­nen um Hamburgs Andy Grote und Niedersachsens Daniela Behrens (beide SPD) planten im vergangenen Jahr repressive Maßnahmen: personalisierte Tickets, KI-basierte Gesichtserkennung am Stadioneingang und eine zentrale Stadionverbotskommission. Diese Forderungen entspringen einer Haltung, die Fußballfans unter Generalverdacht stellt.

Die Empörung der aktiven Fanszenen war entsprechend groß. Sie boykottierten in Stadien die Stimmung und gingen zu Tausenden auf die Straße.

Mit Erfolg: Die Innenministerkonferenz im Dezember nahm Abstand von den Maßnahmen, weil selbst die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei Nordrhein-Westfalen sie schlicht nicht rechtfertigten. In der vergangenen Spielzeit gab es demnach 17 Prozent weniger Verletzte als noch im Vorjahr. Die Zahl der verletzten Po­li­zis­t:in­nen hat sich sogar beinahe halbiert. Das alles bei gestiegenen Zuschauerzahlen. Darin ist nicht einmal eingepreist, dass die Methodik der ZIS mit „intransparent“ noch vorsichtig beschrieben ist.

Geht es noch um eine nüchterne Bewertung der Lage in den Stadien? Oder längst darum, eine sicherheitspolitische Linie durchzusetzen, für die die Realität erst passend gemacht werden muss?

Aus den repressiven Fantasien der In­nen­mi­nis­te­r:in­nen wurde also zunächst nichts. Stattdessen wolle man den Dialog mit den Fans suchen, hieß es.

Dieser Dialog ist bislang ausgeblieben. Stattdessen drohten die Innenminister von NRW und Sachsen in der vergangenen Woche den Klubs sogar an, dass sie künftig möglicherweise die Kosten der Polizeieinsätze tragen müssten.

Seit der Innenministerkonferenz häufen sich zudem Fälle, in denen die Polizei eskalativ gegen Fußballfans vorgeht. Der Vorfall in Wolfsburg vom vergangenen Samstag ist nur einer von vielen. Am Berliner Olympiastadion kam es im Januar zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans von Hertha BSC. Die Behörde bilanzierte 21 verletzte Polizist:innen. Wenig später stellte sich heraus, dass sie sich auch am eigenen Pfefferspray verletzt hatten. Schwer vorstellbar, dass die Statistik der ZIS das differenzieren wird.

Spätestens mit Blick auf die nächste Innenministerkonferenz im Juni stellt sich deshalb eine grundsätzliche Frage: Geht es noch um eine nüchterne Bewertung der Lage in den Stadien? Oder längst darum, eine sicherheitspolitische Linie durchzusetzen, für die die Realität erst passend gemacht werden muss?

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