Niedersachsens neuer Slogan : Immerhin nicht das Land der Frühaufsteher
Niedersachsen wirbt für sich jetzt mit dem Spruch „Niedersachsen. Das ist groß“. Das ist ganz großes Kino.
Foto: Elisa Schu/dpa
E s kommt doch auf die Größe nicht an, betont eine Bremer taz-Kollegin. Size doesn’t matter! Jaja, das sagt sich so leicht im kleinen Stadtstaat. Da lässt sich mit der eigenen Winzigkeit kokettieren, da gibt es doch eine offenbar alle irgendwie zufriedenstellende Identität als Hansestadt, als armes Bundesland, als linke Hochburg. Und drumherum? Da ist, joa: Niedersachsen.
Als in Niedersachsen Geborener herrscht also doch das kleine bisschen Ratlosigkeit, wenn es heißt, es komme auf die Größe nicht an. Auf was denn sonst? Denn zugegebenermaßen ist da schlicht kein anderes gemeinsames Wesensmerkmal, kein verbindendes Selbstbild der Menschen aus diesem Bundesland. Ästhetisch betrachtet taugt die verbindende Liebe zum Grünkohl leider wirklich nicht. Darum ist das schon ganz richtig von der rot-grünen Landesregierung, dass sie eine neue Standortkampagne des Landes initiiert hat, sich vom lahmen „Niedersachsen. Klar.“ verabschiedet – und mit dem neuen Slogan „Niedersachsen. Das ist groß.“ wirbt.
Groß ist das Land auf jeden Fall in der Künstlichkeit seiner Zusammensetzung. Als es 1946 gegründet wurde, kamen Leute zusammen, die nicht allzu viel miteinander zu tun hatten: Die Küstenbewohner:innen wenig mit den Bergleuten im Harz, das katholische Oldenburger Münsterland wenig – mit allen anderen.
Gleich vier frühere Staaten hatten die alliierten Briten hier fusioniert: das übergroße Land Hannover mit den Freistaaten Braunschweig und Oldenburg sowie Schaumburg-Lippe. Doch selbst nach mittlerweile 80 Jahren kommt kaum jemand aus Niedersachsen auf die Idee, sich irgendwo in Deutschland als Niedersachse vorzustellen. Viel eher pflegen Ostfries:innen ihre regionalen Klischees und träumen Schaumburg-Lipper:innen insgeheim noch immer von der Wiedererrichtung ihres einstigen Mini-Fürstentums – das historisch gewachsene Zugehörigkeitsgefühl bleibt in diesem Bundesland beständig auf die Regionen bezogen.
Überschätzte Ziele
Auch wenn „Das ist groß“ nun zum einen als Werbung für den Wirtschaftsstandort dienen, Investoren und Fachkräfte anlocken soll und zum anderen „Mut und Selbstvertrauen“ der Bevölkerung fördern will – der Slogan lässt sich von da Geborenen oder da Lebenden auch fernab dieser maßlos überschätzten Ziele nutzen: Was ist denn groß an Niedersachsen?
Das zu diskutieren, läuft schließlich nicht automatisch auf Größenwahn hinaus: Es ist weder das flächengrößte Bundesland (Nummer 2 hinter Bayern) noch das bevölkerungsreichste (immerhin Platz 4!). Auch in Pisa-Studien, Glücksatlanten und den meisten anderen mehr oder minder bedeutenden Rankings landet es fern von Gut und Böse.
Wirklich groß ist Niedersachsen aber, was die Ausbeutung in der Fleischindustrie angeht. Oder den Unwillen zur Veränderung – hallo Wolfsburg, hallo VW! Oder die Hybris „seines“ Altkanzlers Schröder. Oder die völkische Blutrünstigkeit seiner Hymne: „Wo fiel’n die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut.“
Einige Bundesländer mögen die cooleren Slogans haben: „Der echte Norden“ (Schleswig-Holstein) oder „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ (Wie konnte Baden-Württemberg das nur durch „The Länd“ ersetzen?) Und andere die peinlicheren – „Rheinland-Pfalz.Gold“ (Hä?) oder „#moderndenken“ (dabei hatte Sachsen-Anhalt doch mal das zeitlos geniale „Land der Frühaufsteher“). Niedersachsen dagegen entzieht sich dieser Logik und ruft seine Bevölkerung zur kritischen Selbstreflexion auf. Das ist wirklich groß – und darauf kommt es doch an!
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