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Neues Album von Swamp DoggMit Nietzsche auf den Hund kommen

„Swamp Dogg Contemplates The Afterlife“ heißt das süffige Album von Südstaaten-Funkateer Swamp Dogg, für das er sich Gedanken zur Sterblichkeit macht.

Dass man sich im fortgeschrittenen Alter von 84 Jahren Gedanken über das Sterben, die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tode, die positiven wie negativen Höhepunkte des zurückliegenden Lebens oder auch die Versorgung der Liebsten macht, ist nicht gerade verwunderlich und hat wahrscheinlich selten einen besonders hohen Unterhaltungswert.

Anders bei dem US-amerikanischen Soulsänger und Songschreiber Jerry Williams, Jr., alias Swamp Dogg, der sich jetzt über ein komplettes Album intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Williams ist ein Künstler, der vieles anders macht als in seinem Genre üblich, eigentlich ist er fast mehr ein Konzeptkünstler als ein populärer Musiker. Aber fangen wir von vorne an.

Williams war ein Frühstarter und veröffentlichte seine Debütsingle schon als Zwölfjähriger 1954, begleitet von Familienmitgliedern. Daraus wurde eine Karriere, die jedoch nie so recht abhob. Er hatte immer wieder kleinere Erfolge als Performer und/oder Komponist, aber knackte nie die maßgebliche „Billboard“-Top-100-Popchart.

Im Schatten von Daffy Duck

1970 hatte er genug. Inspiriert von Frank Zappa und LSD erfand er sich neu: „Ich konnte nicht so gut tanzen wie Joe Tex, war nicht so hübsch wie Tommy Hunt, reichte gesanglich nicht heran an Jackie Wilson und hatte nicht den Sex Appeal von Daffy Duck“, erzählt er auf seiner Website. „Ich wollte über alles und jeden singen und nicht von der Musikindustrie in eine Schublade gesteckt werden. Also gab ich mir den Namen ‚Dogg‘, denn ein Hund darf alles.

Swamp Dogg

Swamp Dogg: „Swamp Dogg Contemplates The Afterlife“ (S-Curve Records/BMG)

Wenn er auf deinen Teppich scheißt, an die Gardinen pisst, an deinen Slippers rumkaut, die Beine deiner Schwiegermutter fickt und dein Gesicht ableckt, fällt er nicht aus seiner Rolle. Du schimpfst vielleicht, aber du liebst ihn nicht weniger. Aufzunehmen im Studio in Muscle Shoals, Alabama, und zu singen über die Dinge, die mich wirklich interessieren, gebar den Namen Swamp Dogg.“

Swamp Dogg debütierte 1970 mit dem Album „Total Destruction To The Mind“, einer Mischung aus Sly Stone, Otis Redding und milder Psychedelik mit Texten über „Sex, Rednecks, Politik, Revolution, tote Fliegen, Krieg und Bluttransfusionen, um nur einige wenige Themen zu nennen.“

In die Charts brachte ihn diese neue Ausrichtung zwar auch nicht, aber so langsam entstand eine eingeschworene Fangemeinde und hin und wieder konnte er ein Album auf respektablen Majorlabels wie Elektra oder Island platzieren. Dabei machte er jedoch keinerlei Kompromisse, blieb neugierig und experimentierfreudig und umgab sich mit immer jünger werdenden Kollaborateuren.

2018 feierte er mit dem Album „Love, Loss And Auto-Tune“ eine Art Comeback, auf dem er sich in spielerisch-anarchischer Weise mit dem sich immer weiter ausbreitenden Gesangseffekt Auto-Tune auseinandersetzte und bei dem er sich unter anderem von Bon Ivers Justin Vernon helfen ließ. Vernon war auch auf dem Folgealbum „Sorry You Couldn’t Make It“ dabei, das Poliças Ryan Olson produzierte und auf dem auch die Singer/Songwriter*innen Jenny Lewis und John Prine Features hatten.

Auf diesem und dem nächsten Album, „Blackgrass: From West Virginia To 125th Street“, widmete er sich seiner Country-Neigung, denn nach eigener Aussage konnte er als Kind in West-Virginia nur Country hören, weil R&B erst gesendet wurde, als er bereits im Bett lag. Weswegen er schon ein früheres Album „The White Man Made Me Do It“ nannte.

Gibt es Leben nach dem Tod?

Für das Cover des neuen Werks „Swamp Dogg Contemplates The Afterlife“ lässt er sich in einer Mönchskutte porträtieren, während Engelchen und Teufelchen ihn umflattern und auf dem Büchertisch neben ihm außer der Bibel das „Tibetanische Totenbuch“, John Miltons „Paradise Lost“, Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, „A World Beyond“, das der Esoterikerin Ruth Montgomery angeblich 1971 von einem Verstorbenen aus dem Jenseits diktiert wurde, und der Leben-nach-dem-Tode Bestseller „The Five People You Meet In Heaven“ von Mitch Albom (2003) liegen.

Zu feinstem Südstaaten-Funk mahnt er, dass sich das Verstecken vor unangenehmen Erinnerungen nicht lohnt – sie finden dich immer wieder

Aber gleich der Auftaktsong, „Searching For Heaven“, macht klar: Es geht ihm nicht um Spiritualität und Esoterik. „If you’re searching for heaven / Go home“, singt er mit zerbrechlichem Falsett. „Somebody at your house / Knows all your faults and pains / Someone who thinks you’re wonderful / Even when you’re borderline insane.“

Nicht für alles hat er so angenehme, einfache Antworten. In „Knock, Knock“ mahnt er zu feinstem Retro-Südstaaten-Funk, dass sich das Verstecken vor unangenehmen Erinnerungen nicht lohnt – sie finden dich immer wieder. Im „Unhappy Song“ analysiert er das Scheitern von Beziehungen, und in „Daddy’s Little Girl“ singt er über eine Dreijährige, deren Vater Opfer einer Schießerei auf der Straße wurde.

Ein Sterbender verteilt seine Körperteile

Dazwischen gönnt er sich jedoch auch eine Version von John Prines „Please Don’t Bury Me“, worin ein Sterbender seine Körperteile großzügig verteilt: die Augen den Blinden, die Ohren den Tauben, die Arme der Venus von Milo und schließlich unübersetzbar: „Send my mouth way down south / And kiss my ass goodbye“.

Gott, Engel, Jesus und die Kirche sucht man auf dem Album vergebens. Es ist eine sehr nüchterne, spöttische, und man möchte fast sagen: lebensbejahende Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben. Wozu der erdverbundene Südstaaten-Funk, den Swamp Dogg hier von einem exzellenten Team um den Joss-Stone-Produzenten Michael Mangini realisieren ließ, ganz exzellent passt.

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