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Nach dem Tod von Jason ArdayRespekt für Jason Arday, Misstrauen gegen die Presse

Tausende Menschen kritisieren bei einer Trauerkundgebung für Jason Arday in London, Rassismus der Medien habe den Akademiker in den Suizid getrieben.

„Jedes menschliche Leben hat einen Sinn. Stellt euch vor, was passieren würde, wenn wir alle vereint wären. Mit dem gerechten Einsatz dafür, alle Menschen als gleich anzusehen, können vielleicht allerlei großartige Dinge möglich werden.“ Mit diesem Zitat Jason Ardays, verlesen auf Wunsch seiner Familie, beendete die britische Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy am Montagabend eine Gedenkveranstaltung auf dem Londoner Trafalgar Square für den umstrittenen 41-jährigen Schwarzen Akademiker, der sich am Freitag vergangener Woche das Leben genommen hatte.

Neun Tage vor seinem Suizid war Arday von seiner Professur an der Universität Cambridge zurückgetreten, nachdem immense Vorwürfe gegen seine Integrität wochenlang in den britischen Medien die Runde gemacht hatten. Arday war neurodivers und autistisch und hatte nach eigener Darstellung erst im Alter von 11 Jahren angefangen zu sprechen und erst mit 18 Lesen und Schreiben gelernt. Das und andere Einzelheiten aus seiner Lebensgeschichte zweifelten Berichte kurz vor seinem Tod an, neben Vorwürfen des Plagiats in seiner Doktorarbeitaus dem Jahr 2015.

An der Universität Cambridge wurde öffentlich darüber gestritten, ob seine Berufung zu einer Spitzenprofessur im Jahr 2023 in Ordnung war. Arday war damals der jüngste Schwarze Professor in der Geschichte der Universität geworden, und diese feierte seine Berufung als Beweis ihrer fortschrittlichen Einstellung – somit wurde Arday zum politischen Angriffspunkt gegen jegliche Inklusivitätsmaßnahmen im Rahmen sogenannter DEI-Programme (Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion), die ohnehin im Kreuzfeuer der britischen Rechten stehen.

Einer von Ardays Hauptkritikern, jedoch nicht der erste oder einzige, war Nathan Cofnas, ein wegen rassistischer Äußerungen aus Cambridge entlassener Akademiker, der nun an der belgischen Gent Universität lehrt. Er behauptet unter anderem, dass Schwarze Menschen aufgrund ihrer „Rasse“ nicht fähig seien, Aka­de­mi­ke­r:in­nen zu werden.

„Rest in Power, Professor Jason Arday!“

Viele der laut Veranstalter 30.000 Menschen, die sich am Montag zum Trafalgar Square bemüht hatten, die meisten davon Schwarze, wollten Anteilnahme und Solidarität aussprechen. Zu dem Gedenken hatte Stand Up to Racism aufgerufen, eine britische antirassistische Organisation mit starker Gewerkschaftsbeteiligung.

Auf einem großen schwarzen Banner neben dem Podium vor der National Gallery stand „Rassismus in den Mainstream-Medien ist für Jason Ardays Tod verantwortlich.“

Mehrere Personen berichteten der taz, dass die Veranstalter darum gebeten hatten, dass niemand mit Journalisten sprechen solle. Als der Rechtsanwalt Kevin Gordon der taz erzählt, dass er direkt aus dem Gericht hierhergekommen sei, unterbricht ihn eine Frau: „Sprich nicht mit den Medien, die verdrehen unsere Worte!“, sagt sie. Gordon widerspricht: „Ich bin Anwalt und finde, wir müssen zu diesem schmerzlichen Ereignis unsere eigene Geschichte erzählen. Tun wir es nicht, stützen wir uns auf weiße Plattformen, um uns zu vertreten.“ Dann sagt er, dass er hier aus Solidarität und in Professor Ardays Namen stehe.

Viele Teilnehmer trugen ein von den Veranstaltern produziertes Plakat mit der Aufschrift „Rest in Power, Professor Jason Arday“. Etwa Helena, eine in Rente gegangene ehemalige Café-Besitzerin. Sie sagt: „Ich kam, um Professor Arday meinen Respekt zu erweisen.“ Schwarze Menschen wie sie könnten das, was geschehen sei, nicht ignorieren.

Petition hat inzwischen 100.000 Unterschriften

Bianca, 25 und weiße Britin, glaubt, dass die Affäre auf eine gespaltene britische Gesellschaft hinweise. „Ich kann beispielsweise meinen Arbeitskolleginnen nicht erzählen, dass ich hier bin. Sie würden dem nicht zustimmen.“ Für sie sei der Fall Arday vor allem eine mediale Vorverurteilung.

Langsame dumpfe Trommelbeats begleiten die Reden auf der Tribüne. Die Labour-Abgeordnete Ribeiro-Addy erhebt erst Vorwürfe gegen die Medien und betont dann, dass dies ein Tag der Andacht sei und dass die Familienangehörigen Ruhe und Frieden wollten. Am besten wäre es einfach, Professor Jason Ardays Namen mit Liebe auszusprechen. Das tun die Anwesenden wiederholt.

Simon Woolley, Schwarzer Bürgerrechtler und Rektor des Homerton College an der Universität Cambridge, spricht von dem Lynchen seines Kollegen. Die Labour-Politikerin Diane Abbott, die 1987 die erste Schwarze weibliche Abgeordnete des Unterhauses wurde und heute dort die amtsälteste Parlamentarierin ist, nennt unter großem Beifall die Kampagne gegen Arday einen „Angriff auf alle“.

Als einziger weißer Redner fordert Jo Maugham, Leiter der Rechtshilfegruppe Good Law Projekt, Standards für britische Medien. Seine Petition, die eine öffentliche Untersuchung der Umstände von Ardays Suizid fordert, hat mittlerweile rund 100.000 Unterschriften erhalten. Umgerechnet 200.000 Euro sind aufgrund eines Spendenaufrufs des Schwarzen Aktivisten Patrick Vernon zur Unterstützung der Familie und für die Bestattungskosten zusammengekommen.

Auch in anderen Städten, darunter Cambridge, fanden am Sonntag und Montag Gedenkveranstaltungen für Arday statt. Der Kanzler der Universität Cambridge, der ehemalige Labour-Politiker Chris Smith, äußerte sich am Montag erstmals mit einem eigenen Statement und sagte, es müssten zwei Prinzipien gleichzeitig aufrechterhalten werden: der Glaube an die Bedeutung der akademischen Integrität und der Überprüfung von Vorwürfen – und zugleich die Ablehnung einer rassistischen Kampagne gegen einen einzelnen Akademiker.

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie Suizidgedanken haben oder sich stark belastet fühlen, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist rund um die Uhr, anonym und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 sowie unter 116 123. Beratung gibt es auch per Chat und E‑Mail unter www.telefonseelsorge.de.

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4 Kommentare

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  • economista

    Das große öffentliche Interesse macht es für die Angehörigen hoffentlich nicht noch schwieriger, den Suizid zu verarbeiten.

  • DoppeltD

    Schön zu sehen, dass es in England anscheinend noch Menschen gibt, die erkennen wenn sie eine Hetzkampagne sehen, dass es eine Hetzkampagne ist und das bereit sind das zu artikulieren, egal was die Basis der Kampagne ist.



    Wahrscheinlich wird dieser Fall auch nie wirklich aufgeklärt, da der Schuldspruch von Anfang an klar war und jeder Wiederspruch die Schuld wohl noch größer gemacht hat, ohne das es dafür Belege braucht. Es ist wohl immer so, dass nach der Wahrheit als nächstes Menschen sterben. Möge er seinen Frieden finden ...

  • Eichhörnchen99

    Ein wirklich wertvolles Vermächtnis Ardays wäre eine selbstreflexive Haltung der vehementen Verfechter:innen der sogenannten „Affirmative Action”. Das Herausheben einzelner Personen zur Erfüllung einer Quote ebenso wie das Senken der Barrieren zugunsten niedrigschwelligerer Einstiege – beispielsweise in den akademischen Betrieb – schafft auch Schlupflöcher für Personen, die der Aufgabe gar nicht gewachsen sind. War Arday rassistischen Anfeindungen ausgesetzt? Sicherlich ja. Aber hätte er überhaupt in dieser Position sein dürfen, die ihn solchen Angriffen auslieferte? Nein, Arday hätte kein Professor sein müssen und dürfen. Dass er darüber hinaus selbst das Rampenlicht suchte und die Presse mit Lügen fütterte, bis er eben dieser überführt wurde, ist seine Verantwortung. Diejenigen, die ihn noch jetzt „Professor” nennen, bestätigen traurigerweise das Vorurteil einer postfaktischen, „woken” Bewegung. Betroffenheit macht selten kritisch. Aus Ardays Geschichte lässt sich viel lernen. Leider sind die meisten, sowohl seine Anfeinder als auch seine Apologeten, viel zu ignorant.

  • C. Avestruz

    Es ist verständlich, wenn Menschen versuchen für Trauer und Schmerz einen Verantwortlichen zu finden. Aber Suizid bleibt eine persönliche Entscheidung, die persönlichste, die es gibt.